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Archivarbeit





Beginnt man das letzte Kapitel - überschrieben "Zur Melancholie in Sebalds Werken" - in des Norwegers Espen Ingebrigtsen Buch mit dem schönen Titel "Bisse ins Sacktuch", fragt man, was die x-te Erörterung des Themas bringen soll. Ingebrigtsen stellt aber unter dem Vorzeichen des Melancholie-Diskurses überraschend die stets ignorierte Frage nach dem Humor in Sebalds Texten und konturiert tatsächlich das etablierte Sebald-Bild ein gutes Stück neu, indem er sich mit "Sebalds schiefem Lächeln" beschäftigt.

Biografische und textuelle Belege versammelnd zeigt er, dass der besondere Humor Sebalds die gerne übersehene Kehrseite seiner Stilisierung zur gramgebeugten Leidensfigur ist - war er doch jemand, mit dem man im persönlichen Umgang ganz hervorragend gemeinsam lachen konnte.

Espen Ingebrigtsen hat die weite Reise aus Norwegen nach Marbach angetreten, um dort Sebalds Lektürenotizen für seine Untersuchung Zur mehrfachkodierten Intertextualität bei W.G. Sebald einzusehen.
Übrigens bezieht sucg der Titel des Buchs, eine Dissertation, übrigens auf eine Angewohnheit Wittgensteins, aus Zorn über die Dummheit seiner Schüler ins Taschentuch zu beißen. Ingebrigtsen fügt dem Wissenstand zu Sebalds intertextuellen Verfahren neue Details bei. Relevantes findet sich zur Kafka-Rezeption oder zur führenden Rolle, die der Chandos-Brief* für die Gestaltung von Austerlitz oder der Michael-Hamburger-Episode in Ringe des Saturn spielt.

Zur Rezeption Wittgensteins bringt Ingebrigtsens Untersuchung eine ganze Reihe von Aufschlüssen und Einsichten, wie er auch einige biografische Fehldarstellungen durch Sebald korrigieren kann. Immer wieder zeigt er anhand angestrichener Textpassagen des Philosophen, wie Sebald diese in ihrer tatsächlichen Bedeutung verfälschend in seine Literatur 'übersetzt'.
Ist ein solch literarisierendes Verfahren illegitim, das ausdrücklich Sebalds Intention war?
Es waren eben nicht die Schriften, von denen Sebald einmal halb scherzhaft bemerkte, dass sie ohnehin niemand verstehe, die ihn faszinierten, sondern die Gestalt des exzentrischen Philosophen, der im Zentrum des britischen Universitätssystems wirkte und eben doch kein Teil davon war. Ingebrigtsen erwähnt, dass Wittgenstein "in akademischen, ästhetischen und moralischen Fragen für seine Kompromisslosigkeit bekannt und berüchtigt", übersieht aber, dass just darin seine Attraktion für den analog veranlagten Sebald bestand.

Quelle: Uwe Schütte in Weimarer Beiträge 64 (2018) 4

*) Prosawerk Hugo von Hofmannsthals 1902. Zentrale Themen sind Kritik der Sprache als Ausdrucksmittel und die Suche nach einer neuen Poetik.




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