Immer habe ich beim Schachspielen,
wie übrigens auch beim Schreiben,
das Gefühl gehabt,
daß meine Denkfähigkeit vollkommen unterentwickelt sei


  Sebald spielt Schach

Es war gegen halb drei Uhr, als ich das Roches Rouges betrat, müde von dem langen Flug durch die Nacht & der Fahrt an der Küste herunter. Die kühle Eingangshalle wirkte auf mich sogleich wie eine Insel des ewigen Friedens. Die Gäste waren offenbar alle unterwegs oder hatten sich zur Nachmittagsruhe gelegt. Auch vom Personal zeigte sich niemand. Ein schwarzer Pudelhund schlief auf einem Sessel unter einer Fächerpalme, durch die ab & zu ein Luftzug strich, & daneben, auf einem mit weißem Papier gedeckten Tischchen, war ein Schachspiel aufgebaut. Ich setzte mich nieder & schaute mir die geheimnisvollen stummen Figuren an.

Sämtliche in der Vergangenheit gewonnenen & verlorenen Partien waren in der ihnen vorgeschriebenen Grundordnung enthalten, ebenso wie diejenigen, die irgendwann in der Zukunft oder auch gar nie gespielt werden würden, primitive Vernichtungsschlachten, langwierige Belagerungen, todesmutige Ausfälle, die schwierigsten Probleme & die einfachsten Lösungen,


das Giuoco Piano,


das Ruy Lopez,


das Allgaier-Kieseritzky Gambit,


die Verteidigung Philidors

& zahllose andere, von keinem Kopf ganz zu erfassende Abläufe & Konstellationen. Es ist, soviel ich weiß, ungeklärt, bis wie weit das Schachspiel zurückgeht in der Geschichte der frühen Zivilisationen, ob es in China oder Indien, in Babylon oder Ägypten erfunden wurde, doch steht außer Frage, daß die Spieler seit Jahrtausenden über den vierundsechzig schwarzweißen Feldern sich die Gehirne zermartern, stets in der Hoffnung, im nächsten Augenblick oder der nächsten halben Stunde, sei es aufgrund genauesten, alle Variablen bedenkenden Kalküls, sei es durch einen aus der diffusen Umgebung oder dem Körperinneren kommenden Impuls mit einer genialen Wendung sich behaupten zu können in dem von einem letztlich vollkommen willkürlichen Regelsystem gesteuerten, von einer Permutation andauernd in die nächste übergehenden Chaos.


Und immer hat es in der Geschichte des Schachs solche gegeben, die ihrer Spielmanie praktisch ihr ganzes Leben geopfert haben, arabische Kalifen, spanische Könige, böhmische Kaffeehausspezialisten, deutsche Mathematiker, Juden in Brooklyn & in den Vorstädten von Buenos Aires. Weniger im Kampf gegeneinander als in einer als Kampf getarnten, paarweisen Verschwörung gegen das unüberwindliche Brett haben sie ihre Züge & Winkelzüge gemacht in den hintersten Dörfern Galiziens & den größten Metropolen & in irgendeiner Tiroler Sattlerwerkstatt nicht anders als auf den Welttournieren in Monte Carlo, Carlsbad oder Oostende. Bei den wahrhaft dem Schach Verfallenen, mit den obersten Regionen der Kunst Vertrauten wechselt das Spielen selber auch ständig ab mit dem Analysieren des Spiels, mit dem Nachdenken über seinen höheren Sinn & dem Versuch, so etwas wie eine Schachtheorie auszubilden,


Kohtz, Kockelkorn


& Gelbfuss,


Musil,


Traxler,


Tarrasch,


Taubenhaus


& Zuckertort,


Lebreton


& Fournier Saint Amant,


die Berliner Pleiaden, zu denen


Hanstein,


Heydebrandt und von der Lasa

gehörten,


Maroczy,


Marshall,


Niemzowitsch,


sie alle waren auf die eine oder andere Weise bestrebt, die Fehler in den überlieferten Strategien zu finden & ein neues, zuverlässigeres Repertoire zu erstellen, aus dem wiederum, wie sie hofften, eine höhere Ordnung sich würde ableiten lassen.


Im Gegensatz zur Kombinationskunst der Meisterspieler sind meine eigenen Schachkenntnisse immer die unzulänglichsten gewesen. Kaum je erkenne ich die Vielfalt der Möglichkeiten, die sich mir anbieten, kaum je sehe ich weit genug voraus, & gelingt es mir tatsächlich einmal, einen Plan ins Auge zu fassen, so klammere ich mich entweder zu sehr daran oder aber er wird von meinem Gegner sogleich durchschaut & mit dem nächsten Zug zunichtegemacht. Immer habe ich beim Schachspielen, wie übrigens auch beim Schreiben, das Gefühl gehabt, daß meine Denkfähigkeit vollkommen unterentwickelt sei, daß ich allenfalls tappend & tastend vorankomme & daß am inneren Horizont meines Kopfes bei einem gewissen Grad der Anstrengung jedesmal dort, wo ich Ausweg & Antwort vermute, ein schmerzhaft flimmernder Fleck erscheint.


So war es auch jetzt wieder, als ich gleich nach meiner Ankunft in Piana im Foyer des Hotels des Roches Rouges vor der noch ungespielten Partie saß. Wahrscheinlich deshalb begann ich die Figuren auf dem Brett willkürlich hin- & herzuschieben & ebenso willkürlich einmal einen schwarzen Bauern, einen weißen Turm, einen schwarzen Springer & dann die nächste weiße Figur beiseite zu stellen. Der durch diese Rewegungen erwachte Pudelhund sah mir dabei mit einer gewissen Verwunderung zu, bis auf dem Brett nichts mehr übrig war als die beiden Könige, ein weißer & schwarzer Bischof & ein weißer Springer.


Und gerade wie es soweit war, kam Mme XYZ, die etwa vierzigjährige & sehr dunkel & korsisch aussehende Alleinherrscherin des Hotels bei der Terrassentür herein, setzte sich ohne weiteres mir gegenüber & studierte eine zeitlang die fünf noch übrigen Figuren. Je crois, c’est Horwitz, sagte sie schließlich & rückte den Springer auf h6, worauf ich mit dem schwarzen Bischof nach b3 fuhr. Es folgten noch zwei weitere Züge & Gegenzüge & mit dem vierten schon war ich matt. Unwahrscheinlicherweise hatte ich, wie Mme XYZ mir im Anschluß an dieses kurze Endspiel erklärte & wie ich selber durch spätere Nachforschung in der Schachliteratur bestätigt fand, geradezu perfekt die Rolle desjenigen übernommen, der seinerzeit, vor fast genau hundert Jahren in derselben Situation Horwitz gegenüber unterlegen war. Eine erstaunliche Leistung, sagte Mme XYZ, wenn Sie wirklich vom Schach so wenig verstehen wie Sie behaupten.

Aufzeichnungen aus Korsika.
Zur Natur- & Menschenkunde
S. 180ff