. wgsebald.de Gerald Fitzpatrick





(Austerlitz S. 109ff)

So lange ich noch an der Schule war, sagte Austerlitz, hat mir, abgesehen von dem Beistand Hilarys, besonders die Freundschaft mit Gerald Fitzpatrick über die gelegentlich mich bedrückenden Selbstzweifel hinweggeholfen. Gerald ist mir bei meinem Eintritt in die Oberstufe nach dem an den Internatsschulen allgemein üblichen Brauch als Faktotum zugeteilt worden. Seine Aufgabe war es, mein Zimmer in Ordnung zu halten, meine Stiefel zu putzen und das Tablett mit den Teesachen zu bringen. Vom ersten Tag an, als er mich um eine der neuen Photographien der Rugby-Mannschaft bat, auf der ich in der vorderen Reihe ganz rechts außen zu sehen war, merkte ich, daß Gerald sich genauso allein fühlte wie ich, sagte Austerlitz, der mir dann, kaum eine Woche nach unserer Wiederbegegnung im Great Eastern Hotel, eine Kopie der von ihm erwähnten Aufnahme ohne weiteren Kommentar zugeschickt hat. An jenem Dezemberabend aber, in der schon still gewordenen Hotelbar, erzählte mir Austerlitz weiter von Gerald, daß er seit seiner Ankunft in Stower Grange an einem schlimmen, ganz gegen seinen natürlichen Frohsinn gehenden Heimweh gelitten habe.

Immerzu, sagte Austerlitz, in jeder freien Minute, ordnete er in seiner Tuckbox die Sachen, die er von zu Hause mitgebracht hatte, und einmal, nicht lange nachdem er in meine Dienste getreten war, beobachtete ich ihn an einem trostlosen Samstagnachmittag, als draußen der Herbstregen herunterströmte, wie er am Ende eines Korridors Feuer zu legen versuchte an einen Stapel Zeitungen, der dort aufgeschichtet war auf dem Steinboden neben der offenen, in einen Hinterhof hinausführenden Tür. In dem grauen Gegenlicht sah ich seine kleine, zusammengekauerte Gestalt und die Flämmchen, die an den Rändern der Zeitungen züngelten, ohne daß es recht brennen wollte. Als ich ihn zur Rede stellte, sagte er, am liebsten wäre ihm ein riesiges Feuer und an Stelle des Schulgebäudes ein Haufen Trümmer und Asche. Von da an habe ich mich um Gerald gekümmert, habe ihm das Aufräumen und Stiefelputzen erlassen und den Tee selber gekocht und mit ihm getrunken, eine Durchbrechung des Reglements, die von den meisten meiner Mitschüler und auch von meinem Housemaster mißbilligt wurde, so etwa, als wäre sie der natürlichen Ordnung zuwider.

In den Abendstunden ist Gerald oft mit mir in die Dunkelkammer gegangen, in der ich zu jener Zeit meine ersten photographischen Versuche anstellte.

Gerald ging mir in der Dunkelkammer gerne zur Hand, und ich sehe ihn noch, einen Kopf kleiner als ich, wie er neben mir in der nur von dem rötlichen Lämpchen schwach erleuchteten Kammer steht und mit der Pinzette die Bilder hin- und herbewegt in dem mit Wasser gefüllten Ausguß. Er erzählte mir bei diesen Gelegenheiten oftmals von seinem Zuhause, am liebsten aber von den drei Brieftauben, die dort, so meinte er, nicht weniger sehnlich seine Rückkehr erwarteten als er sonst die ihre. Vor gut einem Jahr, zu seinem zehnten Geburtstag, sagte mir Gerald, sagte Austerlitz, habe der Onkel Alphonso ihm zwei schieferblaue Tauben und eine schneeweiße geschenkt. So oft als möglich, wenn jemand aus dem Ort landauf oder landab fahre mit einem Wagen, lasse er die


drei Tauben

in der Ferne aussetzen, und unfehlbar fänden sie sich jedesmal wieder in ihrem Kogel ein. Nur die Tilly, die weiße, sei einmal, gegen Ende vergangenen Sommers, weit über die Zeit hinaus ausgeblieben, nachdem man sie von dem nur ein paar Meilen talaufwärts gelegenen Dolgellau aus auf einen Probeflug geschickt hatte, und erst am folgenden Tag, als er die Hoffnung bereits aufgeben wollte, sei sie endlich zurückgekommen - zu Fuß über die Kiesbahn der Einfahrt herauf, mit einem angebrochenen Flügel. Ich habe später oft über diese Geschichte von dem allein über eine lange Wegstrecke heimkehrenden Vogel nachdenken müssen, darüber, wie er quer durch das steile Gelände und um die vielen Hindernisse herum richtig an seinem Ziel anlangen konnte, und diese Frage, sagte Austerlitz, die mich noch heute bewegt, wenn ich irgendwo eine Taube fliegen sehe, war für mich auf eine eher unlogische Weise immer verbunden mit dem Gedanken daran, wie Gerald zuletzt ums Leben kam.

- Ich glaube, so fuhr Austerlitz nach einer geraumen Zeit fort, es ist am zweiten oder dritten Elternbesuchstag gewesen, daß Gerald mich voller Stolz über das privilegierte Verhältnis, in dem er zu mir stand, seiner Mutter Adela vorstellte, die damals kaum mehr als dreißig Jahre gewesen sein durfte und sehr glücklich darüber war, daß ihr junger Sohn, nach den anfänglichen Schwierigkeiten, in mir einen Beschützer gefunden hatte. Gerald hatte mir bereits erzählt von seinem Vater Aldous, der im letzten Kriegswinter über dem Ardennerwald abgestürzt war, und ich wußte auch von seiner Mutter und daß sie seither allein mit einem alten Onkel und einem noch älteren Großonkel etwas außerhalb des Seestädtchens Barmouth in einem Landhaus lebte, an dem schönsten Platz, behauptete Gerald, an der gesamten walisischen Küste. In diesem Landhaus bin ich, nachdem Adela von Gerald erfahren hatte, daß ich ganz ohne Eltern und Anverwandte war, wiederholt, ja eigentlich ständig eingeladen gewesen, sogar während meiner Militär- und Studienzeit noch, und ich wünsche mir heute, sagte Austerlitz, daß ich in dem Frieden, der dort ununterbrochen herrschte, spurlos hätte vergehen können.



Am Bahnhof von Barmouth holte Adela uns ab, meistens mit dem schwarzlackierten Pferdewägelchen, und dann dauerte es bloß noch eine halbe Stunde, bis der Kies der Einfahrt von Andromeda Lodge unter den Rädern knirschte, das fuchsfarbene Pony stehenblieb und wir absteigen konnten in unserem Ferienasyl.

Turner: Funeral at Lausanne

Gerald, der inzwischen im letzten Schuljahr stand und eigens zur Beisetzung aus Oswestry herübergekommen war, berichtete von den unverbesserlichen Verhältnissen in Stower Grange, das er als einen scheußlichen, die Seelen der Zöglinge, wie er sich ausdrückte, für immer verunstaltenden Tintenfleck bezeichnete. Einzig daß er seit seinem Eintritt in die Fliegersektion der Cadet Force einmal in der Woche in einer Chipmunk über die ganze Misere hinwegfliegen konnte, einzig das, sagte Gerald, erhalte ihm seinen ungetrübten Verstand. Je weiter man von der Erde abhebe, sagte er, desto besser, weshalb er auch den Entschluß gefaßt habe, das Studium der Astronomie aufzunehmen. Gegen vier Uhr begleitete ich Gerald zum Bahnhof von Barmouth hinab.

Ich habe Adela nach dem Begräbnistag nie mehr gesehen, aus eigener Schuld, so hob er an, weil ich während meiner ganzen Pariser Zeit kein einziges Mal nach England zurückgekommen bin, und als ich dann, fuhr er fort, nach dem Antritt meiner Londoner Stelle, Gerald, der inzwischen sein Studium absolviert und die Forschungsarbeit aufgenommen hatte, in Cambridge besuchte, war Andromeda Lodge verkauft und Adela mit einem Entomologen namens Willoughby nach North Carolina gegangen. Gerald, der damals in der winzigen Ortschaft Quy, unweit des Flugfelds von Cambridge, ein Cottage gemietet und sich von seinem bei der Auflösung des Besitzes ihm ausbezahlten Erbteil eine Cessna gekauft hatte, kam in allen unseren Gesprächen, gleich worum sie sich drehten, immer wieder auf seine Flugleidenschaft zurück. So erinnere ich mich zum Beispiel, sagte Austerlitz, daß er einmal, als wir von unseren Schultagen in Stower Grange redeten, mir genauestens erläuterte, wie er, nachdem ich nach Oxford gegangen war, einen Großteil der endlosen Studierstunden darauf verwandte, ein ornithologisches System auszuarbeiten, dessen wichtigstes Einteilungskriterium der Grad der Flugtüchtigkeit gewesen sei, und auf welche Weise er dieses System auch modifiziert habe, sagte Gerald, sagte Austerlitz,


die Tauben

rangierten immer obenan, nicht nur aufgrund der Geschwindigkeit, mit der sie die längsten Strecken zurücklegten, sondern auch aufgrund ihrer vor allen anderen Lebewesen sie auszeichnenden Kunst der Navigation. Man könne ja so eine Taube abfliegen lassen vom Bord eines Schiffes mitten in einem Schneesturm über der Nordsee, und solang nur ihre Kräfte ausreichten, finde sie unfehlbar den Weg nach Hause zurück. Bis heute wisse niemand, wie die in einer solch drohenden Leere auf die Reise geschickten Tiere, denen gewiß in Vorahnung der ungeheuren Entfernungen, die sie überwinden müssen, beinah das Herz vor Angst zerspringt, den Ort ihrer Herkunft anpeilen. Jedenfalls seien die ihm bekannten wissenschaftlichen Erklärungen, habe Gerald gesagt, denen zufolge die Tauben sich an den Gestirnen, an den Strömungen der Luft oder an magnetischen Feldern orientierten, kaum stichhaltiger als die verschiedenen Theorien, die er sich als zwölfjähriger Knabe ausgedacht habe in der Hoffnung, daß er nach der Lösung dieser Frage in der Lage sein würde, die Tauben auch in umgekehrter Richtung, also beispielsweise von Barmouth an den Platz seiner Verbannung in Oswestry fliegen zu lassen, und immer von neuem habe er sich vorgestellt, wie es wäre, wenn sie auf einmal aus der Höhe herabsegelten zu ihm, das gesiebte Sonnenlicht im Gefieder ihrer reglos ausgestreckten Schwingen, und landeten, mit einem leisen Laut in der Kehle, auf dem Sims des Fensters, an dem er, wie er sagte, oft stundenlang stand. Das Gefühl der Befreiung, das ihn ergriffen habe, als er in einer der Maschinen des Fliegerkorps zum erstenmal die Tragfähigkeit der Luft unter sich spürte, habe Gerald gesagt, sei unbeschreiblich gewesen, und er selber entsinne sich noch, sagte Austerlitz, wie stolz, ja geradezu umstrahlt Gerald gewesen sei, als sie einmal, im Spätsommer 1962 oder 1963, gemeinsam von der Rollbahn des Aerodroms Cambridge zu einem Abendflug abhoben.

Die Sonne war eine Zeitlang vor unserem Start schon untergegangen gewesen, aber sobald wir die Höhen gewannen, umgab uns wieder eine gleißende Helligkeit, die erst abnahm, als wir südwärts dem weißen Streifen der Küste von Suffolk folgten, als die Schatten aus der Tiefe des Meeres emporwuchsen und sich nach und nach über uns neigten, bis der letzte Glanz an den Rändern der westlichen Welt erlosch. Nur schemenhaft waren bald unter uns die Formen des Landes zu erkennen, die Waldungen und die fahlen, abgeernteten Felder, und nie, sagte Austerlitz, werde ich den vor uns wie aus dem Nichts heraufkommenden Mündungsbogen der Themse vergessen, einen Drachenschweif, schwarz wie Wagenschmiere, der sich ringelte durch die einbrechende Nacht und an dem nun die Lichter angingen von Canvey Island, von Sheerness und Southend-on-Sea. Später, als wir in der Finsternis über der Picardie eine Schleife zogen und wieder Kurs nahmen auf England, sahen wir, wenn wir die Augen von den Leuchtziffern und Zeigern abhoben, durch die Verglasung des Cockpits das ganze, anscheinend stillstehende, in Wahrheit aber langsam sich drehende Himmelsgewölbe, so, wie ich es noch nie gesehen hatte zuvor, die Bilder des Schwans, der Cassiopeia, der Pleiaden, der Auriga, der Corona Borealis und wie sie alle heißen, fast verloren in dem überall ausgestreuten flimmernden Staub der Myriaden der namenlosen Sterne. Es war im Herbst 1965, fuhr Austerlitz fort, nachdem er eine Weile tief in seine Erinnerungen versunken gewesen war, daß Gerald mit der Entwicklung seiner, wie wir heute wissen, bahnbrechenden Thesen über die sogenannten Adler-Nebel in der Konstellation Schlange begann. Er sprach von riesigen Regionen interstellaren Gases, die sich zu gewitterwolkenartigen, mehrere Lichtjahre in den Weltraum hinausragenden Gebilden zusammenballten und in denen, in einem unter dem Einfluß der Schwerkraft ständig sich intensivierenden Verdichtungsprozeß, neue Sterne entstünden. Ich entsinne mich einer Behauptung Geralds, daß es dort draußen wahre Kinderstuben von Sternen gebe, einer Behauptung, die ich unlängst bestätigt fand in einem Zeitungskommcntar zu einer der spektakulären photographischen Aufnahmen, die

das Hubbleteleskop von seiner Reise zurückgeschickt hat zu uns auf die Erde. Jedenfalls, sagte Austerlitz, ist Gerald damals zur Fortsetzung seiner Arbeit von Cambridge an ein astrophysisches Forschungsinstitut in Genf übergewechselt, wo ich ihn mehrfach besucht habe und Zeuge geworden bin, wenn wir miteinander aus der Stadt hinaus- und am Seeufer entlangwanderten, wie seine Gedanken, gleich den Sternen selber, allmählich aus den sich drehenden Nebeln seiner physikalischen Phantasien hervorkamen. Gerald erzählte mir damals auch von den Ausflügen, die er in seiner Cessna machte über das schneeglänzende Gebirge oder die Vulkangipfel des Puy de Dôme, die schöne Garonne hinab bis nach Bordeaux. Daß er von einem dieser Flüge nicht mehr heimkehrte, das war ihm wohl vorherbestimmt, sagte Austerlitz. Es war ein schlimmerTag, als ich von dem Absturz in den Savoyer Alpen erfuhr, und vielleicht der Beginn meines eigenen Niedergangs, meiner im Laufe der Zeit immer krankhafter werdenden Verschließung in mich selber.


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