Korsika - Fliegen - Austerlitz
(Aufzeichnungen aus Korsika S. 159ff)

Der Name Korsika hat auf mich seit langem eine besondere, mir selber nicht recht erklärliche Anziehungskraft ausgeübt, & ich habe mich deshalb oft schon mit dem Gedanken getragen, einige Zeit auf dieser Insel zuzubringen. Aufgrund der verschiedenen Einschränkungen aber, denen mein Leben in zunehmendem Maß unterliegt, war der Plan immer wieder zurückgestellt worden, wie so viele meiner anderen Vorhaben auch. Es erscheint mir darum fraglich, ob ich das mir, wie ich glaube, von jeher vorschwebende fabelhafte Gebirge im Meer jemals gesehen hätte, wenn ich nicht im Sommer 1995 bei einem von der Anglia Aviation Group auf dem Flugfeld von Seething veranstalteten Tag der offenen Tür Gerald Ashman begegnet & sogleich mit ihm in ein langes Gespräch geraten wäre, das sich zunächst hauptsächlich um die Leidenschaft des Fliegens drehte, von der er mir sagte, daß sie in ihm gewesen sei von klein auf. Gerald war eines der ältesten Mitglieder des aus über vierzig begeisterten Amateurpiloten bestehenden Luftfahrtvereins. Er war ihm 1950, kurz nach Ableistung seines Militärdiensts in der Royal Air Force beigetreten & hatte ihm auch während seiner langjährigen Forschungstätigkeit an einem Genfer Institut für Experimentalphysik ununterbrochen angehört, was, wie er mir erklärte, vor allem deshalb sinnvoll gewesen sei, weil Andromeda Lodge, der Gutshof, auf dem er aufgewachsen war & den er seit dem 1988 erfolgten Tod seines Vater ganz allein bewohnte, in unmittelbarer Nachbarschaft des Flugfelds von Seething liegt & er so mit seiner zweimotorigen Auster zwischen seinem Elternhaus & seinem Schweizer Arbeitsplatz allwöchentlich hin- & herpendeln & die gerade am Beginn einer Fliegerlaufbahn unabdingbaren Erfahrungen sammeln konnte. An diesem Arrangement habe sich dann beinahe drei Jahrzehnte lang nichts geändert. Seething, sagte Gerald, sei in seinem Kopf gewissermaßen zu einem Vorort von Genf geworden, & auch seit er sich ganz wieder hier niedergelassen habe, sei ihm der durch seine Mitgliedschaft in der Aviation Group gewährleistete Zugang zu der kaum zwei Meilen von seiner Haustür entfernten Landebahn unentbehrlich, denn der sogenannte Ruhestand bestehe für ihn darin, daß er die meiste Zeit irgendwo unterwegs sei in der Luft.



Je mehr einzelne Motivfäden man im Werk Sebalds verfolgt, desto schwieriger wird es, sie auseinander zu halten. Sie auseinander zu halten, kann natürlich auch gar kein ernsthaftes Ziel sein, denn die Dichte der Textur beruht nicht zuletzt darauf, daß die gleichen Erzählelemente verschiedenen Motivreihen angehören. San Giorgio con capello di paglia ist zugleich Heiliger und Kunstwerk, Tauben sind Tiere und Flieger. Irgendwann im Verlaufe fortgesetzter Betrachtung der Prosawerke Sebalds ist der Punkt erreicht, an dem das Interesse an Überschneidungen dieser Art und an der Fügung der Motivketten in den Vordergrund tritt. Die im Marbacher Katalog zur Sebaldausstellung Wandernde Schatten erstmals veröffentlichten Korsika-Fragmente erlauben vor dem Hintergrund der Wiederaufnahme und Weiterverarbeitung verschiedener Motivreihen im Austerlitzbuch einen tiefen Einblick in die Motivverknüpfungsarbeit des Dichters.

Der Pilot im ersten Anflug auf Korsika heißt Gerald Ashman, er zerfällt im Austerlitzbuch anstandslos in Gerald Fitzpatrick und James Mallord Ashman. Der Pilot im zweiten Anflug heißt Douglas X. Er hat bei Licht besehen gar keinen Namen, Douglas war ein seinerzeit bekannter Flugzeughersteller und ist insofern neben X eine weitere abstrakte Chiffre für einen Flieger. Douglas X ist noch im Zustand blasser Planung, sein Nachfolger ist die Figur mit dem instabilen Namen im Austerlitzbuch, zunächst Dafydd Elias und dann eben Austerlitz. Die Flieger Gerald Ashman, Gerald Fitzpatrick und Douglas X haben nur wenige alle drei verbindende Motive, eins besteht im Broterwerb an einem Institut in Genf. Für Gerald Ashman und Douglas X liegt diese Tätigkeit in der Vergangenheit, sie sind im vorgerückten Alter und können mit dem Verdienten ihre Flugleidenschaft finanzieren. Gerald Fitzpatrick ist jung und kommt während der Zeit am Institut in Genf bei einem Absturz mit seiner Cessna als Liebling der Götter ums Leben.

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