Leonardo da Vinci:
(Die Ringe des Saturn S. 226ff)



Ich war, sagte sie, mit Michael in Norwich, und weil er, wegen irgendwelcher Verpflichtungen, dort zurückbleiben mußte, hätte ich ihr ein Taxi bestellt. Als es vorfuhr, war es eine große glänzende Limousine. Ich hätte ihr den Schlag aufgehalten, und sie hätte Platz genommen im Fond. Geräuschlos hätte die Limousine sich in Bewegung gesetzt, und ehe sie sich zurücklehnen konnte, hätte sie die Stadt bereits verlassen gehabt und wäre eingetaucht gewesen in einen unvorstellbar tiefen, von einzelnen Lichtstrahlen durchfunkelten Wald, der sich bis vor die Tür des Hauses in Middleton erstreckte. In einem Tempo, von dem man nicht sagen konnte, ob es schnell oder langsam war, ging es dahin, aber nicht auf einer Straße, sondern auf einer wunderbar weichen, bisweilen leicht geschwungenen Bahn. Die Atmosphäre, durch die sich der Wagen bewegte, war dichter als Luft und hatte beinahe etwas von einem still strömenden Wasser. Bis in die kleinsten, unmöglich wiederzugebenden Einzelheiten und mit vollkommener Klarheit sah ich den Wald, der draußen vorüberglitt, die winzigen Blütenstände der Moospolster, die haarfeinen Halme des Grases, die zitternden Farne und die gerade aufragenden grauen und braunen, glatten und borkigen Stämme der Bäume, die in einer Höhe von ein paar Metern verschwanden in dem undurchdringlichen Blattwerk der zwischen ihnen aufgewachsenen Stauden.

Weiter droben noch breitete ein Meer von Mimosen und Malvazeen sich aus, in welches wiederum, aus der nächsten Etage dieser wuchernden Waldwelt, in teils schneeweißen, teils rosafarbenen Wolken hunderterlei Schlingpflanzen herabhingen aus den mit Orchideen und Bromelien überladenen, den Querrahen großer Segelschiffe gleichenden Ästen der Bäume. Und darüber, in einer Höhe, in die das Auge kaum mehr vordrang, schwankten Palmenwipfel, deren fein gefiederte und gefächerte Zweige von jenem unergründlichen, scheinbar mit Gold oder Messing unterlegten Schwarzgrün waren, in dem die Kronen der Bäume in den Bildern Leonardos gemalt sind, zum Beispiel in der Heimsuchung Mariä oder in dem Portrait der Ginevra de Benci.



Wie unglaublich schön das alles gewesen ist, sagte Anne, davon habe ich jetzt nur mehr eine ganz undeutliche Ahnung, und auch das Gefühl des Dahinfahrens in der anscheinend führerlosen Limousine kann ich nicht mehr richtig beschreiben. Es war eigentlich gar kein Fahren, sondern ein Schweben, wie ich es seit den Kinderjahren, als ich ein paar Zoll über der Erde mich fortbewegen konnte, kein einziges Mal mehr verspürt habe. Wir waren während der Erzählung Annes miteinander hinausgetreten in den schon umnachteten Garten. Auf die Ankunft des Taxis wartend, standen wir neben der Hölderlinpumpe, und mit einem mir bis in die Haarwurzeln gehenden Erschauern sah ich, in dem schwachen Schein, der von einem der Wohnzimmerfenster auf das ummauerte Brunnenloch fiel, wie ein Schwimmkäfer auf dem Spiegel des Wassers ruderte von einem dunklen Ufer zum andern.


















Verkündigung an Maria, um 1472–1475
Ginevra de Benci, um 1475