Paul Bereyter (1909 - 1983)
(Die Ausgewanderten S. 39ff. )

Der Lehrer hat den Schüler Sebald im Allgäu unterrichtet. Viel später, Anfang der achtziger Jahre, wirft er sich vor einen fahrenden Zug. Nun macht sich Sebald auf Spurensuche und entdeckt die Biografie eines - in der Jurisdiktion der Nazis - "Dreiviertelariers", den das Dritte Reich vom Schuldienst suspendiert, der nach Frankreich geht, zurückkehrt, aber sein Leben nach 1945 nicht wieder ins Lot bekommt.
Die Erinnerung an das Entsetzen holt ihn ein; Depression, Platzangst, Arbeitsunfähigkeit zwingen ihn, den geliebten Lehrerberuf aufzugeben. "Von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressen" läßt er sich vom Zug überrollen.
Und folgt damit einer schaurigen Logik. Ein Leben lang nämlich hat sich Bereyter geradezu obsessiv mit dem Eisenbahnwesen beschäftigt, mit Fahrplänen, Kursbüchern und Gleisanlagen. In seinem Tod erfüllt sich das harmlos gemeinte Orakel der Tante aus der Kinderzeit, er werde noch einmal "bei der Eisenbahn enden".
Johann Peter Hebel kommt uns in den Sinn, das Elternhaus Bereyters liest den "Rheinischen Hausfreund", der Schullehrer, der doch wieder am alten Ort unterrichtet, obwohl die Deutschen seine Freundin im Vernichtungslager ermordet haben, der sich auf die Zugschienen legt und umbringt. Von dem Madame Landau sagt, einen umsichtigeren Kompagnon als diesen vor innerer Einsamkeit beinah aufgefressenen Menschen habe sie sich nicht vorstellen können.








Die ersten Fotografien erzählten von einer glücklichen Kindheit in dem in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gärtnerei Lerchenmüller in der Blumenstraße gelegenen Wohnhaus der Bereyters und zeigten Paul mehrfach mit seiner Katze und einem offensichtlich völlig zahmen Gockelhahn. Es folgten die Jahre in einem Landschulheim, kaum minder glücklich als die eben vergangene Kindheit, und daran anschließend der Eintritt in das Lehrerseminar Lauingen, das Paul in der Bildunterschrift als die


Lehrerabrichtungsanstalt Lauingen

bezeichnete.

1934/35 absolvierte der damals vierundzwanzigjährige Paul das Probejahr in der Volksschule von S., und zwar, wie ich zu meiner nicht geringen Verwunderung feststellte, in demselben Klassenzimmer, in dem er gut fünfzehn Jahre darauf eine andere, von der hier abgebildeten kaum sich unterscheidende

unterscheidende Kinderschar unterrichtete, unter der auch ich gewesen bin. Der auf das Probejahr folgende Sommer 1935 brachte, wie die Albumbilder sowie einzelne Erläuterungen Mme. Landaus sogleich deutlich werden ließen, eine der schönsten Zeiten überhaupt im Leben des angehenden Volksschullehrers Paul Bereyter mit dem mehrwöchigen Aufenthalt in S. der


Helen Hollaender

aus Wien. Die um ein paar Monate ältere Helen, die, so findet es sich im Album mit doppeltem Ausrufezeichen vermerkt, bei Bereyters im Hause wohnte, während die Mutter in der Pension Luitpold einquartiert war, ist für den Paul, einer Mutmaßung Mme. Landaus zufolge, nicht weniger als eine Offenbarung gewesen, denn wenn diese Bilder nicht trügen, sagte sie, dann war die Helen Hollaender freimütig, klug und zudem ein ziemlich tiefes Wasser, in welchem der Paul gerne sich spiegelte.

Und jetzt, so fuhr Mme. Landau fort, denken Sie sich: Helen kehrt zu Anfang September mit ihrer Mutter nach Wien zurück, Paul tritt in dem abgelegenen Dorf W. seine erste reguläre Stelle an und erhält dort, kaum daß er die Namen der Kinder sich eingeprägt hat, einen amtlichen Bescheid, in dem es heißt, sein Verbleiben im Schuldienst sei, aufgrund der ihm bekannten Gesetzesvorschriften, nicht mehr tragbar. Die schönen Zukunftshoffnungen, die er sich den Sommer über gemacht hat, fallen geräuschlos in sich zusammen wie das sprichwörtliche Kartenhaus. Es verschwimmt jede Aussicht vor seinen Augen, und er spürt, spürte damals zum erstenmal jenes unüberwindliche Gefühl der Niederlage, das ihn später so oft heimsuchen sollte und dem er zuletzt nicht mehr auskam. Ende Oktober, sagte Mme. Landau, ihren Bericht vorläufig abschließend, fuhr Paul über Basel nach Besançon, wo er eine ihm durch einen Geschäftsfreund des Vaters vermittelte Hauslehrerstelle antrat.

Wie wenig wohl er sich zu jener Zeit befunden haben muß, zeigt eine kleine Sonntagnachmittagsfotografie, auf der links außen der innerhalb von Monatsfrist aus dem Glück ins Unglück verstoßene Paul abgebildet ist als ein zum Erschrecken magerer, fast auf dem Punkt der körperlichen Verflüchtigung sich befindender Mensch.

... erfuhr ich, daß er vom Herbst 1935 bis Anfang 1939 kurzfristig zunächst in Besançon und dann bei einer Familie namens Passagrain in Dôle als Hauslehrer tätig gewesen sei.

Am wenigsten begreiflich an der Geschichte Pauls war es nach alldem für mich, daß er zu Beginn des 39er Jahrs, sei es, weil er sich als deutscher Hauslehrer in der immer schwieriger werdenden Zeit in Frankreich nicht mehr halten konnte, sei es aus blindem Zorn oder gar aus Perversion nach Deutschland zurückgegangen war, in die ihm gänzlich fremde Reichshauptstadt, wo er in Oranienburg eine Anstellung als Bürokraft in einer Automobilwerkstatt fand und wo ihn nach Ablauf weniger Monate der Gestellungsbefehl erreichte, der offenbar auch an Dreiviertelarier ausgesandt wurde. Sechs Jahre diente er, wenn das so gesagt werden kann, bei der motorisierten Artillerie und wechselte zwischen den verschiedensten Standorten in der großdeutschen Heimat und den bald zahlreichen besetzten Ländern hin und her, war in Polen, Belgien, Frankreich, auf dem Balkan, in Rußland und am Mittelmeer und wird mehr gesehen haben, als ein Herz oder Auge hält. Die Jahreszahlen und -Zeiten wechselten, auf einen wallonischen Herbst folgte ein endloser weißer Winter in der Nähe von Berditschew, ein Frühjahr im Departement Haute-Saone, ein Sommer an der dalmatinischen Küste oder in Rumänien, immer jedenfalls war man, wie der Paul unter diese Fotografie geschrieben hat,


zirka 2000 km Luftlinie weit entfernt -
aber von wo?

und wurde Tag für Tag und Stunde um Stunde, mit jedem Pulsschlag, unbegreiflicher, eigenschaftsloser und abstrakter.

Die Rückkehr Pauls nach Deutschland im Jahr 1939 war, wie seine Rückkehr nach S. bei Kriegsende und sein Wiederaufnehmen des Lehrerberufs ebendort, wo man ihm zuvor die Türe gewiesen hatte, eine Aberration, sagte Mme. Landau.
... Was den Paul 1939 und 1945 zur Rückkehr bewegte, wenn nicht gar zwang, das war die Tatsache, daß er von Grund auf ein Deutscher gewesen ist, gebunden an dieses heimatliche Voralpenland und an dieses elende S., das er eigentlich haßte und in seinem Innersten, dessen bin ich mir sicher, sagte Mme. Landau, samt seinen ihm in tiefster Seele zuwideren Einwohnern am liebsten zerstört und zermahlen gesehen hätte.

... des Paul, den ich leider viel zu spät erst kennengelernt habe - im Sommer 1971 in Salins-les-Bains im französischen Jura.

Dieser Eröffnung war ein längeres Schweigen gefolgt, ehe Mme. Landau hinzufügte, sie habe damals, in der Autobiographie Nabokovs lesend, auf einer Parkbank in der Promenade des Cordeliers gesessen, und dort habe der Paul, nachdem er zweimal bereits an ihr vorübergegangen war, sie mit einer ans Extravagante grenzenden Höflichkeit auf diese ihre Lektüre hin angesprochen und von da an den ganzen Nachmittag sowie die ganzen folgenden Wochen hindurch in seinem ein wenig altmodischen, aber überaus korrekten Französisch die einnehmendste Konversation mit ihr gemacht. Er hatte ihr sogleich, sozusagen einleitend, auseinandergesetzt, daß er in das ihm von früher her vertraute Salins-les-Bains gekommen sei, weil sich das, was er als seine Zustände bezeichnete, in den letzten Jahren verschlimmert habe bis auf den Punkt, wo er vor Platzangst nicht mehr Schule halten konnte und wo ihm, obschon er doch, wie er eigens betonte, seinen Schülern gegenüber immer Zuneigung verspürt habe, diese Schüler als verächtliche und hassenswerte Kreaturen erschienen seien, derart, daß er bei ihrem Anblick mehr als einmal eine grund- und bodenlose Gewalt in sich habe ausbrechen spüren.

Hier in Bonlieu, erzählte mir Mme. Landau im Verlauf eines anderen Gesprächs, verbrachte Paul viel Zeit mit der Gartenarbeit, die er liebte wie vielleicht nichts sonst. Er hatte mich, als wir nach der Rückkehr aus Salins den Beschluß faßten, daß er von nun an in Bonlieu leben würde, sogleich gebeten, ob er sich nicht des ziemlich vernachlässigten Gartens annehmen dürfe.

Anfang 1982 begann der Zustand von Pauls Augen sich zu verschlechtern. Bald sah er nur mehr zerbrochene oder zersprungene Bilder.
Irgendwann im Herbst, während einer solchen Lesestunde, ist es gewesen, sagte Mme. Landau, daß Paul mir ohne jede Präambel die Mitteilung machte, er werde die Wohnung in S., die zu behalten es nun keinerlei Grund mehr gebe, auflösen. Kurz nach Weihnachten sind wir zu diesem Zweck eigens nach S. gefahren.

Unschlüssig im Vorzimmer stehend, bemerkte ich, daß die Windjacke fehlte, von der Paul am Morgen beiläufig gesagt hatte, daß sie bald vierzig Jahre schon an der Garderobe hänge. In diesem Augenblick wußte ich, daß Paul in dieser Jacke fortgegangen war und daß ich ihn lebend nicht mehr sehen würde.

Paul Bereyter hatte, wie ich bald herausfand, in S. bis zuletzt seine Wohnung gehabt in einem 1970 auf dem Grund der ehemaligen Kunst- und Handelsgärtnerei Dagobert Lerchenmüller errichteten Mietshaus, hatte aber in dieser Wohnung kaum je sich aufgehalten, sondern war ständig auswärts gewesen, ohne daß man gewußt hätte, wo.

Im Januar 1984 erreichte mich aus S. die Nachricht, Paul Bereyter, bei dem ich in der Volksschule gewesen war, habe am Abend des 30. Dezember, also eine Woche nach seinem 74. Geburtstag, seinem Leben ein Ende gemacht, indem er sich, eine kleine Strecke außerhalb von S., dort, wo die Bahnlinie in einem Bogen aus dem kleinen Weidengehölz herausführt und das offene Feld gewinnt, vor den Zug legte.



Sonthofen

Doch war die Abneigung Pauls gegen die römische Kirche weit mehr als nur eine Grundsatzfrage; es hat ihm vor den Stellvertretern Gottes und dem von ihnen ausgehenden Naphthalingeruch tatsächlich gegraust. Am Sonntag ging er nicht nur nicht in die Kirche, sondern so weit aus dem Ort hinaus und in die Berge hinein, daß er das Glockenläuten nicht mehr hören konnte. Bei minderem Wetter verbrachte er die Sonntagvormittage in Gesellschaft des Schuhmachers Colo, der ein Philosoph und regelrechter Atheist gewesen ist und den Tag des Herrn, wenn er nicht mit dem Paul Schach spielte, dazu hernahm, diverse Pamphlete und Traktate gegen die alleinseligmachende Kirche aufzusetzen.



Wissen Sie, sagte sie mir, bei einem meiner Besuche in Yverdon, wissen Sie, die Gründlichkeit, mit welcher diese Leute in den Jahren nach der Zerstörung alles verschwiegen, verheimlicht und, wie mir manchmal vorkommt, tatsächlich vergessen haben, ist eigentlich nur die Kehrseite der perfiden Art, in der beispielsweise der Kaffeehausbesitzer Schöferle in S. die Mutter Pauls, die Thekla hieß und im Nürnberger Stadttheater einige Zeit auf der Bühne gestanden hatte, darauf aufmerksam machte, daß die Anwesenheit einer mit einem Halbjuden verheirateten Dame seiner bürgerlichen Kundschaft unangenehm sein könne und daß er sie daher aufs höflichste, wie es sich verstehe, bitte, von ihrem täglichen Kaffeehausbesuch Abstand zu nehmen. Es wundert mich nicht, sagte Mme. Landau, nicht im allergeringsten wundert es mich, daß Ihnen die Gemeinheiten und Mesquinerien verborgen geblieben sind, denen eine Familie wie die Bereyters ausgesetzt war in solch einem miserablen Nest, wie S. es damals war und es, allem sogenannten Fortschritt zum Trotz, unverändert ist; es wundert mich nicht, denn es liegt ja in der Logik der ganzen Geschichte.