Heilige?

Einsiedler, Messias, Scharfrichter
vergöttert, verdammt















Das Schreibpapier

riecht
wie die Hobelspäne
im Sarg

Sebald - ein Eremit.

Er wird heiliggesprochen.

Einer lebt als Einsiedler im Nürnberger Reichswald, der andere, Messias und Scharfrichter, unternimmt die englische Wallfahrt, als Manchester den Studenten in einen quasi sublunaren Zustand schwerer Melancholie versetzt, er ununterbrochen die eintönigen Schwingungen einer Maultrommel vernimmt und vor Beklemmuing außer Haus gehen muss.

Außer seinem Einsiedlerleben ist vom Heiligen nichts bekannt, aber Uwe Schütte weiß es besser:

Er ist doch kein Heiliger, wird vorschnell vergöttert – oder verdammt.

Sebald, den Königssohn, überkommt in der Hochzeitsnacht eine Anwandlung tiefsten Unwerts, er ergreift die Flucht und wallfahrt hinab nach Italien, predigt ruhmreich in Vicenza, überquert auf dem Mantel die Donau und entfacht Feuer aus Eiszapfen.

Sebald, der Kleinbürgersohn aus dem Allgäu, der gegen die Beschränkungen seiner Herkunft zur Literatur findet, sich als Student fremd fühlt unter den professoralen Granden der Germanistik, denen er (vielfach nicht zu Unrecht) braune Flecken in ihrer Biografie unterstellt, entläuft ins Ausland – erst in die Schweiz und dann nach England und zieht eine merkwürdige, ja exzentrische Bahn durch das Koordinatensystem der deutschen Literatur.

Sebald beschreibt den veritablen Schock seiner Ankunft in der desolaten Geburtsstätte der Industrialisierung eindringlich in Die Ausgewanderten und im autobiografischen Teil seines Debüts Nach der Natur.

Der Schriftsteller war zunächst vor allem Hochschullehrer: Nach seiner Lehrzeit als Teaching Assistant an der Uni Manchester findet er eine Anstellung als Dozent an der einige Jahre zuvor gegründeten University of East Anglia. Behaust in einem hässlichen Waschbetongebäude, das hingeklotzt ist auf einen idyllischen Golfplatz außerhalb Norwichs, macht dort eine akademische Karriere und wird Professor of European Literature - der ihm oftmals zugeschriebene Lehrstuhl für Neue Deutsche Literatur ist eine Fiktion deutscher Journalisten.

70 wäre er am 18. Mai 2014 geworden. Er stirbt, keine 58, auf der Höhe seines internationalen Ruhms. Stockholm zieht ihn für den Nobelpreis in Betracht, nicht unangefochten, aber dennoch unzweifelhaft ist Sebald der bedeutendste Autor der deutschen Literatur im späten 20. Jahrhundert.

Sebald überall: Exzerpte aus seinen Büchern gehen in postdramatische Bühnenperformances ein, in dem ihm so verhassten Internet widmen sich unterschiedlichste Blogs seinem Werk, bildende Künstler wie Tacita Dean verarbeiten seine Texte in vielfältiger Weise. Sein Meisterwerk Die Ringe des Saturn wird auf dubiose Weise verfilmt, und während Patti Smith ihm auf einem fulminanten Konzert ihren Tribut zollt, indem sie Exzerpte aus After Nature rezitiert, richtet sein Geburtsort einen Wanderweg ein, der den Spuren des autobiografischen Erzählers von Schwindel.Gefühle. folgt. Ein Ende dieser vielschichtigen Rezeption zwischen Ehrerweisung und Vereinnahmung ist nicht abzusehen.

Auch die akademische Sebald-Industrie boomt. Die alljährliche Produktion an wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten über sein Werk hat mittlerweile die zu Goethe oder Thomas Mann überflügelt, im Marbacher Literaturarchiv durchforschen fast jeden Tag mehrere Germanisten seinen Nachlass. Ungleich bedeutender noch ist das Echo, das seine Texte unter jenen Menschen findet, die manche herablassend als normale Leser bezeichnen. Diese Gruppe reicht weit hinaus über den harten Kern der Sebald-Jünger, unter denen es wiederum einige gibt, die einen Sebald-Kult inszenieren.

Zugleich mangelt es nicht an erbitterten Kritikern, die insbesondere an seinen literaturkritischen Schriften Anstoß nehmen. Dass Sebald sich etwa in seiner Dissertation ziemlich negativ über Alfred Döblin äußert, hat ihm Günter Grass nie verziehen. Berüchtigt seine Attacke auf Alfred Andersch: Mit seiner furiosen Polemik stößt er die Symbolfigur der liberalen Linken vom auf Verklärung und Unterschlag basierenden Sockel, als allgemein bekannt wird, dass Andersch sich am Höhepunkt des Holocaust von seiner jüdischstämmigen Frau trennt, um eine literarische Karriere unter dem Hakenkreuz zu beginnen.

Sebalds Furor wird vielfach als überzogen zurückgewiesen, und Anderschs Familie versucht gar, in Tateinheit mit germanistischen Erfüllungsgehilfen, das beschädigte Ansehen des Schriftstellers zu reparieren – vergebens. Im Gefolge von Sebalds Pauschalkritik finden sich beständig mehr Indizien und Beweise für die eminente Diskrepanz zwischen biografischer Wahrheit und verlogener Selbststilisierung. Und wer weiß, was noch alles in den Archiven entdeckt wird.

Doch Sebald ging es (bei aller moralischen Problematik von Anderschs Verhalten und seiner sich vom Opportunisten zum Deserteur und Widerständler gerierenden Selbstinszenierung) in erster Linie um die paradigmatische Qualität der Causa. Wie kaum ein anderer Schriftsteller repräsentiert Andersch lange Jahre den Typus des Nachkriegsintellektuellen, der aufrichtig und mutig den Nationalsozialismus durchgestanden hat, um so als moralische Autorität beim Neuanfang jene Orientierung zu liefern, die der junge Sebald zunächst in den Büchern der Nachkriegsliteratur sucht. Sebalds erste Veröffentlichung als Literaturkritiker (mit 27), ist ein Essay über Günter Eich. Doch auch er stellt sich als jemand heraus, der nicht Sand, sondern ein durchaus gut geöltes Rädchen im Getriebe des faschistischen Kulturapparats war.

Kein Wunder also, dass sich Sebald lieber an jüdische Schriftsteller wie Peter Weiss oder Jean Améry hält, in deren Büchern er jene Wahrheit über die Zeit des Nationalsozialismus findet, die er in den Texten der Nachkriegsliteratur vermisst. Musterhaft etwa das Thema des Luftkriegs gegen die Zivilbevölkerung, dessen Ausblendung beziehungsweise Mythologisierung in der ernstzunehmenden Literatur er bereits 1980 kritisiert. Gegen Ende der 90er Jahre ist die Zeit gekommen für seine exemplarische Generalabrechnung: Luftkrieg und Literatur schlägt weite Wellen und ruft Vorwürfe des Revanchismus auf den Plan, die so gar nicht passen zur darauffolgenden Verklärung als Heiliger, die sich nach der Publikation von Austerlitz regt.

Dass er neben seinen germanistischen Essays auch literarische Texte schreibt, hängt zwar wesentlich mit der sich unter Margaret Thatcher zunehmend verschlechternden Lage an der Universität zusammen, ist aber ebenso motiviert durch seine tiefe Unzufriedenheit mit den Büchern aus dem Umfeld der Gruppe 47. Zum Schriftsteller wird Sebald mithin im störrischen Widerspruch zur deutschen Nachkriegsliteratur. Triebfeder seiner literarischen Kreativität ist der Impuls, es den aufgeblasenen Wortführern der Literatur zu zeigen und über jene zu schreiben, die nirgends prominent vorkommen in der Nachkriegsliteratur: Vertriebene, Vergessene, Verdrängte.

Nicht nur von den Eitelkeiten, vom deutschen Literaturbetrieb als Ganzes hält Sebald sich fern. Aus guten Gründen: Als er etwa beim Bachmann-Wettbewerb eine Geschichte aus den Ausgewanderten vorliest, kehrt er ohne jede Auszeichnung aus Klagenfurt heim.

Eine merkwürdige Mischung aus Repräsentanz und Außenseitertum, Zentralität und Marginalität ist ihm eigen. Kein Wunder, dass manche ihn für einen Messias halten, gar eine geheime jüdische Abstammung ihm gerüchteweise unterschiebt. Sein Bild ist daher vielfach ein verzerrtes.

Weil beispielsweise nicht sein kann, was nicht sein darf, exorziert man unliebsame Schriften aus dem umfangreichen literaturkritischen Werk. So etwa die vernichtende Kritik am Holocaust-Überlebenden Jurek Becker, welche so gar nicht zum Klischee des philosemitischen Wiederherstellers der deutsch-jüdischen Kultursymbiose passen will und daher erst knapp zehn Jahre nach seinem Tod erscheinen kann. Auch über die problematische, wiederholte und durchgängige Verwendung des doch ansonsten verpönten Begriffs 'Neger' in seinen Erzählwerken verliert niemand ein erstauntes Wort.

Sebalds zahllose englischsprachigen Leser wiederum, was Will Self zutreffend erläutert, vereinnahmen ihn dankbar als den ersehnten Good German. Insbesondere die Briten führen seine literarische Genialität gerne auf den langjährigen Aufenthalt in England zurück, sie können einfach nicht verstehen, warum er starrsinnig auf Deutsch geschrieben hat, obgleich er doch perfekt Englisch sprach.

Tragisch ist nicht nur Sebalds vorzeitiger Tod, sondern auch der Umstand, dass dadurch ausgerechnet Austerlitz am Ende seines Schaffens steht. Von Austerlitz her wird so zwangsläufig Leben wie Werk perspektiviert.

Man degradiert, wie die US-amerikanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, die vorhergehenden Erzählwerke als Vorstufen des großen Buchs oder ruft Sebald zum Sprachrohr der Holocaust-Opfer aus - ein Amt, das er selbst nie innehaben wollte.

Die Trauerlast, die der melancholische Querkopf aus East Anglia in der Tat sein Leben lang schulterte, sie resultiert aus dem Tod des geliebten Großvaters, sein engster Freund und Vaterersatz. Elf Jahre ist der kleine Winfried, als Josef Egelhofer stirbt - ein Verlust, den Sebald nie überwunden hat. Neben unendlicher Trauer macht sich auch jenes irrationale Gefühl der Schuld am Tod breit, allzu oft missverstanden als allein auf die Erblast des Holocausts bezogen. Wenn Sebalds Texte trauern, dann eben nicht nur um die fremden Opfer der Nazimorde, sondern ebenso um den allzu früh verlorenen „Lebensmenschen“; vom Großvater ererbt hat Sebald übrigens auch den Herzfehler, der ihn am 14. Dezember 2001 aus dem Leben reißt.

In seinem letzten zu Lebzeiten erschienenen Buch, dem englischsprachigen Gedichtband For Years Now, findet sich eine Deutung vom Schreiben als Dienst an dem/den Toten, die Sebald so deutlich vielleicht nur in der fremd-vertrauten Sprache des Englischen ausdrücken konnte:



Wie es weitergegangen wäre mit dem Werk, darüber können wir nur spekulieren. So viel aber ist klar: Sebald hätte hartnäckig damit fortgefahren, Bücher zu schreiben, die kaum weniger eigensinnig, provokant und außerordentlich ausgefallen wären als jene bemerkenswerten Texte, die er uns hinterlassen hat. Seine Bücher sind hier. Und Sebald wird bleiben.

Quelle: der Freitag 18.5.2014










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