wo sich sein Schicksal
auf dieser Erde
endgültig erfüllen wird




Heringsfischerei



(W. G. Sebald:
Die Ringe des Saturn S. 71f.)

Ich entsinne mich genau, daß einer jener von schwarzem Gestrichel durchzitterten Kurzfilme, welche die Schullehrer in den fünfziger Jahren von den Kreisbildstellen ausleihen konnten, einen Kutter aus Wilhelmshaven zeigte, der zwischen dunklen, bis an den oberen Bildrand sich auftürmenden Wellen herumfuhr. Bei Nacht, schien es, wurden die Netze ausgebracht, und bei Nacht wurden sie wieder eingeholt. Alles spielte sich ab in wüster Finsternis. Hellweiß waren nur die Leiber der bald zuhauf auf dem Deck liegenden Fische und das Salz, mit dem sie vermengt wurden. In meiner Erinnerung an diesen Schulfilm sehe ich die Männer in ihrem schwarzglänzenden Ölzeug heldenhaft arbeiten unter der einmal ums andere über sie hereinbrechenden Sturzsee - der Heringsfang als einer der exemplarischen Schauplätze im Kampf des Menschen mit der Übermacht der Natur. Gegen das Ende zu, als das Schiff den Heimathafen ansteuert, durchbrechen die Strahlen der Abendsonne die Wolken und breiten ihren Glanz aus über das nun still gewordene Meer. Einer der Seeleute, frisch gewaschen und gekämmt, spielt auf seiner Mundharmonika. Der Kapitän steht am Steuer und blickt verantwortungsbewußt in die Ferne. Zuletzt das Löschen der Ladung, die Arbeit in den Hallen, wo die Heringe von Frauenhänden ausgenommen, der Größe nach sortiert und in Fässer verpackt werden. Dann nehmen die Güterwagen der Eisenbahn (so heißt es in dem Beiheft zu dem 1936 gedrehten Film, das ich unlängst habe auftreiben können) den ruhelosen Wanderer des Meeres auf, um ihn an die Stätten zu bringen, wo sich sein Schicksal auf dieser Erde endgültig erfüllen wird.




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