Albrecht Altdorfer: Lot und seine Töchter
(Nach der Natur S. 74)





In der Nacht auf den 28. flogen
582 Maschinen einen Angriff
auf Nürnberg. Die Mutter,
die am anderen Morgen
nachhause ins Allgäu
zurückfahren wollte,
ist mit der Bahn bloß
bis nach Fürth gekommen.
Von dort aus sah sie
Nürnberg in Flammen stehn,
weiß aber heut nicht mehr,
wie die brennende Stadt aussah
und was für Gefühle sie
bei ihrem Anblick bewegten.
Sie sei, so erzählte sie neulich,
von Fürth aus am selben Tag noch
nach Windsheim zu einer Bekannten
gefahren, wo sie das Schlimmste
abgewartet und gemerkt habe, daß
sie schwanger geworden sei.




Der Gegenstand - bis in unsere Tage (Dix hat das brennende Dresden als Hintergrund, vgl. "Nach der Natur" S.73!) Thema von Kunstdarstellungen, in seinem Realitätsgehalt eher zweifelhaft - stammt aus der Bibel, 1. Mose Kap. 19:
Lot beherbergt in seinem Haus zwei Engel, die Gott gesandt hat, um das sündige Sodom zu zerstören. Der Mob, jung und alt, will über die Engel herfallen. Lot bietet ihnen seine jungfräulichen Töchter an, um seine Gäste zu schonen. Die Engel retten Lot, schlagen die Menge mit Blindheit und drängen Lot mit seinen Angehörigen, insbes. künftigen Schwiegersöhnen, die das lächerlich finden, zur Flucht. Lot rettet sich in eine Höhle, und da weit und breit kein Mann zu finden ist, machen die Töchter ihren Vater betrunken, der - ohne es zu merken - sie jeweils in zwei aufeinander folgenden Nächten schwängert. Die ältere Tochter gebiert Moab, die jüngere Ben-Ammi, die Stammväter der Moabiter und Ammoniter.







Altdorfer stellt den greisenhaften Vater mit begehrlichem Blick und lüsternem Grinsen dar, wie er seine nackte, weißhäutige Tochter auf seinen ebenfalls nackten Leib zieht, während im Hintergrund die andere Tochter auf grüner Wiese vor der Kulisse des brennenden Sodom und Gomorrha mit ihren langen Haaren beschäftigt ist.
Das Weinglas, dessen Inhalt den Vater außer Bewusstsein (aber nicht außer Gefecht) setzt, hält die Tochter in ihrer Linken, im Vordergrund vorne rechts die Porzellanflasche zum Nachgießen.
Auf der Brust trägt sie einen Anhänger, der vor bösen Geistern schützen soll: einen kleinen Phallus aus Koralle, der apotropäische Wirkung nachgesagt wird (soll das Amulett sie bewahren vor Gottes Strafe für das unmoralische Vorhaben?).

Das Bild entstand 1537 auf Lindenholz in der Originalgröße von 107 mal 190 cm und hängt im Kunsthistorischen Museum in Wien.



Was die brennende Stadt betrifft,
so hängt im kunsthistorischen
Museum in Wien ein Bild Altdorfers,
auf dem Lot dargestellt ist
mit seinen Töchtern. Am Horizont
lodert ein furchtbares Feuer,
das eine große Stadt verdirbt.
Rauch steigt auf aus der Gegend,
an den Himmel schlagen die Flammen,
und im blutroten Widerschein
sieht man die dunklen
Fassaden der Häuser.
Im Mittelgrund ist ein Stück
grüne idyllische Landschaft,
und dem Beschauer zunächst
wird das neue Geschlecht
der Moabiter gezeugt.
Als ich dieses Gemälde
im vorvergangenen Jahr
zum erstenmal sah,
war es mir, seltsamerweise,
als hätte ich all das
zuvor schon einmal gesehen,
und wenig später hätte ich
bei einem Gang über
die Friedensbrücke fast
den Verstand verloren.





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