Bis zum Anbruch des Morgens, sagte Austerlitz,
sind wir in jener Sommernacht
in der Bergmulde hoch droben
über der Mündung des Mawddach gesessen und
haben zugeschaut,
wie die Falter, vielleicht zehntausend an der Zahl,
schätzte Alphonso, bei uns eingeflogen sind.
Die vor allem von Gerald bewunderten Leuchtstreifen,
die sie dabei in verschiedenen Kringeln,
Fahrern und Spiralen hinter sich herzuziehen schienen,
existierten in Wirklichkeit gar nicht, erklärte Alphonso,
sondern seien nur Phantomspuren,
die verursacht würden von der Trägheit unseres Auges,
das einen gewissen Nachglanz
an der Stelle noch zu sehen glaube,
von welcher das im Widerschein der Lampe
nur einen Sekundenbruchteil aufstrahlende Insekt
selber schon wieder verschwunden sei.



WERTach!, 2014



Hommage an W. G. Sebald und Jan Peter Tripp


Augenweide II war in diesem Jahr in Ravensburg zu sehen.
Aludibond hinter Plexiglas, 9 x 17,4 cm
Fotografische Collage.
Arrangiert ist eine Radierung von Jan Peter Tripp aus "Unerzählt".


Karin Kieltsch:

Die Fotografie bildet zeitlich den Schlusspunkt in der 24-teiligen Werkgruppe Augenweide II und hat darin einen zentralen Platz.
Sie zeigt das Augenpaar von Marcel Proust, sein Blick gerichtet auf einen toten Zitronenfalter aus meiner Sammlung. Sehr knapp formuliert und daher unzureichend, ist diese Arbeit ein Versuch, inhaltlich komplexe Bezüge, die für mich von Bedeutung sind, formal bildnerisch und konzentriert darzustellen.
Die Kenntnis von Sebalds Werk und das tiefe Berührtsein darüber, hat mich bewogen, diese Arbeit zu machen.
Ich glaube auch, dass Sebald zu verstehen tasächlich in eine Art Lebenshaltung mündet (oder diese bereits vorhandene eben bestätigt).
Bevor ich Sebald überhaupt gelesen habe (tatsächlich erst innerhalb der letzten 2 Jahre - dann aber jede Zeile), hatte ich bereits drei tote Zitronenfalter vor meiner Türe im Laufe der Jahre aufgehoben und in einem Schächtelchen aufbewahrt.





Karin Kieltsch