Erzbischof Theophon, mit einem ganz kleinen,
gelben Psittig in der Hand auf ihn zutritt
und im Lauf einer lateinischen Konversation
ihm eine Sage aus dem Bezirk Dolji erzählt,
die berichtet, daß Gott auf einmal
und wie aus heiterem Himmel
auf einem Lungenkrautblatt entstand.





Kaum etwas ist ja so unwandelbar wie die Bosheit, mit der die Literaten hinterrücks übereinander reden.

Confrères



John Burnside
geboren 1955
Schotte,
Software-Entwickler,
Professor für Kreatives Schreiben,
drogen-, dann schreibsüchtig

Er zeigte sie uns durch die Augen eines Stendhal oder eines Kafka oder, nüchtern und erschreckend intim, in den unruhigen, schwindelerregend phantasievollen und zuweilen paranoiden Gedanken eines gewissen W. G. Sebald - seines Alter Ego, des Erzählers seiner Werke: ein "Ich", das Genie und Jedermann ist, Autor und Leser, vertraute Figur und absolutes Rätsel, dessen Freuden und Schrecken die gleichen Freuden und Schrecken waren, die wir leugneten oder noch nicht als die unseren erkannt hatten.
Anselm Kiefer sagt, er lasse sich nicht von großartigen, sondern von banalen Dingen inspirieren, von alltäglichen Fundstücken. Ähnliches schreibt Sebald über Pisanello, einen seiner Lieblingsmaler: "Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird."


Hugo Dittberner
geboren 1944
Südniedersachse

Das, übrigens mit solch winzigen Signalen und also äußerst ökonomisch hergestellte, (alt)modisch Unzeitgemäße, was sich darin sogleich und für immer und immer wieder mitteilt, wird in Sebalds Werk vielfältig fortgesetzt. So heißt der Herkunftsort wie in einer Kleistnovelle W. (für Wertach im Allgäu) und die lange Erzählung über diesen Herkunftsort in »Schwindel. Gefühle.« mit einem italienischen Titel »II ritorno in patria«, wohl weil der Ich-Erzähler ein Italienreisender ist, ja ein Liebhaber des Landes wie weiland das große Muster Stendhal, dem die erste Erzählung mit einem wiederum spielerisch und gerade in dem Authentischen und historisch Korrekten befremdenden Titel »Beyle oder das merckwürdige Faktum der Liebe« gilt.
Irritiert, amüsiert, fast geniert greift man diese affektiven Signale aus älteren Usancen auf, die gleichsam den antiquierten Menschen und seine Los- und heutige Auflösung ins Spiel bringen und die nicht nur die Titel schmücken, sondern fast jeden Satz, den Sebald geschrieben hat. Anspielungen auf Bildung sind es, aus Bildung, die vielfädig die Texte durchziehen und mit anderen Anspielungen und wieder anders zusammenstimmen und einen virtuosen - »Subtext« trifft vielleicht weniger als - Mittext bilden, der die europäische Geschichte und Literaturgeschichte und darin - mit einem besonderen, intimen, fast möchte ich sagen: innig seufzenden und zürnenden Ton, wie er keinem anderen deutschen Gegenwartsautor zu Gesicht steht - die deutsche aufruft. Man nimmt das, im Rahmen seiner Kenntnisse, wahr und hin, das Anspruchsvolle daran, das Ironische, vor allem aber das tief Melancholische, denn das alles, die anrührende europäische Kultur-Geschichte, kann, in der herausgeprüften Gegenwartserzählung, als vertan, als verwirkt, als verloren gelten. Dem neu und doch wieder so alt, und gerade auf die falsche Art alt vereinigten Deutschland muss von Sebalds treulich mitgeschriebenen Bilanzen und den daraus kenntlich werdenden Verheerungen ganz schwindelig werden.


Volker Hage
geboren 1949
Hamburger, Journalist, Literaturkritiker

Und doch hat gerade Sebald in einer kurzen Passage seines Essays über "Luftkrieg und Literatur" vorgeführt, dass eine erzählerische Annäherung auch dem Nachgeborenen möglich ist: Auf wenigen Seiten zeichnet er den Hamburger Feuersturm höchst eindrucksvoll nach, getreu dem eigenen Anspruch, dass die Berichte der Augenzeugen durch einen "synoptischen, künstlichen Blick" ergänzt werden müssten. Ohne den distanzierten Blick aufzugeben, taucht der Erzähler tief hinein in die Hölle der Vergangenheit.

Es sind nur wenige Seiten, auf denen Sebald, der 2001 bei einem Autounfall ums Leben kam, vom Theoretiker des Luftkriegs zum Erzähler wird, aber sie zeigen doch, was vielleicht auch hinter seinen Thesen von der unzureichenden Nachkriegsliteratur steht: der Wunsch, dass die Lücke noch gefüllt werde, die Hoffnung, vielleicht sogar selbst die recherchierten Fakten irgendwann in literarische Form überführen zu können. Dazu ist er in größerem Maßstab nicht mehr gekommen - vielleicht hätte die Trostlosigkeit solcher Szenen ihn auch, wie andere, vorzeitig erschöpft. In einem Interview, wenige Monate nach Erscheinen seines Buches "Luftkrieg und Literatur", hat er geäußert: Man könne sich "mit all diesen Dingen" nicht sehr lange beschäftigen, "ohne Schaden zu nehmen, auch an der eigenen Gesundheit". Selbst wenn man nur versuche, "das zu skizzieren", sei das eigentlich mehr, "als man aushalten kann".
Dennoch: was Hamburg angeht, lässt sich von einer thematischen Lücke in der deutschen Literatur kaum sprechen. Geschrieben worden ist viel über die Juli-Nächte 1943 - erstaunlich ist, wie viel davon schnell wieder in Vergessenheit geriet. Das mag zum Teil mit der literarischen Qualität zu tun haben (ein Text wie Nossacks "Untergang" bleibt eine gültige, zu Recht viel gerühmte Darstellung der Tragödie), es hat aber gewiss auch mit einer prinzipiellen, bis heute anhaltenden Abwehr des Themas zu tun. Niemand wohl kann die Schreckensschilderungen lesen, ohne irgendwann genug davon zu haben - und zwar fast unabhängig von der Frage der Darstellungsweise.


Michael Hamburger
geboren 1924
Berliner Journalist aus jüdischer Familie,
Emigrant, britischer Soldat,
Universitätsprofessor,
Übersetzer, Apfelzüchter,
Freund, Nachbar in Suffolk

Überflüssige Grabschriften
Für ungenannte Freunde
2
Nacht nun,
Herbeikunft gefrorener Auferstehung,
Die blau-grüne, die blutrote Strahlung
Vom westlichen Himmel gewischt,
Und im Morgenmondschein nurmehr
Das Negativ, schwarz auf Weiß, graugetönt,
Phantom das ganze Spektrum.

Geblendet, verstümmelt, erschöpft
Wartete er, der sie bekämpft hatte und erlitten,
Wartete auf die Nacht, sehnte sich,
Dass die Nacht ihn lossprechen sollte, in sich auflösen,
Seinen Umriss zurücknehmen, seine Farben,
Behalten in der Dunkelkammer des Gedächtnisses,
Ihn ein für alle Mal heil machen sollte.

Nacht, ummantelt von Metall, prallte auf
Diesen anderen, der langsam, langsam
Fraktionen gesammelt hatte, Refraktionen des Lichts
Von den Dingen des Tages, den dunkelnden,
Sie liebevoll angeordnet hatte,
Er, der rasche Sammler von Schnappschüssen
Vor dem gleißenden Sonnenuntergang:
Das Zwielicht, das drunten fleckt.

Dann weiß,
Die Luft: des Tages diesig, opak,
Weiß auf Schwarz, egalisiert,
Skelettgezweig, übrige Pflanzenstengel
Krass auf der Leere der Schneedecke.

3
Nacht nun.
Ein Hund jault nach seinem verlorenen Gefährten,
Mentor und Wärter, der jüngst, vom Mitleid gerufen,
Die einsame Arbeit abbrach
Und über Land und Meer reiste, den kranken Hund zu heilen.
Ohne Nachtlicht der Sterne, der Kerze lebt der Hund fort,
In einer Abwesenheit, die kein Ruf durchreist.

Solange Augen hungern, Hände sich bewegen,
Leistet die Liebe der Menschen Widerstand,
Bestreut den Baum mit Flitter,
Mit Vogelfutter den Gartentisch,
Tauscht Zeichen, Geschenke,
Kleine Helligkeiten, selbst nach dem Bestattungsgottesdienst,
Wider Verlust, wider ewige Ungewissheit;
Der Gewohnheit des Selbst, den stets unerledigten Plänen
Nähern sich leerere Jahre.
Nähert erneutes Licht, neues Schaffen?
Die Liebe eines Hunds leugnet es.

4
Nacht denn,
Geräumig genug, zu enthalten
Die Eigenheiten, die Einzelheiten,
Die im Sonnenlicht leben, stets,
Das Licht reflektierend oder verborgen,
Bekannt, unbekannt,
Bewusst, unbewusst,
Noch zu entziffern oder kahl
Wie Grabsteine, von den Wettern verwaschen.

Zum offenen neuen Grab kam ein Rotkehlchen runter,
Ein eisiger Wind wehte
Auf den Vogel, in Sicherheit dort unter Lebenden,
Und auf jene, wahrhaftiger abgeglichen,
Als das Sonnenlicht seine Geschöpfe sein lässt -
Alle gemindert, unverminderbar da,
In einer einzigen Dunkelheit standen und lagen alle.


Günter Herburger
geboren 1932
Allgäuer, Außenseiter,
Marathonläufer, Sozialist

Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal das Naturgedicht las - nun ist das rhythmische Prosa in Zeilen gebrochen - , da dachte ich, woher kommt denn die Sprache, die kenne ich doch? Die kommt aus Filbeln, aus Lehrfilbeln, die kommt von Johann Peter Hebel, und ist eminent süddeutsch alemannisch, hätte niemals von einem Lübecker geschrieben werden können, und das war mir natürlich sehr nah.
Wenn er einen speziellen Fund machte in der Historie oder in einer Beschreibung, sagen wir: "Ein Nebel löst sich", er macht wunderbare Naturbeschreibungen. Er trumpfte nie auf, sondern das war alles in lange Sätze eingebettet, es flutet dahin, man kann sich auf die Wellen verlassen, man lehnt sich fast zurück. Ich hab mich an die Sätze immer mit der rechten Schulter angelehnt. Und dachte: Keine Angst, da muss ich mich nicht ärgern. Ich überlasse mich einfach dieser lang dahinspringenden, dahinschwingenden, etwas ältlichen Prosa, die es gar nicht mehr gibt, als sei jemand vom Anfang des Jahrhunderts zurückgekehrt.


Ruth Klüger
geboren 1931
Wiener Jüdin
Vater und Burder von Nazis ermordet
im Alter von elf in KZ deportiert
1945 erfolgreiche Flucht
Abitur Straubing
1947 in die USA emigriert
Germanistik-Professorin

Das immer wiederholte Reisen und Wandern ist eine Art mit sich allein zu sein, obgleich gerade die Einsamkeit fast zur Verzweiflung führt. Eine unfreundliche Kellnerin kann den Reisenden unverhältnismäßig verstören, aber oft sprechen Fremde einander an und kommen sich unvermutet näher und tauschen vertrauliche Erinnerungen aus, wenn auch ohne bemerkbare Intimität. Die Sprache geht auf Distanz. Eine »Kunstsprache« nannte Sebald sie nach einer Lesung in Göttingen. Natürlich sei das kein Deutsch, sagte er, das irgend jemand spräche; aber auch andere Methoden der Distanzierung seien bei ihm zu finden, so zum Beispiel das wiederholte »er (sie) sagte «, das es ja übrigens auch bei dem von ihm bewunderten Thomas Bernhard gibt.
Trotz des Austausches im Gespräch fehlt die Beschreibung menschlicher Beziehungen fast gänzlich. Nicht nur Liebesaffären und Ehen sind abwesend oder nur kühl angedeutet, auch Eltern und Kinder leben nicht miteinander, und selbst Freundschaften sind als solche kaum erkennbar, obwohl es Menschen gibt, die einander viel erzählen und erklären, denn das ist ja der Duktus von Sebalds Fiktionen. Anders gesagt, es fehlen genau diejenigen Konstellationen, die wir vom Roman erwarten. Sebalds Gestalten sind praktisch Monaden, die allerdings darunter leiden. »Kaum lernte ich jemanden kennen, dachte ich schon, ich sei ihm zu nahe getreten, kaum wandte sich jemand mir zu, begann ich, mich abzusetzen«, sagt Austerlitz über sich. Von Liebe kann überhaupt nicht die Rede sein, von Herzenswärme nur selten, von Herzenskälte dagegen viel.

Die Identitätskrise dieses Gedächtnislosen offenbart sich in der Auflösung der Worte in Buchstaben und der Buchstaben in zerbrochene Zeichen. Als er sich endlich aufmacht, um seine verschütteten Anfänge zurückzuerobern, und dann in Prag das Haus seiner Kindheit betritt, sind ihm alle Details dieses Hauses »lauter Buchstaben und Zeichen aus dem Setzkasten der vergessenen Dinge«. Eine glückliche Kindheit steigt auf. Verknüpfungen und Verbindungen lassen sich herstellen, die den Weg in ein lichteres Bewusstsein weisen. Daher ist es auch mehr als Spielerei, wenn die Dame, die im Prager Archiv dem Suchenden die Adresse seiner ermordeten Eltern übergibt, den Namen zweier Gestalten trägt, denen wir schon in den »Ausgewanderten« begegnet sind. Sie heißt Tereza Ambrosová, nach dem schwermütigen Onkel Ambros und der weinenden Tante Theres. Ein unvermutet romantischer Anflug, dieses »Alles ist ewig im Innern verwandt«, wenn auch mit anderen Vorzeichen als bei den Romantikern. Auf ein Happy End läuft Sebalds Roman natürlich nicht hinaus, dazu ist es zu spät, und zu viele Verbrechen liegen zwischen der Kindheit und der Gegenwart. Austerlitz hofft auf Erlösung aus seiner fast unerträglichen Einsamkeit durch eine Geliebte, mit der er nach Marienbad geht, wo er zuletzt im Alter von vier Jahren war. Ohne dass die Beziehung näher beschrieben ist, nur dass sie sich zunächst gut anlässt, wacht er am nächsten Morgen auf mit einem »abgründigen Gefühl der Verstörung«. Was bleibt, ist ein offener Schluss, die Suche nach weiteren Spuren, zuletzt nach dem verschollenen Vater.
Man könnte sagen, das Fazit dieser Bücher ist, dass es keine Erlösung gibt aus der verfehlten Entwicklung des Menschen. Aber die Kinder, Tiere und Dinge sind nach wie vor da, und indem der Schreiber sie aufliest und in Worte fasst, spürt er eine Art Trost, nämlich, »(...) wie sich die Strömung der Zeit im Gravitationsfeld der vergessenen Dinge verlangsamt«. Daraus entsteht Mitgefühl mit allem, was leidet und sterben wird. Und so kann ich mich als Leserin des Eindrucks nicht erwehren, dass kaum ein anderer Zeitgenosse diese zum Untergang bestimmte Welt, auf deren baldiger Grabstätte er seine ausgedehnten Wanderungen unternahm, so geliebt hat wie er.


Robert Macfarlane
geboren 1976
britischer Autor
Literaturwissenschaftler

In the too-short course of his writing life, WG Sebald remade the novel, and as he did so he also remade the travelogue. Walter Benjamin's observation that all great writers either create a new form or destroy an old one was only part-right in the case of Sebald, for he created multiple new forms. Certainly, almost no one seriously addressing the subjects of place and memory – whether in fiction, film, photography or academia – now does so from beyond Sebald's shadow (his writerly camp followers are legion, immediately identifiable by their melancholy lucubrations, the black-and-white photographs that stud their paragraphs, their flourished fetishes for skulls and for silk …). His four great "prose fictions" (Vertigo, The Emigrants, The Rings of Saturn, Austerlitz), might appear regressive in their prolonged sentences, and their nested narrative structures, but really they opened fresh possibilities for the novel, especially in its engagements with trauma and atrocity. Sebald's seemingly passive prose was in fact – to borrow Marianne Moore's memorable phrase – "diction galvanised against inertia". I still remember reading The Rings of Saturn for the first time. It was – the dimming of light, the increase of pressure – like diving far down through historical water. The after-effects were with me for a long time; are with me still. Late in his life, Sebald wrote a short but fascinating essay on the work of Bruce Chatwin. "Just as Chatwin himself ultimately remains an enigma," Sebald remarked.
One never knows how to classify his books. All that is obvious is that their structure and intentions place them in no known genre. Inspired by a kind of avidity for the undiscovered, they move along a line where the points of demarcation are those strange manifestations and objects of which one cannot say whether they are among the phantasms generated in our minds from time immemorial.
Sebald could have been writing about his own astonishing and enigmatic books: haunted by phantasms who might be archetypes, polymorphous in their form, piebald in their appearance, travelling widely in time if not broadly in space, and inspired by an avidity for the undiscovered.


Andrew Motion
geboren 1952
englischer Dichter, Romancier
Biograph

His work "very quickly" came to be seen as a highly original fusion of forms.
There are a lot of things that combine to make Max's writing so exceptional ...
It very subtly manages to make a very direct and powerful appeal to us, while at the same time seeming to speak quite modestly.
Landscapes which appear to be innocent turn out to be loaded with elements in their own past which bear on the preoccupations that Max already has ... Very often they are things to do with loss, tragedy even.



Max's death was a tragedy. The pathos that that creates undoubtedly energises a curiosity about his work.


Will Self
geboren 1961
britischer Schiftsteller
Journalist

It is strange that such a solipsistic "I" should also be a triumphantly synoptic eye, for Sebald's most notable achievment is to give his readers the impression that he has placed before them everything that he himself has perceived. The clarity of his language (and here, as a monoglot, I should properly be praising only the clarity of his translators' language) renders Sebald's looping and discursive prose highly legible; yet those long sentences that seem to spiral up and down in space, and back and forth in time, are also reticulated, capturing within their mesh a shoal of factoids, aperçus and asides - the mental breakdown of Schumann, the life cycle of the silkworm, the desuetude of the Manchester ship canal, Welsh conceptions of second sight, and so on. Like those paintings of the early Renaissance in which perspective is still in the service of comprehension rather than visual fidelity, Sebald's Weltan-schauung is ranged before us, with a clearly delineated foreground, backed by tier upon tier of niches and grottos, replete with figures at once hieratic and alive.
This, the writer seems to be telling us, is what was - and yet such a synoptic view is quite impossible. Besides, at every turn, Sebald confounds his own achievement and occludes his own clarity: the dead are not dead, time is inconsistent - no river running smoothly from past to future, but eddies and crosscurrents of chronology - while coincidences are none the less hugely significant.

WG Sebald, who died in a car crash in 2001, was an inspired essayist, quite as much as he was a novelist; indeed, I often think of his most achieved fictions – Austerlitz, and The Emigrants – as writing that tests the limits of both forms, blending them together at their margins with a kind of vaporous diffusion of their creator's lucidity, so entirely are the invented and the real fused together. This essay on the last years of Jean-Jacques Rousseau's life exhibits all of Sebald's strengths as a writer – and all of his strange, gnomic, secretive foibles. Ostensibly a straightforward account of Rousseau's exiled wanderings, it begins with his first glimpse, in 1965, of the Ile Saint Pierre in Switzerland, where Rousseau spent the first period of his stateless exile, and where he claimed – in his Reveries of a Solitary Walker – that he was happier than he had been anywhere else.
Sebald goes on to recount his own eventual landfall on the island in 1996, then employs this – the parenthetic of his own life – to consider the strange denouement and afterlife of the pre-eminent ideologue of the French revolution. It is a technique we are familiar with in Sebald's fiction: the author is very much present in these lines, and yet simultaneously absent. This is in keeping with Sebald's themes of exile and misappropriation, because, while he may be writing about another speculative thinker who lived 200 years before, as ever he is attempting to discover the hidden connections that bind human thought both to itself, and to the wider world. Of course, what occurred between 1965 and 1996 for Sebald was his own exile: it was following the revelations of the Frankfurt Auschwitz trials in the summer of the year that Sebald visited the island (trials he witnessed firsthand, and which revealed to him the extent of his parents' generation's complicity in the Holocaust), and it was following this visit that the young academic took steps that led to his eventual domicile on another island, Britain, where he spent the next three decades at the University of East Anglia. Sebald allows this to lie beneath the text – a discoverable and psychic subtext; and just as he neglects to inform us of why Rousseau's paranoid and haunted final years should have had such a resonance for him, so this compulsively peripatetic and ambulatory writer also leaves off the list of distinguished writerly pilgrims to Rousseau's happy isle the greatest British walker-writer of them all, Worsdworth, who tramped all the way there in 1788, en route to his own liaison with revolutionary apotheosis.


Susan Sontag
geboren 1933
Amerikanerin
regierungskritische Intellektuelle
Menschrechtlerin

Wann hat man im Englischen je eine Stimme vernommen, die so selbstsicher und präzise ist, so unmittelbar im Ausdruck von Gefühlen und doch so respektvoll der Aufzeichnung »des Realen« verpflichtet? D. H. Lawrence fällt einem ein, und Naipaul in The Enigma of Arrival. Aber sie haben wenig von der leidenschaftlichen Trostlosigkeit der Stimme Sebalds. Dazu muß man schon eine deutsche Ahnenreihe bemühen. Jean Paul, Franz Grillparzer, Adalbert Stifter, Robert Walser, Hofmannsthal im Chandosbrief sowie Thomas Bernhard sind einige der Vorläufer dieses zeitgenössischen Meisters einer Literatur der Klage und der geistigen Rastlosigkeit. Hinsichtlich der englischen Literatur fast des gesamten letzten Jahrhunderts lautet der Konsens, daß sich alles erbarmungslos Elegische und Lyrische für Romane nicht eigne, weil es zu schwülstig sei, zu prätentiös. (Selbst ein so bedeutendes Werk, eine so große Ausnahme wie Virginia Woolfs Roman Die Wellen blieb von dieser Kritik nicht verschont.) Die deutsche Nachkriegsliteratur - eingedenk dessen, wie kongenial sich schwülstige Kunst und Literatur vergangener Zeiten (vor allem die Werke der deutschen Romantik) für die Mythenbildung eines totalitären Regimes eigneten - mißtraute allem, was nur irgendeinen romantischen oder nostalgischen Bezug zur Vergangenheit zu haben schien. Andererseits konnte vielleicht nur ein deutscherSchriftsteller, der ständig im Ausland lebt, sich im Bereich einer Literatur mit der modernen Vorliebe für das Nicht-Erhabene einen so überzeugend hohen Ton erlauben.
Neben der leidenschaftlichen Moralität und der Gabe des Mitgefühls (die er mit Bernhard teilt) bleibt sein Stil durch das üppige verbale Benennen und Veranschaulichen stets lebendig, wird nie phrasenhaft; hinzu kommt der immer wieder überraschende Kunstgriff der Illustration.
Manchmal wirken sie wie die Schnörkel im Tristram Shandy; der Autor zieht uns ins Vertrauen. In anderen Momenten scheinen diese beharrlich dargebotenen optischen Relikte die Zulänglichkeit der Sprache dreist in Frage zu stellen. Und doch ist es so, wie Sebald in Die Ringe des Saturn anläßlich der Schilderung eines von ihm häufig aufgesuchten Orts schreibt - des Sailors’ Reading Room in Southwold, wo er die Logbucheinträge eines Patrouillenschiffs studierte, das im Herbst 1914 vor dem Pier vor Anker lag: »Jedesmal, wenn ich eine dieser Aufzeichnungen entziffere, wundere ich mich darüber, daß eine in der Luft oder im Wasser längst erloschene Spur hier auf dem Papier nach wie vor sichtbar sein kann.« Und er habe, fährt er fort, indem er den marmorierten Deckel des Logbuchs schließt, nachgedacht über »das rätselhafte Überdauern der Schrift«.


James Wood
geboren 1965
britischer Literaturwissenschaftler
Essayist, Romancier

When I first read WG Sebald's great work, The Emigrants, I kept forgetting whether the book was originally written in German or English. Sebald wrote in German, but lived most of his life in Britain, and it was clear that he worked over the English so that it amounted almost to a collaboration with his translator. Sebald's prose belongs, mysteriously, nowhere. The enigmatic patience of the sentences, the pedantic syntax, the peculiar antiquity of the diction, the strange recessed distance of the writing, in which everything seems milky and sub-aqueous, just beyond reach – all of this gives Sebald his particular flavour, so that sometimes it seems that we are reading not a particular writer but an emanation of literature.
There's an undeniably bookish quality to Sebald's writing; despite his originality, some of his effects come from other writers. He takes his 19th-century Gothic diction from the Austrian writer Adalbert Stifter, and a fair amount of his obsessive extremism from the Austrian novelist Thomas Bernhard. (Sebald mutes Bernhard's suicidal clamour.) The effect is strange – Sebald seems both real and artificial, both alive and dead. In the essay published here, for instance, the author seems to be telling us directly about the time he spent on the island of Saint-Pierre. Yet the self-conscious pedantry – "during which time I passed not a few hours sitting by the window"; "an island with a circumference of some two miles" – makes the author a little distant, and we begin to wonder if the essay is a true account or a literary concoction spun in the study. As Sebald unfolds the story of Rousseau's tribulations ("a dozen years filled with fear and panic"), the essay seems, in its placeless antiquity, like one of Rousseau's own Reveries of a Solitary Walker, and suddenly it's not Rousseau's obsessive inability to stop thinking that is the theme, but Sebald's own obsessive inability ("the thoughts constantly brewing in his head like storm clouds"). In this way – and also, of course, through his use of photographs – Sebald was always asking us to reflect on how we access the past, how we rescue the dead, and how the writer performs that real, but necessarily fictional, reclamation.