Einmal fragte sie mich, ob ich ein Journalist sei oder ein Schriftsteller. Als ich ihr sagte, daß weder das eine noch das andere ganz zutreffe, wollte sie wissen, was ich jetzt gerade zu Papier bringe, worauf ich ihr wahrheitsgemäß sagte, daß ich mir darüber selbst nicht recht im klaren sei, daß ich aber in zunehmendem Maße das Gefühl habe, es handle sich um einen Kriminalroman. Die Geschichte spiele jedenfalls in Oberitalien, in Venedig, Verona und Riva, und es ginge in ihr um eine Reihe unaufgeklärter Verbrechen und um das Wiederauftauchen einer seit langem verschollenen Person. Luciana fragte mich, ob Limone auch in der Geschichte vorkomme, und ich sagte, nicht nur Limone käme vor in der Geschichte, sondern auch das Hotel und sogar sie selber. Daraufhin ging sie geschwind hinter die Theke zurück, wo sie ihre Arbeit weiter mit der ihr eigenen zerstreuten Genauigkeit erledigte.






Detektivische Schwindelgefühle





Gottfried Benn hat die Kriminalromane als Hirnkaugummi verstanden, also als leichtes Muskeltraining an den Ruhetagen des Leistungsdenkens und -dichtens. Im Brief an einen Freund tut er seine Vorfreude kund auf ein komplettes Wochenende mit Logis in einem Landhaus der Agatha Christie. Trotz Fernsehen und ungeachtet aller anderen Medienkonkurrenz steht auch uns diese schlichte und doch unvergleichliche Freude noch unverändert offen.
Sebald ist uns als noch engerer Freund des Kriminalromans bekannt, beansprucht er doch, einen solchen geschrieben zu haben. Die Schwindel.Gefühle werden im Inneren des Werkes der Wirtin Luciana Michelotti als Kriminalroman vorgestellt.

Nun wird kaum jemand, der mit Sebalds Werk vertraut ist und auch einiges von Arthur Conan Doyle und Agatha Christie gelesen hat, größere Ähnlichkeiten feststellen, von den Qualitätsebenen einmal ganz abgesehen. Was allerdings in gewisser Weise wiederzufinden ist bei Sebald, ist ein Verlangen nach Frieden und auch Behaglichkeit, auf den ersten Blick nicht unähnlich dem, das die Kriminalromane unseren Wochenenden verleihen können. Nicht nur, daß Sebald seinen engsten Vertrauten Logis in einem Landhaus gewährt, und nicht nur die Erinnerung an die im Inneren der Krummenbacher Kapelle herrschende vollkommenen sakrale Stille (SG S. 196),

es findet sich auch eine tiefe Sehnsucht nach einem finalen säkularen Frieden: und ich wanderte in dem Gefühl, daß ich frei sei und ledig, in den Gassen herum, betrat hier und da einen der dunklen, stollenartigen Hauseingänge, las mit einer gewissen Andacht die Namen der fremden Bewohner auf den blechernen Briefkästen und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Weil aber keiner von uns wirklich still nur für sich sein kann und wir alle immer etwas mehr oder weniger Sinnvolles vorhaben müssen, wurde das in mir aufgetauchte Wunschbild von ein paar letzten, an keinerlei Verpflichtung gebundenen Jahren bald schon verdrängt von dem Bedürfnis, den Nachmittag irgendwie auszufüllen, und also fand ich mich, kaum daß ich wußte, wie, in der Eingangshalle des Musée Fisch mit Notizbuch und Bleistift in der Hand (CS S. 7).

Sebald erzählt hier mit dem Mystery-Lächeln seiner Prosa Pascals bekanntes Diktum vom Ursprung allen Unheils nach, eines Unheils, das allein daher rühre, daß der Mensch es nicht auszuhalten vermöge auf seinem Stuhl in seinem Zimmer. An Pascals der Sache nach richtiger Einschätzung kann kein Zweifel bestehen, liefe die Menschheit allerdings auf zu ihrem so bestimmten Ideal, wäre auch das Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit nicht mehr möglich, hätte die gänzlich leere Zeit doch keinerlei Hintergrund mehr, von dem sie sich abheben könnte, um sichtbar zu sein. Wir alle haben wohl, wenn auch unterschiedlich verteilt, beides in uns, das Verlangen nach tiefem Frieden und immerwährender Ruhe ebenso wie das Verlangen nach Erlebnis und Aktion. Sofern Reisen Unrast ist, und was sollte es anders sein, muß das ausgleichende Ruhebedürfnis Sebalds groß sein, denn wir treffen ihn nie zuhaus an. Auch der Schreibtisch ist kein Hort und heimatliches Mobiliar der Ruhe, sondern ein Wandergerät. Sebald schreibt in Limone, dann die ausgehenden Sommermonate in Verona, die Oktoberwochen aber, weil er den Winter nicht mehr erwarten kann in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel (SG S. 187). Dabei ist ihm das Reisen beileibe keine Freude, er ist immer maßlos enttäuscht und wäre, wie er oft meint, viel besser bei seinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben (SG S. 62).

Die Welt wäre nicht gelenkig genug für Evolution, wäre sie beliebig entzifferbar für jedermann, und der Spaß bei der Lektüre von Detektivromanen wäre dahin. Dabei würde es sich dann bei dieser Betrachtung allerdings um einen teuflischen Spaß mit dem Nichts handeln, und bei Sherlock Holmes ist das satanische Element ja auch nie kaschiert worden. Zur satanischen Weltleere, die der Kopfdetektiv benötigt, gehört die Asexualität, die Holmes ebenso kennzeichnet wie Poirot und Nero Wolfe.

Bei Sebald ist Asexualität, als Prokreationsverweigerung, Teil einer großen Weltverwünschung, die wie ein Ruf nach Erlösung klingt. Und in der Tat haben nicht zuletzt die Heiligen Jungfräulichkeit und sexuelle Askese für sich reklamiert, währen Updike vor seinem Tod die Witches of Eastwick durch die Widows of Eastwick bestätigt und Sexualität in das Zentrum eines paganen Hexenkults gerückt hat. Schwer zu sagen letztlich, wo der Teufel steckt, nach der verbreiteten Art der Schwerverbrecher wechselt er wohl ständig den Aufenthaltsort.
Reichen die soweit entdeckten schwachen Züge verwandtschaftlicher Ähnlichkeit hin, um die Selbstanzeige der Schwindelgefühle ernst zu nehmen? Als Detektiv wird Sebald von dunklen Gestalten verfolgt und in der Nähe des Mailänder Bahnhofs tätlich angegriffen, er beschäftigt sich mit den Verbrechen der GRUPPE LUDWIG, er durchmißt die Straßen von Wien, Mailand und Verona nicht weniger eifrig und dicht als Archie Goodwin die von New York, allerdings ohne aufklärende Erfolge:

Obschon ich bisweilen, wenn ich mich an einer Wand einhalten oder gar in einen Hausgang retten mußte, den Beginn einer Lähmung oder Krankheit des Kopfes befürchtete, vermochte ich ihr nicht anders entgegenzuwirken als dadurch, daß ich mich gehend bis spät in die Nacht hinein völlig erschöpfte (SG S. 42). An dieser Lähmung änderte sich auch dann nichts, als ich auf die oberste Galerie des Domes hinaufstieg und von dort aus unter immer wiederkehrenden Schwindelgefühlen das verdüsterte Panorama in Augenschein nahm.... Laufet eilends vor dem Wind, ging es mir durch den Kopf, und zugleich kam mir der rettende Gedanke, daß es sich bei den dort unten kreuz und quer über das Pflaster hastenden Gestalten um nichts anderes handeln konnte als um lauter Mailänder und Mailänderinnen (SG S. 136f). Die Welt ist voller Zeichen und Koinzidenzen, LA PROSSIMA COINCIDENZA (SG S. 123), aber wie sind sie zu verstehen? Relative Weltleere und Verläßlichkeit der Indizien als Grundlage des Detektivgeschäfts fehlen völlig. Sebaldf macht nach guter Detektivart ständig Beweisphotos, aber was können Ablichtungen von Eintrittsbillets, Pizzeriarechnungen oder provisorischen Notausweisen letztlich beweisen. Photos von offenbar enormer Wichtigkeit wie das der beiden italienischen Kafkabuben oder des Taubenschwarms, der von der Piazza her in die Via Roma hineingeflogen kam (SG S. 149), kommen nicht zustande und werden von den feindlichen Mächten verwehrt, Zeugen verweigern die Aussage: Der Photograph in dem Laden nebenan, bei dem ich mich nach den Gründen für die Geschäftsschließung erkundigte, war weder bereit, mir eine Auskunft zu geben, noch konnte ich ihn überreden, von der Vorderfront des Hauses ein Bild für mich aufzunehmen (SG S. 147). Die Schwindel.Gefühle sind kein Hirnkaugummi, keine Unterbrechung des Hochleistungsdichtens, im Gegenteil, sie versetzen die armen grauen Zellen in fiebrige Überhitzung.

Dabei hat Sebald als Detektiv in gewissem Sinne leichtes Spiel, die Frage nach der seit langem verschollenen Person, dem Täter, ist bereits früh schon so gut wie beantwortet: Der Jäger Gracchus. Die eigentlich immer nur enttäuschend bewältigte Krisis am Ende eines jeden Kriminalromans, die Auflösung - omnis lector post solutionem tristis – bleibt uns erspart, umso mehr, als die Antwort keine ist. Denn wer ist il cacciatore, der endlos auf seiner Barke dahinsegelt, und vor allem, was ist sein Verbrechen? Es heißt, Gracchus hinge fest zwischen Leben und Tod wegen einer sexuellen Verfehlung, und die Episode mit seiner Reinkarnation, dem Jäger Hans Schlag und der schönen Romana scheint das zu bestätigen. Aber dann gibt es womöglich weder Verbrechen noch Schuld, sondern, wie Kafka es immer vermutet hat, nur Strafe, denn auch das Unglück der Heiligen, die eigentlich ein ontologisches Alibi haben wider alle schlimmen Taten, ist ihr Geschlecht (NN S. 9). Die Strafe straft die Erbsünde, das alte Unrecht, das der Mensch begangen hat und das in dem Vorwurf besteht, den der Mensch macht und von dem er nicht abläßt, daß ihm ein Unrecht geschehen ist, daß an ihm die Erbsünde begangen wurde (Kafka, Tagebücher, 15.02.20). Der in die Erbsünde verknäulte Vorwurf mag das Geschlecht betreffen oder auch den Tod, mit dem es einerseits kaum weniger verknäult ist. Der Unterschied zwischen Leben und Tod, der durchgreifendste, den wir uns vorstellen können, hat im großen Saldo vielleicht nur geringe Bedeutung.
Die Schwindel.Gefühle sind ein Kriminalroman in dem Sinne, daß sie hinreichend viel Licht ins Dunkel bringen, um uns das Leben zu ermöglichen und Ruhe zu finden für die Zeit der Lektüre, die nicht für ein Wochenende nur gedacht ist. Alles andere ist dem Weltengericht vorbehalten, das uns freisprechen soll von aller Erbschuld und das bereits auf das Jahr 2013 terminiert ist. Das ist die letzte investigative Vermutung und zugleich der letzte Eintrag des Buches überhaupt. Aber, so schwach wie die detektivischen Leistungen Sebalds sind, mag er auch bei diesem Datum einer Fehleinschätzung unterliegen.

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