. wgsebald.de Evelyn Fitzpatrick


Evelyn Fitzpatrick


(Austerlitz S. 123ff)

Darwin sei damals oft bei den Fitzpatricks in Andromeda Lodge zu Gast gewesen und habe, der Familienüberlieferung zufolge, immer wieder die paradiesische Aussicht gerühmt, die man von hier oben genoß. Aus jener Zeit datiere auch, so, sagte Austerlitz, habe ihm Adela gesagt, das bis auf den heutigen Tag sich fortsetzende Schisma in dem Clan der Fitzpatrick, nach dem in jeder Generation einer der jeweils zwei Söhne dem Katholizismus abtrünnig und Naturforscher geworden sei. So war Aldous, der Vater Geralds, Botaniker gewesen, während sein um mehr als zwanzig Jahre älterer Bruder Evelyn festgehalten hatte an dem überkommenen Glaubensbekenntnis des in Wales als die schlimmste aller Perversionen geltenden Papismus. Tatsächlich war auch die katholische Linie in der Familie immer die der Exzentriker und Verrückten gewesen, wie man deutlich am Fall des Onkels Evelyn noch sehen konnte. Er ist zu der Zeit, während ich als Gast Geralds alljährlich viele Wochen hindurch bei den Fitzpatricks war, sagte Austerlitz, vielleicht Mitte Fünfzig gewesen, wurde aber dermaßen geplagt von der Bechterewschen Krankheit, daß er das Ansehen eines Greises hatte und sich nur, ganz vornübergebeugt, mit der größten Mühe fortbewegen konnte.

Gerade deshalb aber war er, um nicht in den Gelenken vollends einzurosten, ständig auf den Beinen in seiner im oberen Stock gelegenen Wohnung, in der die Wände entlang, wie in einer Tanzschule, eine Art Geländer angebracht war. An diesem Geländer hielt er sich ein, indem er, den Kopf und den abgewinkelten Oberkörper kaum höher als die Hand, leise jammernd Zoll für Zoll voranrückte. Um einmal die Runde zu machen um das Schlafzimmer herum, in das Wohnzimmer hinein, aus dem Wohnzimmer heraus auf den Gang und vom Gang wieder in das Schlafzimmer zurück, benötigte er eine gute Stunde. Gerald, der damals bereits der römischen Religion abgeneigt war, behauptete einmal mir gegenüber, sagte Austerlitz, daß der Onkel Evelyn so krumm geworden sei aus reinem Geiz, den er vor sich selber damit rechtfertigte, daß er allwöchentlich das von ihm nicht ausgegebene Geld, meistens einen Betrag von zwölf oder dreizehn Shilling, an die Kongomission überweisen ließ zur Errettung der dort noch im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen.

Es gab in den Zimmern Evelyns weder Vorhänge noch irgend sonstiges Mobiliar, da er nichts unnötig in Gebrauch nehmen wollte, auch wenn es sich um ein schon längst angeschafftes Stück handelte, das nur aus einem anderen Teil des Hauses herbeigeholt werden mußte. Auf die Parkettböden entlang der Wände, wo er immer ging, hatte er vor Jahren zur Schonung einen schmalen Streifen Linoleum legen lassen, der inzwischen von seinen schlurfenden Schritten so weit durchgewetzt war, daß man von seinem ehemaligen Blumenmuster fast nichts mehr erkennen konnte. Nur wenn mehrere Tage hintereinander die Temperatur auf dem Thermometer am Fensterrahmen zur Mittagszeit unter fünfzig Grad Fahrenheit sank, durfte die Haushälterin im Kamin ein winziges Feuerchen anschüren, das von fast gar nichts brannte. Zu Bett ging er stets, um den Strom zu sparen, bei Einbruch der Dunkelheit, im Winter also schon gegen vier Uhr nachmittags, obgleich das Liegen für ihn womöglich eine größere Qual noch bedeutete als das Gehen, weshalb er auch in der Regel, trotz des erschöpften Zustandes, in dem er sich nach seinen unausgesetzten Wanderungen befand, lange den Schlaf nicht finden konnte. Man hörte ihn dann durch das Gitter eines Lüftungsschachts, der sein Schlafzimmer mit einem Wohnzimmer im Erdgeschoß verband und, unbeabsichtigterweise, als eine Art Kommunikationsanlage funktionierte, wie er stundenlang die verschiedensten Heiligen anrief, insbesondere, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, die auf die grauenvollste Weise zu Tode gebrachten Märtyrerinnen


Katharina

und Elisabeth, und sie um Fürsprache bat bei seinem, wie er sich ausdrückte, allfälligen Hintritt vor den Richterstuhl seines himmlischen Herrn.

Ich glaube, es war Anfang Oktober 1957, fuhr er nach einiger Zeit unvermittelt fort, als ich bereits im Begriff stand, zur Weiterführung meiner im Vorjahr am Courtauld Institute begonnenen baugeschichtlichen Studien nach Paris zu gehen, daß ich das letztemal bei den Fitzpatricks in Barmouth gewesen bin, zu dem Doppelbegräbnis des Onkels Evelyn und des Großonkels Alphonso, die kaum einen Tag nacheinander gestorben waren, Alphonso, vom Schlag getroffen, beim Aufklauben seiner Lieblingsäpfel draußen im Garten, und Evelyn, zusammengekrümmt vor Angst und Pein, in seinem eiskalten Bett.




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