Lucas van Valckenborg
Ansicht der Stadt Antwerpen im Winter
(Austerlitz S. 19f)

Und so wie er an jenem ersten Abend geen-
det hatte, so fuhr Austerlitz am nächsten Tag, für
den wir uns auf der Wandelterrasse, an der Scheide
verabredet hatten, in seinen Betrachtungen fort. Er
deutete auf das breite, in der Morgensonne blinkende
Wasser hinaus und sprach davon, daß auf einem um
die Mitte des 16. Jahrhunderts, während der soge-
nannten nannten kleinen Eiszeit, von Lucas van Valckenborch
gemalten Bild die zugefrorene Scheide vom jenseiti-
gen Ufer aus zu sehen sei und hinter ihr, sehr dunkel,
die Stadt Antwerpen und ein Streifen des flachen,
gegen die Meeresküste hinausgehenden Lands. Aus




dem düsteren Himmel über dem Turm der Kathe-
drale
Zu Unserer Lieben Frau geht gerade ein Schnee-
schauer nieder, und dort draußen auf dem Strom, auf
den wir jetzt dreihundert Jahre später hinausblicken,
sagte Austerlitz, vergnügen sich die Antwerpener auf
dem Eis, gemeines Volk in erdfarbenen Kitteln und
vornehmere Personen mit schwarzen Umhängen
und weißen Spitzenkrausen um den Hals. Im Vorder-
grund, gegen den rechten Bildrand zu, ist eine Dame




zu Fall gekommen. Sie trägt ein kanariengelbes
Kleid; der Kavalier, der sich besorgt über sie beugt,
eine rote, in dem fahlen Licht sehr auffällige Hose.
Wenn ich nun dort hinausschaue und an dieses
Gemälde und seine winzigen Figuren denke, dann
kommt es mir vor, als sei der von Lucas van Valcken-
borch dargestellte Augenblick niemals vergangen, als
sei die kanariengelbe Dame gerade jetzt erst gestürzt
oder in Ohnmacht gesunken, die schwarze Samt-
haube eben erst seitwärts von ihrem Kopf weg-
gerollt, als geschähe das kleine, von den meisten Be-
trachtern gewiß übersehene Unglück immer wieder
von neuem, als höre es nie mehr auf und als sei es
durch nichts und von niemandem mehr gutzumachen.
Austerlitz sprach an diesem Tag, nachdem wir unse-
ren Aussichtsposten auf der Wandelterrasse verlassen
hatten, um durch die Innenstadt zu spazieren, lange
noch von den Schmerzensspuren, die sich, wie er zu
wissen behauptete, in unzähligen feinen Linien durch
die Geschichte ziehen...







Ansicht der Stadt Antwerpen im Winter
1589-90
Öl auf Holz 42,2 x 63 cm
Frankfurt am Main
Städelsches Kunstinstitut

1566 verließ der Protestant Valckenborch gemeinsam mit seinenm Brüdern
Marten, Hans Vredeman de Vries und Hendrik Steenwijk dem Älteren aus
Glaubensgründen die Heimatstadt Löwen. Er ging zunächst nach Aachen,
dann nach Lüttich, dann nach Antwerpen, und über Linz nach Frankfurt am Main,
wo sein Bruder lebte, und erhielt dort das Bürgerrecht. Er ist 1597 gestorben.







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