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Sebald und die Juden





Die "Gesellenstücke" des angehenden Germanisten Sebald zu Carl Sternheim und Alfred Döblin sind ein Ärgernis.
Erboste bei ihrem Erscheinen die pauschale Aburteilung der etablierten Literaturgrößen die zeitgenössische Germanistik, so irritiert heute die scheinbare Unvereinbarkeit der Angriffe des Autors von Austerlitz auf die deutsch-jüdischen Schriftsteller, die er zu (Proto-)Nazis erklärt, wobei die Crux an der Sache ist, dass es sich bei diesen literaturkritischen 'Hinrichtungen' im Großen und Ganzen um dieselben ethischen und ästhetischen Kriterien handelt, die ihn später beim Verfassen seines literarischen Werks leiten.
Mit der Beziehung Sebalds zum Judentum beschäftigen sich der Jerusalemer Germanist Jakob Hessing und die Luzerner Judaistin Verena Lenzen im Buch Sebalds Blick
Hessing beleuchtet nicht den Werdegang eines Wissenschaftlers, sondern die Ursprünge eines Erzählers, wenn er konstatiert: "Gleich zu Anfang spricht er aller Forschung die Kompetenz ab und schafft sich damit Ellenbogenfreiheit für die eigene Methode". Wie Uwe Schütte zeigt, ist die frühe Literaturkritik Sebalds eine Form des jugendlichen Protestes in den späten 1960er Jahren, der sich in Deutschland parallel auf der Straße vollzogen hat. Und Hessing führt vor, wie sich Sebald dadurch, dass er die spezifisch jüdische Identität der beiden Schriftsteller ins Zentrum seiner Analysen stellt, auf ein Feld begibt, das innerhalb der Nachkriegsgermanistik Neuland darstellt.

Hessing zeichnet die vielen Missverständnisse, Fehlannahmen und Widersprüche von Sebald nach, wobei er aber zugleich die philologische Pionierarbeit betont, die der junge Mann aus einem provinziellen katholischen Umfeld dabei leistet. Hessing betont, dass es bei seinen Analysen nie darum geht, ob Sebald Sternheim und Döblin gerecht wird (natuürlich nicht!), sondern was die Denunziationen der deutsch-jüdischen Autoren über Sebald als späteren Schriftsteller sagen. Die von Sebald verurteilten und wiederholt ausführlichen Schilderungen von Gewalt und Grausamkeiten haben die reale Grausamkeit der Nazis zwar sicher nicht inspiriert, doch was Sebald für seine spätere Literatur aus der Kritik an Döblins Schilderungen von massenhaften Judenmorden ableitet, ist das ethisch-ästhetische Prinzip, den Holocaust stets spürbar, aber unsichtbar im Hintergrund zu halten, und von der Shoah allenfalls 'tangential' zu erzählen.

Alfred Döblin und Carl Sternheim

Hessing kommt mit seinen feinfühligen, kenntnisreichen Interpretationen zu dem eher ernüchternden Befund, dass das "Judentum Sebald immer fremd geblieben" ist, denn "an den Juden ist er in Wahrheit gar nicht interessiert. Ihre Kalamität sieht er nur als Symptom einer größeren, vor unseren Augen sich abspielenden Katastrophe der Menschheit, und das ist auch der Grund, warum alle Juden, die Sebald später erfinden wird - Dr. Selwyn, Max Aurach, Jacques Austerlitz - nie wirklich als Juden zu erkennen sind. Längst sind sie ihres Judentums beraubt worden, und auch Sebald kann es ihnen nicht zurückgeben, weil sein Blick daran vorbeigeht".
Dieser ernüchternde Befund deckt sich mit späten Interviewäußerungen Sebalds, wo er in politisch inkorrekter Weise den Holocaust in den Kontext der übermächtigen Gesetze einer "Naturgeschichte der Zerstörung" rückt.

Im zweiten Teil des Buches nimmt Verena Lenzen eine andere provokante Aussage ins Visier, nämlich Sebalds Aussage über Schlachthöfe (im Essay über Achternbusch): "Auschwitz und die Konzentrations-lager für Tiere haben als gemeinsamen Nenner die Ausbeutung der Natur".
Lenzen: "Bei aller Empathie für die leidende Kreatur und in der Erkenntnis struktureller Gewalt verkennt doch die komparative Sicht die große Distanz und stuft so den Genozid zum Epiphänomen einer Gewaltgeschichte herab. Durch die alles nivellierende Analogie schlägt der Respekt vor allem Lebendigen in sein Gegenteil um, in zynische Taktlosigkeit, und unterwirft sich letztlich der Optik einer anonymen Masse".

Sebald wird als ein in seiner Komplexität widersprüchlicher, kontroverser Autor erkennbar und Lenzens Studie liefert dazu den exemplarischen Zugang. Sie nimmt sein gesamtes Werk in den Blick und bahnt sich dabei anhand des titelgebenden "Blicks" einen eigenen Weg durch das Werk. Ihr thematischer Leitfaden ist zunächst die visuelle Dimension der Sebald’schen Bild-Text-Verfahren, die sie in allen möglichen thematischen und motivischen Verästelungen diskutiert und so eine Ergänzung und Korrektur der bestehenden Forschung liefert. Gemeinsam mit Hessings Text ist das Buch für ein tiefergreifendes Verständnis von W.G. Sebald unabdingbar.

Quelle: Uwe Schütte in Weimarer Beiträge 64 (2018) 4




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