Cixi/Tz'u Hsi*)

Die Ringe des Saturn S. 176ff

Im August 1861, nach Monaten der Unentschlossenheit, dämmerte der Kaiser Hsien-feng im Exil von Jehol dem Ende seines kurzen, von Ausschweifungen zerstörten Lebens entgegen.
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Als am Morgen des 1. November der Leichenzug endlich sein Ziel erreicht hatte, waren zu beiden Seiten der auf die Tore der verbotenen Stadt zuführenden, mit gelbem Sand bestreuten Straße Sichtblenden aus blauer Nankingseide aufgestellt, damit nicht das gewöhnliche Volk seine Blicke werfen konnte auf das Antlitz des fünfjährigen Kinderkaisers T'ung-chih, den Hsien-feng in seinen letzten Tagen noch zum Anwärter des Drachenthrons ernannt hatte und der jetzt, hinter den sterblichen Resten seines Vaters, zusammen mit seiner aus dem Konkubinat aufgestiegenen, bereits den erlauchten Titel Kaiserinwitwe führenden Mutter Tz’u-hsi auf einem gepolsterten Palankin heimgebracht wurde in sein Haus. Die Kämpfe um die einstweilige Übernahme der Verfügungsgewalt aus den Händen des unmündigen Herrschers, die naturgemäß nach der Rückkehr des Hofes nach Peking entbrannten, entschieden sich binnen kurzem zugunsten der von einem unbeugbaren Machtwillen erfüllten Kaiserinwitwe. Die Prinzen, die während der Abwesenheit Hsien-fengs als seine Stellvertreter fungiert hatten, wurden des unentschuldbaren Verbrechens der Verschwörung gegen die rechtmäßige Herrschaft bezichtigt und zum Tod durch Zergliederung und scheibenweise Zerschneidung verurteilt.

Die Abwandlung dieses Urteils in die den Hochverrätern in Form eines seidenen Stricks übermittelte Erlaubnis, sich selber erhängen zu dürfen, galt als ein Zeichen gnädiger Nachsicht des neuen Regimes. Nachdem die Prinzen Cheng, Su-shun und Yi, anscheinend ohne zu zögern, von dem ihnen eingeräumten Vorrecht Gebrauch gemacht hatten, war die Kaiserinwitwe die unangefochtene Verweserin des chinesischen Reichs, bis zu dem Zeitpunkt jedenfalls, da ihr eigener Sohn eintrat in das regierungsfähige Alter und sich anschickte, Maßnahmen zu treffen, die den von ihr gehegten und großteils schon verwirklichten Plänen zu einer immer weiteren Ausdehnung ihrer Machtvollkommenheit zuwiderliefen. In Anbetracht dieser Wendung der Dinge kam es, vom Standpunkt Tz’u-hsis aus, beinahe einem Wink der Vorsehung gleich, daß T'ing-chih kaum ein Jahr nach der Besteigung des Throns, sei es infolge einer Pockeninfektion, sei es mit einer anderen Krankheit, die er sich, wie gemunkelt wurde, bei den Tänzern und Transvestiten in den Blumenstraßen Pekings geholt hatte, derart geschwächt darniederlag, daß man sein vorzeitiges Ende im Alter von kaum neunzehn Jahren schon heraufkommen sah, als im Herbst 1874 der Planet Venus - ein düsteres Omen - die Sonne durchquerte. Tatsächlich verstarb T'ung-chih wenige Wochen später am 12. Januar 1875. Man kehrte sein Gesicht nach Süden und kleidete ihn für die Reise ins Jenseits in die Roben des immerwährenden Lebens. Kaum daß die Trauerzeremonien ordnungsgemäß abgeschlossen waren, vergiftete sich mit einer schweren Dosis Opium die siebzehnjährige, zu jener Zeit, wie es in verschiedenen Quellen heißt, hochschwangere Gemahlin des unter die Ahnen gegangenen Kaisers. Die offiziellen Verlautbarungen schrieben ihren unter mysteriösen Umständen erfolgten Tod dem unstillbaren Kummer zu, der sie überwältigt hatte, vermochten jedoch nicht gänzlich den Verdacht zu zerstreuen, daß die junge Kaiserin beseitigt worden war zum Zweck der Verlängerung der Regentschaft der Kaiserinwitwe Tz'u-hsi, die ihre Stellung nunmehr dadurch befestigte, daß sie ihren zweijährigen Neffen Kuang-hsu zum Thronfolger ausrufen ließ in einem gegen jedes Herkommen verstoßenden Manöver, denn Kuang-hsu gehörte in der Linie der Abstammung derselben Generation an wie T’ung-chih und war daher nach der unumstößlichen Vorschrift des konfuzianischen Kults nicht befugt, diesem die zur Befriedung der Toten notwendigen Andachts- und Ehrendienste zu erweisen.

*) in der Wade-Giles-Umschrift





















Tz'u Hsi , geboren 1835, gestorben 1908, Nebenfrau des chinesischen Kaisers Xianfeng, und 47 Jahre als "Kaiserswitwe" Herrscherin in China, gehört zu den zwiespältigsten Personen der chinesischen Geschichte.

Wenig ist über ihre Herkunft bekannt, lediglich, über ihren Vater, ein Mandschu-Adeliger aus der Nara-Sippe, Teil der Acht Banner.

Der Harem des chinesischen Kaisers im 19. Jahrhundert setzt sich aus Kaiserin, zwei Gemahlinnen, elf Nebenfrauen (in unterschiedlichen Rängen) und zahlreichen Konkubinen zusammen, Gemahlinnen und Nebenfrauen wählt die Witwe des vorherigen Kaisers aus. Tz'u Hsi zählt zu den zwanzig bis dreißig jungen Mandschu-Frauen, die man nach einer entsprechenden Vorauswahl 1851 der Kaiserinwitwe Xiao Jing Chen präsentiert, man verleiht ihr den Hofnamen Konkubine vierten Ranges Yi (= tugendhaft, züchtig).

Der Aufstieg innerhalb der Palasthierarchie bedeutete für Tz'u Hsi, großzügigere Gemächer beziehen zu dürfen. Dort verbringt sie ihre Zeit damit, zu sticken, mit Pekinesen zu spielen, traditionelle chinesische Malerei zu praktizieren oder den Gelehrten der Hanlin-Akademie zuzuhören, die den Haremsangehörigen als Hauslehrer zur Verfügung stehen. Aquarelle belegen, dass sie eine begabte Amateurmalerin war.

Von 1861 bis 1872 führt Tz'u Hsi als „Kaiserinwitwe“ die Regentschaft für ihren Sohn, den minderjährigen Kaiser T'ung-chih, und von 1875 bis 1889 für ihren Neffen, den minderjährigen Kaiser Guangxu. 1898 übernimmt sie erneut die Regierungsgeschäfte, nachdem sie Guangxu unter einem Vorwand inhaftieren lässt, und hält die Macht dann bis zu ihrem Tode inne. Damit regiert sie länger als jede andere Kaiserin.

Innenpolitisch sucht Tz'u Hsi zwischen konservativen und reformorientierten Fraktionen des Hofes ausgleichend zu wirken, um die Macht des Kaiserhauses zu festigen und das im Niedergang befindliche Land zu stabilisieren. Dabei unterlaufen ihr schwere Fehleinschätzungen der wirklichen Lage, wie etwa des Boxeraufstands, alles endet in einer völlig verspäteten Reformpolitik, was auch außenpolitisch schwerwiegende Folgen hat: das technisch rückständige und wirtschaftlich schwer angeschlagene China verliert seine Hegemonialstellung in Ostasien.

Ihr Aufstieg von der unbedeutenden Nebenfrau zur einflussreichen Kaiserinwitwe beschäftigt schon die Phantasie ihrer Zeitgenossen. Der Westen bringt ihre Palastkarriere mit einem Reigen von Morden, sexuellen Perversionen und Intrigen in Verbindung. Verantwortlich für dieses Zerrbild ist die Biographie Edmund Backhouse's von 1910 voller Fälschungen. Er schildert Tz'u Hsi als niederträchtige und degenerierte Persönlichkeit. Andere Autoren greifen das auf. Zu den bekanntesten Erzählungen gehört der Roman "Das Mädchen Orchidee" von Pearl S. Buck.

Sterling Seagrave, ein Historiker, weist auf ein Ereignis kurz nach der Ankunft in Jehol hin, das Tz'u Hsis Handeln nach dem Tod des Kaisers entscheidend geprägt haben dürfte: Durch einen Zufall wird sie eines Nachts Augenzeugin, wie der einflussreiche Hofbeamte Sushun sich auf dem kaiserlichen Thron niederlässt, um sich von seinem Obereunuchen eine Mahlzeit auf kaiserlichem Porzellan servieren zu lassen:

Mit dem in mehrfacher Hinsicht extremen Verstoß gegen die Etikette des kaiserlichen Hofes riskierte Sushun sein Leben, starkes Indiz dafür, dass Sushun wahrscheinlich plante, nach dem Tod des Kaisers entweder sich selbst zum Kaiser auszurufen oder mittels Marionettenherrscher als Regent die Macht auszuüben, wodurch Tz'u Hsis Leben und das ihres Sohnes bedroht war.











Die Ringe des Saturn S. 179ff

Die Art, in welcher sich die ansonsten äußerst konservativ eingestellte Kaiserinwitwe nötigenfalls hinwegzusetzen vermochte über die ehrwürdigsten Traditionen, war eines der Anzeichen ihres von Jahr zu Jahr rücksichtsloser werdenden Anspruchs auf unumschränkte Ausübung der Macht. Und wie alle absoluten Machthaber zeigte auch sie sich bestrebt, die Exaltiertheit ihrer Position der Welt und sich selber vor Augen zu führen durch einen jedes Vorstellungsvermögen übersteigenden Aufwand. Allein ihr Privathaushalt, dirigiert von dem hier zu ihrer Rechten stehenden Obereunuchen Li Lien-ying, verschlang alljährlich die damals wahrhaft horrende Summe von sechs Millionen Pfund Sterling. Je ostentativer aber die Mittel wurden zur Demonstration ihrer Autorität, desto mehr wucherte in ihr die Angst vor dem Verlust der Allgewalt, die sie mit so viel Umsicht an sich gebracht hatte.

Schlaflos wanderte sie in der Nacht in der bizarren Schattenlandschaft des Palastgartens herum zwischen künstlichen Felsengebirgen, Farngründen und dunklen Thujen und Zypressen. Am Morgen früh nahm sie als erstes eine zu Pulver zerstoßene Perle zu sich als Elixier zur Bewahrung der Unverletzlichkeit, und untertags stand sie, die an leblosen Dingen das größte Genügen fand, manchmal stundenlang an den Fenstern ihrer Gemächer und starrte hinaus auf den stillen, einem Gemälde gleichenden nördlichen See. Die winzigen Figuren der Gärtner in den Lilienfeldern in der Ferne oder die der Höflinge, die im Winter auf der blauen Eisfläche Schlittschuh liefen, dienten ihr nicht zur Erinnerung an die Naturbewegtheit des Menschen, sondern waren vielmehr, wie Fliegen in einem Glas, überwältigt bereits von der Willkür des Todes.

Tatsächlich berichten Reisende, die zwischen 1876 und 1879 in China unterwegs waren, daß in der damaligen jahrelang anhaltenden Dürre ganze Provinzen den Eindruck glasumwandeter Gefängnisse erweckt hätten. Zwischen sieben und zwanzig Millionen - genaue Berechnungen sind nie angestellt worden - sollen größtenteils in Shansi, Shensi und Shantung an Hunger und Erschöpfung zugrunde gegangen sein.


Der Baptistenprediger Timothy Richard

beispielsweise beschreibt, wie die Katastrophe sich auswirkte in einer von Woche zu Woche deutlicher werdenden Verlangsamung aller Bewegung. Einzeln, gruppenweise und in zerdehnten Zügen schwankten die Menschen durchs Land und wurden nicht selten von einem schwachen Lufthauch nur umgeweht, um am Wegrand liegenzubleiben für immer.

Über dem bloßen Anheben einer Hand, dem Senken eines Augenlids, dem Verströmen des letzten Atems verging, so schien es bisweilen, ein halbes Jahrhundert. Und mit der Auflösung der Zeit lösten auch alle anderen Verhältnisse sich auf. Eltern tauschten untereinander ihre Kinder aus, weil sie die Sterbensqualen ihrer eigenen nicht mitansehen konnten. Dörfer und Städte waren von Staubwüsten umgeben, über denen wiederholt zitternde Trugbilder von Stromtälern und umwaldeten Seen erschienen. Im Morgengrauen, wenn das Rascheln der an den Zweigen ausgetrockneten Blätter in den schwachen Schlaf hineindrang, glaubte man manchmal, für einen Sekundenbruchteil, in dem das Wünschen noch stärker war als das Wissen, es hätte begonnen zu regnen. Die Hauptstadt und ihre Umgebung blieben zwar von den schlimmsten Auswirkungen der Dürre verschont, doch ließ die Kaiserinwitwe, als die Unglücksbotschaften aus dem Süden eintrafen, jeweils zu der Stunde, da der Abendstern aufgeht, den Seidengöttern ein Blutopfer darbringen in ihrem Tempel, damit es den Raupen nicht mangeln möge an frischem Grün.

Unter allen Lebewesen waren es ausschließlich diese wundersamen Insekten, zu denen sie eine tiefe Zuneigung verspürte. Die Seidenhäuser, worin sie aufgezogen wurden, gehörten zu den schönsten Gebäuden des Sommerpalasts. Tagtäglich wandelte Tz’u-hsi mit den in weiße Schürzen gekleideten Damen ihres Gefolges durch die luftigen Hallen, um den Fortgang der Arbeiten in Augenschein zu nehmen, und mit besonderer Vorliebe saß sie, wenn es Nacht wurde, ganz für sich nur zwischen den Stellagen und lauschte hingebungsvoll auf das leise, gleichmäßige, ungemein beruhigende Vertilgungsgeräusch, das von den ungezählten, das frische Maulbeerlaub zernagenden Seidenwürmern kam. Diese blassen, beinahe transparenten Wesen, die bald ihr Leben lassen würden für den feinen Faden, den sie spannen, betrachtete sie als ihre wahren Getreuen. Sie erschienen ihr als das ideale Volk, dienstfertig, todesbereit, in kurzer Frist beliebig vermehrbar, ausgerichtet nur auf den einzigen ihnen vorbestimmten Zweck, völlig das Gegenteil der Menschen, auf die grundsätzlich kein Verlaß war, auf die namenlosen Massen draußen im Reich so wenig wie auf diejenigen, die den innersten Kreis bildeten um sie und die, wie sie ahnte, jederzeit imstande waren, überzulaufen zu dem zweiten von ihr eingesetzten Kinderkaiser, der zu ihrer Sorge jetzt immer häufiger seinen Eigenwillen bekundete. Noch verbrachte


Kuang-hsu,

der zutiefst fasziniert war von dem Geheimnis der neuen Maschinen, den größten Teil seiner Zeit mit dem Zerlegen mechanischer Spielzeuge und Uhrwerke, die ein dänischer Unternehmer in einem Ladengeschäft in Peking verkaufte, noch vermochte man seinen erwachenden Ehrgeiz abzulenken, indem man ihm einen echten Eisenbahnzug versprach, auf dem er durch sein Land würde fahren können, aber der Tag war nicht mehr fern, da ihm die Macht zufallen mußte, die sie, die Kaiserinwitwe, je länger, desto weniger aufgeben konnte. Ich stelle mir vor, daß der kleine Hofzug mit dem Bild des chinesischen Drachen, der später zwischen Haiesworth und Southwold verkehrte, ursprünglich für Kuang-hsu in Auftrag gegeben und daß dieser Auftrag rückgängig gemacht wurde, als der junge Kaiser um die Mitte der neunziger Jahre begann, Tz’u-hsi gegenüber in zunehmendem Maße die ihren Absichten völlig zuwiderlaufenden Ziele der Reformbewegung zu vertreten, unter deren Einfluß er geraten war. Verbürgt ist jedenfalls, daß die Versuche Kuang-hsus, die Macht an sich zu bringen, zuletzt dazu führten, daß er in einem der vor der verbotenen Stadt liegenden Wasserpaläste in Festungshaft gehalten und gezwungen wurde, eine Verzichtserklärung zu unterzeichnen, die die Regierungsgewalt ohne Einschränkung der Kaiserinwitwe überantwortete.

Zehn Jahre lang siechte Kuang-hsu in seinem Exil auf der Paradiesinsel dahin, bis ihn im Ausgang des Sommers 1908 die verschiedenen Leiden - chronische Kopf- und Rückenschmerzen, Nierenkrämpfe, extreme Licht- und Lärmempfindlichkeit, Lungenschwäche und schwere Depression - , die ihn seit dem Tag seiner Entmachtung mehr und mehr geplagt hatten, endgültig überwältigten. Ein gewisser, der westlichen Medizin kundiger Dr. Chu, den man zuletzt zu Rat gezogen hatte, diagnostizierte die sogenannte Brightsche Krankheit, vermerkte jedoch einige unstimmige Erscheinungen - flatterndes Herz, purpurfarben angelaufenes Gesicht, gelbe Zunge - , die, wie seither verschiedentlich vermutet wurde, hindeuteten auf eine langsame Vergiftung. Außerdem fiel Dr. Chu bei seinem Krankenbesuch in der kaiserlichen Wohnung auf, daß die Fußböden und sämtliche Einrichtungsgegenstände von einer dichten Staubschicht bedeckt waren wie in einem von seinen Bewohnern längst verlassenen Haus, ein Zeichen, daß man Vorjahren schon aufgehört hatte, sich um das Wohlergehen des Kaisers zu kümmern. Am 14. November 1908, in der Abenddämmerung oder, wie es hieß, zur Stunde des Hahns, ließ Kuang-hsu unter Qualen sein Leben.

Er war siebenunddreißig Jahre alt zum Zeitpunkt seines Todes. Die dreiundsiebzigjährige Kaiserinwitwe, die so planvoll die Zerstörung seines Körpers und seines Geistes betrieben hatte, überlebte ihn, seltsamerweise, nicht einmal um einen einzigen Tag. Am Morgen des 15. November saß sie, einigermaßen noch bei Kräften, dem großen Rat vor, der die neu eingetretene Lage überdachte, aber nach dem Mittagsmahl, zu dessen Beschluß sie, den Warnungen ihrer Leibärzte zum Trotz, eine Doppelportion ihres Lieblingsgerichts - Holzäpfelchen mit gedicktem Rahm - zu sich genommen hatte, erlitt sie einen ruhrartigen Anfall, dem sie nicht mehr entkam. Gegen drei Uhr ging es zu Ende. Eingekleidet bereits in das Sterbegewand, diktierte sie ihren Abschied von dem Reich, das unter ihrer beinahe ein halbes Jahrhundert währenden Regentschaft an den Rand der Auflösung gelangt war. Sie sehe jetzt, sagte sie, indem sie zurückblicke, wie die Geschichte aus nichts bestehe als aus dem Unglück und den Anfechtungen, die über uns hereinbrechen, Welle um Welle wie über das Ufer des Meers, so daß wir, sagte sie, im Verlauf all unserer Erdentage auch nicht einen Augenblick erleben, der wirklich frei ist von Angst.



Nachtrag



1987 kommt ein Film Bernardo Bertoluccis in die Kinos: "Der letzte Kaiser" - erhält 9 Oscars und erzählt das Leben von Aisin Gioro Puyi, geboren 1906:

Als Kuang-hsu 1908 im Sterbern liegt, lässt Tz'u Hsi den zweijährigen Puyi als Thronerben einsetzen. Vater: der jüngere Halbbruder Kuang-hsus. Einen Tag nach der Ankunft des Jungen stibt Kuang-hsu, einen weiteren Tag später Tz'u Hsi. Man vermutet, dass sie Kuang-hsu vergiften ließ, um für Puyi als minderjährigen Nachfolger selbst erneut regieren zu können.
Der Kind-Kaiser lebt fortan getrennt von seinen Eltern als gottähnliche Person in der Verbotenen Stadt, umgeben von Eunuchen, Dienstboten, Nebenfrauen und Konkubinen seiner Vorgänger, auf das strenge Protokoll reagiert das Baby verstört.



China versinkt im Chaos. Korruption, Misswirtschaft, regionale Warlords, republikanische Kuomintang-Bewegung und ausländische Großmächte bestimmen das Geschehen. 1912 ruft Sun Yat-sen die Republik China aus, der sechsjährige Puyi muss abdanken, man gesteht ihm Kaisertitel und unbefristetes Wohnrecht in der Verbotenen Stadt zu, er lebt weiterhin getrennt von den Eltern in Isolation und Abgeschiedenheit - seine Amme ist wichtigste Bezugsperson.
1917 Militärputsch, 12 Tage Monarchie, ab 1919 gewinnt der britische Kolonialbeamte und Sinologe R.F. Johnston prägenden Einfluss auf Puyi in Richtung westliche Denkweise.
1924 erneuter Putsch, Puyi, 16jährig, verlässt die Verbotene Stadt, wird von Japans Gnaden 1932 bis 1945 Kaiser von Mandschukuo, Marionettenstaat, Rohstoffquelle und Fabrikationsstätte Japans.



Puyi, umgeben von japanischen Spitzeln und zunehmend isoliert, zeigt paranoide Züge. Nach der Niederlage Japans marschiert die Sowjetunion in Mandschukuo ein, Puyi flüchtet, wird gefangen und bis 1950 in einem Kriegsgefangenenlager interniert.



Die Russen liefern ihn an China aus, das ihn ebenfalls - bis 1959 - interniert, dann als städtischen Gärtner, später als Archivar anstellt. Nach Rehabilitierung 1964 erscheint seine Autobiographie, 1967 verstirbt Puyi an Nierenkrebs.







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