Map of the entire Rings of Saturn


Legende

Entwurf: Rick Moody

Mäander durch Die Ringe des Saturn

Start/Ziel: WGS Describes Circumstances of his Walk

Farben
Grün: Eckpunkte
Rot: Flussbiegung
Blau: Mord, Tod und Zerstörung
Braun: Verweis auf andere Werke
Schwarz: Schlinge

Quelle: Beilage zu "Patience (After Sebald)"

Klick auf Tafel --> Fundstelle

Hinweis
His Mother Kills the Successor at 19
And his Wife and Heir wohl nicht erwiesen
China Legalizes Opium Trade (bei Seidenraupenzucht) nicht auffindbar





Klick mit dem Cursor auf eine Tafel --> Sebalds Original!



Marina Warner Rick Moody






Saturns Monde über dem Großen Mäander



W.G.S. beschreibt die Umstände seiner Wanderung

Vielleicht war es darum auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn meiner Reise, daß ich, in einem Zustand nahezu gänzlicher Unbeweglichkeit, eingeliefert wurde in das Spital der Provinzhauptstadt Norwich, wo ich dann, in Gedanken zumindest, begonnen habe mit der Niederschrift der nachstehenden Seiten.

Doch dann hieß es im vergangenen Mai mit einem Mal, daß Michael, den seit ein paar Tagen niemand gesehen hatte, in seinem Bett tot aufgefunden worden sei, auf der Seite liegend und ganz starr schon und mit einem eigenartig rotfleckig verfärbten Gesicht.

Der Entsetzensschauer, der uns nach dem von niemandem erwarteten Ableben Michael Parkinsons durchlief, erfaßte schlimmer wohl als alle anderen die gleichfalls ledige Romanistikdozentin Janine Rosalind Dakyns, ja man darf sagen, daß sie den Verlust Michaels, mit dem sie eine Art von Kinderfreundschaft verband, so wenig verschmerzen konnte, daß sie ein paar Wochen nach seinem Tod selber einer ihren Körper in der kürzesten Zeit zerstörenden Krankheit erlag.

Ich war damals in der Encyclopaedia Britannica auf einen Eintrag gestoßen, in dem es hieß, der Schädel Brownes werde im Museum des Norfolk & Norwich Hospital aufbewahrt.

Die Unsichtbarkeit und Unfaßbarkeit dessen, was uns bewegt, das ist auch für Thomas Browne, der unsere Welt nur als das Schattenbild einer anderen ansah, ein letzten Endes unauslotbares Rätsel gewesen.

Obzwar nirgends eindeutig belegt, ist es mehr als wahrscheinlich, daß Browne die Ankündigung dieser Prosektur nicht entgangen war und daß er dem spektakulären, von Rembrandt in seiner Porträtierung der Chirurgengilde festgehaltenen Ereignis beigewohnt hat, zumal die alljährlich in der Tiefe des Winters stattfindende anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaas Tulp nicht nur für einen angehenden Mediziner von größtem Interesse, sondern darüber hinaus auch ein bedeutendes Datum im Kalender der damaligen, aus dem Dunkel, wie sie meinte, ins Licht hinaustretenden Gesellschaft gewesen ist.

Bezeichnenderweise sind ja die Blicke der Kollegen des Doktors Tulp nicht auf diesen Körper als solchen gerichtet, sondern sie gehen, freilich haarscharf, an ihm vorbei auf den aufgeklappten anatomischen Atlas, in dem die entsetzliche Körperlichkeit reduziert ist auf ein Diagramm, auf ein Schema des Menschen, wie es dem passionierten, an jenem Januarmorgen im Waagebouw angeblich gleichfalls anwesenden Amateuranatomen René Descartes vorschwebte.

Dem eigenen Vorsatz getreu, verzeichnet Browne die in der anscheinend unendlichen Vielfalt der Formen Mal für Mal wiederkehrenden Muster, beispielsweise in seiner Abhand über den Garten des Cyrus dasjenige des sogenannten Quincunx, das gebildet wird von den Eckpunkten eines regelmäßigen Vierecks und dem Punkt, an dem dessen Dia-gonalen sich überschneiden.

Jedenfalls geht aus den Beschreibungen Brownes hervor, daß die Vorstellung von den unendlichen, über jede Vernunftgrenze sich hinwegsetzenden Mutationen der Natur beziehungsweise die aus unserem Denken entstehenden Chimären ihn ebenso fasziniert haben wie dreihundert Jahre später Jorge Luis Borges, den Herausgeber des in vollständiger Fassung erstmals 1967 in Buenos Aires erschienenen Libro de los seres imaginarios.

In solchen Kreisen drehen sich die Gedanken Brownes, am unausgesetztesten vielleicht in seinem 1658 unter dem Titel Hydriotaphia veröffentlichten Diskurs über die damals gerade in einem Feld in der Nähe des Wallfahrtsortes Walsingham in Norfolk aufgefundenen Urnengefäße.

Zug nach Norwich (August 1992)



Die Herrschaft Somerleyton, die sich während des hohen Mittelalters im Besitz der FitzOsberts und Jernegans befand, ist im Verlauf der Jahrhunderte durch eine Reihe, sei es durch Heirat, sei es durch Blut miteinander verbundener Familien gegangen.

Auf den heutigen Besucher macht Somerleyton nicht mehr den Eindruck eines morgenländischen Märchenpalasts.

Bei weitem am dichtesten und grünsten aber schien mir das in der Mitte des geheimnisvollen Geländes gelegene Eibenlabyrinth von Somerleyton, in welchem ich mich so gründlich verlief, daß ich erst wieder herausfand, nachdem ich mit dem Stiefelabsatz vor jedem der Heckengänge, die sich als Irrwege erwiesen, einen Strich gemacht hatte durch den weißen Sand.

Lord Somerleyton hatte mir eines Tages, sagte Hazel, als er mir beim Beschneiden der Rebstöcke in diesem Gewächshaus zerstreuungshalber ein wenig zur Hand ging, die von den Alliierten verfolgte Strategie des Flächenangriffs auseinandergesetzt und mir bald darauf eine große Reliefkarte von Deutschland gebracht, auf der all die Ortsnamen, die mir von den Nachrichtensendungen her bekannt waren, in einer seltsamen Schrift geschrieben standen neben den symbolischen Abbildern der Städte, die, entsprechend der Anzahl der Einwohner, mehr oder weniger Dachgiebel, Zinnen und Türme und darüber hinaus, im Fall der bedeutenderen Plätze, auch noch das jeweilige Wahrzeichen, also zum Beispiel den Kölner Dom, den Frankfurter Römer oder den Bremer Roland aufwiesen.

Niemand scheint damals etwas aufgeschrieben oder erinnert zu haben.

Natürlich wußte ich, daß der Niedergang Lowestofts seit den schweren Wirtschaftskrisen und Depressionen der dreißiger Jahre unaufhaltsam war, doch hatte es, um 1975 herum, als die Bohrinseln aus der Nordsee zu wachsen begannen, auch Hoffnungen auf eine Wende zum Besseren gegeben, Hoffnungen, die sich dann in der dem realen Kapitalismus verschriebenen Ära der Baronin Thatcher immer mehr aufblähten, bis sie sich zuletzt im Spekulationsfieber überschlugen und zusammensanken in nichts.

Dieselbe verschreckte Person ist es auch gewesen, die später in dem großen Speisesaal, in dem ich an jenem Abend als einziger Gast saß, meine Bestellung entgegennahm und die mir bald darauf einen gewiß seit Jahren schon in der Kühltruhe vergrabenen Fisch brachte, an dessen paniertem, vom Grill stellenweise versengten Panzer ich dann die Zinken meiner Gabel verbog.

Hier wurde alljährlich Ende September, wie mir mein vor wenigen Monaten verstorbener Nachbar Frederick Farrar erzählte, zum Beschluß der Regatta ein Wohltätigkeitsball veranstaltet unter der Schirmherrschaft eines Mitglieds des Königlichen Hauses.

In diesem Garten ist es dann auch gewesen, daß Frederick Farrar sein Ende fand, an einem wunderbaren Tag im Mai, als er es, während seines morgendlichen Rundgangs, irgendwie fertigbrachte, mit dem Feuerzeug, das er stets in seiner Tasche trug, seinen Schlafrock in Brand zu stecken.

Nur selten soll es geschehen, daß einer der Fischer Kontakt aufnimmt mit seinem Nebenmann, denn obgleich sie allesamt unverwandt nach Osten blicken und am Horizont die Abenddämmerung und das Morgengrauen aufsteigen sehen, und obgleich sie, wie ich glaube, dabei bewegt werden von denselben unbegreiflichen Gefühlen, ist ein jeder von ihnen doch für sich ganz allein und hat Verlaß nur auf sich selber und auf seine paar wenigen Ausrüstungsgegenstände, auf das Federmesserchen beispielsweise, den Thermosbehälter oder das kleine Transistorradio, aus dem kaum hörbar ein scharrendes Geräusch dringt, so als redeten untereinander die mit den Wellen zurückrollenden Steine.

Tausende von Tonnen Quecksilber, Kadmium und Blei, Berge von Düngemitteln und Pestiziden werden von den Flüssen und Strömen Jahr für Jahr hinausgetragen in den deutschen Ozean.

Ich entsinne mich genau, daß einer jener von schwarzem Gestrichel durchzitterten Kurzfilme, welche die Schullehrer in den fünfziger Jahren von den Kreisbildstellen ausleihen konnten, einen Kutter aus Wilhelmshaven zeigte, der zwischen dunklen, bis an den oberen Bildrand sich auftürmenden Wellen herumfuhr.

An anderer Stelle, in einer 1857 in Wien erschienenen Naturgeschichte der Nordsee lese ich, daß der Hering während der Frühlings- und Sommermonate in ungeahnten Millionen aus den dunklen Tiefen steige, um in den Küstengewässern und seichten Meeresgründen schichtenweise übereinandergelagert zu laichen.

Ich hatte die Strandfischer längst hinter mir gelassen, als ich am frühen Nachmittag den halbwegs zwischen Lowestoft und Southwold hinter einer Kiesbank gelegenen Brackwassersee Benacre Broad erreichte.

Vielleicht ist es diese Verdüsterung gewesen, die mich daran erinnerte, daß ich vor mehreren Monaten aus der Eastern Daily Press einen Artikel ausgeschnitten hatte über den Tod des Majors George Wyndham Le Strange, dessen Domizil das große steinerne Herrenhaus von ITenstead jenseits des Brackwassersees gewesen war.

Le Strange habe, so hieß es in dem Artikel, während des letzten Krieges in dem Panzerabwehrregiment gedient, das am 14. April 1945 das Lager von Bergen Belsen befreite, sei aber, unmittelbar nach dem Waffenstillstand, aus Deutschland zurückgekehrt, um die Verwaltung der Güter seines Großonkels in der Grafschaft Suflfolk zu übernehmen, die er, wie ich von anderer Seite weiß, zumindest bis Mitte der fünfziger Jahre in vorbildlicher Weise bewirtschaftete.

Zu jener Zeit war es auch, daß Le Strange sich die Haushälterin verschrieb, der er zuletzt sein gesamtes Vermögen vermachte, die Ländereien in Suffolk sowohl als einen auf mehrere Millionen Pfund geschätzten Immobilienbesitz in der Innenstadt von Birmingham.

Eine Viertelstunde südlich von Benacre Broad, wo der Strand sich verengt und ein Stück Steilküste beginnt, liegen wüst durcheinander ein paar Dutzend toter Bäume, die vor Jahren schon von den Klippen von Covehithe heruntergestürzt sein müssen.

Allezeit, schreibt Markus, war er auf der Totenstätte in den Bergen und schrie und heulte und hieb auf sich ein mit Steinen. Nach seinem Namen befragt, antwortete er: Legion heiße ich, denn wir sind unser viele und bitten, treibt uns nicht aus aus dieser Gegend.

Hinter einem niedrigen Elektrozaun lagerte da eine an die hundert Stück zählende Schweineherde auf der von ein paar mageren Kamillenbüscheln bewachsenen braunen Erde.

Mich erinnerte all das an die Geschichte, die der heilige Evangelist Markus erzählt aus der Gegend der Gadarener und die unmittelbar anschließt an die ungleich bekanntere von der Besänftigung des Sturms auf dem See Genezareth.

Viele Jahre später las ich dann in der 1940 in Salto Oriental in Argentinien verfaßten Schrift Tlön, Uqbar, Orbis Tertius von der Rettung eines ganzen Amphitheaters durch ein paar Vögel.

Ungestalt gleich einer großen, ans Land geworfenen Molluske lagen sie da, scheinbar ein Leib, ein von weit draußen hereingetriebenes, vielgliedriges, doppelköpfiges Seeungeheuer, letztes Exemplar einer monströsen Art, das mit flach den Nüstern entströmendem Atem seinem Ende entgegendämmert.

In der Stadt mit Blick auf den Leuchtturm



Ich fühlte mich wie in einem leeren Theater, und es hätte mich nicht gewundert, wenn vor mir auf einmal der Vorhang aufgegangen und auf dem Proszenium beispielsweise der 28. Mai 1672 wieder heraufgekommen wäre, jener denkwürdige Tag, an dem dort draußen die holländische Flotte, das strahlende Morgenlicht hinter sich, aus dem über der See treibenden Dunst auftauchte und das Feuer eröffnete auf die in der Bucht vor Southwold versammelten englischen Schiffe.

Es ist übrigens nie richtig klargeworden, welche der beiden Parteien in diesem um die Erpressung wirtschaftlicher Vorteile geführten Seekampf vor Southwold letzten Endes die siegreiche gewesen ist, doch gilt es als ausgemacht, daß der holländische Niedergang mit einer, am Gesamtaufwand der Schlacht gemessen, kaum tarierbaren Verschiebung der Kräfte hier seinen Anfang genommen hat, während andererseits die nahezu bankrotte, diplomatisch isolierte und durch den holländischen Überfall auf Chatham schwer gedemütigte englische Regierung, trotz eines scheinbar völligen Mangels an Strategie und einer am Rande der Auflösung sich befindenden Marineverwaltung, dank vielleicht allein des damaligen Spiels des Windes und der Wellen ihre so lange ungebrochene Vorherrschaft über die Meere einleiten konnte.

Weiter und weiter schaute ich hinaus auf das Meer, bis dorthin, wo die Finsternis am dichtesten wurde, und wo, kaum mehr zu erkennen, eine sehr seltsam geformte Wolkenbank sich erstreckte, die rückseitige Ansicht wohl des am Spätnachmittag über Southwold niedergegangenen Wetters.

Die Gipfelregionen dieses tintenfarbenen Gebirges gleißten in ihren höchsten Höhen noch eine Weile wie die Eisfelder des Kaukasus, und indem ich sie allmählich erlöschen sah, fiel mir wieder ein, daß ich vor Jahren einmal im Traum ein ebensolches fernes und fremdes Gebirge seiner ganzen Länge nach durchwandert hatte.

So unbegreiflich mir diese Dinge von jeher gewesen sind, so unmöglich war es mir auch an jenem Abend auf dem Gunhill von Southwold, wirklich zu glauben, daß ich vor genau einem Jahr vom holländischen Strand aus nach England hinübergeschaut hatte.

Als ich den kleinen Kanal erreichte, der den Stationsweg kreuzt, glitt auf einmal quer über die Fahrbahn an mir vorbei, als sei sie aufgetaucht aus dem Nichts, eine mit Lichtern bestückte, chromglänzende amerikanische Limousine mit offenem Verdeck, in der ein Zuhälter in einem weißen Anzug saß, mit einer goldumrandeten Sonnenbrille und einem lachhaften Tirolerhut auf dem Kopf.

Ich bin daher in einer ziemlich schlechten Verfassung gewesen, als ich am nächsten Vormittag im Mauritshuis vor dem beinahe vier Quadratmeter großen Gruppenporträt Die anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaas Tulp stand.

Vielmehr fühlte ich mich, ohne daß ich genau gewußt hätte warum, von der Darstellung derart angegriffen, daß ich später bald eine Stunde brauchte, bis ich mich vor Jacob van Ruisdaels Ansicht von Haarlem mit Bleichfeldern einigermaßen wieder beruhigte.

Diderot hat Holland in seinem Reisebericht als das Ägypten Europas beschrieben, wo man in einem Boot über die Felder dahinfahren kann und wo, so weit das Auge reicht, kaum etwas über die überschwemmten Ebenen hinausragt.

Gegen Abend, in Amsterdam, saß ich in dem stillen, mit alten Möbeln, Bildern und Spiegeln ausgestatteten Salon eines mir von früher her bekannten Privathotels am Vondelpark und machte verschiedene Aufzeichnungen über die Stationen meiner nun beinahe abgeschlossenen Reise, über die in Bad Kissingen mit allerhand Nachforschungen verbrachten Tage, über den Panikanfall in Baden, die Bootsfahrt auf dem Zürcher See, die Glückssträhne in der Lindauer Spielbank, den Besuch in der Alten Pinakothek und den am Grab meines Namenspatrons in Nürnberg, von dem die Legende berichtet, daß er ein Königssohn gewesen sei aus Dacien oder Dänemark, der sich in Paris vermählt habe mit einer französischen Prinzessin.

Jahrhunderte später, im Mai 1507, beschließt das Nürnberger Patriziat, durch den Rotschmied Peter Vischer für den heiligen himelsfursten Sand Sebolten ein sarch von messing machen zu lassen.

Das Flughafengebäude von Schiphol am nächsten Morgen war erfüllt von einer so wunderbar gedämpften Stimmung, daß man glauben konnte, man befinde sich schon ein Stück jenseits der irdischen Welt.

Das kleine Propellerflugzeug, das zwischen Amsterdam und Norwich verkehrt, stieg zuerst der Sonne entgegen, ehe es in westlicher Richtung abdrehte.

So ungefähr werden sie wohl gewesen sein, meine Erinnerungen an den ein Jahr zurückliegenden Aufenthalt in Holland, als ich an jenem Abend allein auf dem Gunhill von Southwold saß.

Es gibt in Southwold, das ist hier noch anzufügen, ein kleines Häuschen oberhalb der Promenade, in dem der sogenannte Sailors Reading Room untergebracht ist, eine gemeinnützige Einrichtung, die, seit die Seeleute am Aussterben sind, in erster Linie als eine Art maritimes Museum dient, in dem alles mögliche mit der See und dem Seeleben in Verbindung Stehende zusammengetragen und aufgehoben wird.

Es war, wie es sich erwies, eine photographische Geschichte des Ersten Weltkriegs, zusammengestellt und veröffentlicht im Jahr 1933 von der Redaktion des Daily Express, sei es zum Andenken an das zurückliegende Unheil, sei es zur Warnung vor dem, das jetzt heraufzog.

... zeigt den durchlöcherten, mit erzherzoglichem Blut getränkten Uniformrock Franz Ferdinands.

Der Artikel, der von den in Bosnien vor fünfzig Jahren von den Kroaten im Einvernehmen mit den Deutschen und Österreichern durchgeführten sogenannten Säuberungsaktionen handelte, begann mit einer Beschreibung einer von Milizmännern der kroatischen Ustascha offenbar zu Erinnerungszwecken aufgenommenen Photographie, auf der die in bester Stimmung sich befindenden, teilweise in heroischen Posen sich präsentierenden Kameraden einem Serben namens Branco Jungic mit einer Säge den Kopf abschneiden.

In den Jahren nach dem Krieg soll der schon zu Beginn seiner Laufbahn so vielversprechende, verwaltungstechnisch überaus versierte Offizier aufgestiegen sein in verschiedene hohe Ämter, unter anderem sogar in das des Generalsekretärs der Vereinten Nationen.

In dieser letzteren Eigenschaft ist es angeblich auch gewesen, daß er, für allfällige außerirdische Bewohner des Universums, eine Grußbotschaft auf Band gesprochen hat, die jetzt, zusammen mit anderen Memorabilien der Menschheit, an Bord der Raumsonde Voyager II die Außenbezirke unseres Sonnensystems ansteuert.

Southwold



Am Abend des zweiten Tages nach meiner Ankunft in Southwold brachte die BBC im Anschluß an die Spätnachrichten eine Dokumentation über den mir bis dahin unbekannt gewesenen, im Jahr 1916 in einem Londoner Gefängnis wegen Hochverrats hingerichteten Roger Casement.

Und als ich Stunden später im ersten Morgengrauen aus einem schweren Traum erwachte und das Testbild in dem stummen Kasten vor mir zittern sah, da erinnerte ich mich bloß noch daran, daß eingangs des Programms die Rede davon gewesen war, wie der Schriftsteller Joseph Conrad Casement im Kongo kennengelernt und ihn, unter den teils von dem tropischen Klima, teils von ihrer eigenen Habsucht und Gier korrumpierten Europäern, denen er dort begegnete, für den einzigen geradsinnigen Menschen gehalten hat.

Am Ende des Sommers 1862 reiste Mme. Evelina Korzeniowska mit ihrem damals noch nicht ganz fünfjährigen Knaben Teodor Josef Konrad von der kleinen podolischen Stadt Zitomir nach Warschau, um sich ihrem Gemahl Apollo Korzeniowski anzuschließen, der bereits im Frühjahr sein wenig ertragreiches Gutsverwalterdasein aufgegeben hatte in der Absicht, durch literarische und politisch-konspirative Arbeit die von so vielen ersehnte Erhebung gegen die russische Tyrannei vorbereiten zu helfen.

Anfang April 1865, achtzehn Monate nach der Abreise von Novofastov, stirbt die zweiunddreißigjährige Evelina Korzeniowska im Exil an den Schatten, die die Tuberkulose in ihrem Körper ausgebreitet hat, und an dem Heimweh, das ihre Seele zersetzte.

Apollo Korzeniowski: Nach einem kurzen Aufenthalt in Lemberg, wo es ihm zu österreichisch ist, bezieht er ein paar Zimmer in der Poselska-Straße in Krakau.

Wie für Evelina so kam der Tod für Apollo im Frühjahr, als es draußen zu tauen begann, doch es war ihm nicht vergönnt, an ihrem Jahrtag aus dem Leben zu scheiden.

1875 überquert Konrad Korzeniowski auf dem Dreimaster Mont Blanc zum erstenmal den Atlantischen Ozean.

Korzeniowski ist vielfach verstrickt, verbraucht weit mehr als er hat und erliegt den Verführungen einer geheimnisvollen, mit ihm etwa gleichaltrigen, aber nichtsdestoweniger bereits im Witwenstand sich befindenden Dame.

Es muß zwar dahingestellt bleiben, ob Rita und Paula wirklich miteinander identisch waren, aber daß der junge Korzeniowski die Gunst einer dieser, sei es als Ziegenmädchen im katalonischen Hochland, sei es als Gänsehirtin am Plattensee aufgewachsenen Damen zu erlangen suchte, das steht ebenso außer Frage wie die Tatsache, daß die in manchem ans Phantastische grenzende Liebesgeschichte ihren Höhepunkt Ende Februar 1877 erreichte, als Korzeniowski sich entweder selber durch die Brust schoß oder von einem Rivalen durch die Brust geschossen wurde.

In Wirklichkeit freilich wurde ein anderer Schlußstrich unter die französischen Lehrjahre Korzeniowskis gezogen, als er am 24. April 1878 mit dem Steamer Mavis Marseille in Richtung Konstantinopel verließ.

Am Abend, wenn die Dunkelheit über dem Meer heraufzog, spazierte er wohl auf der Esplanade, ein einundzwanzig Jahre alter Fremder, einsam unter lauter Engländern und Engländerinnen.

Im Februar 1890, also zwölf Jahre nach der Ankunft in Lowestoft und über fünfzehn Jahre nach dem Abschied auf dem Krakauer Bahnhof, kehrt Korzeniowski, der inzwischen die britische Staatsbürgerschaft und das Kapitänspatent erworben hat und in den fernsten Teilen der Welt gewesen ist, erstmals nach Kazimierowska in das Haus seines Onkels Tadeusz zurück.

Bordeaux, Teneriffa, Dakar, Conakry, Sierra Leone, Kotonou, Libreville, Loango, Banane, Boma - nach vier Wochen zur See erreichte Korzeniowski endlich den Kongo, eines der fernsten Traumziele seiner Kindheit.

Tatsächlich gibt es in der ganzen, größtenteils noch ungeschriebenen Geschichte des Kolonialismus kaum ein finstereres Kapitel als das der sogenannten Erschließung des Kongo.

Ein paar Tage schon ist Korzeniowski in der von einem ununterbrochenen Tosen erfüllten, an einen riesigen Steinbruch ihn erinnernden Arena, als er, wie er später seinen Stellvertreter Marlow in Heart of Darkness erzählen läßt, ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals auf einen Platz stößt, an dem die von Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen.

Nahezu vierzig Tage dauert der Marsch, und während dieser Zeit beginnt Korzeniowski zu begreifen, daß die Mühen, unter denen er zu leiden hat, ihn nicht von der Schuld befreien, die er durch seine bloße Anwesenheit im Kongo auf sich lädt.

Mitte Januar 1891 kommt er in Ostende an, in demselben Hafen, den in wenigen Tagen ein gewisser Joseph Loewy an Bord des nach Borna gehenden Dampfschiffs Belgian Prince verläßt.

Zwei Jahre nach diesem denkwürdigen Ereignis bekommt Loewy, der inzwischen zum Chef des gesamten Handelsdienstes aufgestiegen ist, bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung des letzten Teilstücks der Kongo-Bahn von König Leopold persönlich die Goldmedaille des Ordre du Lion Royal verliehen.

Tatsächlich gibt es in Belgien bis auf den heutigen Tag eine besondere, von der Zeit der ungehemmten Ausbeutung der Kongokolonie geprägte, in der makabren Atmosphäre gewisser Salons und einer auffallenden Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierende Häßlichkeit, wie man sie anderwärts nur selten antrifft.

Der Inbegriff aber der belgischen Häßlichkeit ist für mich seit meinem ersten Besuch in Brüssel das Löwenmonument und die ganze sogenannte historische Gedenkstätte auf dem Schlachtfeld von Waterloo.

In einer Art Bühnenlandschaft unmittelbar unterhalb der hölzernen Balustrade liegen zwischen Baumstümpfen und Strauchwerk lebensgroße Rösser in dem von Blutspuren durchzogenen Sand, außerdem niedergemachte Infanteristen, Husaren und Chevaulegers mit vor Schmerzen verdrehten oder schon gebrochenen Augen, die Gesichter aus Wachs, die Versatzstücke, das Lederzeug, die Waffen, die Kürasse und die farbenprächtigen, wahrscheinlich mit Seegras, Putzwolle und dergleichen ausgestopften Uniformen jedoch allem Anschein nach authentisch.

Am anderen Ende der Stube saß eine bucklige Rentnerin in dem trüben, durch die belgischen Butzenscheiben einfallenden Licht.

Casement, von dem Korzeniowski einem Londoner Bekannten gegenüber äußerte, daß er Dinge berichten könnte, die er, Korzeniowski seit langem zu vergessen versuche, machte in einer dem Foreign Secretary Lord Lansdowne vorgelegten Denkschrift genaue Angaben über die durch keinerlei Rücksichtnahme gemilderte Ausbeutung der Schwarzen, die auf sämtlichen Baustellen der Kolonie ohne Löhnung, nur auf das notdürftigste ernährt und häufig aneinandergekettet und nach festgesetztem Rhythmus von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und letzten Endes bis zum sprichwörtlichen Umfallen zu arbeiten gezwungen waren.

Casement jedoch war nicht bereit, auf die Seite der Macht überzuwechseln; ganz im Gegenteil beschäftigten ihn in zunehmendem Maße die Natur und der Ursprung dieser Macht und der aus ihr geborenen imperialistischen Mentalität.

Als sich die irische Frage in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zuspitzte, begann Casement die Sache »der weißen Indianer von Irland« zu der seinen zu machen.

Wie nicht anders zu erwarten, wurde Casement am Ende der Verhandlungen im Old Bailey des Hochverrats für schuldig befunden.

Um allfällige Gnadengesuche von einflußreicher Seite zu unterbinden, wurden Auszüge aus dem bei der Durchsuchung der Wohnung Casements aufgefundenen, sogenannten schwarzen Tagebuch, das eine Art Chronik der homosexuellen Beziehungen des Angeklagten enthält, an den englischen König, an den Präsidenten der Vereinigten Staaten und an den Papst weitergeleitet.

Von Southwold nach Walberswick



Unweit der Küste zwischen Southwold und der Ortschaft Walberswick führt eine schmale eiserne Brücke über den Blyth, auf dem vor Zeiten einmal schwere Wollschiffe seewärts gegangen sind.

Die Brücke über den Blyth ist 1875 gebaut worden für eine zwischen Haiesworth und Southwold verkehrende Schmalspurbahn, deren Waggons, wie von verschiedenen Lokalhistorikern behauptet wird, ursprünglich bestimmt waren für den Kaiser von China.

Was das Wappentier selber betrifft, so enthält das eingangs dieses Berichts schon zitierte Libro de los seres imaginarios eine ziemlich komplette Taxonomie und Beschreibung der östlichen Drachen, derjenigen des Himmels ebenso wie derjenigen der Erde und des Meeres.

Drachen tragen, heißt es von den einen, auf ihrem Rücken die Paläste der Götter, während die anderen angeblich den Lauf der Bäche und Flüsse bestimmen und die unterirdischen Schätze behüten.

Die mehr als sechstausend Mitglieder des ausschließlich aus Eunuchen und Frauen bestehenden kaiserlichen Haushalts umkreisten zu jeder Minute des Tages und der Nacht auf genau abgezirkelten Bahnen den einzigen männlichen Einwohner der hinter purpurfarbenen Mauern verborgenen verbotenen Stadt.

Bald wälzte sich ein ständig wachsendes Heer von heiligen Kämpfern von Kwangsi aus nordwärts, überschwemmte die Provinzen Hunan, Hupeh und Anhwei und stand zu Frühjahrsbeginn 1853 vor den Toren der mächtigen Stadt Nanking, die nach zweitägiger Belagerung gestürmt und zur himmlischen Hauptstadt der Bewegung ausgerufen wurde.

Die Niederschlagung der Taipingrebellion wäre wahrscheinlich unmöglich gewesen, hätten nicht die in China sich befindenden britischen Armeekontingente nach der Beilegung ihrer eigenen Kämpfe mit den kaiserlichen Heeren sich diesen zur Seite gestellt.

Der Höhepunkt des mit den größten logistischen Schwierigkeiten verbundenen Unternehmens wurde im August 1860 erreicht, als achtzehntausend britische und französische Streitkräfte in der Bucht von Pechili, kaum hundertfünfzig Meilen von Peking, an Land gingen und, unterstützt von einem in Kanton rekrutierten Heer von chinesischen Hilfstruppen, die von Salzsümpfen, tiefen Gräben, enormen Erdwällen und Bambuspalisaden umgebenen Forts von Taku an der Mündung des Peihoflusses entnahmen.

Der trotz seiner jungen Jahre gesundheitlich äußerst geschwächte, an der Wassersucht leidende Kaiser Hsien-feng entzog sich der drohenden Konfrontation, indem er am 22. September inmitten eines ungeordneten Haufens von Hofeunuchen, Mauleseln, Gepäckskarren, Tragsesseln und Sänften aufbrach an seinen Zufluchtsort Jehol jenseits der großen Mauer.

Der wahre Grund für die Brandschatzung des Yuan Ming Yuan lag, wie man annehmen muß, in der unerhörten Provokation, welche die aus der irdischen Wirklichkeit geschaffene, jede Idee von der Unzivilisiertheit der Chinesen sogleich vernichtende Paradieswelt darstellte für die selber unendlich weit von zu Hause abgekommenen, an nichts als Zwang, Entbehrung und die Abtötung ihrer Sehnsucht gewohnten Krieger.

Ende des Monats,nach dem in Yuan Ming Yuan statuierten Exempel, sahen sich die Amtswalter des Kaisers gezwungen, ohne weiteren Verzug den immer wieder vertagten Frieden von Tientsin zu unterzeichnen, dessen Hauptklauseln sich, abgesehen von den neuerlichen, kaum zu bewältigenden Reparationsforderungen, auf das Recht des freien Verkehrs und der ungehinderten Missionstätigkeit im Inneren des Landes sowie auf die Aushandlung eines Zolltarifs zum Zweck der Legalisierung des Opiumhandels bezogen.

Als am Morgen des 1. November der Leichenzug endlich sein Ziel erreicht hatte, waren zu beiden Seiten der auf die Tore der verbotenen Stadt zuführenden, mit gelbem Sand bestreuten Straße Sichtblenden aus blauer Nankingseide aufgestellt, damit nicht das gewöhnliche Volk seine Blicke werfen konnte auf das Antlitz des fünfjährigen Kinderkaisers Tz’ung-chih, den Hsien-feng in seinen letzten Tagen noch zum Anwärter des Drachenthrons ernannt hatte und der jetzt, hinter den sterblichen Resten seines Vaters, zusammen mit seiner aus dem Konkubinat aufgestiegenen, bereits den erlauchten Titel Kaiserin witwe führenden Mutter Tz’u-hsi auf einem gepolsterten Palankin heimgebracht wurde in sein Haus.

Tatsächlich verstarb Tung-chih wenige Wochen später am 12. Januar 1875.

Kaum daß die Trauerzeremonien ordnungsgemäß abgeschlossen waren, vergiftete sich mit einer schweren Dosis Opium die siebzehnjährige, zu jener Zeit, wie es in verschiedenen Quellen heißt, hochschwangere Gemahlin des unter die Ahnen gegangenen Kaisers.

Die Art, in welcher sich die ansonsten äußerst konservativ eingestellte Kaiserinwitwe nötigenfalls hinwegzusetzen vermochte über die ehrwürdigsten Traditionen, war eines der Anzeichen ihres von Jahr zu Jahr rücksichtsloser werdenden Anspruchs auf unumschränkte Ausübung der Macht.

Zwischen sieben und zwanzig Millionen - genaue Berechnungen sind nie angestellt worden - sollen größtenteils in Shansi, Shensi und Shantung an Hunger und Erschöpfung zugrunde gegangen sein.

Die Hauptstadt und ihre Umgebung blieben zwar von den schlimmsten Auswirkungen der Dürre verschont, doch ließ die Kaiserinwitwe, als die Unglücksbotschaften aus dem Süden eintrafen, jeweils zu der Stunde, da der Abendstern aufgeht, den Seidengöttern ein Blutopfer darbringen in ihrem Tempel, damit es den Raupen nicht mangeln möge an frischem Grün.

Zehn Jahre lang siechte Kuang-hsu in seinem Exil auf der Paradiesinsel dahin, bis ihn im Ausgang des Sommers 1908 die verschiedenen Leiden - chronische Kopf- und Rückenschmerzen, Nierenkrämpfe, extreme Licht- und Lärmempfindlichkeit, Lungenschwäche und schwere Depression - , die ihn seit dem Tag seiner Entmachtung mehr und mehr geplagt hatten, endgültig überwältigten.

Die dreiundsiebzigjährige Kaiserinwitwe, die so planvoll die Zerstörung seines Körpers und seines Geistes betrieben hatte, überlebte ihn, seltsamerweise, nicht einmal um einen einzigen Tag.

Sie sehe jetzt, sagte sie, indem sie zurückblicke, wie die Geschichte aus nichts bestehe als aus dem Unglück und den Anfechtungen, die über uns hereinbrechen, Welle um Welle wie über das Ufer des Meers, so daß wir, sagte sie, im Verlauf all unserer Erden tage auch nicht einen Augenblick erleben, der wirklich frei ist von Angst.

The night of time, schreibt Thomas Browne in seinem 1658 verfaßten Traktat The Garden of Cyrus, far surpasseth the day and who knows when was the Aequinox?

Derlei Gedanken hatte auch ich im Kopf, als ich von der Brücke über den Blyth ein Stück weit entlang der aufgelassenen Bahnstrecke ging und dann von dem höher gelegenen Gelände hinab in die Marschebene, die sich von Walberswick südwärts erstreckt bis nach Dunwich, einer nur mehr aus wenigen Häusern bestehenden Ortschaft.

All das ist untergegangen und liegt, über zwei, drei Quadratmeilen verstreut, unter Schwemmsand und Schotter draußen auf dem Boden des Meers.

Algernon Swinburne beispielsweise kam in den siebziger Jahren mit seinem Fürsorger Theodore Watts Dunton mehrmals hierher, wenn die mit dem Londoner literarischen Leben verbundenen Aufregungen seine von frühester Kindheit an überspannten Nerven zu zerreißen drohten.

Abgesehen davon jedoch blieb die Frage, wie aus solch lebenstüchtigen Geschlechtern ein beständig in der Gefahr des Nervenzusammenbruchs schwebendes Wesen hervorgehen konnte, ein Paradoxon, an dem die angelegentlich mit Herkunft und Vererbung beschäftigten Biographen Swinburnes lange herumrätselten, ehe sie übereinkamen, den Dichter der Atalanta als ein jenseits aller natürlichen Möglichkeit, gleichsam aus dem Nichts entstandenes epigenetisches Phänomen zu bezeichnen.

Wiederholt, so fährt er fort, habe er beim Anblick Swinburnes an die aschgraue Seidenraupe, Bombyx mori, denken müssen, sei es aufgrund der Art, wie er, Stückchen für Stückchen, die ihm vorgesetzten Speisen vertilgte, sei es, weil er aus dem Halbschlummer, der ihn nach Beendigung des Mittagsmahls überkam, unvermittelt zu neuem, von elektrischer Energie durchzucktem Leben erwachte und mit flatternden Händen gleich einem aufgescheuchten Falter in seiner Bibliothek herumhuschte und die Staffeleien und Leitern auf und ab kletterte, um die eine oder andere Kostbarkeit aus den Regalen zu holen.

Heide von Dunwich



In Norfolk und Suffolk sind es hauptsächlich Eichen und Ulmen gewesen, die über die Ebenen und in ununterbrochenen Wellen über die leichten Anhöhen und durch die Senken gingen bis hin an das Ufer des Meers.

Die rückläufige Entwicklung setzte ein mit dem Auftauchen der ersten Siedler, die an den regenarmen östlichen Küstenstrichen, wo sie sich niederlassen wollten, Feuerbrände legten.

Die Verkohlung der höheren Pflanzenarten, die unaufhörliche Verbrennung aller brennbaren Substanz ist der Antrieb für unsere Verbreitung über die Erde.

In die unablässig in meinem Kopf sich drehenden Gedanken verloren und wie betäubt von dem wahnsinnigen Blühen, wanderte ich auf der hellen Sandbahn dahin, bis ich zu meinem Erstaunen, um nicht zu sagen zu meinem Entsetzen, mich wiederfand vor demselben verwilderten Wäldchen, aus dem ich vor etwa einer Stunde oder, wie es mir jetzt schien, in irgendeiner fernen Vergangenheit hervorgetreten war.

Monate nach diesem mir bis heute unbegreiflich gebliebenen Erlebnis bin ich in einem Traum abermals auf der Heide von Dunwich gewesen, bin wieder über die unendlich verschlungenen Wege gegangen und habe wieder nicht aus dem, wie ich glaubte, eigens für mich angelegten Irrgarten herausgefunden.

Todmüde und schon bereit, mich irgendwo niederzulegen, gelangte ich bei Einbruch der Dämmerung an einen etwas erhöhten Platz, auf dem genau wie in der Mitte des Eibenlabyrinths von Somerleyton ein kleiner chinesischer Pavillon errichtet war.

Zwei Stunden zirka nach meiner wunderbaren Befreiung aus dem Heidelabyrinth erreichte ich endlich die Ortschaft Middleton, in der ich den seit nahezu zwanzig Jahren dort lebenden Schriftsteller Michael Hamburger aufsuchen wollte.

Michael war neuneinhalb Jahre alt, als er im November 1933 zusammen mit den Geschwistern, mit der Mutter und mit deren Eltern nach England kam.

Möglicherweise ist diese blinde Stelle auch ein Nachbild der Ruinenlandschaft, in der ich 1947 herumgegangen bin, als ich erstmals in meine Heimatstadt zurückkehrte, um nach Spuren zu suchen aus der mir abhanden gekommenen Zeit.

Statt dessen verließ ich mit einem Gefühl der Übelkeit in der Magengrube das Haus und ging, ohne Ziel und ohne den einfachsten Gedanken fassen zu können, geradeaus immer fort, bis über das Westkreuz oder das Hallesche Tor oder den Tiergarten hinaus, ich weiß es nicht mehr; nur daß ich zuletzt auf einem leeren Gelände anlangte, das weiß ich noch, und daß dort in langen, genau ausgerichteten Reihen die aus den Trümmern geborgenen Ziegel aufgeschichtet waren, immer zehn mal zehn mal zehn, tausend in jedem Kubus beziehungsweise neunhundertneunundneunzig, denn der tausendste Ziegel stand jeweils senkrecht obenauf, sei es als eine Art Sühnezeichen, sei es zum leichteren Zählen.

Ich stehe beispielsweise an einem Fenster im oberen Stock unseres Hauses, aber der Blick geht nicht auf die vertrauten Marschwiesen und die ständig bewegten Weiden hinaus, sondern aus einer Höhe von mehreren hundert Metern hinunter auf eine Schrebergartenkolonie, die so groß ist wie ein ganzes Land und durch die eine schnurgerade Autoverkehrsstraße hindurchführt, auf der schwarze Droschken stadtauswärts sausen in Richtung Wannsee.

Wie kommt es, daß man in einem anderen Menschen sich selber und wenn nicht sich selber, so doch seinen Vorgänger sieht?

Jedenfalls erzählte sie, im Zusammenhang mit diesem Gespräch, die Geschichte eines gewissen, in Middleton wohnhaften und fast schon im Pensionsalter stehenden Mr. Squirrel, der, so weit man zurückdenken könne, nie etwas anderes als Trauer getragen habe, auch in seiner Jugendzeit schon, als er noch nicht bei dem Leichenbestatter in Westleton angestellt gewesen war.

Bald nachdem Anne mit ihrer Geschichte zu Ende war, bat ich sie, mir ein Taxi zu rufen. Als sie vom Telephonieren zurückkam, sagte sie, beim Auflegen des Hörers sei ihr der Traum wieder eingefallen, den sie kurz vor dem Erwachen aus ihrem Nachmittagsschlaf geträumt habe.

Am Tag nach meinem Besuch in Middleton bin ich in der Bar des Crown Hotels in Southwold mit einem Holländer namens Cornelis de Jong ins Gespräch gekommen, der sich, nach wiederholten Aufenthalten in Suffolk, jetzt mit der Absicht trug, eine der riesigen, oft mehr als tausend Hektar umfassenden Liegenschaften zu erwerben, die hier nicht selten von den Immobilienagenturen ausgeschrieben werden.

Zusammenhängende Güter von der Größe, wie sie in East Anglia immer wieder zum Verkauf stünden, gelangten zu Hause überhaupt nie auf den Markt, und Herrenhäuser, wie man sie hier bei der Übernahme solcher Domänen praktisch umsonst mit bekomme, seien in Holland auch nicht zu finden.

Bis zur Sperrstunde unterhielten wir uns an diesem Abend in der Bar noch über den Auf- und Niedergang der beiden Nationen sowie über die eigenartig engen Beziehungen, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zwischen der Geschichte des Zuckers und der Geschichte der Kunst bestanden, weil die enormen Gewinne, die bei dem in der Hand weniger Familien liegenden Zuckerrohranbau und Zuckerhandel anfielen, lange Zeit hindurch, aufgrund der begrenzten anderweitigen Möglichkeiten einer sinnfälligen Demonstration des angehäuften Reichtums, zu einem beträchtlichen Teil verwendet wurden für die Errichtung, Ausstaffierung und Unterhaltung prachtvoller Landsitze und Stadtpaläste.

Das im 18. und 19. Jahrhundert durch verschiedene Formen der Sklavenwirtschaft akkumulierte Kapital, sagte de Jong, läuft nach wie vor um, trägt Zins um Zinseszins, vermehrt und vevielfacht sich und treibt aus eigener Kraft andauernd neue Blüten.

Am Morgen nach unserem unter anderem bis in die Anbau- und Produktionsmethoden in Hinterindien gehenden Zuckergespräch bin ich mit de Jong nach Woodbridge hinuntergefahren, denn das Ackerland, das er in Augenschein nehmen wollte, erstreckte sich vom Rand dieser kleinen Stadt westwärts und grenzte an seiner Nordseite unmittelbar an den verlassenen Park von Boulge, den zu besuchen ohnehin mein Vorhaben gewesen war.

Dort nämlich, in Boulge, ist vor beinahe zweihundert Jahren der Schriftsteller Edward Fitz-Gerald, von dem im folgenden die Rede sein soll, aufgewachsen und, im Sommer 1883, auch begraben worden.

Der Haupttrakt des um die Mitte des 18. Jahrhunderts errichteten Gebäudes, das genug Platz bot für eine zahlreiche Familie und eine nicht minderzahlreiche Dienstbotenschaft, wurde im Mai 1944 bis auf den Boden zerstört von einem wahrscheinlich für London bestimmten Raketengeschoß, das, wie so viele der von den Engländern als doodle bugs bezeichneten deutschen Vergeltungswaffen, plötzlich aus seiner Flugbahn stürzte und in dem abgelegenen Bredfield einen sozusagen gänzlich nutzlosen Schaden anrichtete.

Der Klan der FitzGeralds war anglo-normannischen Ursprungs und über sechshundert Jahre in Irland ansässig gewesen, ehe die Eltern Edward FitzGeralds beschlossen, sich in der Grafschaft Suffolk niederzulassen.

Da sich auch der Vater immer mehr in seiner eigenen Welt verlor, war die Aufsicht über die Kinder ganz der Gouvernante und dem Hauslehrer überlassen, die ihre Zimmer gleichfalls im obersten Stock hatten und naturgemäß dazu neigten, die unterdrückte Wut über die ihnen von ihren Brotgebern nicht selten entgegengebrachte Mißachtung an ihren Zöglingen auszulassen.

Meistenteils beschäftigte er sich in dieser Eremitage mit seiner in die verschiedensten Sprachen ausschweifenden Lektüre, mit dem Schreiben unzähliger Briefe, mit Notizen zu einem Lexikon der Gemeinplätze, mit dem Zusammentragen von Worten und Phrasen für ein komplettes Glossarium der Sprache der Seefahrt und des Seelebens sowie mit der Zusammenstellung von scrap-books jeder nur erdenklichen Art.

Die einzige Arbeit, die FitzGerald zu seinen Lebzeiten selber ganz abgeschlossen und veröffentlicht hat, ist seine wundervolle Übersetzung des Rubáiyát des persischen Dichters Omar Khayyám, in dem er, über eine Entfernung von achthundert Jahren hinweg, seinen engsten Wahlverwandten entdeckte.

1859 war das Jahr der Veröffentlichung des Rubáiyát, und es war auch das Jahr, in dem William Browne, der für FitzGerald wahrscheinlich mehr bedeutet hat als jeder andere Mensch auf der Welt, unter Schmerzen verstarb an den schweren, bei einem Jagdunfall erlittenen Verletzungen.

FitzGerald stand in seinem fünfzigsten Jahr, als er William Browne verlor.

Im Spätsommer 1863 beschloß FitzGerald, mit der Scandal nach Holland hinüberzufahren, um im Den Haager Museum das von Ferdinand Bol 1652 gemalte Bildnis des jungen Louis Trip anzuschauen.

1869, nach einer Auseinandersetzung mit der Frau des Büchsenmachers, die die Gewohnheiten ihres exzentrischen Untermieters als eine Zumutung empfand, bezog FitzGerald sein letztes Domizil, ein am Ortsrand gelegenes, ziemlich heruntergekommenes Bauernhaus, in dem er, wie er sagte, für den Schlußakt sich einrichtete.

In der Morgenfrühe des nächsten Tages hörte ihn Crabbe in seinem Zimmer herumgehen, doch als er ihn später zum Frühstück holen wollte, da fand er ihn ausgestreckt auf dem Bett und nicht mehr am Leben.

Die Schatten wurden schon lang, als ich von Boulge Park nach Woodbridge hineinwanderte, wo ich im Bull Inn über Nacht blieb.

Eingeschlafen bin ich erst im Morgengrauen mit dem Schrei einer Amsel im Ohr und bald darauf wieder erwacht aus einem Traum, in dem ich FitzGerald, meinen Vortagsgefährten, in Hemdsärmeln und schwarzseidenem Jabot und mit dem Zylinderhut auf dem Kopf an einem blauen Blechtischchen sitzen sah in seinem Garten.

Es war jedoch nicht der Park der FitzGeralds in Boulge, sondern der eines am Fuß der Slieve Bloom Mountains in Irland gelegenen Landsitzes, wo ich vor einigen Jahren einmal kurze Zeit zu Gast gewesen bin.

Edmund, der Jüngste, zimmerte seit seiner 1974 erfolgten Schulentlassung an einem gut zehn Meter langen, dickbauchigen Schiff, obgleich er, wie er mir gegenüber beiläufig äußerte, weder vom Schiffbau eine Ahnung noch die Absicht hatte, mit dem unförmigen Kahn jemals in See zu stechen.

Clarissa erzählte mir gelegentlich, daß sie und ihre Schwestern sich einmal mit dem Gedanken getragen hätten, ein Innenausstattungsgeschäft zu begründen, aber dieser Plan war, wie sie sagte, sowohl an ihrer Unerfahrenheit als auch daran gescheitert, daß es für ein derartiges Geschäft weit und breit keine Kunden gab.

Der Park versank in der Dunkelheit, als Edmund nach langem Schweigen auf einmal sagte: I have sei up the projector in the library.

Mein Mann, sagte Mrs. Ashbury, hat sich zu den irischen Verhältnissen grundsätzlich nie geäußert, obschon oder vielleicht weil er während des Bürgerkriegs entsetzliche Dinge mitangesehen haben muß.

So habe ich beispielsweise erst Jahre nachdem wir hier eingezogen waren, durch unseren Butler Quincey etwas erfahren über die furchtbare Nacht, in der, mitten im Sommer 1920, das etwa sechs Meilen entfernte Haus der Randolphs, die gerade mit meinen nachmaligen Schwiegerleuten dinierten, in Brand gesteckt wurde.

Das gesamte Landwirtschaftswesen lag darnieder, die Arbeiter forderten Löhne, die man sich nicht mehr leisten konnte, immer weniger wurde angebaut, immer geringer das Einkommen.

All unsere Unternehmungen, die endlosen Nähereien der Mädchen, der Gartenbetrieb, den Edmund einmal angefangen hat, der Plan, Gäste aufzunehmen, alles ist fehlgeschlagen.

Al one point, sagte sie nach einer gewissenn Zeit, at one point we thought we might raise silkworms in one of the empty rooms.

Gute vier Stunden geht man von Woodbridge bis nach Orford ans Meer hinunter.

Diese Entwicklung wurde von den Gutsherren in Rendlesham Hall, Sudbourne Hall, Orwell Park und Ash High House, die das gesamte Gebiet der sogenannten Sandlings bis auf einen kaum nennenswerten Rest unter sich teilten, nach Kräften befördert zur Schaffung günstiger Voraussetzungen für die in der viktorianischen Zeit mehr und mehr in Mode kommende Niederwildjagd.

Überhaupt scheinen sich in jenen Jahren über die Nordsee hinweg allerlei Verbindungen angebahnt zu haben zwischen dem britischen und dem deutschen Imperium, Verbindungen, die ihren charakteristischen Ausdruck in erster Linie in den monumentalen Geschmacksverirrungen derer fanden, die sich jeden Preis einen Platz an der Sonne sichern wollten.

1936 mußte er Bawdsey Manor an den Staat verkaufen.

Bawdsey Manor war lange Zeit das Domizil und Laboratorium der Forschergruppe, die unter der Leitung von Robert Watson-Watt das Radarsuchsystem entwickelte, das nun mit seinem unsichtbaren Netz den ganzen Luftraum durchzieht.

Übrigens ist die Gegend zwischen Woodbridge und dem Meer auch heute noch voller militärischer Installationen.

Als ich, unweit von Orford und müde schon von dem langen Weg, in einen Sandsturm geriet, drängte sich diese Vorstellung mir auf.

So ist mir beispielsweise zu Ohren gekommen, in Shingle Street sei seinerzeit experimentiert worden mit biologischen, zur Unbewohnbarmachung ganzer Landstriche entwickelten Waffen.

Dort, dachte ich, war ich einmal zu Hause, und dann, in dem immer blendender werdenden Gegenlicht, schien es mir auf einmal, als drehten sich hier und da zwischen den dunkler werdenden Farben die Flügel der längst verschwundenen Mühlen mit schweren Schlägen im Wind.

Landeinwärts nach Yoxford



Die Archäologen sind ja bekanntlich uneins über die genaue Anlage des Tempels, und auch meine eigenen, oft mühevoll errungenen Einsichten, sagte Alec Garrard, sind nicht in jedem Fall zuverlässiger als die Meinungen der untereinander zerstrittenen Wissenschaftler, wenn auch das von mir gebaute Modell heute allgemein als das akkurateste Nachbild des Tempels gilt, das je geschaffen worden ist.

Immer, sagte er, habe ich Enten gehalten, schon als Kind, und immer ist mir die Farbgebung ihres Federkleids, insbesondere das Dunkelgrüne und das Schneeweiße, als die einzige mögliche Antwort erschienen auf die Fragen, die mich von jeher bewegten.

Etwa alle zwei Meilen kommt man durch eine selten mehr als ein Dutzend Häuser zählende Ortschaft, und diese Ortschaften sind ausnahmslos benannt nach dem Namenspatron der jeweiligen Pfarrkirche, heißen also St. Mary und St. Michael, St. Peter, St. James, St. Andrew, St. Lawrence, St. John und St. Cross, weshalb auch der ganze Landstrich von seinen Bewohnern bezeichnet wird als The Saints.

In den Sommermonaten kommt öfters ein junger französischer Adeliger zu Besuch, der vor den Schrecken der Revolution nach England geflohen ist.

Und ich, schreibt der Vicomte, erkannte sie wieder, nach siebenundzwanzig Jahren saß ich wieder zu ihrer Seite, und die Tränen traten mir in die Augen, und ich sah sie, durch den Schleier dieser Tränen hindurch, gerade so, wie sie gewesen war in jenem so lang schon in die Schatten gesunkenen Sommer.

Farewell! I shall never see you again! Farewell!

Wie oft habe ich darum meine Erinnerungen und die Übertragung der Erinnerung in die Schrift als ein erniedrigendes, im Grunde verdammenswertes Geschäft empfunden!

Die Geschichte der Begegnungen mit Charlotte Ives ist nur ein winziges Fragment aus den über mehrere tausend Seiten sich hinziehenden Memoiren des Vicomte von Chateuabriand.

Ich hatte noch eine Stunde zu gehen von Ilketshall St. Margaret bis nach Bungay hinein und eine zweite Stunde von Bungay über die Marschwiesen des Waveney-Tals bis auf die andere Steite von Ditchingham.

Parkanlagen wie die von Ditchingham, vermittels deren die herrschende Elite sich rings umgeben konnte mit einem dem Auge gefälligen, scheinbar unbegrenzten Gelände, waren erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Mode gekommen, und die Planung und Durchführung der für ein emparkment nötigen Arbeiten zog sich nicht selten über zwei, drei Jahrzehnte hin.

Um 1975 hat die von der Südküste ausgehende holländische Ulmenkrankheit Norfolk erreicht, und kaum waren zwei, drei Sommer vergangen, gab es in unserem Umkreis bald keine lebende Ulme mehr.

Schließlich, im Herst 1987, fuhr ein Sturm über das Land hinweg, wie ihn hier niemand erlebt hatte je zuvor und dem nach amtlichen Schätzungen über vierzehn Millionen ausgewachsene Bäume zum Opfer gefallen sind, vom niedrigen Holz gar nicht zu reden.

So lautlos, wie es gewesen ist in dieser glanzvollen Nacht nach dem Sturm, so durchdringend kreischten in den Wintermonaten die Sägen.

Wo vor kurzer Zeit noch bei Anbruch des Tages die Vögel so zahlreich und so lauthals gesungen hatten, daß man manchmal die Schlafzimmerfenster zumachen mußte, wo die Lerchen am Vormittag über die Felder gestiegen waren und wo man in den Abendstunden bisweilen sogar eine Nachtigall aus dem Dickicht hörte, da vernahm man jetzt kaum noch einen lebendigen Laut.

Sir Thomas Brownes Library



All das ist verzeichnet in dem an Seltsamkeiten reichen Register des Naturforschers und Arztes Thomas Browne, all das und vieles noch mehr, von dem ich aber jetzt nichts weiter anführen will, außer vielleicht jenes als Wanderstab dienende Bambusrohr, in dessen Inwendigem, zur Zeit des byzantinischen Kaisers Justinian, zwei persische Mönche, die zur Ergründung der Geheimnisse des Seidenbaus lange in China sich aufgehalten hatten, die ersten Eier der Seidenraupe glücklich über die Reichsgrenzen und in den westlichen Weltteil brachten.

??? (Opium-Handel)

Dieser durch den Seidenbau bewirkten Degeneration der Landbevölkerung entspreche im übrigen, so Sully weiter, die fortschreitende Korrumpierung der städtischen Klassen durch den Luxus und sein gesamtes Gefolge - Faulheit, Verweichlichung, Lüsternheit und Verschwendungssucht.

Die Adoption des Seidenbaus durch königliches Patronat fand, angeregt durch das französische Beispiel, beinahe zu gleicher Zeit auch in England statt.

Weit über hunderttausend Maulbeerbäume ließ Jakob in den eher regenarmen ostenglischen Grafschaften setzen und schuf durch diese und andere Maßnahmen die Grundlagen eines bedeutsamen Manufakturwesens, das zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts in seine Blütezeit eintrat, als, nach Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV., über fünfzigtausend hugenottische Flüchtlinge nach England kamen, von denen zahlreiche, die erfahren waren in der Aufzucht der Seidenraupen und in der Herstellung seidener Stoffe, Handwerker und Unternehmerfamilien wie die Lefevres und die Tillettes, die De Hagues, die Martineaus und die Columbines, in Norwich sich niederließen, der damals nach London zweitgrößten englischen Stadt, wo es seit dem frühensechzehnten Jahrhundert bereits eine an die fünftausend Seelen zählende Kolonie zugewanderter flämischer und wallonischer Weber gab.

Denke ich heute, wo unser Blick den fahlen Widerschein, der über der Stadt und ihrer Umgebung liegt, nicht mehr zu durchdringen vermag, an das achtzehnte Jahrhundert zurück, dann nimmt es mich wunder, in welch großer Zahl, zumindest an manchen Orten, die Menschen bereits in der Zeit vor der Industrialisierung mit ihren armen Körpern fast ein Leben lang eingeschirrt gewesen sind in die aus hölzernen Rahmen und Leisten zusammengesetzten, mit Gewichten behangenen und an Foltergestelle oder Käfige erinnernden Webstühle in einer eigenartigen Symbiose, die vielleicht gerade aufgrund ihrer vergleichsweisen Primitivität besser als jede spätere Ausformung unserer Industrie verdeutlicht, daß wir uns nur eingespannt in die von uns erfundenen Maschinen auf der Erde zu erhalten vermögen.

Seltsamerweise aber kam der in Baiern und in den anderen deutschen Fürstentümern mit solcher Tatkraft geförderte Seidenbau bereits vor seiner völligen Entfaltung zum Erliegen.

Von dem Wallachisch-llyrischen Gränzregiment aus Caransebes und dem Deutschbanatischen Gränzregiment Nr. 12 aus Pancsova trafen, gezeichnet von den Obersten Michalevics und Hordinsky, beinahe gleichlautende Memoranden ein, dahingehend, daß, nach anfänglichen Hoffnungen, das Wurmgeschlecht gut aufbringen zu können, dasselbe durch Sturmwinde und Platzregen, beziehungsweise, in Glogau, Perlasvarosch und Isbitie, wo die Würmer bereits den ersten, und in Homolitz und Oppowa, wo sie schon den zweyten Schlaf getan hätten, durch eingetretenen Hagelschlag vom Laube herabgeworfen worden und zugrunde gegangen sei.

Die Vision des Staatsrathes von Hazzi von einer durch die Seidenkultur vereinigten, zu höheren Zwecken sich fortbildendenNation fand zwar seinerzeit, wohl aufgrund der vorangegangenen und noch nicht weit genug in die Vergangenheit gerückten Fehlschläge, keinen Anklang, wurde aber, nach hundertjähriger Remission, mit der den deutschen Faschisten in allem, was sie verfolgten, eigenen Gründlichkeit wieder aufgegriffen, wie ich zu meiner nicht geringen Verwunderung entdeckte, als ich im Sommer letzten Jahres auf der Kreisbildstelle des Ortes, an dem ich aufgewachsen bin, bei der Suche nach dem mir im Zusammenhang mit meiner Arbeit wieder in Erinnerung gekommenen Unterrichtsfilm über die Heringsfischerei in der Nordsee auf einen offenbar für dieselbe Serie gemachten Streifen über den deutschen Seidenbau stieß.

Unter Bezugnahme auf den vom Führer auf dem Reichsparteitag 1936 verkündeten Plan, daß Deutschland innerhalb von vier Jahren in all jenen Stoffen, die irgendwie durch deutsche Fähigkeit beschafft werden können, unabhängig sein müsse, heißt es da, daß dies, selbstredend, auch für den Seidenbau zutreffe und daß, dementsprechend, vermittels des vom Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, vom Reichsarbeitsminister, vom Reichsforstmeister und vom Reichsminister für Luftfahrt verabschiedeten Seidenbau-Aufbauprogramms eine neue Anbauperiode in Deutschland eingeleitet worden sei.

Heute, da ich meine Aufzeichnungen zum Abschluß bringe, schreibt man den 13. April 1995.

Indem ich jetzt, wo ich dies niederschreibe, noch einmal unsere beinahe nur aus Kalamitäten bestehende Geschichte überdenke, kommt es mir in den Sinn, daß einst für die Damen der gehobenen Stände das Tragen schwerer Roben aus schwarzem Seidentaft oder schwarzer Crêpe de Chine als der einzige angemessene Ausdruck der tiefsten Trauer gegolten hat.



Und Thomas Browne, der als Sohn eines Seidenhändlers dafür ein Auge gehabt haben mochte, vermerkt an irgendeiner, von mir nicht mehr auffindbaren Stelle seiner Schrift Pseudodoxia Epidemica, in Holland sei es zu seiner Zeit Sitte gewesen, im Hause eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder, auf denen Landschaften, Menschen oder die Früchte der Felder zu sehen waren, mit seidenem Trauerflor zu verhängen, damit nicht die den Körper verlassende Seele auf ihrer letzten Reise abgelenkt würde, sei es durch ihren eigenen Anblick, sei es durch den ihrer bald auf immer verlorenen Heimat.






Marina Warner über andere
flaneurs, ramblers, climbers, twitchers, urbanists and scryers of signs,
zu deren Vorvätern sie Sebald zählt

Rick Moody zu den Ringen des Saturn

und:



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