Gottfried Keller: Ideale Baumlandschaft 1849
Bleistift und Aquarell, 34 * 47,4 cm
(Logis in einem Landhaus nach S. 112, 123)



Es gibt in der Züricher Zentralbibliothek ein kleines Aquarell Kellers, das eine ideale Baumlandschaft darstellt und das über den Maler Bernhard Fries, der zu dem Kreis um Feuerbach gehörte, an Johanna Kapp gelangte, die in der Zeit ihrer Krankheit aus dem unteren Teil des Bildes in einer feinen Operation zirka ein Viertel herausschnitt. Was sie zu diesem drastischen Eingriff veranlaßte, wissen wir nicht, noch, wie es Keller zumute war, als er das verstümmelte Werk, nachdem es aus Johannas Nachlaß zurückgekommen war an ihn, wieder in Händen hielt. Aber vielleicht dünkte es auch ihn, daß die schneeweiße Leere, die sich da hinter der beinahe transparenten Landschaft auftut, schöner ist noch als das Farbenwunder der Kunst. Das Gegenstück jedenfalls zu diesem durch den Scherenschnitt der kopfkranken Johanna eröffneten Ausblick in ein aus purem Nichts bestehendes Jenseits ist die kolossale Kritzelei

"Guten Morgen, Maler! Haben der Maler wohl geruht?"
Mit diesem Ausruf begrüßt die Familie seines Onkels Heinrich Lee in Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich zum Frühstück, als ihn seine Mutter nach dem frühen Schulverweis auf das Landgut des Oheims schickt. Landschaftsmaler will er werden. Inspiriert hat ihn der Maler Salomon Geßner (1730-1788), vor allem dessen Brief über Landschaftsmalerei: Ich liebte sogleich diesen Mann, der ebenfalls ein hoffnungsloser Schüler gewesen, indessen er auf eigene Faust schrieb und künstlerischen Beschäftigungen nachhing.
Bereits in der ersten Woche seines Aufenthaltes ernennt sein Onkel Heinrich zum "Hofmaler".

Wenig bekannt ist, dass Gottfried Keller in frühen Jahren ebenfalls Maler werden wollte. Heroische Landschaften, aber auch skurrile Skelette, Totenköpfe oder geschwänzte Teufel bevölkern seine Bildwelt. Der Dichter kann sich jedoch erst entfalten, nachdem der Maler gescheitert ist. Die Art und Weise, mit der Keller sein intensives Verhältnis zur Natur, seine beklemmenden Seelenzustände und seinen kritischen Blick auf Politik und Religion visuell zum Ausdruck bringt, hinterlässt deutliche Spuren in seiner Literatur.



Künstlerische und persönliche Identitätssuche, radikale Brüche, Rebellion gegen Autoritäten und existenzielle Konflikte in der Familie, Freundschaften und unerwiderte Liebe spielen eine große Rolle.
Keller, im Alter von fünfzehn Jahren von der Schule verwiesen, fasst den festen Entschluss, Landschaftsmaler zu werden. Mit der literarischen Figur des Malers Heinrich Lee beleuchtet Keller sich selbst. Die Entscheidung haat ihre Quelle ebenfalls in seinem spirituellen Natur- und Weltverständnis. Bei aller dichterischen Freiheit – Keller selbst verweist stets auf den fiktionalen Charakter des Romans – , viele Entwicklungen im Grünen Heinrich entsprechen den realen Gegebenheiten in Kellers Leben, über die er in Briefen, Tagebüchern, Skizzen- und Studienbüchern berichtet.
Auch einige der Frauenfiguren, etwa die Mutter, Anna oder Dortchen Schönfund, gehen dementsprechend auf real existierende Frauen aus seinem Leben zurück.

Die zweijährige Ausbildung beim dilettantisch arbeitenden Zürcher Kupferstecher Peter Steiger verläuft enttäuschend. Auch nach einem mehrmonatigen intensiven Naturstudium beim Schweizer Maler Rudolf Meyer gelingt es ihm nicht, sich als bildender Künstler zu etablieren.
Keller versucht nun, seinen Traum vom Malen durch einen Studienaufenthalt in der damaligen Kulturmetropole München zu verwirklichen, wo sich viele Kunstschaffende unter König Ludwig I. an Werken der italienischen Renaissance orientieren. Hier werden die klassizistisch-romantische Naturauffassung der Deutsch-Römer und die Stimmungslandschaften Carl Rottmanns vorbildhaft. Aber auch in München kann Keller trotz seiner künstlerischen Fähigkeiten keine Verkäufe erzielen, verbringt seine Tage planlos und zechend mit seinen Schweizer Künstlerfreunden. Desillusioniert kehrt er in seine Geburtsstadt Zürich zurück und findet ab 1843 schließlich zur Literatur.