René Magritte
Empire des Lumières
(Die Ausgwanderten S. 156f.)











Eine halbe Stunde vielleicht fuhr ich, um mich zu orientieren, in der Stadt und den Vororten herum, ehe ich in einer Seitenstraße vor einem guesthouse hielt, das still erleuchtet gleich dem noch von niemandem betretenen Empire des Lumières in seinem dunklen Garten stand. Ein geschwungener Weg mit einigen Steinstufen führte vom Trottoir aus zur Eingangstüre hinauf, vor der ein weißblühender Strauch (im Schein des Lampenlichts glaubte ich einen Augenblick, er sei schneebedeckt) seine waagrechten Zweige ausbreitete.

Wortlos geleitete er mich über eine wunderbare Mahagonistiege - man hatte auf ihr gar nicht das Gefühl des Treppaufgehens, sondern schwebte gewissermaßen hinan - in die oberste Etage, wo er mir ein geräumiges, nach hinten hinaus gelegenes Zimmer anwies. Ich stellte meine Tasche ab, öffnete eines der hohen Fenster und schaute mitten hinein in den wogenden Schatten einer aus der Tiefe heraufragenden Zypresse. Die Luft war erfüllt von ihrem Geruch und von einem beständigen Rauschen, das aber nicht, wie ich zunächst meinte, von dem Wind in den Bäumen herrührte, sondern von den in geringer Entfernung niedergehenden, wenn auch von meinem Fenster aus unsichtbaren Ithaca Falls, von denen ich mir vor meiner Ankunft in der Stadt ebensowenig eine angemessene Vorstellung gemacht hatte wie von den über hundert anderen Wasserfällen, die in der Gegend des Cayugasees seit dem Ende der Eiszeit in die tief eingeschnittenen Schluchten und Täler hinunterstürzen.



Magritte verdankt den Titel dem befreundeten Dichter Paul Nougé, ebenfalls belgischer Surrealist.
Im Reich der Lichter habe ich verschiedene Vorstellungen wiedergegeben, nämlich eine nächtliche Landschaft und einen Himmel, wie wir ihn am Tage sehen. Die Landschaft lässt an Nacht und der Himmel an Tag denken. Ich finde diese Gleichzeitigkeit von Tag und Nacht hat die Kraft zu überraschen und zu bezaubern. Ich nenne diese Kraft Poesie.

Bis zu seinem Lebensende setzt sich der Maler mit dem Sujet auseinander, von dem zahlreiche Versionen existieren.
Dargestellt ist ein vermeintliches Nachtstück in naturalistischer Manier gemalt, die abendliche oder nächtliche Szenerie einer Straße mit einem Haus, dessen Fenster teilweise erleuchtet sind. Direkt vor dem Gebäude, in der unteren Mitte des Gemäldes, befindet sich eine Straßenlaterne, deren Lichtstrahlen auf die Hauswand allen. Hinter dem Haus reiht sich ein dunkles Waldstück an. Vor dem Gebäude stehen Bäume. Das bizarre Thema wird im unpersönlich-präzisen Stil behandelt, typisch für Magrittes veristische Surrealismusmalerei.
In einer früheren, querformatigen Fassung eine Häuserzeile und an der Stelle des Baumes im Hintergrund ein quadratischer Turm: Zur stets nächtlichen Stimmung in dunkler Farbpalette kontrastiert der mittäglich pastell-blaue Sommerhimmel mit weißen Cumulus-Wolken, der das Motiv ad absurdum führt.
In anderen Versionen befindet sich im Vordergrund ein See, der Haus und Licht widerspiegelt.

René François Ghislain Magritte (1898 - 1967), belgischer surrealistsicher Maler, beginnt mit 12 zu malen und zu zeichnen, die Mutter - traumatsiches Erlebnis für den Jungen - ertränkt sich 1912 in der Sambre.

René besucht das Gymnasium, flüchtet sich in die Welt der Fantômas-Romane und die Werke von Robert Louis Stevenson, Edgar Allan Poe, Maurice Leblanc und Gaston Leroux.
1913 lernt er Georgette Berger (1901–1986) kennen, die sein Modell wird. 1916 bis 1918 studiert er an der Brüsseler Akademie der schönen Künste. 1922 heiratet er Georgette, verdient den Lebensunterhalt als Muster-, Plakat- und Werbezeichner, verkauft 1923 sein erstes Bild.
Ab 1926 kann er sich ganz auf die Kunst konzentrieren, zieht nach Le-Perreux-sur- Marne bei Paris, wo er bis 1930 lebt, dann nach Brüssel, ist 1929 bis 1966 als Redakteur mehrerer Zeitschriften und Zeitungen tätig, dreht Kurzfilme, tritt mehrmals in die Kommunistische Partei ein und wieder aus, 1959 nimmt er an der documenta II in Kassel teil. Zeit seines Lebens führt er eine bürgerliche Existenz und verlässt kaum seinen Heimatort.

Das 'Reich der Lichter' oder auch 'Die Herrschaft des Lichts' gibt es in einer Serie von Ölgemälden und Gouachen, die bekanntesten Werke des Sujets stammen aus der Zeit 1949 bis 1964.

André Breton: Was ist der Surrealismus? Das ist ein Kuckucksei, das unter Mitwissen von René Magritte ins Nest gelegt wird.



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