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Wer übersetzt werden kann, |
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Eines der grundlegenden Probleme, vor denen jeder literarische Übersetzer steht, ist die Übernahme des Stils eines
Autors. Die erste Frage, die sich daher dem Übersetzer Sebalds stellt, ist die nach dem Wesen seines Stils, worin
seine Magie besteht, damit jeder aufmerksame Leser im Stande sei, ihn sofort wiederzuerkennen und sich, ohne
analytische Absicht, bis in die hintersten Winkel des Textes führen lässt - umso mehr ein Übersetzer, der beste
Leser eines Autors, nach Friedrich Schlegel der ideale Leser. |
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ein leises Reden, Rascheln, Schlurfen, Beten und Klagen erfüllte den Raum Schwindel. Gefühle S. 56 |
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das Ungleichgewicht zwischen
Zeit, Stimme, Aspekt sowie dem deutschen Verbmodus und seinen Entsprechungen im Spanischen; das breite
Repertoire von deutschen Adverbien und Modalpartikeln und ihre schwierige Umsetzung in eine andere Sprache;
die Freiheit der Komposition und der Ableitungen zur Schaffung neuer Ausdrücke, deren sich der Autor bedient.
Sebalds Sprachbeherrschung zeigt sich jedoch am besten in der Syntax, im Tempo und im Sprachton, in den
Elementen, die all seine Satzperioden zum perfekten Beispiel einer „syntaktische[n] Goldschmiedearbeit" machen,
„bei der alle Teile mit den anderen zusammen passen, die man jedoch auch für sich alleine bewundern kann, als
würde alles bei jedem einzelnen von ihnen beginnen und enden" (Rodrigo Fresán) |
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Meiner dringenden Bitte, auch den Taubenschwarm, der, sowie das Bild gemacht war, von der Piazza her in die Via Roma hereingeflogen kam und sich teils auf dem Balkongitter, teils auf dem Dach des Hauses niederließ, für mich aufzunehmen, war der junge Erlanger, ein Hochzeitsreisender, wie ich mir inzwischen dachte, allerdings nicht mehr bereit zu entsprechen, wahrscheinlich, so meine Vermutung, weil seine frischgebackene Braut, die mich die ganze Zeit mißtrauisch, wenn nicht gar feindselig gemustert hatte und die ihm nicht einen Augenblick, selbst beim Photographieren nicht, von der Seite gewichen war, ihn durch ihr ungeduldiges Ärmelzupfen daran verhinderte. Schwindel. Gefühle, S. 149. |
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aber auch die Trennung von Verben und Ergänzungen, Substantiven und Attributen. Zudem kommt, dass Sebald häufig den Verlauf einer Erzählung unterbricht, um eine Beschreibung einzuschieben, und ihn dann weiter unten wieder aufnimmt. |
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Am folgenden Morgen, in der Küche brannte noch das Licht, erzählte der Großvater, der gerade vom Wegmachen hereingekommen war, aus dem Jungholz sei die Nachricht gebracht worden, daß man den Jäger Schlag eine gute Stunde außerhalb seines Reviers, auf der Tiroler Seite, auf dem Grund eines Tobels liegen gefunden habe. Offensichtlich sei er, sagte der Großvater, indem er, wie es seine tägliche Gewohnheit war, den für ihn auf dem Herdschiffchen eigens warm gehaltenen, von ihm aber verabscheuten Milchkaffee nach und nach, wenn die Mutter gerade nicht hersah, in den Ausguß schüttete, offensichtlich sei er beim Überqueren des Tobels von der sogar im Sommer gefahrvollen, im Winter so gut wie ungangbaren Riese zu Tode gestürzt. Schwindel. Gefühle, S. 279. |
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Zwei Bilder, zwei Erzählrahmen, zwei Verbmodi miteinander zu verflechten, erfordert vom Übersetzer größte
Sorgfalt, da das Spanische die Rahmenstruktur des Deutschen nicht kennt und eine lineare Reihenfolge bevorzugt,
bei der das Subjekt vom Verb gefolgt wird und dieses von den notwendigen Ergänzungen, weshalb man vermeiden
sollte, es aus seiner „natürlichen" Position zu bringen. Der Übersetzer muss ebenso sehr sorgfältig mit der
Satzzeichengebung verfahren, vor allem mit den Kommata, da andernfalls schwerwiegende Verständnisprobleme
auftreten könnten; der Gebrauch der Kommata ist in Spanien nur in wenigen Fällen geregelt und dem Ermessen des
Schreibenden überlassen. Somit trägt die Satzzeichengebung in bestimmender Weise nicht nur zum Verständnis des
Textes, sondern zu seiner Qualität bei. |
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Im November 1987, nachdem ich die ausgehen- den Sommermonate mit meinen verschiedenen Arbeiten beschäftigt in Verona die Oktober- wochen aber, weil ich den Winter nicht mehr erwarten konnte, in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel verbracht hatte, faßte ich eines Nachmitt- tags, als der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schnee- wolke auftauchte, den Entschluß, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine ge- wisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war. Schwindel. Gefühle. S. 195 |
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Hauptverb und Subjekt tauchen erst in der siebten Zeile eines Satzes auf, der dreizehn Zeilen lang ist; ein anderes Beispiel ist die zwanzig Zeilen lange Satzperiode am Beginn des zehnten und letzten Kapitels der Ringe des Saturn dessen Hauptverb nicht vor der zehnten Zeile zu finden ist. |
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In einem von Thomas Browne nachgelassenen Konvo- lut vermischter Schriften über den Nutz- und Zier- gartenbau, über das Urnenfeld bei Brampton, das Anlegen künstlicher Hügel und Berge, die von den Propheten und heiligen Evangelisten erwähnten Pflanzen, die Insel Island, die altsächsische Sprache, die Antworten des Delphischen Orakels, die von unserem Erlöser gegessenen Fische, die Gewohnheiten der In- sekten, die Falknerei, einen Fall von Altersfreßsucht und noch manch anderes mehr befindet sich auch ein
betitelter Katalog merkwürdiger Bücher, Bildnisse, Antiquitäten und sonstiger absonderlicher Dinge, von denen dies oder jenes tatsächlich Teil einer von Browne selber zusammengetragenen Raritätensamm- lung gewesen sein mag, das allermeiste aber offenbar zum Bestand eines rein imaginären, einzig im Inneren seines Kopfes existierenden und nur über die Buchsta- ben auf dem Papier zugänglichen Schatzhauses ge- hörte. Die Ringe des Saturn. S. 337-338 |
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Die bereits erwähnte Fülle an Details stellt denn auch ein weiteres Charakteristikum von Sebalds Schreibweise dar, man denke nur an die peinlich genauen Beschreibungen des Grabes des heiligen Sebald (ebenda S. 111), des Modells von Jerusalem von Alec Garrard (ebenda S. 300 ff.) oder die bis ins Inventar präzise Schilderung von Somerleyton (ebenda S. 43 ff). Das Problem von Sebalds bekannter Genauigkeit besteht darin, dass sie sich auf alle Wissensbereiche bezieht, weshalb der Übersetzer terminologische Forschungsarbeit leisten muss, die das Studium von Büchern über Fische, Orchideenarten, Pflanzen, die Seidenproduktion, Venedig, Architektur oder Uniformen aus der Zeit Napoleons umfasst, um nur ein paar Beispiele aus Die Ringe des Saturn und Schwindel. Gefühle (S. 209, Pflanzennamen) zu nennen. Ebenso erfordert seine Übersetzung, diejenigen Autoren (wieder) zu lesen, die in seinen Texten zitiert werden, etwa Conrad (Die Ringe des Saturn), Stendhal oder Kafka (Schwindel. Gefühle). Schwieriger ist es, wenn es sich um versteckte Zitate handelt oder Sebald lose Verse einstreut, die natürlich nicht ins Spanische übersetzt sind. So ist es etwa der Fall bei einigen Zeilen von Albert Ehrenstein, |
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mit dessen Versen er, Dr. K., beim besten Willen nichts anfangen kann. Ihr aber freut euch des Schiffs, verekelt mit Segeln den See. Ich will zur Tiefe. Stürzen, schmelzen, erblinden zu Eis. Schwindel. Gefühle. S. 164-165. |
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Dieselbe Genauigkeit zeigt Sebald bei all jenen Details, die psychologische Innenschau seiner Figuren zum
Ausdruck bringen, Figuren, die vielfach ein Teil seiner selbst und so in den Text eingesetzt sind, dass der
Übersetzer in rascher Folge von der Beschreibung einer von Tiepolo ausgestatteten Kapelle umschwenken muss auf
Ausdrücke, die dem Landleben entstammen, um erneut zum italienischen Maler zurückzukehren.
(Schwindel. Gefühle. S. 203 ff.) |
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Carmen Gómez García ist Professorin an der Universidad Complutense de Madrid.
Sie hat wichtige Werke deutscher Autoren wie W. G. Sebald, Elfriede Jelinek, Marcel Beyer, Michael Köhlmeier, Peter Hacks, Erich Hackl, etc ins Spanische übersetzt, arbeitet an einer Stefan-George-Monografie und ist vielfach als
Dolmetscherin tätig. |