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Kunst



Bildende Kunst
Literatur
Musik










Neustart





SEBALD: Ja, das Musik- ... und man könnte auch hinzufügen: Bilderlose. Das ist also sehr eigenartig, nicht?, wenn man sich so überlegt, aus der heutigen Ton- und Bilderflut heraus, wie wenig solcher Dinge es in der unmittelbaren Nachkriegszeit gegeben hat. Es gab keine, praktisch keine illustrierten Zeitschriften, die in dieses abgelegene Tal gelangt wären. Ich glaube, erst so ab Anfang der 50er Jahre gab es dann die notorische Stafette, die die illustrierten Zeitungen von Haus zu Haus lieferte. Aber man wuchs tatsächlich mit sehr, sehr wenigen Bildern auf: einigen wenigen Fresken, die man in der Kirche gesehen hat, irgendwelchen religiösen Andenkenbildchen, und was sonst an Alpenmalerei in dem einen oder anderen Haus herumhing. Und diese Bilder haben dann natürlich auf einen einen unvergleichlichen Eindruck gemacht. Also, wenn man Hunderte von Bildern täglich sieht, dann fließen sie ja an einem ab. Aber wenn man sehr wenige sieht, und immer wieder dieselben, die ersten sieben, acht Jahre seines Lebens, dann haben die einen recht hohen Stellenwert im Gefühlshaushalt, glaube ich.

INTERVIEWER: Sie machen regelrechte Wallfahrten in verschiedene Städte, um ein Bild zu sehen; und wir haben ja auch ganz kurz schon einen Einblick in Ihre Arbeitsweise eben gehört. Und ich stelle mir das einfach so vor: Sie nehmen sich die Zeit, auch nur ein, nur ein Bild, nicht nur einmal intensiv anzuschauen, sondern immer und immer wieder. Und das Erlebnis gönnen Sie auch Ihren Lesern - oder widersprechen Sie mir? Denn erstens: Viele Beschreibungen von Bildern, manchmal bekannten, manchmal mir auch völlig unbekannten ... der Name Pisanello, Verona, glaube ich - da ist mir kein Bild von im Kopf. Und in Ihre Texte hinein geben Sie manchmal kleine Ausschnitte aus Bildern, manchmal geben Sie mitten in den Text hinein ... ja, er wird integriert in den Text, einmal sogar ganz deutlich, da lassen Sie das Wort >Augen< aus und zeigen nur das Abbild von Augen einer Person ... Sie integrieren es. Und immer wieder Bilder. Ist das auch ein Nachholen der bilderlosen Zeit, wie Sie sagten?

SEBALD: Das hat viele komplizierte Gründe. Aber ein Grund, auf den ich hier in diesem Zusammenhang vielleicht eingehen kann, ist der, daß ein literarischer Text sich natürlich in der Zeit abspielt, genauso wie Musik, und daß die Zeit ja eigentlich das Unaufhaltsame ist. Und die bildende Kunst hat gegenüber diesen anderen beiden Künsten den enormen Vorteil, daß sie sich herausheben kann aus der Zeit, daß sie sozusagen eine Barrage aufzubauen vermag gegen das, was einem fortwährend verlorengeht. Die bildende Kunst ist das Statische; und die literarische und die musikalische ist irgendwie das Dynamische, auf das Ende Zutreibende. Und die ... das Einbauen - sei es von tatsächlichen, sei es von geschriebenen Bildern in den Text - ist auch ein Versuch, der Unvermeidbarkeit des Endes wenigstens augenblicksweise das eine oder andere entgegenzusetzen.


(Die Sensation der Musik. Gespräch mit W.Krause, Deutschlandfunk 1996)





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