Im Sommer 1987,
sieben Jahre nach dieser Flucht aus Verona,
habe ich,
einem seit langem sich rührenden Bedürfnis endlich nachgebend,
die Reise von Wien über Venedig nach Verona noch einmal gemacht,
um meine schemenhaften Erinnerungen an die damalige gefahrvolle Zeit genauer überprüfen
und
vielleicht einiges davon aufschreiben zu können.

ALL'ESTERO:


Limone sul Garda

(Schwindel.Gefühle. S. 97ff.)

Es wird gegen vier Uhr nachmittags gewesen sein, als ich, mitgenommen und müde von der langen Strecke, die ich, ohne ein Auge zuzutun, von Wien über Venedig und Padua bis nach Limone zurückgelegt hatte, das Hotel Sole am Seeufer betrat, das um diese Tageszeit leer und verlassen dalag. Auf der Terrasse saß ein einsamer Gast unter einem Sonnenschirm, und drinnen, im Dunkel hinter der Theke, stand die Wirtin Luciana Michelotti, gleichfalls allein, und stocherte mit einem kleinen Silberlöffel gedankenverloren in der Espressotasse, die sie gerade ausgetrunken hatte. Die mir als resolut und lebensfroh in Erinnerung gebliebene Frau machte an diesem Tag, der, wie ich später erfuhr, ihr 44. Geburtstag gewesen war, einen schwermütigen, wo nicht gar untröstlichen Eindruck. Mit auffälliger Langsamkeit nahm sie das Registrationsgeschäft vor, blätterte, in Verwunderung vielleicht über meine Gleichaltrigkeit mit ihr, in meinem Paß, verglich mehrmals mein Gesicht mit der Photographie, wobei sie mir einmal lang in die Augen schaute, verschloß das Dokument zuletzt bedachtsam in einer Lade und händigte mir den Zimmerschlüssel aus. Ich richtete mich ein, mehrere Tage zu bleiben, ein wenig zu schreiben und mich auszuruhen.





In den frühen Abendstunden ruderte ich, nachdem ich mit Hilfe von Lucianas Sohn Mauro ein geeignetes Boot aufgetrieben hatte, ein gutes Stück weit auf den See hinaus. Auf der Abendseite versank alles bereits in den wie dunkle Fahnen über die steilen Felswände des Dosso dei Róveri herabwallenden Schatten, und auch am jenseitigen östlichen Ufer stieg der Abendglanz immer höher hinauf, bis bald nur mehr ein schwacher, rosa lodernder Schein über dem Gipfel des Monte Altissimo zu sehen war. Der ganze dunkelglänzende See lag jetzt still um mich her.






Das nächtliche Lärmen der Lautsprecher auf den Hotelterrassen, in den Bars und Diskotheken von Limone, das inzwischen angehoben hatte, kam nur als ein dumpf pulsierendes Geräusch bis zu mir heraus und schien eine geringe Störung, verglichen mit der Gewaltigkeit der ungeheuren, schweigenden Schattenwand, die hinter dem zitternden Lichterhäufchen des Ortes so steil und hoch aufragte, daß ich meinte, sie neige sich mir entgegen und könne, im nächsten Augenblick, in den See hineinstürzen. Ich zündete die Bootslampe an und ruderte halb dem Ufer, halb der Brise entgegen, die in der Nacht vom Norden her über den See streicht. Im tiefen Schatten der Felswände angelangt, zog ich die Ruder ein. Langsam trieb ich nun zurück in die Richtung des Hafens. Ich löschte die Lampe im Bug, legte mich nieder im Boot und schaute in die Höhe hinauf, wo die Sterne über den Felsen hervortraten in einem Übermaß, als könnten sie nicht Platz finden und als berühre einer den ändern. Vom Rudern spürte ich das Blut in meinen Händen. Das Boot trieb vorbei an den aufgelassenen Terrassengärten, in denen früher einmal Zitronen gezogen worden waren. Die steinernen viereckigen Pfeiler standen noch da in der Dunkelheit und rückten in Stufen den Abhang hinan. Starke Stangen hat man seinerzeit über diese Pfeiler gelegt, und Matten sind zwischen den Stangen gespannt worden im Winter, um das grünlaubige Gehölz vor der Kälte zu schützen.










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