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Gottfried Keller: Ideale Baumlandschaft 1849
Bleistift und Aquarell, 34 * 47,4 cm
(Logis in einem Landhaus nach S. 112, 123)



Das Gegenstück jedenfalls zu diesem durch den Scherenschnitt der kopfkranken Johanna eröffneten Ausblick in ein aus purem Nichts bestehendes Jenseits ist die kolossale Kritzelei, die der grüne Heinrich eines Tages in einer Anwandlung von Schwermut auf einem großen Karton auszuführen beginnt und an der er jeden weiteren Tag mit unzähligen Federstrichen fortzeichnet, bis ein ungeheures graues Spinnennetz fast die ganze Fläche bedeckt. »Betrachtete man«, schreibt Heinrich Lee, »das Wirrsal genauer, so entdeckte man den löblichsten Zusammenhang und Fleiß darin, indem es in einem fortgesetzten Zuge von Federstrichen und Krümmungen, welche vielleicht tausende von Ellen ausmachten, ein Labyrinth bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war. Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewissermaßen eine neue Epoche der Arbeit; neue Muster und Motive, oft zart und anmutig tauchten auf, und wenn die Summe von Aufmerksamkeit, Zweckmäßigkeit und Beharrlichkeit, welche zu dem unsinnigen Mosaik erforderlich war, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden wäre, so hätte ich gewiß etwas sehenswertes liefern müssen. Nur hier und da zeigten sich kleinere oder größere Stockungen, gewisse Verknotungen in den Irrgängen meiner zerstreuten gramseligen Seele, und die sorgsame Art, wie die Feder sich aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies, wie das träumende Bewußtsein in dem Netze gefangen war. So ging es Tage und Wochen hindurch, und die einzige Abwechslung, wenn ich zu Hause war, bestand darin, daß ich mit der Stirne gegen das Fenster gestützt den Zug der Wolken verfolgte, ihre Bildung betrachtete und indessen mit den Gedanken in der Ferne schweifte.«


Die Beschreibung des hochgradig melancholischen Kritzelwerks erinnert an die blauen Papierbögen, die Keller, als er in Berlin an seinem Bildungsroman saß, zur Unterlage benutzte und auf die er den Namen seiner unerwiderten Liebe in langen verschlungenen Linien, Spiralen, Kolonnen und Schlaufen in vielhundertfacher Variation festgehalten hat - Betty Betty Betty, BBettytybetti,bettibettibetti, Betty bittebetti heißt es da in jeder nur denkbaren kalligraphischen und gesudelten Ausformung.





Und außer und zwischen diesen fünf, sechs Buchstaben ist
nichts als hier und da eine Skizze von einer gleichfalls


Betty überschriebenen Pforte zu einem ummauerten Gärtchen,


ein Betty-Spiegel,


ein Betty-Zimmer und


eine Betty-Uhr und daneben noch


ein Sensenmännchen und daneben noch


ein anderes Knochengerippe, das auf der Fidel spielt,


ein Totenglöckchen und


eine Art winziges Wappen, in dem man,
durch das Vergrößerungsglas,
etwas erkennen kann,
das aussieht wie ein von Nadeln durchbohrtes Herz.

Die Kunst des Schreibens ist der Versuch, das schwarze Gewusel, das überhand zu nehmen droht, zu bannen im Interesse der Erhaltung einer halbwegs praktikablen Persönlichkeit. Lange Jahre hat Keller sich dieser schweren Bemühung unterzogen, obwohl er früh schon wußte, daß sie letztendlich nichts verschlug. Der »ziemlich melancholische und einsilbige Amtsmann«, der zum Schluß seines Romans sagt, daß nichts mehr die Schatten aufhellen kann, die seine ausgeplünderte Seele erfüllen, ahnt bereits, daß auch die beste Anordnung der Buchstaben und Sätze und die Großzügigkeit, die er gegen seine Geschöpfe bewies, auf die Dauer kaum etwas vermögen gegen das Gewicht der Enttäuschung. Seine Laufbahn überblickend fühlt er, daß dies alles »kein Leben hieß und so nicht fortgehen könne«. Er spricht von einer neuen Gefangenschaft des Geistes, in die er geraten sei und brütet, wie er herauskommen könne aus ihr, aber so ausweglos erscheint ihm seine Lage, daß bisweilen und immer vernehmlicher, wie er sagt, sich der Wunsch in ihm regt, nun gar nicht mehr da zu sein.

Lässt man sich ein auf den großen, blauen, einmal gefalteten Papierbogen, den Keller im Frühjahr 1855 in Berlin auf allen vier 'Seiten' in allen Richtungen aus allen Perspektiven mit allen Mitteln vollschrieb und -zeichnete, beginnt der Boden zu schwanken.
Ist es überhaupt eine Schreibunterlage?
Was wurde auf ihr (nicht) geschrieben?
Wie vermitteln sich Leben, Schreibunterlage und Schreiben?
Warum bewahrte Keller das nach seinem Tod als Ms.GK8b in der Zentralbibliothek Zürich archivierte Dokument einsamer Vergeblichkeit ein Leben lang auf?
Was 'bedeutet' der Wirbel der Zeichen, Zahlen, Worte, Bilder?
Ist es ein psychologisches, psychiatrisches, biographisches, literarisches, künstlerisches Dokument? écriture automatique, Triebabfuhr, kolossale Kritzelei à la Heinrich Lee, chinesischer Tempel à la Veit/Emanuel (in den "Drei gerechten Kammmachern"), Parergon, Paralipomenon, Palimpsest, dispositif, différance, désir, Prätext, Metatext, Subtext, Werk?? Wie lesen??? Was lesen????