Wer übersetzt werden kann,
verdient nicht, übersetzt zu werden
Jean Paul



Übersetzer.Gefühle

von Carmen Gómez García


Eines der grundlegenden Probleme, vor denen jeder literarische Übersetzer steht, ist die Übernahme des Stils eines Autors. Die erste Frage, die sich daher dem Übersetzer Sebalds stellt, ist die nach dem Wesen seines Stils, worin seine Magie besteht, damit jeder aufmerksame Leser im Stande sei, ihn sofort wiederzuerkennen und sich, ohne analytische Absicht, bis in die hintersten Winkel des Textes führen lässt - umso mehr ein Übersetzer, der beste Leser eines Autors, nach Friedrich Schlegel der ideale Leser.
Sebalds Stil ist vor allem musikalisch, hypnotisch und umstrickend, er lässt den Leser nicht innehalten, bevor er nicht zu dem Punkt gelangt ist, an dem Sebald beschlossen hat, eine Pause einzulegen. Manchmal führt seine Schreibweise bis zur Erschöpfung des Lesers, ohne dass dieser Widerstand entgegensetzen könnte. Es handelt sich um einen Stil, der durch eine verschachtelte Syntax entsteht, die enorme Satzperioden umfasst und geschickt Parataxe und Hypotaxe kombiniert, der sich durch komplexe Strukturen auszeichnet, die einen erfahrenen Leser voraussetzen und zugleich ein reiches, erlesenes, mitunter außer Gebrauch geratenes Vokabular verwenden. Sebalds Werke stellen den Übersetzer vor zahlreiche Schwierigkeiten, die sich zu grundsätzlichen Translationsproblemen gesellen: die Wiedergabe der reichhaltigen terminologischen Bandbreite, die das Deutsche für den Begriff „Geräusch" bereit hält, für die es keine spanischen Pendants gibt

ein leises Reden, Rascheln, Schlurfen, Beten und Klagen erfüllte den Raum Schwindel. Gefühle S. 56

das Ungleichgewicht zwischen Zeit, Stimme, Aspekt sowie dem deutschen Verbmodus und seinen Entsprechungen im Spanischen; das breite Repertoire von deutschen Adverbien und Modalpartikeln und ihre schwierige Umsetzung in eine andere Sprache; die Freiheit der Komposition und der Ableitungen zur Schaffung neuer Ausdrücke, deren sich der Autor bedient. Sebalds Sprachbeherrschung zeigt sich jedoch am besten in der Syntax, im Tempo und im Sprachton, in den Elementen, die all seine Satzperioden zum perfekten Beispiel einer „syntaktische[n] Goldschmiedearbeit" machen, „bei der alle Teile mit den anderen zusammen passen, die man jedoch auch für sich alleine bewundern kann, als würde alles bei jedem einzelnen von ihnen beginnen und enden" (Rodrigo Fresán)
Beispiele für Sebalds komplexe Syntax gibt es zuhauf; in ihnen tritt eine Vielzahl von Partizipalstrukturen zu Tage, die im Spanischen nicht existieren und zumeist als Relativsätze übersetzt werden müssen, aber auch eine vollendete Form der dem Deutschen eigenen Rahmenstruktur, die bis an die Grenzen des Möglichen geht. Die weit gespannte Trennung zwischen Satzelementen, deren gegenseitige Abhängigkeit ihre syntaktische Nähe verlangen würde, bewirkt, dass man im Spanischen die Reihung der Syntagmen neu ordnen, den beinahe schon vergessenen Bezugspunkt wiederholen oder das Zusammenfließen der wichtigsten über- und untergeordneten Zusammenhänge oft mühsam dosieren muss. Eine Charakteristik Sebalds ist die Trennung des Subjekts vom Hauptverb aufgrund einer Überfülle an Nominalergänzungen wie Appositionen und Relativsätzen, von denen ihrerseits wieder andere Sätze abhängen

Meiner dringenden Bitte, auch den Taubenschwarm, der, sowie das Bild gemacht war, von der Piazza her in die Via Roma hereingeflogen kam und sich teils auf dem Balkongitter, teils auf dem Dach des Hauses niederließ, für mich aufzunehmen, war der junge Erlanger, ein Hochzeitsreisender, wie ich mir inzwischen dachte, allerdings nicht mehr bereit zu entsprechen, wahrscheinlich, so meine Vermutung, weil seine frischgebackene Braut, die mich die ganze Zeit mißtrauisch, wenn nicht gar feindselig gemustert hatte und die ihm nicht einen Augenblick, selbst beim Photographieren nicht, von der Seite gewichen war, ihn durch ihr ungeduldiges Ärmelzupfen daran verhinderte. Schwindel. Gefühle, S. 149.

aber auch die Trennung von Verben und Ergänzungen, Substantiven und Attributen. Zudem kommt, dass Sebald häufig den Verlauf einer Erzählung unterbricht, um eine Beschreibung einzuschieben, und ihn dann weiter unten wieder aufnimmt.

Am folgenden Morgen, in der Küche brannte noch das Licht, erzählte der Großvater, der gerade vom Wegmachen hereingekommen war, aus dem Jungholz sei die Nachricht gebracht worden, daß man den Jäger Schlag eine gute Stunde außerhalb seines Reviers, auf der Tiroler Seite, auf dem Grund eines Tobels liegen gefunden habe. Offensichtlich sei er, sagte der Großvater, indem er, wie es seine tägliche Gewohnheit war, den für ihn auf dem Herdschiffchen eigens warm gehaltenen, von ihm aber verabscheuten Milchkaffee nach und nach, wenn die Mutter gerade nicht hersah, in den Ausguß schüttete, offensichtlich sei er beim Überqueren des Tobels von der sogar im Sommer gefahrvollen, im Winter so gut wie ungangbaren Riese zu Tode gestürzt. Schwindel. Gefühle, S. 279.

Zwei Bilder, zwei Erzählrahmen, zwei Verbmodi miteinander zu verflechten, erfordert vom Übersetzer größte Sorgfalt, da das Spanische die Rahmenstruktur des Deutschen nicht kennt und eine lineare Reihenfolge bevorzugt, bei der das Subjekt vom Verb gefolgt wird und dieses von den notwendigen Ergänzungen, weshalb man vermeiden sollte, es aus seiner „natürlichen" Position zu bringen. Der Übersetzer muss ebenso sehr sorgfältig mit der Satzzeichengebung verfahren, vor allem mit den Kommata, da andernfalls schwerwiegende Verständnisprobleme auftreten könnten; der Gebrauch der Kommata ist in Spanien nur in wenigen Fällen geregelt und dem Ermessen des Schreibenden überlassen. Somit trägt die Satzzeichengebung in bestimmender Weise nicht nur zum Verständnis des Textes, sondern zu seiner Qualität bei.
Komplexe Satzperioden sind an den Kapitelanfängen sehr häufig; eben diese Kapitelanfänge sind zugleich übervoll an Details, die dazu dienen sollen, den räumlich-zeitlichen Rahmen abzustecken. Bezeichnend dafür ist etwa der Beginn von Il ritorno in patria:

Im November 1987, nachdem ich die ausgehen-
den Sommermonate mit meinen verschiedenen
Arbeiten beschäftigt in Verona die Oktober-
wochen aber, weil ich den Winter nicht mehr
erwarten konnte, in einem weit oberhalb von
Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen
Hotel verbracht hatte, faßte ich eines Nachmitt-
tags, als der Großvenediger auf eine besonders
geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schnee-
wolke auftauchte, den Entschluß, nach England
zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine ge-
wisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner
Kindheit nicht mehr gewesen war.

Schwindel. Gefühle. S. 195

Hauptverb und Subjekt tauchen erst in der siebten Zeile eines Satzes auf, der dreizehn Zeilen lang ist; ein anderes Beispiel ist die zwanzig Zeilen lange Satzperiode am Beginn des zehnten und letzten Kapitels der Ringe des Saturn dessen Hauptverb nicht vor der zehnten Zeile zu finden ist.

In einem von Thomas Browne nachgelassenen Konvo-
lut vermischter Schriften über den Nutz- und Zier-
gartenbau, über das Urnenfeld bei Brampton, das
Anlegen künstlicher Hügel und Berge, die von den
Propheten und heiligen Evangelisten erwähnten
Pflanzen, die Insel Island, die altsächsische Sprache, die
Antworten des Delphischen Orakels, die von unserem
Erlöser gegessenen Fische, die Gewohnheiten der In-
sekten, die Falknerei, einen Fall von Altersfreßsucht
und noch manch anderes mehr befindet sich auch ein


betitelter Katalog merkwürdiger Bücher, Bildnisse,
Antiquitäten und sonstiger absonderlicher Dinge, von
denen dies oder jenes tatsächlich Teil einer von
Browne selber zusammengetragenen Raritätensamm-
lung gewesen sein mag, das allermeiste aber offenbar
zum Bestand eines rein imaginären, einzig im Inneren
seines Kopfes existierenden und nur über die Buchsta-
ben auf dem Papier zugänglichen Schatzhauses ge-
hörte.
Die Ringe des Saturn. S. 337-338

Die bereits erwähnte Fülle an Details stellt denn auch ein weiteres Charakteristikum von Sebalds Schreibweise dar, man denke nur an die peinlich genauen Beschreibungen des Grabes des heiligen Sebald (ebenda S. 111), des Modells von Jerusalem von Alec Garrard (ebenda S. 300 ff.) oder die bis ins Inventar präzise Schilderung von Somerleyton (ebenda S. 43 ff). Das Problem von Sebalds bekannter Genauigkeit besteht darin, dass sie sich auf alle Wissensbereiche bezieht, weshalb der Übersetzer terminologische Forschungsarbeit leisten muss, die das Studium von Büchern über Fische, Orchideenarten, Pflanzen, die Seidenproduktion, Venedig, Architektur oder Uniformen aus der Zeit Napoleons umfasst, um nur ein paar Beispiele aus Die Ringe des Saturn und Schwindel. Gefühle (S. 209, Pflanzennamen) zu nennen. Ebenso erfordert seine Übersetzung, diejenigen Autoren (wieder) zu lesen, die in seinen Texten zitiert werden, etwa Conrad (Die Ringe des Saturn), Stendhal oder Kafka (Schwindel. Gefühle). Schwieriger ist es, wenn es sich um versteckte Zitate handelt oder Sebald lose Verse einstreut, die natürlich nicht ins Spanische übersetzt sind. So ist es etwa der Fall bei einigen Zeilen von Albert Ehrenstein,

mit dessen Versen er, Dr. K., beim besten Willen nichts anfangen kann. Ihr aber freut euch des Schiffs, verekelt mit Segeln den See. Ich will zur Tiefe. Stürzen, schmelzen, erblinden zu Eis. Schwindel. Gefühle. S. 164-165.

Dieselbe Genauigkeit zeigt Sebald bei all jenen Details, die psychologische Innenschau seiner Figuren zum Ausdruck bringen, Figuren, die vielfach ein Teil seiner selbst und so in den Text eingesetzt sind, dass der Übersetzer in rascher Folge von der Beschreibung einer von Tiepolo ausgestatteten Kapelle umschwenken muss auf Ausdrücke, die dem Landleben entstammen, um erneut zum italienischen Maler zurückzukehren. (Schwindel. Gefühle. S. 203 ff.)
In vielen dieser Schwenks, dieser Gemütsbewegungen von Autor und Übersetzer, verwendet Sebald den Konjunktiv I, was für den Übersetzer eine zusätzliche Schwierigkeit bedeutet, da das Spanische keine feststehenden Verbformen hat, die die zahlreichen Bedeutungen dieses Verbmodus zum Ausdruck bringen könnten. Zugleich ist Sebald auch ein Meister der Referenz, indem er die Rede einer dritten Person wiedergibt, in die sich unzählige Geschichten hineinspinnen; doch erinnern im Deutschen die Verbformen den Leser stets daran, dass es sich um eine wiedergegebene Erzählung, um ein Zeugnis handelt. Da das Spanische über diese Kennzeichen zur Markierung der Doppeldeutigkeit nicht verfügt, müssen Elemente eingesetzt werden, um dem Leser bewusst zu machen, dass Sebald eine andere Figur als Perspektive, als Nebenerzähler eingeschoben hat. (Beispiele im gesamten Kapitel IV, Il ritorno in patria - Schwindel. Gefühle.)
Schließlich stellen Sebalds Ton, seine Melancholie, seine Ironie, sein Humor wohl die größte Schwierigkeit bei einer Übersetzung dar. Sebald spielt meisterhaft damit, und es ist wahrlich keine leichte Aufgabe zu erreichen, dass die Leser der Originalsprache und der Zielsprache an derselben Stelle lächeln, umso mehr, als der Grad an „Witzigkeit" von der Wahl eines bestimmten Ausdrucks und von den unterschiedlichen Konventionen des „Witzes" in beiden Sprachen abhängt. (Einige Beispiele für den von Sebald meisterhaft dosifizierten Humor: das Frühstück in Lowestoft, in Die Ringe des Saturn S. 58; die Seiten, auf denen der Autor den Versuch beschreibt, im Zug einen Kaffee zu bekommen, in Schwindel.Gefühle S. 80 ff., der "sketch" zwischen einer Gruppe von italienischen Taxifahrern und einem Polizisten...)





Carmen Gómez García ist Professorin an der Universidad Complutense de Madrid. Sie hat wichtige Werke deutscher Autoren wie W. G. Sebald, Elfriede Jelinek, Marcel Beyer, Michael Köhlmeier, Peter Hacks, Erich Hackl, etc ins Spanische übersetzt, arbeitet an einer Stefan-George-Monografie und ist vielfach als Dolmetscherin tätig.
Der vorstehende Text trägt den Original-Titel: "Sebald übersetzen, eine Stilfrage"






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