. wgsebald.de Großonkel Alphonso Fitzpatrick


Großonkel Alphonso Fitzpatrick


(Austerlitz S. 128ff)

Im Gegensatz zu dem Onkel Evelyn, so nahm Austerlitz seine ihn offenbar sehr bewegenden Erinnerungen an Andromeda Lodge nach einer Weile wieder auf, indem er aus seiner Jackentasche eine Art Klappetui hervorholte, das ein paar postkartengroße Photographien enthielt, im Gegensatz zu dem Onkel Evelyn, sagte Austerlitz also, wirkte der etwa zehn Jahre ältere Großonkel Alphonso, der die Linie der naturkundigen Fitzpatricks fortführte, geradezu jugendlich. Immer in einer abgeklärten Stimmung, hielt er sich die meiste Zeit über im Freien auf, machte weitschweifige Exkursionen sogar bei schlechtestem Wetter oder saß, wenn es schön war, in seinem weißen Kittel und mit dem Strohhut auf dem Kopf, irgendwo in der Umgegend des Hauses auf einem Feldstühlchen und aquarellierte. Dabei trug er stets eine Brille, in welcher an Stelle der Gläser ein graues Seidengewebe eingespannt war, so daß man die Landschaft hinter einem feinen Schleier sah, wodurch die Farben verblaßten und das Gewicht der Welt einem vor den Augen zerging.

Die Bilder, die Alphonso zu Papier brachte, sagte Austerlitz, waren eigentlich nur Andeutungen von Bildern, hier ein Felsenhang, da eine Böschung, eine Kumuluswolke - mehr nicht, nahezu farblose Fragmente, festgehalten mit einer aus ein paar Tropfen Wasser und einem Gran Berggrün oder Aschblau gemischten Lasur. Ich entsinne mich, sagte Austerlitz, wie Alphonso einmal seinem Großneffen und mir gegenüber die Bemerkung machte, daß vor unseren Augen alles verblasse und daß die schönsten Farben zum größten Teil schon verschwunden oder nur dort noch zu finden seien, wo sie keiner sehe, in den submarinen Gärten klaftertief unter der Oberfläche des Meers. In seiner Kindheit, sagte er, habe er drunten in Devonshire und Cornwall an den Kreideklippen, wo aus dem Stein durch die Brandung Höhlungen und Becken gebrochen und geschliffen werden seit Jahrmillionen, die unendliche Vielfalt des zwischen dem Pflanzlichen, Tierischen und Mineralischen oszillierenden Wachstums bewundert, die Zooiden und Korallinen, Seeanemonen, Seefächer und Seefedern, die Blumentierchen und Krustazeen, die in den zweimal an jedem Tag von der Flut überspülten, von langen Tangwedeln umströmten und dann, beim Absinken des Wassers, wieder ganz dem Licht und der Luft preisgegebenen Felsenkelchen in sämtlichen Färbungen des Spektrums - spangrün, scharlach und rauschrot, schwefliggelb und samtschwarz - ihr wunderbar schillerndes Leben entfaltet hatten. Ein bunter, mit den Gezeiten auf- und abwogender Saum habe damals die gesamte südwestliche Küste der Insel umgeben, und jetzt, kaum ein halbes Jahrhundert später, sei diese Pracht durch unsere Sammelleidenschaft und andere, gar nicht wägbare Störungen und Einflüsse nahezu völlig vernichtet. Ein anderes Mal, sagte Austerlitz, sind wir mit dem Großonkel Alphonso in einer windstillen und mondlosen Nacht hinterhalb dem Haus in die Hügel hinaufgestiegen, um ein paar Stunden hineinschauen zu können in die geheimnisvolle Welt der


Motten

Die meisten von uns, sagte Austerlitz, wissen ja von den Motten nichts, als daß sie die Teppiche und Kleider zerfressen und darum vertrieben werden müssen mit Kampfer und Naphthalin, während sie doch in Wahrheit eines der ältesten und bewundernswertesten Geschlechter sind in der ganzen Geschichte der Natur.

Von den Raupen, die ihnen in ihrem Dasein vorausgehen, sagte er, daß sie sich beinahe alle nur von einerlei Futter ernährten, sei es von den Wurzeln des Queckengrases, von Salweidenblättern, Berberitzen oder welkem Brombeerlaub, und zwar fressen sie das jeweilige von ihnen auserwählte Futter, so sagte Alphonso, bis zur Bewußtlosigkeit in sich hinein, wohingegen die Falter zeit ihres Lebens gar nichts mehr zu sich nehmen und einzig darauf bedacht sind, das Fortpflanzungsgeschäft möglichst schleunig zuwege zu bringen. Nur an Durst scheinen sie manchmal zu leiden, weshalb es schon vorgekommen sein soll, daß sie in Perioden der Trockenheit, wenn lange kein Tau gefallen war in der Nacht, als eine Art von Wolke gemeinsam sich aufmachten, den nächsten Fluß oder Bachlauf zu suchen, wo sie dann bei dem Versuch, auf dem fließenden Wasser sich niederzulassen, in großer Zahl sich ertränkten.

In Erinnerung geblieben ist mir auch noch die Bemerkung Alphonsos über das ungeheuer empfindliche Gehör der Motten, sagte Austerlitz. Sie seien imstande, die Schreie der Fledermäuse über weite Entfernungen hinweg zu erkennen, und er, Alphonso selber, habe beobachtet, daß sie immer am Abend, wenn die Haushälterin auf den Hof herauskomme, um mit der ihr eigenen kreischenden Stimme nach ihrer Katze Enid zu rufen, aus den Büschen aufstieben und davonfliegen in die dunkleren Bäume hinein. Tagsüber, sagte Alphonso, schlafen sie in der Verborgenheit, unter Steinen, in Felsritzen, zwischen der Bodenstreu oder im Blattwerk. Die meisten sind totenstarr, wenn man sie aufspürt, und müssen sich erst wachzittern oder mit zuckenden Bewegungen der Flügel und Beine an der Erde herumhüpfen, ehe sie ansetzen können zum Flug. Ihre Körpertemperatur beträgt dann sechsunddreißig Grad, wie die der Säugetiere und der Delphine und Thunfische in voller Fahrt. Sechsunddreißig Grad sei ein Pegel, sagte Alphonso, der sich in der Natur immer wieder als der günstigste erwiesen habe, eine Art von magischer Schwelle, und es sei ihm mitunter schon der Gedanke gekommen, so, sagte Austerlitz, habe Alphonso gesagt, daß das ganze Unglück der Menschen Zusammenhänge mit ihrem irgendwann einmal erfolgten Abweichen von dieser Norm und dem leicht fiebrig erhitzten Zustand, in dem sie sich ständig befinden.

Bis zum Anbruch des Morgens, sagte Austerlitz, sind wir in jener Sommernacht in der Bergmulde hoch droben über der Mündung des Mawddach.gesessen und haben zugeschaut, wie die Falter, vielleicht zehntausend an der Zahl, schätzte Alphonso, bei uns eingeflogen sind. Die vor allem von Gerald bewunderten Leuchtstreifen, die sie dabei in verschiedenen Kringeln, Fahrern und Spiralen hinter sich herzuziehen schienen, existierten in Wirklichkeit gar nicht, erklärte Alphonso, sondern seien nur Phantomspuren, die verursacht würden von der Trägheit unseres Auges, das einen gewissen Nachglanz an der Stelle noch zu sehen glaube, von welcher das im Widerschein der Lampe nur einen Sekundenbruchteil aufstrahlende Insekt selber schon wieder verschwunden sei. Es sei an solchen unwirklichen Erscheinungen, sagte Alphonso, am Aufblitzen des Irrealen in der realen Welt, an bestimmten Lichteffekten in der vor uns ausgebreiteten Landschaft oder im Auge einer geliebten Person, daß unsere tiefsten Gefühle sich entzündeten oder jedenfalls das, was wir dafür hielten.

Besonders unvergeßlich aber war mir stets, was Alphonso uns damals über das Leben und Sterben der Motten erzählte, und noch heute bringe ich ihnen unter allen Kreaturen die größte Ehrfurcht entgegen.

Wie er von Alphonso wisse, sagte Austerlitz, gebe es eigentlich keinen Grund, den geringeren Kreaturen ein Seelenleben abzusprechen. Nicht nur wir und die mit unseren Gefühlsregungen seit vielen Jahrtausenden verbundenen Hunde und anderen Haustiere träumten in der Nacht, sondern auch die kleineren Säugetiere, die Mäuse und Maulwürfe, halten sich schlafend, wie man an ihren Augenbewegungen erkennen kann, in einer einzig in ihrem Inneren existierenden Welt auf, und wer weiß, sagte Austerlitz, vielleicht träumen auch die Motten oder der Kopfsalat im Garten, wenn er zum Mond hinaufblickt in der Nacht.

Ich glaube, es war Anfang Oktober 1957, fuhr er nach einiger Zeit unvermittelt fort, als ich bereits im Begriff stand, zur Weiterführung meiner im Vorjahr am Courtauld Institute begonnenen baugeschichtlichen Studien nach Paris zu gehen, daß ich das letztemal bei den Fitzpatricks in Barmouth gewesen bin, zu dem Doppelbegräbnis des Onkels Evelyn und des Großonkels Alphonso, die kaum einen Tag nacheinander gestorben waren, Alphonso, vom Schlag getroffen, beim Aufklauben seiner Lieblingsäpfel draußen im Garten, und Evelyn, zusammengekrümmt vor Angst und Pein, in seinem eiskalten Bett.




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