Die Korsikaberichte meines großen Vorbildes W. G. Sebald, die wir uns an manchen Originalschauplätzen laut vorgelesen haben, machen sehr deutlich, was man mitbringen muß, um wirkliche Reiseliteratur zu schreiben. Es muß eine Literatur sein, die sich weit über das Niveau von Postkartengrüßen erhebt und wirklich das erzählt, was die Menschen interessiert und betrifft.
In dem Bergdorf Evisa sitzt Sebald in der Nachsaison an einem verregneten Tag in einem Dorfcafé und sieht einem blinden, ärmlich gekleideten Einheimischen zu, wie der sein Glas Pastis trinkt. Das milchige Grau in seinem Getränk korrespondiert eigenartig mit der Farbe seiner erloschenen Augen. Draußen geht im Regen eine schwarz gekleidete Frau vorbei, dann ein Schwein „in die andere Richtung“, notiert Sebald genau. Sonst geschieht nichts. Dann kommen allerdings aus dem Radio korsich-patriotische Lieder und Vorträge, von denen Sebald im Folgenden genauere Kenntnisse mitteilt. Er hat also recherchiert, hat bei der Kellnerin gefragt, vielleicht sogar über die Radiostation etwas in Erfahrung gebracht. Am Ende steht ein in sich abgeschlossenes perfektes Bild.
Bei unserem Besuch gingen dagegen nur Touristen die Straße auf und ab, aus den Lautsprechern der Cafés kam die übliche Welt-Pop-Musik, kein Schwein weit und breit. Was wäre zu tun, um trotzdem Sebald-Literatur zu gewinnen?
Nun, zum einen muß man wohl mehr Zeit mitbringen als wir sie hatten. Auch eine Reise als Einzelperson, meine Frau möge den Gedanken verzeihen, ist ggf. anzuraten, weil man für manche Situationen still und beharrlich wie ein Jäger ansitzen muß.
Als Drittes – und hier nun keimt für jeden modernen Aspiranten der Reiseschriftstellerei wieder Hoffnung auf – muß Gelegenheit zur Recherche gefunden werden. Die Möglichkeit dazu ist in den 15 Jahren, seit Sebald in Evisa war, exponentiell gewachsen, durch das Internet. Ich erwähne nur das Beispiel der melancholischen Musik des Korsen Petru Guelfucci, die ich über das iPhone identifizieren konnte und nun durch Wikipedia- und sonstige Einträge über den Sänger ergänzen kann.



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