|
In der schlaflos |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Das Prosawerk besteht im wesentlichen aus den vier Bänden Schwindel.Gefühle, Die Ausgewanderten, Die Ringe des Saturn und Austerlitz; vier Erzählikonen in jeweils einer anderen Bildgattung – oder doch nicht? In den Sebaldstücken hat Oberschelp einige insistierende Motive quer durch die vier Prosabände verfolgt in der Hoffnung, sie würden von der Peripherie aus auf das Zentrum verweisen. Eine ausgewogene Distribution trat dabei nicht zu Tage. Nur das Motiv der Empfangsdamen, als Teil des Wander-/Selyssesmotivs, ist ungefähr gleichmäßig über die vier Bände verteilt. Das Tiermotiv, um ein anderes Beispiel aufzugreifen, prägt SG, RS und AUS nicht unerheblich, AW dagegen kaum. Heilige trifft man zahlreich in SG und RS aber kaum in AW und AUS. Die beiden einzigen Kopulationsszenen des Gesamtwerkes sowie die beiden auffälligen Essensszenen konzentrieren sich mit je einem Exemplar auf SG und RS, AW und AUS gehen leer aus. Vielleicht lassen sich damit auch die Linien einer Einteilung des Prosawerks nachziehen.
|
|
|
|
Man kann also unterscheiden zwischen zwei Wallfahrtsbänden, die weit in die Geschichte zurückgreifen und mithin u.a. auch Heilige aufweisen, und zwei Holocaustbänden mit Beschränkung auf die jüngere Geschichte von Verbrechen und Leid. Die Holocaustbände sind in der Gestaltungsart näher an üblichen Erzählformen, Austerlitz läßt sich mit einigem Zwang als Roman verstehen. Dabei kann der jeweils zweite Band als Steigerung in seiner Reihe und Übertrumpfung des ersten verstanden werden. RS ist mit seinen zehn Kapiteln dichter und reicher noch als SG, AUS deutlich üppiger als die Erzählung Max Aurach, zu der der Roman in einer direkten Linie steht. Das hindert natürlich keinen Leser, das jeweils erste Werk mit oder ohne Grund vorzuziehen, und manch einer wird die Schwindel.Gefühle, das erste große Prosawerk Sebalds überhaupt, besonders gern immer wieder aus Neue öffnen. AUS unterscheidet sich von AW unter anderem durch die starke Berücksichtigung des Tierthemas und überbrückt damit auch die Trennung von den Wallfahrtsbänden.
Diese Sichtweise erklärt vielleicht zusätzlich, warum das Korsikaprojekt,
das auf eine Korsische Wallfahrt zulief, zunächst aufgegeben wurde. Sebald hätte sich hier wohl eine zweite Steigerung in derselben Reihe zugemutet,
auch für ihn keine leichte Aufgabe angesichts des schon erreichten Niveaus.
![]() ![]() Immerhin gibt es ein Photo, das den Dichter in seinen späten Jahren zeigt, souverän und seiner Sache offenbar gewiß: Was könnte mir widerstehen, was wäre mir, mit Hilfe einer Zigarette, nicht möglich? (der Fotograf ist mit der Veröffentlichung nicht einverstanden) Schön ist das Leben In meiner Kuchl Herrgottsfrüh Hockt manchen Tags Die Morgenstund. Zeigt mir ihr Käsiges Licht Wohinter sie mich führt Kurz über lang. Die Katz im Sack Ist schon gekauft S'ist Hunz wie Kunz Und Kind wie Kegl In Haus und Hof. Mir ist mein Tag Versaut. |
|
I was born with the gift of a golden voice.
Die nicht geringste Freude beim Verfassen der Sebaldstücke bestand für den Urheber darin, lange Passagen beim Dichter abzuschreiben. Wer nicht über die Fähigkeit zum Blindschreiben verfügt und obendrein über einen nur noch beschränkt beweglichen Hals, neigt dazu, die Texte beim Schreiben aus dem Kurzzeitgedächtnis in die Tastatur hinein zu verlängern. Vor Gott und den Menschen ist zu bezeugen, daß bei den dabei unvermeidlichen Fehlern das Recht, das richtigere Wort, der feinere Satzbogen ausnahmslos auf der Seite des Dichters lag, nie kam der Gedanke auf, so wie es da steht, könne es eigentlich auch bleiben. Ähnlich muß sich ein mediokrer Schachspieler fühlen, der gegen einen Großmeister antritt. Er hat keine Chance, aber die eigenen Niederlagen lassen in den Glanz der meisterlichen Züge tiefer erleben, als wenn er sie nur nachspielen würde. Eine stille Freude auch, den Übergang von den eigenen Sätzen zu denen des Dichters nicht deutlich zu markieren, eine besondere stille Freude dann, von Freunden auf eine sehr gelungene Stelle angesprochen, zu erläutern, wem sie zuzurechnen sei.
in der Nacht durch die Fenster der Schein der Flammen |
|
Das Faksimile eines Maschinenskripts im Stuttgarter Katalog Zerstreute Reminiszenzen und ergänzend dazu die aus dem Marbacher Katalog Wandernde Schatten sich ergebende Möglichkeit, die Umarbeitung von Textpassagen des Korsikaprojektes in Teile des Austerlitzbuches zu verfolgen erlauben vielleicht eine Vermutung: Das einzelne Wort konnte an seinem Platz bleiben, das Fügen größerer Textblöcke hat Sebald aber sehr wohl Gelegenheit gegeben, sich mehrfach wieder zu lesen. |
|
In einem Aufsatz über Gerhard Roth schreibt Sebald:
Andreas Isenschmid schreibt in der ZEIT anläßlich der Eröffnung der Sebaldausstellung in Marbach auf der einen Seite und des Erscheinens des Gedichtbandes "Über das Land und das Wasser" auf der anderen: Wie oft hat Sebald sich nicht verwandelt – um dann zu bemerken, daß er sich dabei immer nur ähnlicher wurde. Der Sebaldianer wird dem zweiten Teil, der auf Bewegung im Gleichen und Annäherung an einen verborgenen Identitätskern zielt, leichter zustimmen können und sich denken, das Lob des multiplen Wandels sei womöglich ein Reflex noch aus der Zeit, als die Umplazierung der Goldenen Zeit aus der Vergangenheit in die Zukunft Neuwert hatte, alle sich im Fortschritt glaubten und einem Künstler nicht Schlimmeres vorgeworfen konnten als das Ausbleiben einer kompletten Neugeburt zwischen einem Werk und dem nächsten. Nicht alle haben sich davon beeindrucken lassen, und Jahrhunderte zuvor hatte man als Künstler ohnehin versucht, unverändert und still um die Ewige Wahrheit zu kreisen und eben dabei gediegene Individualität gefunden. Auf einer gedachten Skala, die sich von Feofan Grek bis hin zum üblicherweise nach farblichen und geometrischen Gesichtspunkten periodisierten Picasso erstreckt, wäre Sebald deutlich näher bei Feofan zu finden, mit der Maßgabe freilich, daß sein Schaffen um die für immer verlorene Wahrheit kreist.
|
|
In seiner vom Autor in Mühe und Entsagung geschaffenen, für uns so bequemen Leere, ist uns Selysses ein Wegbegleiter, den wir nicht wieder missen wollen. Wir stellen uns hinter ihn und machen uns als ein Selysses der zweiten Reihe seine Welt zu Eigen. Wir schauen auf vom Buch und beim Fenster hinaus, schon mag uns scheinen, als schauten wir wie er. |
|
|
|
L'aurora acaricia amb dits de rosa | |
|
|
|
Von den Lesern wird Sebald unterschiedlich eingeschätzt. Die einen sehen in ihm einen eigentlich nicht weiter erwähnenswerten Epigonen des neunzehnten Jahrhunderts, Adalbert Stifter redivivus, die anderen einen unvergleichlichen Neuerer, wieder andere einen Neuerer zwar aber doch einen vergleichbaren und verweisen etwa auf Claudio Magris. Dessen Wanderungen die Donau entlang können an Sebalds Wanderungen durch den Südosten Englands erinnern, vier Jahre nach Austerlitz hat Magris mit Alla cieca, Blindlings, einen Roman veröffentlicht, in dem die Gegenwart sich in gleicher Weise den Greueln der Vergangenheit verdankt, von der Zukunft nichts Gutes zu erwarten: lo sguardo attonito e dilatato sul mare e su imminenti catastrofi, und die endgültige Auslöschung nur wünschenswert ist: un volcane enorme dovesse emergere dalle acque e far scoppiare tutto in un rosso mare di fuoco.
|
|
|
|
Aus der Vogelperspektive sah ich eine lichtlose Landschaft, durch die ein sehr kleiner Eisenbahnzug dahineilte, zwölf erdfarbene Miniaturwaggons und eine kohlschwarze Lokomotive unter einer nach rückwärts gewandten Rauchfahne, deren Spitze, wie eine große Straußenfeder, fortwährend hin und her gerissen wurde bei der geschwinden Fahrt. Dann wieder Wolkengebirge am Horizont weit über den Dächern und Windmühlen, deren breite Segel, Schlag für Schlag, das Morgengrauen durchteilte; u.v.m. |
|
Die unter dem Normalmaß der domestischen Architektur sind es - die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, der Aussichtspavillon, die Kindervilla im Garten -, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen, wohingegen von einem Riesengebäude wie beispielsweise dem Brüsseler Justizpalast auf dem ehemaligen Galgenberg niemand, der bei rechten Sinnen ist, behaupten kann, daß er ihm gefalle; u.v.m. |
|
Später, als die Schlacht ihren Fortgang nahm, als die Pulvermagazine explodierten und einige der geteerten Schiffsleiber bis an die Wasserlinie herabbrannten, wird alles eingehüllt gewesen sein in einen beizenden, gelbschwarzen über die gesamte Bucht sich wälzenden Rauch; u.v.m. |
|
Von ihm, dem Jäger, wird erzählt, daß er beim Verfolgen einer Gemse – und ist das nicht eine der eigenartigsten Falschmeldungen aller Erzählungen, die je erzählt worden sind? – aus einer Felswand zu Tode gestürzt ist und daß der Kahn, der ihn ans andere Ufer hätte bringen sollen, durch eine falsche Drehung des Steuers, einen Augenblick der Unaufmerksamkeit des Führers die Fahrt verfehlt hat, weshalb er, Gracchus, seither ruhelos auf den irdischen Meeren kreuze; u.v.m. |
|
Er hatte sich des ziemlich vernachlässigten Gartens angenommen, und tatsächlich war ihm ein wahrhaft einmaliges Verwandlungswerk gelungen. Die jungen Bäume, die Blumen, die Blatt- und Kletterpflanzen, die schattigen Efeubeete, die Rhododendren, die Rosensträucher, die Stauden und Boschen – es war alles am Wachsen, und nirgends gab es eine kahle Stelle mehr; u.v.m. |
|
Mir selbst sind Liebesgeschichten, bis auf wenige, beinahe metaphysische Ausnahmen, grundsätzlich absurd vorgekommen. Was mich betrifft, so lebe ich nur, um von der Erde abheben zu können; u.v.m. |
|
Er ist einfach zum Unterrichten von Kindern geboren gewesen – ein echter Melammed, der aus einem Nichts heraus die schönsten Schulstunden halten konnte; u.v.m. |
|
Ich weiß nicht, wie ich mir in den fremden Städten die Lokale aussuche, in die ich einkehre. Einerseits bin ich zu wählerisch und gehe stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe ich mich entscheiden kann; andererseits gerate ich zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehre dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein mir in keiner Weise zusagendes Gericht; u.nicht.v.m. |
|
Es war ein Menschenpaar, das dort drunten lag, auf dem Grund der Grube, dachte ich mir, ein Mann, ausgestreckt über dem Körper eines anderen Wesens, von dem nichts sichtbar war als die angewinkelten, nach außen gekehrten Beine. Und in der eine Ewigkeit währenden Schrecksekunde, in der dieses Bild mich durchfuhr, kam es mir vor, als sei ein Zucken durch die Füße des Mannes gefahren wie bei einem gerade Gehenkten; u.nicht.v.m. |
|
Bei Regensburg überquert er auf seinem Mantel die Donau, macht in der Stadt ein zerbrochenes Glas wieder ganz und entfacht im Herd eines ums Feuer geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Daran schließt Sebald eine seiner schönsten und rätselhaftesten Überlegungen überhaupt an: Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei, die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen; u.v.m. |
|
Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr; u.v.m. |
|
Zu sagen, Sebalds Bücher seien kaum weniger von Tieren als von Menschen bevölkert, wäre, nimmt man die schiere Zahl der auftauchenden Motten, Heringe und Seidenwürmer, eine mörderische Untertreibung; u.v.m. |
|
Er sieht, durch Rembrandt hindurch, den panischen Halsknick an den in Grünewalds Werk überall vorkommenden Subjekten, der die Kehle freigibt und das Gesicht hineinwendet oft in ein blendendes Licht, als den äußersten Ausdruck der Körper dafür, daß die Natur kein Gleichgewicht kennt, sondern blind ein wüstes Experiment macht ums andre und wie ein unsinniger Bastler schon ausschlachtet, was ihr grad erst gelang; u.v.m. |
|
Keineswegs soll hier hinter der Zahl Dreizehn eine Geschichtsphilosophie Sebalds ans Tageslicht gefördert werden. Es ist überhaupt nicht sicher und eher fraglich, ob hinter den Zahlenspielen allzu viel Tiefe steckt. Nach Sebalds Überzeugung ist die Welt sinnlos, und alle wissen das. Umso mehr komme es darauf an alles zu nutzen, was für den Augenblick Sinn verspricht; u.v.m. |
|
Eine ganze Zeitlang habe ich in dem leeren Entree gestanden und bin durch die sogar mitten in der Saison – wenn von einer Saison in Lowestoft überhaupt die Rede sein kann – völlig verlassenen Räume gewandert, ehe ich auf eine verschreckte junge Frau stieß, die mir nach einigem zwecklosen Herumsuchen im Register der Rezeption, einen mächtigen, an einer hölzernen Birne hängenden Zimmerschlüssel reichte; u.v.m. |
|
Ich befand mich damals gerade in einiger Unruhe, weil ich beim Heraussuchen einer Anschrift in einem Telephonbuch bemerkt hatte, daß, sozusagen über Nacht, die Sehkraft meines rechten Auges fast gänzlich verschwunden war. Die mir bis ins einzelne vertrauten Figuren und Landschaften hatten sich aufgelöst, unterschiedslos, in eine bedrohliche schwarze Schraffur; u.v.m. |
|
Alle Prosaarbeiten Sebalds fiktionalisieren also die reale Realität des sebaldnahen Erzählers, Selysses, aber nur flüchtige Blicke ergeben sich auf dessen Lebensrealität, seine reale Realität besteht überwiegend aus Zusatzrealitäten, aus anderen Realitäten als der seines Lebens und aus der Realität anderer. Selysses versenkt sich in die Erinnerung seiner Kindheit, in der er sich als einen ganz anderen vorfindet, ihm wird erzählt von seinen Verwandten in Amerika über andere Verwandte und deren Leben, von Selwyn, von Austerlitz. Dem Leben seines Volksschullehrers Bereyter steigt er mit ähnlicher Intensität nach wie Austerlitz seinen verschwundenen Eltern. Ihm werden Tagebücher anvertraut, das des Ambros Adelwarth oder das der Mutter Max Aurachs, er refiktionalisiert Gelesenes, Stendhals Leben, Kafkas Leben, Joseph Conrad in Afrika und in der Ukraine, die Kaiserin von China. Er träumt, ihm werden Träume erzählt. Er schreibt alles auf, was er erfährt. Selysses verläßt seine reale Welt vollständig, um sich rückhaltlos in Bilder der Hochkunst zu vertiefen, oder, mit nicht geringerer Intensität und Leidenschaft, in Atlanten oder läppische Postkarten. - |





|
Eine Sehnsucht mag uns ankommen, so zu sein wie Selysses, dermaßen absehen zu können von uns selbst, um so offen und fähig zu sein für das andere, ein Rezeptorium und Rezeptakulum bloß für die Welt ohne viel eigene Interessen in ihr. Aber Selysses ist eine Kunstfigur, und die Qual der Transfiguration von Leben in Kunst ist in Sebalds Werk nun wirklich nicht verschwiegen, wir sehen den am Schreibzwang zugrundegehenden Rousseau, wir sehen Casanova, sein Haar schwebt, als Zeichen gewissermaßen der Auflösung seiner Körperlichkeit, wie ein kleines Wölkchen über seinem Haupt, die linke Schulter ein wenig hochgezogen, schrieb er ununterbrochen fort, wir sehen Stendhal und Kafka, wir sehen Grünewald, immer dieselbe Sanftmut, dieselbe Trübsal, dieselbe Unregelmäßigkeit der Augen, verhängt und versunken, seitwärts ins Einsame hin. |
