Gelassen blickt er in Korsikas Hauptstadt Ajaccio von seinem Sockel herab auf das Treiben in der Rue Cardinal Fesch, die seinen Namen trägt. Er steht im Innenhof seines Musées Fesch , eine der beeindruckendsten Sammlungen italienischer Tafelbilder vom 14. bis zum frühen 19. Jahrhundert, die beim Tode Feschs etwa 16.000 Gemälde umfasst.

Joseph Fesch

geboren 1763 in Ajaccio auf Korsika, gestorben Rom 1839.
Vater Franz Faesch ist Kapitän eines Schweizerregiments im Dienste der Republik Genua, die Mutter Angela Maria Pietrasanta ist Witwe des Korsen Giovanni Geronimo Ramolino (und bringt die 7jährige Tochter Laetitia Ramolino - die spätere Mutter Napoléon Bonapartes mit in die Ehe).
Fesch schlägt die geistliche Laufbahn ein, lehnt - wie die Mehrheit der Korsen - die Französische Revolution ab, protestiert insbesondere gegen die Einführung der französischen Zivilverfassung des Klerus auf Korsika. 1791 wird er Erzdiakon von Ajaccio, zieht sich - nach Aufhebung der religiösen Orden - ins Privatleben zurück, geht nach Südfrankreich und schließt sich Napoléon Bonaparte an, übernimmt Posten in der Verwaltung, unter anderem bei Montesquious Armee in Savoyen, wird 1796 beim ersten italienischen Feldzug seines Neffen Bonaparte Kriegskommissar, muss aber - infolge vieler gegen ihn laut gewordener Klagen, dass er geplündert, namentlich Gemälde geraubt habe - das Amt bald wieder niederlegen.
Nach dem Konkordat 1801 kehrt Fesch zu geistlichen Tätigkeiten zurück, wird Domkanonikus in Bastia, 1802 Erzbischof von Lyon, 1803 Kardinal und französischer Gesandter am päpstlichen Hof. 1804 begleitet er den Papst zur Krönung Napoleons I. nach Paris, vollzieht am Abend vor der Krönung die kirchliche Trauung Napoleons und Joséphines, wird Großalmosenier des Kaiserreichs, Graf und Senator und 1806 Koadjutor. Bei einem Konzil des französischen Klerus präsidiert er 1810 in Paris, spricht sich entschieden für den Papst und gegen dessen Behandlung durch Napoleon aus, muss fortan zu Lyon in einer Art Verbannung leben.
Beim Herannahen der Österreicher 1814 flieht er mit Schwester und Kaisermutter Laetitia nach Rom, wird nach Napoleons Rückkehr Pair von Frankreich, kehrt nach der Schlacht von Waterloo nach Rom zurück und lebt hier in völliger Zurückgezogenheit den Künsten und Wissenschaften. Seine weltberühmte Gemäldesammlung wird nach seinem Tod 1839 nach und nach versteigert, der Erlös Familienstipendium.



Joseph Fesch



(Campo Santo S. 8f)

Joseph Fesch war, wie ich später in meinem alten Guide Bleu nachlas, der Sohn einer späten zweiten Ehe der Mutter Letizia Bonapartes mit einem in genuesischen Diensten stehenden Schweizer Offizier gewesen und somit ein Stiefonkel Napoleons. Zu Beginn seiner ekklesiastischen Karriere versah er ein unbedeutendes Kirchenamt in Ajaccio. Nachdem er aber von seinem Neffen zum Erzbischof von Lyon und Generalbevollmächtigten am Heiligen Stuhl ernannt worden war, entwickelte er sich zu einem der unersättlichsten Kunstsammler seiner Zeit, einer Zeit, in der der Markt im wahrsten Sinne des Wortes überflutet war mit Gemälden und Artefakten, die während der Revolution aus Kirchen, Klöstern und Schlössern geholt, den Emigrés abgenommen und bei der Plünderung der holländischen und italienischen Städte erbeutet wurden.
Fesch beabsichtigte nichts weniger, als mit seiner privaten Sammlung den gesamten Verlauf der europäischen Kunstgeschichte zu dokumentieren. Es ist nicht genau bekannt, wie viele Bilder er tatsächlich besaß, aber es sollen an die dreißigtausend gewesen sein. Unter dem, was nach seinem 1838 erfolgten Tod und nach diversen Winkelzügen des mit der Testamentsvollstreckung beauftragten Joseph Bonaparte in das eigens in Ajaccio gebaute Museum gelangte, befinden sich eine Madonna von Cosimo Tura, Botticellis
Jungfrau unter einer Girlande, Pier Francesco Cittadinis Stilleben mit türkischem Teppich, Spadinos Gartenfrüchte mit Papagei, Tizians Porträt des jungen Manns mit dem Handschuh und andere wundervolle Gemälde.
Am schönsten von allen dünkte mich an jenem Nachmittag ein Bild von Pietro Paplini, der in Lucca gelebt und gearbeitet hat im siebzehnten Jahrhundert. Es zeigt vor einem tiefschwarzen, nur gegen die linke Seite in ein sehr dunkles Braun übergehenden Hintergrund eine vielleicht dreißigjährige Frau.









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