William Turner

Turner: From Rheinfels looking over St. Goar to Burg Katz, Germany



(Austerlitz S. 153, 157 ff, 321 ff)
(Auf ungeheuer dünnem Eis S. 222 f.)



RONDAS: Sebalds Austerlitz ist ein sehr impressionistisches Stück Prosa, aber auch detailliert mit der trockenen Ätznadel wiedergegeben. Denn woran erinnert sich Austerlitz nun eigentlich? Hauptsächlich an Details, die in Visionen aufgenommen sind, an Dinge, die auf seiner Netzhaut erscheinen, an Impressionen, denen die Bedeutung gerade durch den Akt des Erzählens verliehen wird. Man denkt hier spontan an den englischen Maler William Turner.

SEBALD: Turner kommt auch öfter vor. Daß die Erinnerung etwas extrem Fragmentarisches hat, ist ja auch klar: Wir erinnern uns an bestimmte Dinge, an Winzigkeiten. Gestern versuchte ich, eine gewisse Sache zu rekonstruieren, habe deswegen zwei oder drei Leute angerufen in Wien oder sonstwo. Es ist extrem fragmentarisch, was man aus bestimmten Vergangenheiten beibehalten kann, und das taucht tatsächlich aus diesem Turnerschen Nebel auf. Dieser Himmel ist zum größten Teil verhangen: Dunst und Nebel. Man sieht nicht ganz genau, was es ist. Das Päckchen Vergangenheit, was wir haben, ist sehr mager, es ist nicht viel drin. Es ist sporadisch, sehr perforiert, sehr unzuverlässig. Man weiß nicht genau, was es ist: War es wirklich so, oder stellt man es sich vor? Alles sehr unklar.



Gerade als sich der Trauerzug auf den Friedhof von Cutiau zubewegte, brach die Sonne durch die Dunstschleier über dem Mawddach, und eine Brise strich das Ufer entlang. Die wenigen dunklen Figuren, die Gruppe der Pappelbäume, die Lichtflut über dem Wasser, das Massiv des Cader Idris auf der anderen Seite, das waren die Elemente einer Abschiedsszene, die ich sonderbarerweise vor ein paar Wochen wiederentdeckte in einer der flüchtigen Aquarellskizzen, in denen Turner oft notierte, was ihm vor Augen kam, sei es vor Ort oder später erst in der Rückschau in die Vergangenheit. Das nahezu substanzlose Bild, das die Bezeichnung Funeral at Lausanne trägt, datiert aus dem Jahr 1841 und also aus einer Zeit, in der Turner kaum noch reisen konnte, mehr und mehr umging mit dem Gedanken an seine Sterblichkeit und vielleicht darum, wenn irgend etwas, wie dieser kleine Lausanner Leichenzug, aus dem Gedächtnis auftauchte, geschwind mit einigen Pinselstrichen die sogleich wieder zerfließenden Visionen festzuhalten versuchte. Was mich jedoch an dem Aquarell Turners besonders anzog, sagte Austerlitz, das war nicht allein die Ähnlichkeit der Lausanner Szene mit der von Cutiau, sondern die Erinnerung, die sie in mir hervorrief, an den letzten Spaziergang, den ich gemeinsam mit Gerald gemacht habe im Frühsommer 1966 durch die Weinberge oberhalb von Morges an den Ufern des Genfer Sees. Im Verlauf meiner weiteren Beschäftigung mit den Skizzenbüchern und dem Leben Turners bin ich dann auf die an sich völlig bedeutungslose, mich aber nichtsdestoweniger eigenartig berührende Tatsache gestoßen, daß er, Turner, im Jahr 1798, auf einer Landfahrt durch Wales, auch an der Mündung des Mawddach gewesen ist und daß er zu jener Zeit genauso alt war wie ich bei dem Begräbnis von Cutiau...


Turner: Funeral at Lausanne

Turner: Funeral at Lausanne
Turner: Burg Sooneck mit Bacharach in der Ferne

Turner: Auf dem Rhein

Turner: Kaub und Burg Gutenfels

Turner: Rhein

Turner: Sonnenaufgang über dem Rhein

Turner: Neuwied, Blick Richtung Andernach

Turner: Mainz

Turner: Hochkreuz und Bad Godesberg

Turner: Rheinburg

Turner: Rolandseck, Nonnenwerth und Drachenfels

Turner: Köln

Turner: Burgen am Rhein



Ja und dann, fuhr Austerlitz fort, irgendwo hinter Frankfurt, als ich zum zweitenmal in meinem Leben einbog ins Rheintal, ging mir beim


Anblick des Mäuseturms in dem sogenannten Binger Loch

mit absoluter Gewißheit auf, weshalb mir


der Turm im Stausee von Vyrnwy

immer so unheimlich gewesen war. Ich konnte nun meine Augen nicht mehr abwenden von dem in der Dämmerung schwer dahinfließenden Strom, von den Lastkähnen, die, anscheinend bewegungslos, bis zur Bordkante im Wasser lagen, von den Bäumen und Gebüschen am anderen Ufer, dem feinen Gestrichel der Rebgärten, den deutlicheren Querlinien der Stützmauern, den schiefergrauen Felsen und den Schluchten, die seitwärts hineinführten in ein, wie ich mir dachte, vorgeschichtliches und unerschlossenes Reich. Während ich noch im Bann war dieser für mich, sagte Austerlitz, tatsächlich mythologischen Landschaft, brach die untergehende Sonne durch die Wolken, erfüllte das ganze Tal mit ihrem Glanz und überstrahlte die jenseitigen Höhen, auf denen, an der Stelle, die wir gerade passierten, drei riesige Schlote in den Himmel hinaufragten, so als sei das östliche Ufergebirge in seiner Gesamtheit ausgehöhlt und nur die äußere Tarnung einer unterirdisch über viele Quadratmeilen sich erstreckenden Produktionsstätte. Man weiß ja, sagte Austerlitz, wenn man durch das Rheintal fährt, kaum, in welcher Epoche man sich befindet. Sogar von den Burgen, die hoch über dem Strom stehen und die so sonderbare, irgendwie unechte Namen tragen wie Reichenstein, Ehrenfels oder


kann man, wenn man sie von der Bahn aus sieht, nicht sagen, ob sie aus dem Mittelalter stammen oder erst gebaut wurden von Industriebaronen im letzten Jahrhundert . Einige, wie beispielsweise die Burg Katz und die Burg Maus, scheinen zurückzugehen in die Legende, und selbst die Ruinen wirken auf den ersten Blick wie eine romantische Theaterkulisse. Jedenfalls wußte ich auf meiner Fahrt das Rheintal hinab nicht mehr, in welcher Zeit meines Lebens ich jetzt war. Durch den Abendglanz hindurch sah ich das glühende Morgenrot, das sich damals über dem anderen Ufer ausgebreitet und bald den ganzen Himmel durchglüht hatte, und auch wenn ich heute an meine Rheinreisen denke, von denen die zweite kaum weniger schrecklich als die erste gewesen ist, dann geht mir alles in meinem Kopf durcheinander, das, was ich erlebt und das, was ich gelesen habe, die Erinnerungen, die auftauchen und wieder versinken, die fortlaufenden Bilder und die schmerzhaften blinden Stellen, an denen gar nichts mehr ist. Ich sehe diese deutsche Landschaft, sagte Austerlitz, so wie sie von früheren Reisenden beschrieben wurde, den großen, unregulierten, stellenweise über die Ufer getretenen Strom, die Lachse, die sich im Wasser tummeln, die über den feinen Flußsand krabbelnden Krebse; ich sehe die düsteren



Tuschzeichnungen, die Victor Hugo

von den Rheinburgen gemacht hat, John Mallord Turner, wie er unweit der Mordstadt Bacharach auf einem Klappstühlchen sitzend mit schneller Hand aquarelliert, die tiefen Wasser von Vyrnwy sehe ich und die in ihnen untergegangenen Bewohner von Llanwyddyn, und ich sehe, sagte Austerlitz, das große Heer der Mäuse, von dem es heißt, daß sein graues Gewimmel eine Landplage gewesen sei, wie es sich in die Fluten stürzt und, die kleinen Gurgeln nur knapp über den Wogen, verzweiflungsvoll rudert, um auf die rettende Insel zu gelangen.

Turner: Licht und Farben (Goethes Theorie)



Joseph Mallord William Turner (1775 bis 1851), britischer Maler, führender Vertreter der Romantik, Vorläufer des Impressionismus, einer der größten englischen Künstler. Hauptquelle seiner Inspiration sind Schiffe und Wasser, dramatische Naturszenen: mehr als 20.000 Werke.
Vater Barbier, Mutter Tochter eines Schlachters. Der Vater erkennt das Talent seines Sohnes, stellt seine Werke in seinem Geschäft aus. Turner, von großer Begabung, lernt schnell als Autodidakt. Mit 14 Stipendiat der Royal Academy, 1790 stellte er in deren Jahresausstellung erstes Aquarell aus. Kritiker und Förderer begeistert. Trotz großer Aufmerksamkeit bleibt Turner verschlossen, schweigsam und mürrisch, seine Arbeitsmethoden hütet er eifersüchtig, sein Privatleben ist tabu. Fahrten quer durch Europa und durch seine Heimat. Das Erlebte hält er in Skizzen fest, die die Grundlagen für seine Aquarelle werden. 1796 stellte er sein erstes Ölgemälde (»Fischer auf See«) aus, 1799 erste Reise aufs europäische Festland nach Frankreich, um die von Napoleon geraubten und im Louvre ausgestellten Bilder anzuschauen. 1804 baut er an sein Haus Galerie an, wo er - bis dato einmalig in der englischen Kunstwelt - das eigene Werk ausstellt.
Neben John Constable der führende englische Landschaftsmaler. Turners Italienreise Auslöser für radikale Wende in seinem Schaffen, das südliche Licht soll ihn nicht mehr loslassen. Innerhalb von vier Monaten schafft er mehr als 2000 Bleistiftskizzen von Rom und Umgebung. Wieder in England, beginnt er seine Auffassung von der Kraft des Lichts darzustellen.



Joseph Mallord William Turner
Selbstporträt um 1799
Öl auf Leinwand, 74,3 x 58,4 cm
Tate, aus dem Nachlass des Künstlers, 1856