. . . immer steigender Herbst, Woge, du dich!
Ach! die lezte, lezte bist du! das Schiff geht unter!
Und den Todesgesang heulet dumpf noch fort,
Auf dem großen, immer noch offenen Grabe, der Sturm!

Friedrich Gottlieb Klopstock
Die Welten, Im Febr. 1746





UND BLIEB ICH
AM ÄUSSERSTEN MEER

I



Der aus Windsheim in Franken
gebürtige Georg Wilhelm Steller
stieß im Verlauf seines Studiums
an der Universität Halle wiederholt
auf die in die Intelligenzblätter eingerückte Nachricht,
daß die russische Zarin Anstalten treffe,
im Zuge der Erweiterung ihres Reichs
eine Expedition von noch nie dagewesenem Ausmaß
unter dem Oberkommando des Vitus Bering,
dessen Kopf zirka zweieinhalb Jahrhunderte später
zu unserem Entsetzen noch einmal
in der Literatur auftaucht,
an die pazifischen Küsten zu entsenden,
damit von dort aus der Seeweg
nach Amerika in Erfahrung gebracht werde.


II



Bilder von dieser Entdeckungsreise
verdichteten sich in der Phantasie Stellers,
der, als Sohn eines Kantors mit einer schönen
Tenorstimme begabt und einem christlichen
Stipendium versehen, zunächst
in Wittenberg gewesen, dann aber
der Theologie abtrünnig geworden und
zur Naturwissenschaft übergelaufen war,
allmählich derart, daß er während der Disputationen,
die er auf das glänzendste absolvierte,
an nichts anderes zu denken vermochte
als an die Formen der Fauna und Flora
jener Weltgegend, in der Osten
und Westen und Norden zusammentreffen,
und an die Kunst
ihrer Beschreibung.


III

Obschon es hieß, daß ihn die Obrigkeit
in kürzester Frist auf den Lehrstuhl
für Botanik berufen und somit
in der bürgerlichen Societät
akkreditieren werde, ging Steller,
mittellos, wie er war, und kaum
mehr als seine Notizbücher in der Tasche,
bereits an dem auf das Rigorosum
folgenden Tag mit der Post
nach der von russischen Truppen
belagerten Stadt Danzig,
wo er sich als medizinischer Assistent
auf einem Packboot anheuern ließ,
das einige hundert Invalide
nach Rußland zurückbringen sollte.
IV

Als das Schiff auslief aus der Danziger Bucht,
stand Steller, der die See
zum erstenmal sah, eine Zeitlang an Deck,
verwunderte sich über die Fahrt
auf dem Wasser, über Gewalt und Gewicht,
über das Salz in der Luft und
das unterm Kiel in die Tiefe
gebannte Dunkel. Zur Linken
den äußersten Punkt der Putziger Nehrung
rechts die dem frischen Haff vorgelagerte Landzunge,
ein leicht grauer Strich, endlos
vergehend in einem noch leichteren Grau.
Dieses dahinter war Deutschland gewesen,
kam es ihn an, seine Kindheit,
die Wälder von Windsheim,
langwierig in der Jugend
das Erlernen der alten Sprachen:
perscrutamini scripturas,
soll das nicht heißen,
perscrutamini naturas rerum?
V

Kronstadt, Oranienbaum, Peterhof
und zuletzt in der torricellischen Leere
ein vierunddreißigjähriger Bastard,
ausgesetzt im Sumpfdelta der Newa,
St. Petersburg unter der Festung,
die neue russische Hauptstadt,
grauenerregend für einen Fremden,
nichts als ein aufbrechendes Chaos,
im Entstehen schon eingesunkenes
Bauwerk und nirgends ein grader Prospekt.
Die nach dem goldenen Schnitt angelegten
Straßenzüge und Plätze, Quaimauern und Brücken,
Fluchtlinien, Fassaden und Fensterreihen,
diese bewegen sich langsam erst her
aus der hallenden Leere der Zukunft,
den Ewigkeitsplan einzubringen in die aus der Angst
vor der Weite des Raumes geborene Stadt,
übervölkert von Armeniern, Türken, Tataren,
Kalmücken, ausgewanderten Schweden,
Deutschen, Franzosen und den auf den Tod
geschundenen, verstümmelten Körpern
der längs der Allee zur Schau
aufgehängten Verbrecher.


VI

Erst jenseits des Flusses, in den berühmten
botanischen Gärten des Marinespitals,
entgeht Steller dem Umtrieb der Stadt.
Säuberlich wandelt er über die Wege
zwischen den Beeten, bestaunt
die gläsernen Treibhäuser,
die exotischen Pflanzen,
lernt in einem fort neue Namen
und weiß sich vor Hoffnung
kaum mehr zu helfen,
als aus dem halben Schatten
des Senfbaums bei der Voliere
der Patriarch von Novgorod,



Erzbischof Theophon, mit einem ganz kleinen,
gelben Psittig in der Hand auf ihn zutritt
und im Lauf einer lateinischen Konversation
ihm eine Sage aus dem Bezirk Dolji erzählt,
die berichtet, daß Gott auf einmal
und wie aus heiterem Himmel
auf einem Lungenkrautblatt entstand.


VII

Vier Jahre blieb Steller
in Petersburg. Der Primas,
schon in der Nähe des Todes,
verschafft ihm die Stellung
eines Adjunkten an der Akademie
und nimmt ihn als Leibarzt zu sich
ins Haus. Unterm Barett der Nacht
der Greis redet mit seinem jüngeren Bruder
vom Geflügel des Endes. Zum Trost
spricht Steller vom Licht der Natur.



Alles aber, sagt Theophon,
alles, mein Sohn, ändert sich in das Alter,
weniger wird das Leben,
alles nimmt ab,
die Proliferation
der Arten ist bloß
eine Illusion, und niemand
weiß, wo es hinausgeht.
VIII



Dem Akademiemitglied Daniel Messerschmidt
waren die langen arktischen Reisen
auf die Nerven geschlagen. Steller,
der Messerschmidt in dem Gartenhaus,
das er mit einer Bäckerstochter
aus Sesslach bewohnte,
noch lebend antraf,
hat aus dem schwer
melancholischen Menschen
nichts mehr heraus bringen können.
Dafür studiert er jetzt seinen Nachlaß.
Einen ganzen Sommer verbringt er
über die Zettelwirtschaft gebeugt,
während die zu kurz gekommene Frau
des Naturforschers aufgeschwanzt
hinter ihm sitzt und mit ihrer gespaltenen
Flosse ihm über die wie sein Herz
klopfende Eichel streicht.
Steller spürt, daß die Wissenschaft
auf einen einzigen leicht schmerzhaften
Punkt zusammenschrumpft.
Andererseits sind ihm die Schaumblasen
ein Gleichnis. Komm, flüstert er
ihr in der Verzweiflung
ins Ohr, komm mit mir
nach Sibirien als meine
eigene Frau, und hört schon
die Antwort: Wohin
Du auch gehst,
geh ich mit Dir.


IX



Als Steller 1736 tatsächlich
den ersehnten Auftrag erhielt,
der Beringschen Expedition sich anzuschließen,
war dieses bereits zehn Jahre zuvor
in die Wege geleitete Unternehmen,
das aus einem Heer von Zimmermännern,
Schmieden, Fuhrknechten, Seeleuten,
Schreibern, kommandierenden
Chargen, Wissenschaftlern
und Assistenten bestand
und nicht nur Baumaterial, Werkzeug, Instrumente,
ein Arsenal von Waffen und Aberhunderte
von Büchern, sondern auch endlose
Fouragierzüge, zur Verpflegung der Mannschaft,
Geschirr und Garderobe und kistenweise
Bordeauxwein für die höher gestellten
Envoyés der Akademie vorwärtszubringen hatte,
nicht anders als ein schwere Geröllmassen
mit sich fortbewegender Gletscher,
in Jakutsk auf dem einhundertneunundzwanzigsten
Grad östlicher Länge angelangt.
Steller bewältigte die fünftausend Meilen
im Ablauf der dreieinhalb Jahre,
die Vitus Bering noch brauchte,
um bis auf den letzten Nagel alles
mit kleinen sibirischen Packpferden
über das Jablonoigebirge ans Meer
von Ochotsk zu bringen. Dabei
übte er sich ein in das Ertragen
der Bitternis und der Einsamkeit,
denn die Bäckerstochter,
die er aufgrund seiner Hoffnung,
daß man vielleicht auch in der Ferne
zuhause sein könne, und aufgrund
ihres, wie es schien, bedingungslosen
Versprechens, mit ihm überallhin
fahren zu wollen, geehelicht hatte,
war, naturgemäß, zuletzt doch nicht willens gewesen,
die Reise um die halbe Kugel der Welt
mit ihm zu machen. Statt ihrer
hatte Steller jetzt zwei
junge Raben, die ihm des Abends
ominöse Sprüche diktierten.
Wenn er sie aufschrieb,
war er beruhigt, obgleich er wußte,
daß er auch damit den langsamen Fraß
in seiner Seele nicht
würde aufhalten können.





X

Am 20. März des Jahres 1741
betritt Steller das langgestreckte
Blockhaus der Kommandantur von Petropawlovsk
an der Ostküste der Halbinsel Kamtschatka.



In einem fensterlosen, nicht mehr als
sechs mal sechs Fuß messenden
Verschlag am hinteren Ende
des sonst auf keine Weise unterteilten
Innenraums dieses Gebäudes
findet er
Bering,
den Kommandeur-Kapitän,
an einem aus Planken zusammengenagelten,
von weißfleckigen Land- und Seekarten
über und über bedeckten Tisch,
den neunundfünfzigjährigen
Kopf in die Fläche der rechten,
mit einem Flügelpaar
tätowierten Hand gestützt,
einen Stechzirkel in der Linken,
bewegungslos sitzen
bei einem blakenden Licht.
Es braucht eine unheimlich
lange Zeit, denkt Steller,
bis Bering die Augen
aufmacht und hinschaut
zu ihm. Ein Tier
ist der Mensch, in tiefe
Trauer gehüllt,
in einen schwarzen Mantel,
mit schwarzem
Pelzwerk
gefüttert.
XI

Zwei Wochen bei günstigem Wind
waren die nach den Heiligen
Peter und Paul benannten Schiffe
auf dem Nordmeer nach Süden gefahren,
aber das auf der Karte Delisles eingezeichnete
sagenhafte Land Gama tauchte
nirgends aus der Wüste
des Wassers auf. Nur einmal
entdeckte die Wache auf der spiegelnden Fläche voraus
etwas von unzähligen Seevögeln bedecktes Schwarzes.



Die Tiefe auslotend, näherten sie sich,
bis es sich zeigte, daß die Felseninsel
nichts war als ein toter, vom Spiel des Mirage
vielfach vergrößerter, bäuchlings treibender Wal.
Danach wurde Kurs auf Nord-
Nord-Ost gesetzt. In der Nacht
leuchtete manchmal das Meer,
und an den von den Kämmen der Wellen
bespritzten Segeln hafteten
die Funken des Lichts.
In einem zweiten Mirage
zeigte sich eines Abends,
ausgestreckt über den Horizont,
ein Landstrich aus weißem
kristallinischen Marmor,
doch erst am Morgen des 15. Juli,
an die sechs Wochen nach dem Auslauf
aus der Bucht von Avatscha,
sah Steller, der um die frühen
Stunden immer an Deck ging,
zwischen den tief treibenden Wolken
wirklich das schwach ausschraffierte
Bild einer Kette von Bergen.



Am Abend desselben Tages
hob sich vollends der Nebel.
Ein schwarzer Himmel
überhing jetzt das Meer, und
die schneebedeckten, zerrissenen
Zinnen Alaskas prangten,
dünkte Steller das richtige Wort,
in rosaroten und violetten Farben.
Vitus Bering, der die ganze Fahrt über
an die Balkendecke über seinem Kopf
starrend in seiner Koje gelegen hatte,
kam, bewegt von dem unaufhörlichen
Jubeln der Mannschaft, zum erstenmal nach oben
und besah sich auf das allertiefste
deprimiert das Schauspiel.

XII

Unendliche Flüge
von schreienden Vögeln, die niedrig
über dem Wasser schwebten,
glichen von fern niedrig schwimmenden
Inseln. Walfische umkreisten
das Schiff und sprühten
in allen Richtungen des Gesichtskreises
Wasserfontänen hoch in die Luft.



Chamisso, der später mit der Romanzoffschen
Entdeckungs-Expedition dasselbe
Riesengemälde bestaunte, trug sich dabei
mit dem Gedanken, daß man diese Tiere
vielleicht zähmen und - nicht anders als Gänse
auf einem Brachfeld - auf dem Meer
sozusagen mit einer Gerte würde treiben können.



Erziehet die Jungen in einem Fjord, schrieb er,
legt ihnen einen von Schwimmblasen
getragenen Stachelgurt unter die Brustflossen,
laßt sie das Tauchen verlernen,
stellet Versuche an. Ob der Walfisch alsdann
ziehen oder tragen soll,
ob und wie man ihn anspannt
oder belastet, wie man ihn zäumt
oder sonst regiert und wer der Kornak
des Wasserelefanten sein soll, das wird sich
alles von selber finden. Eingangs
des Abschnitts spricht Chamisso
allerdings auch von der Dampfmaschine
als dem ersten aus den Händen
des Msnschen hervorgegangenen
warmblütigen Tier.
XIII



Bei Anbruch des folgenden Tags,
dem Namensfest des hl. Elias,
ging Steller an Land. Zehn Stunden
hatte ihm Bering, dem das Grauen
bereits an die Stirn geschrieben war,
zugestanden für eine wissenschaftliche Exkursion.
Von einer tiefgründigen Bläue
war jetzt das Wasser und waren die Wälder,
die herabwuchsen bis an die Küste
des Meers. Unverstört näherten sich
Steller die Tiere, schwarze und rote
Füchse, auch Elstern, Häher und Krähen
gingen mit ihm auf dem Weg
über den Strand. Im durchsichtigen Dunkel
zwischen den Bäumen bewegte er sich
mit geradezu schwebendem Schritt
über die einen Fuß dicken Polster aus Moos.
Nahe war er daran, bergwärts
immer nur weiterzugehen, hinein
in die kühle Wildnis, aber die Konstruktionen
der Wissenschaft in seinem Kopf,
ausgerichtet auf eine Verringerung
der Unordnung in der Welt,
widersetzten sich diesem Bedürfnis.



Später in einer aus Fichtenstämmen
zusammengefügten Behausung erlebt er
die Wirkung verlassener Dinge
in einem fremden Raum. Ein kreisrundes
Trinkgefäß aus geschälter Rinde,
einen mit Kupfererz durchsprenkelten
Wetzstein, ein fischköpfiges Paddel
und eine Kinderrassel aus gebranntem Ton
sucht er mit Vorsicht sich aus und hinterlegt
statt dessen einen eisernen Kessel, eine Schnur
mit bunt aneinandergereihten Perlen,
ein Fetzchen bucharische Seide,
ein halbes Pfund Tabak und
eine chinesische Pfeife.
An diesen schweigsamen Handel
erinnert sich noch nach einem halben Jahrhundert,
wie aus einem Bericht des Commandeurs Billings hervorgeht,
einer der Bewohner dieser abgesonderten Gegend
mit einem raschelnd nach innen
gekehrten Lachen.
XIV



So nah dem dreiundfünfzigsten Breitengrad,
wie es anging, den Kurs auf Avatscha zu halten
war, nach einstimmigem Verzicht
auf alle weiteren Entdeckungsvorhaben,
der Rat der Offiziere, eine einfache Rechnung,
die aus nichts als unbekannten Faktoren bestand.
Ein Vierteljahr fast wurde das Schiff
von Orkanen, von einer Gewalt,
wie sie keines der Mitglieder
der Besatzung aus seinem Leben
erinnern konnte, auf dem Berings-Meer,
wo nichts und niemand sonst war,
hin- und hergeworfen. Graufarbig
richtungslos war alles, ohne oben und unten,
die Natur in einem Prozeß
der Zerstörung, in einem Zustand der reinen
Demenz. Zwischenein tagelang
Flauten, bewegungslos und jedesmal
noch mehr zerbrochen das Schiff,
zerfetzter die Taue, fadenscheiniger
das Tuch der vom Salz zerfressenen Segel.



Die Mannschaft, geschlagen
von der Tobsucht der in die Körper
gedrungenen Krankheit, mit Augen,
die in der Erschöpfung versanken,
schwammig geschwollenen Gaumen,
blutunterlaufenen Gelenken,
gedunsener Leber, gedunsener Milz
und mit dicht unter der Haut
schwelenden Geschwüren, warf in Gottes Namen
Tag für Tag die an der Fäule zugrunde gegangenen
Seeleute über Bord, bis zuletzt
kaum ein Unterschied war
zwischen den Lebenden und den Toten.
Im Sterben verlieren die astra
im Leib ihre Eigenschaft, ihre Art, ihre Substanz
und ihr Wesen, denkt Steller, der Arzt,
was tot ist, ist nimmer lebendig.
Was heißt das, physica, fragt er, was
heißt das iusiurandum Hippocratis,
was heißt Chirurgie, was ist die Kunst
und der Grund, wenn das Leben
zerfällt und der Arzt hat nicht
Macht und nicht Mittel? Da -
in der Nacht -, der Mond
steht im Novemberviertel,
treibt eine Wand aus Wasser
das Schiff in die Felsen.
Verkeilt liegt es,
eine Zeit im Gestein ächzend,
als hätte es sich in der Todesnot
noch an Land retten wollen,
bis eine schwere Welle
es hinabschiebt in die Stille
der Lagune hinter dem Riff.
Eine weiße Sichel, biegt sich
im Dunkel der Strand,
grasüberwachsene Dünen, landeinwärts,
bis hinauf auf ein Schattenplateau
unter schneehell phosphoreszierenden Bergen.
XV



Vier Männer brachten Bering, dem das Wasser
nach und nach bis in den Leib gestiegen war,
auf einem aus Stricken gefertigten Sitz an Land,
lehnten ihn im Schatten des Winds an einen Felsen
und machten ein Dach aus den Segeln
des hl. Peter. Gehüllt in Mäntel, Pelze und Roben,
gelbfaltigen Gesichts, der Mund,
zahnlos, eine schwarze Ruine,
von Karbunkeln und Läusen am ganzen
Körper geplagt, besah sich der Kapitän,
voller Zufriedenheit im Angesicht des Todes,
die ersten Arbeiten zur Errichtung
eines Winterquartiers in den in die Dünen
gegrabenen Höhlen der Füchse.



Steller bringt Bering eine aus Tran
und Nasturtiumwurzeln gekochte Suppe,
die Bering jedoch, den Kopf
zur Seite bewegend, ausschlägt
mit einem Blinken der Augen.
Man solle ihn jetzt,
meint er, ruhig in den Sand
sinken lassen.
Die Zaunkönige
springen bereits auf ihm herum.
Selig seynd die Toten, erinnert sich
Steller. Am 8. Dezember binden sie
den Kapitän auf ein Brett
und schieben ihn in die Grube hinab.
Nicht wollest Du, Herr, übergeben
die Seele derer, die Dich bekennen,
den wilden Thieren. Am Tag des Gerichts
soll vielmehr für die Frommen ein Mahl
bereitet werden aus dem Herz des Leviathans.
Steller, indem er aufblickt, sieht
den graugrünen Widerschein des Ozeans,
den arktischen Wasserhimmel,
unter den Wolken. Ein Zeichen,
wie weit sie noch sind
vom festen Land.


XVI



Den 13. August segelt
das aus dem Wrack gebaute Schiff
um die äußerste Spitze der Insel,
die sich mit sanften Hügeln und ruhigen
Linien zum Meer senkt.
In schönem Grün glänzend
wie die Triften der Alpen,
liegt sie im Licht des Spätsommers,
unberührt, wie es scheint, von den Menschen.
Von Bord aus gesehen,
bewegt sich das Land.
Nicht wirklicher
durch die ausgestandenen Leiden
wird die vergangene Zeit.
Unfaßbar auch am Horizont,
über dem blauen,
über dem Land ausgebreiteten Dunst,
nach vier Tagen zur See
die Rauchfahnen der asiatischen Vulkane.



Diesem Bild sich zu nähern,
kreuzen sie unter der Küste,
eine Viertel Seemeile pro Stunde,
südwärts gut eine Woche,
ziehen noch nachts an den Rudern,
erreichen am 25. des Monats
den Hafen von Petropawlovsk,
ihre geplünderten Blockhäuser und Magazine.



Zum Dank für das Wunder ihrer Errettung
machen sie, dem Wunsch Berings entsprechend,
einen silbernen Rahmen,
getrieben aus dem bis zuletzt
aufgehobenen Münzgeld,
um die Ikone des hl. Peter.




XVII



Sechs Jahre dauerte es,
bis die Überlebenden der Expedition
Order erhielten,
in die Hauptstadt zurückzukommen.
Steller aber hatte sich wenige Tage
nach Ankunft in der Bucht von Avatscha
vom Korps abgesetzt und war mit dem Kosacken Lepekhin
zu Fuß ins Innere der Halbinsel aufgebrochen.
Wenn Dir die Reise gefällig ist,
sei unser Antrieb beim Gehen,
sprach er bei sich, sei
Trost auf dem Weg, Schatten
im Schwülen des Mittags,
Licht in der Finsternis,
Decke wider Frost und Regen,
Wagen in der Stunde der Müdigkeit,
Hilfe in der Noth, auf daß wir,
unter Deiner Führung, fahrlos dort eintreffen,
wo es uns hinzieht;
trag Du die Sorge, Herr,
damit die Sterne günstig
über uns sich scharen.
XVIII

Den übrigen Teil des Sommers
sammelt Steller botanisches Material,
füllt getrocknete Samen in Tütchen,
beschreibt, rubriziert, zeichnet,
in seinem schwarzen Reisezeit sitzend,
zum erstenmal glücklich in seinem Leben.
Thoma Lepekhin fängt Lachs,
bringt Pilze, Beeren und Blätter,
macht Feuer und Tee.
Den Winter hindurch
unterrichtet der deutsche Doktor
Koryackenkinder in einer winzigen,
hölzernen Schule, schreibt, als das Eis bricht,
Memoranda zur Verteidigung
der von der Marinekommandantur in Bolscheretsk



malträtierten und in ihrem Recht verkürzten
eingeborenen Stämme, was dazu führt,
daß ein Brief gegen ihn ausgestellt wird,
daß Verhöre stattfinden,
daß sich Mißverständnisse ergeben,
daß Verhaftungen erfolgen und daß Steller
jetzt vollends den Unterschied begreift
zwischen Natur und Gesellschaft.
Westwärts, Strecke um Strecke legt er
fliehend zurück, und es scheint ihm,
als gehe nun alles bergab.



Erst in Tara erreicht ihn die Nachricht,
er könne auf jedem beliebigem Weg
aufbrechen in seine Heimat.
Steller mietet drei Pferde,
fährt nach Tobolsk
und trinkt dort, er, der nie trank,
ganze drei Tage.
Danach kommt das Fieber,
er kriecht in den Schlitten,
heißt den Tataren weiterfahren nach Süden,
die einhundertsiebzig Meilen bis Tyumen.
Das ist infirmitas, die Brechung
der Zeit von Tag zu Tag
und von Stunde zu Stund,
der Rost und das Feuer
und das Salz der Planeten,
die Dunkelheit unter Tags
noch die Lichter am Himmel.
XIX



Manuskripte am Ende des Lebens,
geschrieben auf einer Insel im Eismeer,
mit kratzendem Gänsekiel und galliger Tinte,
Verzeichnisse von zweihundertelf
verschiedenen Pflanzen,
Geschichten von weißen Raben,
seltsamen Kormoranen und Seekühen,
eingebracht in den Staub
einer endlosen Registratur,
sein zoologisches Meisterwerk,
de bestiis marinis,
Reiseprogramm für die Jäger,
Leitfaden beim Zählen der Pelze,
nein, nicht hoch genug war der Norden.
XX



In Tyumen holen sie ihn aus dem Schlitten,
schleppen sie seinen zur Hälfte versteinerten Leib
aus dem Eis hinein in das Feuer,
in ein waberndes Haus.
Jetzt fängt Alchimia an,
erkennt Steller den mortem improvisam,
den Schlag und all sein Anhang,
sieht seinen Tod, wie er sich spiegelt,
im Einglas des Feldscher.
Also seid ihr doctores,
verschüttete Lampen,
also prozediert die Natur
mit einem gottlosen
Lutheraner aus Deutschland.
XXI

Pallas berichtet, wie sie Steller,
den er verehrte, anderen Tages,
in seinen roten Umhang gehüllt,
ein gutes Stück außerhalb der Raststatt
der Rechtgläubigen in einen engen Graben
hoch über dem Ufer der Tura legten
und einen Hügel aufwarfen
von gefrorenen Wasen.
Auch schreibt Pallas, daß der Tote
noch träumte von den grasenden
Mammuts jenseits des Flusses,
bis in der Nacht einer kam
und seinen Mantel sich holte
und ihn liegen ließ im Schnee
wie einen erschlagenen Fuchs.