Es ist mir immer mehr,
als gäbe es überhaupt keine Zeit,
sondern nur verschiedene,
nach einer höheren Stereometrie verschachtelte Räume,
zwischen denen die Lebendigen und die Toten,
je nachdem es ihnen zumute ist,
hin und her gehen können
Jaques Austerlitz



Genie und Jedermann, Autor und Leser

von John Burnside



Als W. G. Sebald vor zehn Jahren starb, wurde sein Tod von vielen meiner britischen Landsleute als großer Verlust für die englische Literatur empfunden. Deutsche Leser dürften es gewiss sonderbar finden, aber für uns war Sebald so etwas wie eine Institution geworden, nicht nur, weil wir der - durchaus begründeten - Ansicht waren, ihn zuerst entdeckt zu haben, sondern auch wegen seines enormen Einflusses auf das imaginäre Wetter hierzulande.



Wenn Sebald in Die Ringe des Saturn über seine Wanderungen in Suffolk schrieb, erschien unser heimatliches Terrain in neuem, ungewohntem Licht. Er legte historische und geographische Querverbindungen frei, die weit über das Bekannte hinausgingen, und nahm uns mit auf seine Reisen an europäische Orte, wo wir uns nicht selten unbehaglich und fremd fühlen.
Er zeigte sie uns durch die Augen eines Stendhal oder eines Kafka oder, nüchtern und erschreckend intim, in den unruhigen, schwindelerregend phantasievollen und zuweilen paranoiden Gedanken eines gewissen W. G. Sebald - seines Alter Ego, des Erzählers seiner Werke: ein Ich, das Genie und Jedermann ist, Autor und Leser, vertraute Figur und absolutes Rätsel, dessen Freuden und Schrecken die gleichen Freuden und Schrecken waren, die wir leugneten oder noch nicht als die unseren erkannt hatten.



Orford

Scandal

Frfiedhof von Ditchingham

Wie die meisten meiner Landsleute fand ich durch Die Ringe des Saturn zu Sebald (die englische Übersetzung erschien 1999, wenn ich mich recht erinnere). Für uns war es ein außergewöhnliches, vielleicht sogar schockierendes Buch - als wäre plötzlich Walter Benjamin oder Robert Walser leibhaftig in East Anglia erschienen und hätte begonnen, die Unmöglichkeit seines Vorhabens hartnäckig leugnend, anhand einiger Postkarten und historischer Anekdoten, also aus dem Nichts, eine Art „De rerum natura“ zu schreiben. Noch nie hatte ich ein Buch wie Die Ringe des Saturn gelesen. Es war faszinierend und verwirrend wie ein Werk von Borges oder Flann O’Brien, doch es kam nicht aus der kühlen Distanz jener Autoren zu mir, sondern irgendwie aus meinem eigenen Kopf.

Was Sebald machte, war kein Spiel, kein Labyrinth oder Denkversuch - es war eindringlich und überraschend materiell, von einer Materialität, die an




Anselm Kiefers „Nigredo“

erinnert oder an

„Zweistromland“

oder besonders an die "Saturnzeit“ von 1986,

eine ungewöhnliche Allegorie aus Farn und Blei, in der der Künstler (in den Worten von Rafael Lopez-Pedraza) „an die Alchemisten und Renaissancephilosophen erinnert, die Saturn verehrten und günstig stimmten ... den Gott der Zeit, der zugleich zuständig ist für das Bewusstsein der vergehenden Zeit, die den geheimnisvollen Kräften von Schöpfung und Zerstörung nahesteht, ein Bewusstsein, dem diese beiden Pole nicht in der Weise aufgespalten erscheinen, wie sie es zu allen Zeiten gewesen sind“.

Robert Walser

Anselm Kiefer sagt, er lasse sich nicht von großartigen, sondern von banalen Dingen inspirieren, von alltäglichen Fundstücken. Ähnliches schreibt Sebald über Pisanello, einen seiner Lieblingsmaler:
Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.

Diese Passage aus „All’estero“, einer Erzählung in Schwindel.Gefühle, das mir von all seinen Büchern das liebste ist, könnte als Beschreibung seines eigenen Werks dienen:
Jedes Detail erhält nicht nur seine Daseinsberechtigung, sondern ist auch wesentlich für einen Prozess des Lesens, der in unserer Zeit ganz und gar einzigartig ist (Daniel Defoe oder Laurence Sterne hätten ihn wohl sofort verstanden). Es klingt vielleicht verrückt, aber ich glaube, dieser Prozess ähnelt in gewissem Sinne dem Lesen von Tarotkarten, wenn jede Karte in ihrer Beziehung zu allen aufgelegten Karten neu interpretiert wird - oder wie der alte General in der dritten Erzählung von Schwindel.Gefühle erklärt, dass sich, wenn er es recht überlege, zwischen der Logik des Sandkastens und der Logik des Heeresberichts ... ein weites Feld der undurchsichtigsten Gegebenheiten erstrecke. Kleinigkeiten, die sich unserer Wahrnehmung entziehen, entscheiden alles!

Doch diese Kleinigkeiten - all die wesentlichen Elemente, Hauptdarsteller und Komparsen - verblassen ständig in unserer Erinnerung und in der realen Welt, und das Bild, das sie einmal ergeben, die Geschichte, die sie erzählt haben, verschwindet vor unseren Augen. Vom Straßenverkehr in großen Städten sagt Sebald:
Ich bin im Verlauf der Jahre zu dem Schluss gelangt, dass aus diesem Getöse jetzt das Leben entsteht, das nach uns kommt und das uns langsam zugrunde richten wird, so wie wir das langsam zugrunde richten, was da war lange vor uns. Natürlich muss man hier an Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ denken - und dieser Engel dürfte Sebalds Blick auf die Welt maßgeblich geprägt haben.

Außer Frage steht, dass dieser Blick zutiefst melancholisch ist. Sebalds Obsessionen sind hinreichend dokumentiert - immer wieder stoßen wir in seinem Werk auf Bilder von gewollter Zerstörung, von Staub und Asche, von Vergänglichkeit, von Zeit und Verfall und der Unzuverlässigkeit von Erinnerung. Melancholie aber, so heißt es in der Einleitung seiner 1985 erschienenen Aufsatzsammlung Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke, ist eine Form des Widerstands. Und auf dem Niveau der Kunst vollends ist ihre Funktion alles andere als bloß reaktiv oder reaktionär.
Wenn sie, starren Blicks, noch einmal nachrechnet, wie es nur so hat kommen können, dann zeigt es sich, dass die Motorik der Trostlosigkeit und diejenige der Erkenntnis identische Executiven sind. Die Beschreibung des Unglücks schließt in sich die Möglichkeit zu seiner Überwindung ein.

Dass diese Überwindung nicht bloß eine Privatangelegenheit ist, zeigt sich in der grundlegenden Empathie von Sebalds Unternehmen (betrachten wir nur die anrührende Schilderung seines Spaziergangs mit Ernst Herbeck, einem Wiener Freund, geistesgestört seit seinem zwanzigsten Lebensjahr, eine Schilderung, die Eric L. Santners Beobachtung bestätigt, dass „Nächstenliebe für Sebald eine Art fortgesetztes Forschungsprojekt“ sei).

Ernst Herbeck

„Es gibt eine andere Welt, aber sie ist in dieser“, sagt Eluard - wir haben keinen Blick dafür, weil wir ständig abgelenkt werden von einer offiziellen und weniger subtilen Version der Ereignisse. Man könnte sagen, dass das Projekt des Melancholikers darin besteht, diese andere Welt anzunehmen, auch wenn wir sie nicht bewohnen können - man könnte aber auch sagen, dass Sebalds Werke uns dazu anhalten, über Eluards Diktum hinauszugehen, in den Bereich des Allegorischen. Ja, die andere Welt existiert, aber sie ist nicht statisch, und sie ist auch nicht für jeden gleich.
Sie ist eine Erzählung, einzigartig für jeden von uns. Die meine gehört mir, so wie deine dir gehört. Sie sind unverwechselbar. Sebalds Werk ist als traumartig beschrieben worden, doch das verkennt das Wesentliche seines Projekts: Was sich hier entfaltet, ist nicht Traum, sondern Allegorie. W. G. Sebalds Werke erinnern uns daran, dass es, neben der offiziellen Geschichte, immer noch viele andere Erzählungen gibt, geheimnisvoll und einzigartig, die für jeden von uns zu spezifischen Allegorien werden - und das ist das Fundament von Erfahrung. Sinnvolle Gemeinsamkeit erwächst nicht aus einer aufgezwungenen offiziellen Geschichte, sondern aus der Verknüpfung unserer individuellen Allegorien-Geschichten, und solange wir diese Gemeinsamkeit nicht haben, bleibt nur Trostlosigkeit.




John Burnside, geboren 1955, schottischer Schriftsteller ("Glister" "Lügen über meinen Vater" "Versuch über das Licht" "In hellen Sommernächten")

Quelle: F.A.Z. -->





zurück