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Ich lernte ihn 1966 kennen,
als wir beide im German Department der Universität Manchester die Tätigkeit als Lektoren aufnahmen.
Zwar hat ihm das preußische Milieu, dem ich – sechs Jahre älter als er – entstammte,
nie sehr behagt
(wie man seiner Magisterarbeit über Sternheim und seiner Doktorarbeit über Döblin ablesen kann),
doch verstanden wir uns von Anfang an so gut,
dass wir im Januar 1967 zusammenzogen
und bis zum Juli Zimmer an Zimmer in dem Vorort Didsbury wohnten.
Reinbert Tabbert (R.O.P.),
Studienfreund W. G. Sebalds, Anglist und Hochschullehrer, lebt in Reutlingen.
Schwindel.Briefe
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8. Mai 1968
Ja, wo soll man da anfangen? Vielleicht mit einer Razzia auf Literaturhistoriker, wie sie K. K. voller Blutdurst geplant hat? Mit einer Maulschelle für den Liberalismus? Der für seine windschiefen liberalen Inhalte keine andere Sprache & keine anderen Argumente findet als die fauligen Eier, die er in der Hoffnung bebrütet, es könnten daraus doch noch einmal Vögel kommen, denen beim Fliegen nicht schlecht wird.
Ich sehe dich sitzen und ich sähe mich sitzen, in einer derartigen Situation & ich warte mit Interesse auf den Augenblick, wo es irgendeiner dieser akademischen ad-hoc-Büttel so weit treibt, dass mir die Sicherung durchbrennt & ich den anachronistischen Beruf des Satirikers ergreifen muss. Ein einseitiges aber vielleicht unterhaltsames Geschäft. Ich würde mich zunächst an einigen Universitäten einschreiben & mich nach Doktorvätern umtun; sodann ging ich daran, Dissertationen zu entwerfen, die nur ein Vehikel kennten, Lüge. Im Stil & in der Haltung opportun, würde ich die Behausung des Universitätsgeists von innen her zernagen.
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S’hofen I. VIII. 68
Dear R.O.P.,
Grad bloß einen winzigen Brief. Wir sind eben aus Jugoslawien retourgekommen. Wir haben zwar in einem gottverlassenen Nest gehaust, aber selbst bis dorthin, bis in die schierste Unzugänglichkeit, waren sie gedrungen, die Touristen, und vor allen die Deutschen und mit ihnen die Bildzeitung. Am 15. d. M. ziehen wir nach St. Gallen, und es bleiben bis dorthin noch derart viele Dinge zu erledigen, dass es leider mit einem Besuch in T. vorerst nichts werden kann. Kaum komm ich dazu, ein Buch aufzuschlagen. In Jugoslawien ist es mir aber, trotz widrigster Zwischentöne gelungen den Radetzkymarsch, die Kapuzinergruft und den Benvenuto Cellini zu lesen. – Übrigens habe ich in Pag auf Pag
einen kuk Veteranen getroffen, und diesem Friedrich Schiel ist es zu verdanken, dass mich die Reise eher freut als reut. Es war dieser Wiener nämlich der schrecklichste Lügner, der mir in meinem Leben bisher vorgekommen ist. Und er hat Geschichten erzählt, monströs und gedunsen vor phantastischer Unwahrheit. F. Schiel geht auf die achtzig und war unter anderem Weltmeister im Gewichtreissen. Aber ich will Dir mit keinen Details den Mund wässrig machen. Wahrscheinlich will ich versuchen, aus seinen Geschichten einen Einakter zu basteln, der ins Absurde übergeht.
Den M. A. habe ich übrigens, ich weiß nicht, ob ich es schon schrieb, mit distinction, und ich bin es also zufrieden. Je näher übrigens das Datum des 1. Sept. kommt, desto mehr scheint es mir, als hättest Du und Deine weitblickende Signora mit den Prophezeiungen bez. meiner neuen Existenz als Lehrer recht. Irgendwie sausen mir die Hosen; auch habe ich bereits wieder meine alten Schulträume. Es wird übel enden, sag ich mir, es wird übel enden. Da kommt mir gleich die Geschichte in den Sinn von der hässlichen (und bösen) Prinzessin, der sich alle Wörter, die sie sagte, beim Aussprechen in Frösche verwandelten. So wird es mir also gehen. Ich werde lange Ketten von Fröschen meinen Mund verlassen sehen, wenn ich im Begriff zu sprechen bin. Zum äußersten Erstaunen meiner Zuhörer werden sie meinem Mund enthüpfen und darauf nicht etwa verschwinden, sondern herumsitzen, und weitläufig untereinander in ihrer eigenen Sprache Gegenstände verhandeln, die mit denen, die ich im Sinne habe, kaum zu verbinden sein werden. So wird es enden, übel, mit einem quakenden Feld schwabbeligen Grüns.
Vielleicht verstehst du meine Vorsorge. Ich will mich aber nicht wickeln lassen und, sollte die Sache zu schlecht sich anlassen, im nächsten Jahr die Profession wechseln. Ich mag mir auf keine Weise den Garaus machen lassen.
Bleibt mir also bloß noch, Euch ein schönes Sizilien zu wünschen. Als Reiselektüre darf ich vielleicht die Nausikaa empfehlen, wenn ich dadurch nicht zu naseweis bin.
Tanti saluti cordiali
Max x fiancée
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7. 4. 70
Dear R.O.P.
Jetzt hat der Osterhas das Weite gesucht und bloß eine Schale Nachgeschmack hinterlassen. Vom Frühling nicht zu reden. Seit Januar druckst er herum. Aber heut sind die Fenster wieder angelaufen, und die Wolken fahren mit einer gottlosen Geste über den Himmel, äs if there were no end to anything. It is difficult to abstain from poetical lamentation. Disappointed by the small flutter of voices spreading rhymes and rhymes over the roads and into the trees and houses. Suffocating the fragments of what a German scholar called unsere kurze und arme Kindheit. No. I am by no means mute, nor am I altogether speechless. But I am beginning to have much to think and little to say. Daß die Bäume nicht in den Boden wachsen, ist schon ein Wunder.
Manchester hat sich verändert, seit Du hier mit Deiner chinesischen Nudelkiste abgereist bist. The bus fare has doubled. The Times costs eight pence. The precinct is growing. Buildings are getting face-lifts. Stations are being closed. Foreign newspapers are sold. Business is thriving. Continental shops open up. Und so weiter. Aber das nächtliche Gemurmel der urbs sacra mancuniensis ist geblieben, und auch das Gefühl, daß etwas Barbarisches passiert im Bezirk der Conurbation. Man hat die ganze Information zur Hand, aber sie verbindet sich nur dann zu einem Muster, wenn man ihre Trostlosigkeit mit der Hoffnungslosigkeit der Phantasie noch unterbietet. It seems unavoidable.
This summer I shall try to find the house of Consul Meyer in Bordeaux, where Hölderlin was Hofmeister for a couple of months. Probably will tell me more about him to look at the facade of this place, than to read the latest news from the intellectual stock-exchange. The Tui-business. Most of its agents can't think further than a London pigeon can fly. So they can't imagine Hölderlin, walking, in midwinter, from Frankfurt to Bordeaux.
But I must stop. It's twelve o'clock. Have a nice spring and Ix-cordially remembered by yours perpetually Max.
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Poststempel 4. 10. 1973
Mittwoch oder Donnerstag
Dear ROP
zlichsten Dank fier deine usbekische Post. Fiehleicht solltest du doch zu den Kinderbuchschreibern überlaufen. Ist wenigstens ein gottgefälliger Beruf. Und Pädagogik auf einem Nivoh wo sichs noch auszahlt. Mir ists beim Lesen ganz seekrank gewordn. Ein gutes Zeichen.
Von uns nix neies. Aber auch gar nix.
Prag, wo wir auf eine Woche gewesen sind, ist eine staubige Stadt und stinkt stark nach faule Eier. Wahrscheinlich sibirisches Petroleum, was sie mit Holzgeist und Moldauwasser vermischt in ihren Autos fahrn. Ganz wahnsinnige Modelle. Aus dem Kühler hauts ab und zu einen verreckten Fisch heraus. Solche werdn dann geschwind von Passanten aufgelesen und zum Restaurant Moskwa getragen. Dort kommen sie andern Tags als Borschteinlage zu ihrer letzten Verwendung. Es ist also trostlos. Vor allem, wenn man selber als bunzreplikanischer Tourist dauernd taxiert wird. Im Opernhaus ham sie natürlich verkaufte Braut gespielt und im Theater blinde Kuh oder sonst einen Schmarrn und die Marionetten, was ich vor allem hab sehn wollen, sind auf Tournee gewesen, oder vielleicht gar am deutschen Fernsehen. Bücher gibts auch nimmer viel. Bloß Grillparzer, Hebbel und Konsorten.
Und neue Kinderbücher hab ich anständige überhaupts keine aufgetrieben trotz endloser Herumrennerei. So ham mir bloß ein paar Lithos erstanden und ein paar alte Stiche. Mode des 18 sc. Wahr es also schwehrlich
ein Erfolg. Schöne alte Häuser hats natürlich diversester Art. Aber werden bald alle kaputt sein, wenn’s so weiterbröckelt und in den renovierten hocken halt die Bonzen hinter irgend einem grausligen Schreibtisch. Im Restaurant gibts bloß Fleisch. Nicht einmal eine gscheite bemische Melsschpeis. Dauernd Omlette und Sschbinat is auch sehr lang und weilig. Also iberlegs dirs wenn du mal wieder so ein schöns Bild siehst vom Hradschin und gern hinfahrn mechst. Is alls voller Sachsn. Am ungeheuersten aber is es am abends wenn das Motorbootwettrennen auf der Moldau fertig ist. Dann kommen die polnischen Nähmaschinen raus aus dem Versteck und fahrn mit Zickzack-und Hexnstichen übern Himmel. Dazu fahrt die Polzei mit einer ganz wilden Sirene durch die Stadt und macht die ganze Welt verrückt. Fehlt dann nur noch das Erscheinen des Halleyschen Kometen, oder des schwarzen Tiers, atramentum mit Namen, so das Horn eines Esels hat und den Schwanz eines Dromedars. Entre-temps le père se fait de plus en plus vieux, und wartet darauf, aber freilich, daß im zukünftigen Leben Gott den Frommen aus dem
Leviathan ein großes Mahl bereitet.
Jetzt will ich lieber aufhörn. Sonst mach ich noch einen Knopf in die Maschine. Die schlimme Hortografie wirst du schon entschuldigen. Es ist bloße Nachlässigkeit. Ich mag mir einfach nicht bei jedem Wort denken müssen, wie man es jetzt eigentlich schreibt. Manchmal gehz ja auch ganz gut. Zum Schluß noch etwas profanes. Hab nämlich noch ein etwas kürzeres Teilstück vom Döblin, etwa 12 Schreibmaschinenseiten, über Schock und Ästhetik. Wüßtest Du eine germanistische Zeitschrift, die solches eventuell nehmen könnte?? Wenn nicht, ist es auch wurscht. Nur villeicht fallt dir grad was ein.
Also sollst leben Tabbert und auch die Frau und das Kind, Ursolino, besonders, weil es ja noch länger hat. Bei uns ist ja schon der halbe Faden abgewickelt. Kein Wunder daß er
durcheinander kommt.
Mit vielen frnzlichen Grüßen,
Yours everest Antonius De Dominis
umgekommen 1624 † † †
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Poststempel : Wymondham 14.5.1974
DEAR ROP, BRIGITTE AND SO ON –
DA MUß MAN JA DIREKT GRATULIRN & EIN FEINS LEM WINSCHEN DEM AHNUNGSLOSES KIND.
WAS KANN EIM NICHT ALLS BLIHN!! OBER SI HAT JA EIN KREFTIGEN VATTER: SOLL ER GUT OBACHT GEM. – MEINIGE FRAU & KINDERLACH SIN IN DEITSCHLAND. ICH MUß BEI DI GESCHÄFTE BLEIM: DER HUND IST EIN RUHIGER PARTNER MEINER SOLITUDE. DISDERM, SOLLZ LEM. VORWEG DOS KLEINES & DIE MUTTER. SALUTATIONE.
SAMMI OHNVERZAGT. HOFFAKTOR IN
KANDIDIERTE FRICHTE
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