Zu W. G. Sebald und Walter Benjamin





Ein guter Einstieg in das schwer lesbare Werk ist die Pilgerfahrt Sebalds durch die Grafschaft Suffolk, als er Orfordness schildert (Die Ringe des Saturn S. 281ff) und Banki über Benjamin auf Böcklins Toteninsel verweist.
Lassen wir die Autorin zur ihren Themen selbst sprechen:
"Die Grundthese der folgenden Überlegungen lautet entsprechend, dass sich anhand einer Betrachtung der „Idee der Katastrophe" in Benjamins und Sebalds Denken nicht nur deren Verhältnis genauer fassen und erklären, sondern anhand der Analyse und Interpretation ihrer literarischen Darstellung bei Sebald auch neues Licht auf dessen Schreiben werfen lässt.
Eine erste offensichtliche Schwierigkeit, die in der Formulierung dieser These begegnet, liegt darin, dass sich Sebalds Werke mitnichten auf die literarische Ausgestaltung des Katastrophischen als eines ontologischen Theorems beschränken. Vielmehr sind sie der Darstellung fast zahlloser konkreter, empirischer, historisch datierbarer, man könnte sagen: ontischer Katastrophen gewidmet. Es begegnet also in der Betrachtung der Katastrophe bei Sebald immer schon eine Doppelung, die den von Benjamin übernommenen ontologischen Katastrophen-Begriff um den Bezug auf je singuläre, konkrete Katastrophen verdoppelt. Mit einer heuristischen Metapher ließe sich sagen: Der Idee der Katastrophe
Benjamins werden hier gleichsam und in einer philosophisch vielleicht fragwürdigen, aber literarisch und poetologisch produktiven Weise unzählige Verwirklichungen der Katastrophe gegenübergestellt. Es ist diese Doppelung, der in der Analyse der sebaldschen Schriften Rechnung getragen werden muss und die zu fassen der hier vorgeschlagene Entwurf einer post-katastrophischen Poetik helfen soll. Post-katastrophisch ist diese Poetik, weil sie sowohl in einem Paradigma der Katastrophe - ihrer Kontinuität oder Permanenz - verortet ist als auch nach der (verschiedentlich datierbaren) Katastrophe, die die Wirksamkeit ebendieses Paradigmas offenbar und in seiner Gültigkeit für die Gegenwart erkennbar macht. Für
Sebald ist diese Katastrophe der Zweite Weltkrieg und die Shoah; für Benjamin ist es der Erste Weltkrieg, mit dem „ein Vorgang offenkundig zu werden begann, der seither nicht zum Stillstand gekommen ist.“ Als Kind der Nachkriegszeit ist der sebaldsche Erzähler ein in Hinblick auf diese Katastrophe zu spät Gekommener - so wie er sich überhaupt in der Konfrontation mit Katastrophischem beständig wie ein „nachgeborener Fremder“ fühlt, der sich ihm allein anhand der Betrachtung seiner Spuren, der Gegenwärtigkeit des Vergangenen, annähern kann. Weil diese spurenhafte Gegenwärtigkeit des Vergangenen aber keine gesicherte Bindung an die Vergangenheit ermöglicht, kann ihm auch keine Verortung in der Gegenwart gelingen. Dies ist die grundlegende Problematik, auf die seine Handlungen und Vorstellungen reagieren und die seinen Erzählungen unterliegt."



Vor diesem Hintergund lassen sich seine Prosawerke als lnszenierungen verschiedener Konstellationen des Zeugens auch lesen als Erkundung des Nachlebens und Fortwirkens geschichtlicher Traumen. Denn diese werden in seinen Texten nie direkt, sondern als wirkmächtige ungleichzeitige Gleichzeitigkeiten dargestellt, die in den Spuren der unabgegoltenen Vergangenheit in der Gegewnart begegnen. Diese Spuren zum Sprechen zu bringen - beziehungsweise eben an ihrer statt zu sprechen -, ist das Bemühen des sebaldschen Erzählers. Wenn es laut Sebald im literarischen Schreiben, wie eingangs zitiert, „über eine Registrierung der Tatsachen und über die Wissenschaft hinaus, um einen Versuch der Restitution" geht, dann ist damit die Möglichkeit - und als Möglichkeit die Aufgabe - benannt, die Literatur angesichts von Katastrophen erfüllen kann: die "geheime Verabredung" der eigenen Gegenwart mit der unabgegoltenen Vergangenheit anzunehmen, die eigene lmpliziertheit in beide anzuerkennen, die Vergangenehit gegenwärtig beredt sein zu lassen und in ihr Recht zu setzen. ln diesem - an Benjamin geschulten sebaldschen - Sinne ist Zeugenschaft Restitution."
Banki arbeitet an allen Werken Sebalds diese Thesen ab - dem Leser öffnet sie Aufgen auf vieles Übesehene ...
Im Archiv oder seinen Texten hat Banki wenig über eine mitunter behauptete Nähe des Schreibens W. G. Sebalds zum Denken Walter Benjamins gefunden. Aber ihre philologisch und philosophisch tiefgreifende Rekonstruktion ergibt die »post-katastrophische Poetik« und Verwandtschaft der beiden. In der Singularität der Shoah wie in ihrer Geschichtlichkeit, betrachtet vor dem Horizont der benjaminschen Diagnose, das Erzählen sei im Zeitalter der Information unmöglich geworden, findet Banki im sebaldschen Text eine andere Triebfeder fürs Erzählen: Nicht Melancholie, so aber die herrschende Interpretation, sondern Paranoia führt dem Erzähler die Feder.




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