Nickelbrillen,
die offenbar von jeher
das Hauptmerkmal gewesen
sind der konspirativen Intelligenz





Sympathisanten
(Logis in einem Landhaus S. 82ff)


Wachstum des Kapitals schließt Wachstum seines variablen oder in Arbeitskraft umgesetzten Bestandteils ein. Ein Teil des in Zusatzkapital verwandelten Mehrwerts muß stets rückverwandelt werden in variables Kapital oder zuschüssigen Arbeitsfonds. Unterstellen wir, daß, nebst sonst gleichbleibenden Umständen, die Zusammensetzung des Kapitals unverändert bleibt, d.h. eine bestimmte Masse Produktionsmittel oder konstantes Kapital stets dieselbe Masse Arbeitskraft erheischt, um in Bewegung gesetzt zu werden, so wächst offenbar die Nachfrage nach Arbeit und der Subsistenzfonds der Arbeiter verhältnismäßig mit dem Kapital und um so rascher, je rascher das Kapital wächst. Da das Kapital jährlich einen Mehrwert produziert, wovon ein Teil jährlich zum Originalkapital geschlagen wird, da dies Inkrement selbst jährlich wächst mit dem zunehmenden Umfang des bereits in Funktion begriffenen Kapitals und da endlich, unter besondrem Sporn des Bereicherungstriebs, wie z.B. Öffnung neuer Märkte, neuer Sphären der Kapitalanlage infolge neu entwickelter gesellschaftlicher Bedürfnisse usw., die Stufenleiter der Akkumulation plötzlich ausdehnbar ist durch bloß veränderte Teilung des Mehrwerts oder Mehrprodukts in Kapital und Revenue, können die Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals das Wachstum der Arbeitskraft oder der Arbeiteranzahl, die Nachfrage nach Arbeitern ihre Zufuhr überflügeln und daher die Arbeitslöhne steigen. Dies muß sogar schließlich der Fall sein bei unveränderter Fortdauer obiger Voraussetzung. Da in jedem Jahr mehr Arbeiter beschäftigt werden als im vorhergehenden, so muß früher oder später der Punkt eintreten, wo die Bedürfnisse der Akkumulation anfangen, über die gewöhnliche Zufuhr von Arbeit hinauszuwachsen, wo also Lohnsteigerung eintritt. Klage hierüber ertönt in England während des ganzen fünfzehnten und der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die mehr oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und vermehren, ändern jedoch nichts am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion. Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältnis selbst reproduziert, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der andren, so reproduziert die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter oder die Akkumulation das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem. Die Reproduktion der Arbeitskraft, die sich dem Kapital unaufhörlich als Verwertungsmittel einverleiben muß, nicht von ihm loskommen kann und deren Hörigkeit zum Kapital nur versteckt wird durch den Wechsel der individuellen Kapitalisten, woran sie sich verkauft, bildet in der Tat ein Moment der Reproduktion des Kapitals selbst. Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats.





Als der junge Mörike mit dem Schreiben beginnt, hat er hinter sich die Umwälzungen der Jahrhundertwende, während am Horizont voraus sich schon die Schrecken der Industrialisierung abzeichnen, die von der Kapitalakkumulation ausgelösten Turbulenzen und die Manöver zur Zentralisierung einer neuen, gußeisernen Staatsgewalt.

Seine Hypochondrie, die Grillen, unter denen er ständig litt, die Mattherzigkeit und Öde, von der er so oft spricht, die diffuse Depression, die Lähmungserscheinungen, das plötzliche Versagen der Kräfte, der Schwindel, der Kopfschmerz, der Horror vor dem Unbestimmten, den er immer wieder verspürt, all das sind Symptome nicht nur seiner melancholischen Gemütsverfassung, sondern auch die seelischen Folgen einer in zunehmendem Maß von Arbeitsethos und Wettbewerb bestimmten Gesellschaft.



In keinem literarischen Werk des 19. Jahrhunderts treten die Entwicklungslinien, die bis auf die heutige Zeit unser Leben bestimmen, so deutlich zutage wie in dem Gottfried Kellers. Als er im Vormärz mit dem Schreiben begann, trieb die Hoffnung auf einen neuen Gesellschaftsvertrag schöne Blüten, stand die Verwirklichung der Volksherrschaft noch zu erwarten, hätte alles noch anders kommen können, als es dann tatsächlich kam.



... in einer sonst schon von der Eisenbahnmanie, von der Aktienspekulation, von abenteuerlichen Kreditgeschäften und allgemeinem Expansionismus erfaßten Zeit.



Unter den herausragenden Schriftstellern des deutschen 19. Jahrhunderts ist Keller, neben dem jungen Büchner, vielleicht der einzige gewesen, der von politischen Idealen und politischer Pragmatik etwas verstand, und dem, aus diesem Verständnis heraus, aufging, daß Eigen- und Gemeinnützigkeit immer weiter auseinandertraten, daß die eben erst sich formierende Klasse der Lohnarbeiter von den neu erstrittenen bürgerlichen Freiheiten und Rechten de facto ausgeschlossen war, daß aus dem Namen der Republik, wie es im
Martin Salander heißt, ein Stein werden konnte, den man dem Volk für Brot gab, und daß auch in den mittleren Schichten ein schlechter Tausch erzwungen wurde, indem man sich mit der politischen Müdigkeit zugleich die in dieser Phase des unregulierten Kapitalismus ständig sich rührende Angst um die Erhaltung des Lebens einhandelte. Keller hat die Entwicklungsgeschichte des Bürgertums von seinen märchenhaften und streitbaren Anfangen über die Ära der Aufklärung, der Philanthropie und des selbstbewußten Citoyen bis hin zu dem vorab auf die Wahrung seines Besitzstandes bedachten Bourgeois sozusagen synoptisch zusammengefaßt in der bekannten Passage, in welcher der Schneider Wenzel Strapinski in den Gassen von Goldach herumgeht und voller Verwunderung die Hausnamen liest.



Dennoch steht sie nicht, wie der fein gesponnene ironische Zug anzeigt, den jetzt alles beherrschenden Grundsätzen der Kapitalvermehrung entgegen, sondern ist geradezu deren Demonstration, wenn auch auf bescheidenstem Niveau. Kellers Kritik am Wirtschaftswesen des
laissez-faire entzündete sich daran, daß er erfahren mußte, wie das durch Entsagung eingesparte Gut der nächsten Generation überschrieben wird als Schuld, geht aber weit hinaus über jedes persönliche Ressentiment und ist gerichtet auf die mit der rapiden Zunahme des umlaufenden Geldes stets größer werdende Gefahr einer allumfassenden Korrumpierung.

Womöglich noch tiefergreifend sind die Auswirkungen des virulent gewordenen Kapitalismus auf die natürliche Umwelt. Schon auf der ersten Seite des Salander-Romans werden wir hingewiesen auf »die rastlose Überbauung des Bodens«, darauf, daß man vergebens jetzt »die Spuren früherer Pfade sucht, die sonst zwischen Wiesen und Gärten schattig und grün hügelan geleitet hatten«.



»Das sind ja wahre Lumpen, die sich selber das Klima verhunzen.« Fast könnte man meinen, man läse einen Bericht aus der gestrigen Zeitung.



Friedrich Engels vertrat in seiner 1884 veröffentlichten Schrift >Über den Ursprung des Privateigentums< die Ansicht, daß der Übergang von einer matriarchalisch polygamen zu einer patriarchalisch monogamen Gesellschaft, der sich in einer vor unserer geschichtlichen Erinnerung liegenden, vom Mythos verhangenen Vorzeit vollzog, bedingt gewesen sei von der Ansammlung persönlichen Besitztums, das einzig in einem monogamen System über eine jeden Zweifel ausschließende Linie der Abstammung vererbt werden konnte. In Entsprechung zu dieser in vielem auch heute noch äußerst plausiblen These hat Keller, so zumindest könnte man sagen, dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie ein Lauffeuer um sich greifenden Hochkapitalismus ein Bild entgegengesetzt aus jener früheren Zeit, in der die Verhältnisse der Menschen zueinander noch nicht über das Geld geregelt wurden.



Anders als das fortwährend umlaufende Kapital sind diese verdämmernden Dinge aus dem Verkehr gezogen, haben ihren Warencharakter längst abgebüßt und sind gewissermaßen schon in die Ewigkeit eingegangen. Beherrscherin und Seele dieses Trödelreichs ist eine bejahrte, dicke Frau in altertümlicher Tracht, die stets an derselben Stelle im düsteren Hintergrund ihres Emporiums sitzt ...

Deshalb ist ihr auch der Begriff des Kapitals vollkommen fremd. Was sie an Mehrwert erwirtschaftet und nicht für ihren Lebensunterhalt ausgibt, wird aus dem Kontokurrentsäckel genommen, in Gold umgewechselt und in der Schatztruhe aufgehoben. Das Kapital für sich arbeiten zu lassen, kommt ihr nicht in den Sinn.

Auch mit dem Unwesen des Kapitals haben die Juden bei Keller nichts zu schaffen. Was sie sich auf ihrem mühseligen Weg über die Dörfer erwerben, wird nicht gleich wieder in Zirkulation gebracht, sondern vorderhand nur beiseite gelegt. ... Das falsche Gold ist das wildwuchernde, fortwährend reinvestierte, alle guten Instinkte verderbende Kapital. Früh hat Keller vor seinen Verlockungen gewarnt, und man mag sich wohl fragen, was er gesagt haben würde zu den kaum zwei Generationen nach seinem Tod von den Schweizer Banken getätigten undurchsichtigen Geschäften und dem mit dem unermeßlichen Leid der Juden versetzten Gold, das den Schweizerkindern nach dem Zweiten Weltkrieg als Tauftaler in die Wiege gelegt wurde.

Aufgrund der politischen Turbulenzen und der Expansion des Kapitalmarkts, die wenigstens ebensoviel Verlierer wie Neureiche hervorbrachte, sah sich das ganze 19. Jahrhundert hindurch eine steigende Zahl von Deutschen und Schweizern zum Auswandern gezwungen





Gottfried Keller


1819 - 1890

Geboren und gestorben in Zürich, wegen Jugendstreiches von höherer Schulbildung ausgeschlossen, Lehre als Landschaftsmaler, zwei Studienjahre in München, 1842 zurück nach Zürich. Beteiligung an militanter Bewegung, die 1848 zur staatlichen Neuordnung der Schweiz führt. Studiert mit Stipendium in Heidelberg Geschichte und Staatswissenschaften, Berlin Ausbildung zum Theaterschriftsteller. Romane und Novellen, 1855 zurück nach Zürich, 1861 Erster Staatsschreiber des Kantons Zürich. Ab 1876 freier Schriftsteller, einer der bedeutendsten Vertreter des bürgerlichen Realismus.



Eduard Mörike


1804 - 1875

Geboren in Ludwigsburg, gestorben in Stuttgart. Evangelischer Pfarrer und Schriftsteller.
Lateinschule, ab 1818 evangelisches Seminar Urach, 1822 bis 1826 Tübinger Stift. Mittelmäßiges Examen, achtjährige "Vikariatsknechtschaft". Wagt sich nicht, freier Schriftsteller zu werden. 1834 Pfarrer in Cleversulzbach, 1843 Versetzung in den Ruhestand. Wanderungen, bei denen er nach Versteinerungen sucht. 1851 Heiratet mit Margarethe von Speeth, katholische Tochter seines Vermieters. 1851 Stuttgart, Mörike unterrichtet Literatur, Freundschaft mit Maler Moritz von Schwind, 1866 pensioniert.
Das Abgründige in Mörikes Werk und die Modernität seiner radikalen Weltflucht seit neuestem erkannt.