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Lexikon I

Ibsen, Henrik [AUS 261]
1828 - 1906 norwegischer Schriftsteller und Dramatiker
Sein letztes Stück: "Wenn wir Toten erwachen" 3-aktiges Drama, 1900 uraufgeführt.
Hauptfigur Rubek nach langer Zeit im Ausland in sein Heimatland Norwegen zurückgekehrt und fühlt sich dort nicht mehr zu Hause. Ähnlichkeit mit Sebalds Biografie, evtl. auch Überleitung zum Thema Fotografie von Menschen im Text S. 261f.


Ichthyomantie [CS 213]
Methode zum Wahrsagen und Hellsehen durch Deutung von Fischeingeweiden oder Beobachtung lebender und toter Fische


Icosameron [AUS 288]
Roman von Casanova 1788
Orignaltitel: Icosameron ou histoire d’Edouard, et d'Elisabeth qui passèrent quatre vingts un ans chez les Mégamicres habitans aborigènes du Protocosme dans l'intérieur de notre globe, traduite de l'anglois par Jacques Casanova de Seingalt Vénitien Docteur ès loix Bibliothécaire de Monsieur le Comte de Waldstein seigneur de Dux Chambellan de S.M.I.R.A. Prague à l’imprimerie de l’école normale
Inhalt: Ein Geschwisterpaar gerät 1534 auf einer Schiffsreise durch das Nordpolarmeer - im Inneren einer Kiste -, in einen unwiderstehlich anziehenden Wasserwirbel des Mahlstroms, nachdem sie zuvor, noch auf dem in Seenot geratenen Schiff, in diese merkwürdige Bleikiste gelangten. Während der mit Übelkeit und Todesängsten einhergehenden Rütteleien, erfahren sie eng aneinander geschmiegt und mal Branntwein trinkend durch zum Abdichten der Kiste herausschraubbare Fernglasluken, rasch abwechselnde Temperatur- und sämtliche Aggregatzustände am eigenen Leibe. Begleitet von Finsternis, im Wechsel mit seltsam rötlichen Lichtverhältnissen, kommt die Kiste nach einem Anprall zum Stillstand.
81 Jahre leben die Geschwister, nun als Frau und Mann, viele Kinder - immer Zwillingspärchen - erzeugend, in diesem 'Protokosmos' im Inneren der Erde, bei den Megamikren, den Großkleinen; bis sie durch ein ebensolches Wunder 1615, im Besitze noch blühend strahlender Jugend, in ihr Heimatdorf nach England zurückkehren und mit ihrer 'Geschichte', welche viele neugierig erstaunte Zuhörer findet, großes Aufsehen erregen
Titel der deutschen Erstausgabe:



Il Matrimonio Segreto" [SG 13]
(ital.) Die heimliche Ehe, wohl bekannteste (die 54.) Oper von Domenico Cimarosa Uraufführung 1792 Wien.
Handlung: Paolino und Karoline haben sich heimlich vermählt, da sie gegen den Widerstand des Vaters anders nicht zum Ziele kommen konnten. Bei günstiger Gelegenheit möchten sie ihr Geheimnis an die Öffentlichkeit bringen. Der etwas geizige Geronimo will seine Tochter Lisette mit dem Grafen Robison vermählen. Dieser aber empfindet nichts für die ihm bestimmte Braut, sondern entflammt in heftiger Zuneigung für deren Schwester Karoline. Das junge Paar ist auf diese Weise in schwere Verlegenheit gebracht, zumal da auch Beatrice gerne Paolinos Frau werden möchte. Karoline weist des Grafen Werbung zurück. Das junge Paar, von allen Seiten schwer geängstigt, will nun heimlich entfliehen. Lisette aber, die auf ihre Schwester eifersüchtig ist, weil der Graf sich um sie bewirbt, ruft das ganze Haus zusammen und behauptet, daß Karoline nächtliche Besuche empfange.
Der Graf will seine Ansprüche auf eine Mitgift herunterschrauben, wenn Geronimo ihm Karoline zur Frau gibt. Der geizige Geronimo geht mit Freuden darauf ein. Der Graf versucht nun Lisette zum Verzicht zu bewegen, indem er ihr in drolliger Übertreibung alle seine Untugenden schildert. Lisette und Beatrice dringen nun in den Vater, Karoline in ein Kloster zu bringen. Die Gefahr für das junge Paar wird immer größer. Wieder erhebt Lisette die Behauptung, daß jemand bei Karoline im Zimmer sei. Als nun plötzlich der Graf, den man im Verdacht hatte, ahnungslos aus seinem Zimmer tritt, will man endlich wissen, wer denn nun eigentlich bei Karoline ist. Man läßt die Türen gewaltsam öffnen und entdeckt Paolino mit Karoline, die nun ihr Geheimnis dem Vater bekennen. Dieser muß seinen Zorn schließlich dämpfen, da alle Anwesenden ihm zum Nachgeben raten, und der Graf sich bereit erklärt, Lisette zu heiraten.


Il ritorno in patria [SG 193]
Arientitel aus Monteverids Oper
Welche Geschichte ließe sich schöner erzählen als die des Odysseus, der jahrzehntelang an der Heimkehr gehindert wurde und zuhause schließlich doch noch die treue Gattin antraf? Er selber freilich hatte unterwegs durchaus das eine oder andere galante Abenteuer. Claudio Monteverdi setzte seinen Zuschauern 1641 diese Geschichte vor: Il ritorno d'Ulisse in patria.
Hieraus stammt das gekürzte Zitat "Il ritorno in patria", die berühmte Arie der Penelope. Der Stoff stammt aus Homers Odyssee und handelt von den Unbegreiflichkeiten des Lebens: dem Jahreslauf, der Liebe, von Heimat und Macht archetypisch.


Im Krug zum grünen Kranze [AW 62]
Lied von Wilhelm Müller (1794-1827)
Melodie: Johann Friedrich Reichardt

Im Krug zum grünen Kranze,
Da kehrt ich durstig ein;
Da saß ein Wandrer drinnen, drinnen
Am Tisch beim kühlen Wein.

Ein Glas ward eingegossen,
Das wurde nimmer lehr!
Sein Haupt ruht auf dem Bündel, Bündel,
Als wärs ihm viel zu schwer.

Ich tät mich zu ihm setzen,
Ich sah ihm ins Gesicht,
Das schien mir gar befreundet, befreundet
Und dennoch kannt' ich's nicht.

Da sah auch mir ins Auge
Der fremde Wandersmann
Und füllte meinen Becher, Becher
Und sah mich wieder an.

Hei! wie die Becher klangen,
Wie brannte Hand in Hand,
"Es lebe die Liebste deine, deine,
Herzbruder im Vaterland!"


Im Lauf der Zeit [CS 193ff]
Roadmovie 1976 Regie u Drehbuch: Wim Wenders
Der depressive Robert (gespielt von Hanns Zischler ) trifft auf den melancholischen Bruno, der Projektoren in Kinos auf dem Lande an der deutsch-deutschen Grenze repariert. Im „Lauf der Zeit“ gibt es eine Art Kino im Kino. Dass viele Lichtspieltheater auf dem Lande schließen müssen, wenn sie nicht irgendwelchen Verleih-Schrott zeigen, tut weh. Wenders lässt eine Kinobesitzerin vom alten Schlage philosophieren über den Film als „Kunst des Sehens“. Sie sagt: So wie es jetzt ist, ist es besser, es gibt kein Kino mehr, als dass es ein Kino gibt, wie es jetzt ist. Von der Neonschrift eines Lichtspieltheaters mit dem Namen „Weiße Wand“ funktionieren nur noch die Buchstaben „ww - e, n, d.“ wie wim wenders end



zum Film



Impassibilité [CS 156]
Begriff aus der (frz.) Literaturwissenschaft. Impassibilité: "Kälte, Gelassenheit", spezifischen Erzählweise, 'roman impassible' = ironisch-distanzierte Grundstimmung. Charakteristisch sind u.a. der Zug des Burlesken, diverse Formen von Intertextualität, eine ideogen strukturierte Weltsicht sowie "esthétique du dérèglement". Traditionelles Erzählen geht produktive Verbindung mit subversiven Erzählstrategien ein, die sowohl auf Erkenntnisse und Verfahren des Nouveau Roman als auch postmoderner Literatur angelsächsischer Provenienz rekurrieren.


Imperial War Museum [AUS 346]
engl. Kriegsmuseum des brit. Weltreichs in London, bedeutendstes Kriegsmuseum weltweit. Während des Ersten Weltkrieges in Pivatinitiative entstanden, 1920 eröffnet. Exponate aus beiden Weltkriegen. Eine von vier Etagen beschäftigt sich ausführlich mit dem Dritten Reich


Independent [RS 119]

eine der vier großen britischen Qualitäts-Tageszeitungen. Umgangssprachlich "Indie", die Sonntagsausgabe "Sindie" (The Independent on Sunday) Hauptsitz Canary Wharf, London.
1986 erstmals veröffentlicht, damit eine der jüngsten britischen überregionalen Tageszeitungen. 2006 Auflage von ca. 250 000, Leserschwund wie bei allen britischen Tageszeitungen. 2010 kauft der russische Oligarch Alexander Jewgenjewitsch Lebedew die Zeitung
Link zu dem von Sebald zitierten Artikel


Indra [CS 74]
hinduistische Gottheit, im heutigen Glaubensleben kaum noch Bedeutung. In der frühindischen, vedischen Religion war Indra der höchste, kriegerische Gott des Himmels, der Gott des Sturmes und des Regens, ohne den kein Sieg möglich ist, den man im Kampfe anruft... (Rigveda 2.12.9) Er war der Gott der Krieger, der Kshatriya-Kaste. Gemäß den vedischen Schriften ist er es, der erschlägt, der das Wasser am Fließen hindert; er ist die Schlange (ahi) und der Zerschmetterer jeden Widerstandes. Er tötet mit seiner Keule den Drachen und befreit die Kühe aus dem Felsen. Indra hat stark anthropomorphe Züge. Er ist der große Eroberer, trinkt Soma, ein berauschendes Getränk, und er bringt Materielles zum Blühen, schenkt Wohlstand und bestraft die Lüge. „König der Götter“, erscheint in vielen Gestalten und Bedeutungen in indischen Mythen. Sein Reittier Riesenelefant Airavata, seine Waffe Donnerkeil, Vajra.


ingénu [CS 216]
siehe "L'ingénu"


Innerfern [CS 40]
Erstlingsroman des Allgäuer Schriftstellers Gerhard Köpf, der das Leben von Ilse Schneider-Lengyel zum Thema hat, die am Bannwaldsee bei Füssen lebte und arbeitete - in ihrem Haus Gründung der Gruppe 47. (vgl. bei "Zitaten" )


Institut auf dem Rosenberg
in St. Gallen, eines der ältesten Internate der Schweiz, auf dem Rosenberg, einem Jugendstil-Villenviertel nördlich des Stadtzentrums. Sebald unterrichtet hier 1968 bis 1969. Aus seinem Brief vom 14. Dezember 1968 an Adorno: "Ich habe im letzten Sommer aus gesundheitlichen und materiellen Gründen England verlassen müssen und lebe seither in der Schweiz, wo ich mich mit Unterrichten in einem privaten Institut über Wasser halte. Vor allem an Tagen, an denen mich die Aufsichtspflicht trifft, scheint mir die Atmosphäre so bedrückend wie die der Dienerschule, die Robert Walser zum Vorbild nahm für den Jakob von Gunten oder wie die langen Gänge von Clongowes Wood. Ich bin erst vierundzwanzig und gehöre einerseits noch zu den Jungen, die ich beim Studium überwache, andrerseits halten mich diese schon für einen Erwachsenen. Da ist mir dann wirklich, 'als ob mein eigenes Ich, durch nichts gehemmt, herüberglitt aus einem kleinen Kind mir wie ein Hund, unheimlich stumm und fremd.' "


Intelligenzblatt [NN 37]
(engl.: intelligence, Nachricht) im 18. Jht amtliches Nachrichtenblatt nach englischem Vorbild mit Bekanntmachungen wie Gerichtsterminen, Ausschreibungen, Konkursen, Zwangsversteigerungen, usw sowie geschäftlichen und privaten (Klein-)Anzeigen, u.a. Vermietungs-, Verkaufs- und Familien-(Geburts-, Hochzeits- und Sterbe-) Anzeigen). "Intelligenz" zielt nicht auf Geistesvermögen der Leser, sondern leitet Bedeutung von 'Nachricht' oder 'Information' her


Intimation [CS 187]
veralt., österr. Kundgebung, Andeutung, Anzeige, Aufgabe


intrikate Planskizzen [AUS 23]
(intrikat = verwirrend, verwickelt)



Irischer Bürgerkrieg [RS 255ff]
Juni 1922 bis April 1923: Konflikt zwischen Unterstützern und Gegnern des anglo-irischen Vertrags (Ergebnis des Waffenstillstandes nach dem Irische Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 zwischen irischen Separatisten und der britischen Regierung) vom 6. Dezember 1921, der den irischen Freistaat einführt, Vorläufer der heutigen Republik Irland, aus 26 der 32 irischen Grafschaften bestehend, und so die Teilung der Insel begründet. Hauptkritikpunkt: Teilung, konstitutionelle Bindung ans britische Königshaus und Einschränkungen der Hoheitsrechte. Die Einflüsse noch heute in der irischen Politik deutlich.
Gegensätzliche Positionen auch tiefe persönliche Gründe. Die Protagonisten (Michael Collins und Éamon de Valera) während des Unabhängigkeitskrieges enge Freunde und Kameraden. Michael Collins der Auffassung, dass ihn Éamon de Valera zu der Vertragsverhandlung mit dem Wissen schickte, keine weiteren Zugeständnisse seitens der Briten bekommen zu können und, anstelle von de Valera die Schuldzuweisungen über den kompromissbehafteten Vertrag zu erhalten. Er fühlt sich zutiefst betrogen, als de Valera die Einigung nicht unterstützt, die er mit David Lloyd George und Winston Churchill ausgehandelt hat.
Irisches Parlament stimmt Vertrag mit knapper Mehrheit zu. Bei der Ratifizierung des Vertrags tritt Éamon de Valera als Präsident der irischen Republik zurück und verläßt an der Spitze der Vertragsgegner innerhalb von Sinn Féin das Parlament.
Parlament beginnt unter der Leitung von Michael Collins, neben neuer Polizei nationale Armee aufzustellen, die die bisherige Irisch-Republikanische Armee (IRA) ablösen soll. Synonyme für die Befürworter: „pro-treaty“, „National Army“ oder „Free State“; Gegner: „anti-treaty“, „IRA“ oder „Irregulars“.
Es beginnt mit der Besetzung des Gerichtsgebäude (Four Courts) in Dublin. Als die Kämpfe abebben, hat die Regierung des Freistaates die irische Hauptstadt fest unter ihrer Kontrolle, die Vertragsgegner verteilen sich im Rest des Landes – vor allem im Süden und Westen.
Bei Beginn des Bürgerkrieges IRA faktisch geteilt.
Michael Collins und seine Befehlshaber zwischenzeitlich in der Lage, die „Irregulars“ im offenen Kampf zu überrennen Unterstützung seitens der Briten durch Artillerie, Flugzeuge, bewaffnete Fahrzeuge, Maschinenpistolen, Handfeuerwaffen und Munition tun ihr übriges. Collins’ rücksichtsloseste Offiziere aus den Reihen der „Dublin Brigade“ der IRA (die er während des Unabhängigkeitskrieges kommandierte) rekrutiert. Gegen Ende des Krieges diese Gruppen in Gräueltaten verwickelt.
Nach Dablin verlagert sich der Konflikt auf das restliche Land. Kurzzeitig erlangen Vertragsgegner die Oberhand in Cork, Limerick und Waterford, sämtliche größeren Städte Irlands von den Truppen des Freistaates zurückerobert. Die Siege der Regierung in den größeren Städten gehen mit Guerilla-Methoden einher: Hinrichtungen von Führern auf beiden Seiten. Michael Collins im August 1922 ermordet.
In der Endphase Serie von Gräueltaten. Die IRA beginnt Unterhausabgeordnete zu ermorden. Im Gegenzug droht der Freistaat damit, gefangene IRA-Anhänger zu erschießen. 4 prominente Republikaner hingerichtet. Der Freistaat verhängt 77 Exekutionen von gefangenen Vertragsgegnern, einschließlich des Autors und Vertragsverhandlers Robert Erskine Childers ("Das Rätsel der Sandbank"). Zusätzlich verüben Truppen des Freistaates hauptsächlich in Kerry inoffizielle Hinrichtungen von gefangen genommenen Vertragsgegnern (in Ballyseedy 18 republikanische Gefangene an Landmine gebunden, Überlebende nach der Explosion erschossen).

IRA von der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht unterstützt (bei der Wahl erreicht Sinn Féin 28%).
Die römisch-katholische Kirche unterstützt ebenfalls Freistaat, prangert IRA an und verweigert Sakramente für militante Vertragsgegner.
Ursprung des Bürgerkriegs der Anglo-Irische Vertrag, viele „Irregulars“ aber auch in der traditionellen republikanischen Sache des „Menschen ohne Besitz“ einen Grund gesehen. Daher während des Krieges viele – dem Freistaat loyale – Großgrundbesitzer attackiert und deren Anwesen besetzt. Viele dieser Grundbesitzer (wenn auch nicht alle) hatten während des irischen Unabhängigkeitskrieges die britische Krone unterstützt, deshalb in der Anarchie des Bürgerkriegs zu leichten Zielen. Der Freistaat unternimmmt Vorkehrungen, um Protestanten und deren Grundbesitz zu schützen, vor allem in der Grafschaft Louth. Noch heute kontrovers, wie sehr die Protestanten zu dieser Zeit eingeschüchtert wurden.
Bürgerkrieg kurz, aber blutig. Viele Hauptfiguren sterben, beide Seiten verüben brutale Taten: National Army verliert 800 Soldaten, mehr als 4000 Menschen getötet, 12.000 Republikaner am Ende des Krieges festgenommen - bis 1924 in Haft.
Bis heute die zwei größten politischen Parteien Fianna Fáil und Fine Gael, die Nachkommen der beiden Kräfte aus dem Jahr 1922. Bis in die 1970er Jahre hinein fast alle bekannten irischen Politiker Veteranen des Bürgerkriegs. Viele Söhne und Töchter dieser Veteranen Politiker, tragen persönlichen Wunden des Kriegs in die nächste Generation.
Auch IRA existiert noch heute.


Irk [NN 83]


Fluß in Manchester
Zitat (Friedrich Engels, ca. 1845): Da ist zuerst die Altstadt von Manchester, die zwischen der Nordgrenze des kommerziellen Viertels und dem Irk liegt. Hier sind die Straßen, selbst die besseren, eng und krumm - wie Todd Street, Long Millgate, Withy Grove und Shude Hill -, die Häuser schmutzig, alt und baufällig und die Bauart der Nebenstraßen vollends abscheulich. Wenn man von der alten Kirche in Long Millgate hineingeht, so hat man gleich rechts eine Reihe altmodischer Häuser, an denen keine einzige Frontmauer senkrecht geblieben ist; es sind die Reste des alten, vorindustriellen Manchester, deren frühere Einwohner sich mit ihren Nachkommen in besser gebaute Bezirke gezogen und die Häuser, die ihnen zu schlecht waren, einer stark mit irischem Blut vermischten Arbeiterrasse überlassen haben. Man ist hier wirklich in einem fast unverhüllten Arbeiterviertel, denn selbst die Läden und Kneipen der Straße nehmen sich nicht die Mühe, etwas reinlich auszusehen. Aber das ist all noch nichts gegen die Gassen und Höfe, die dahinter liegen und zu denen man nur durch enge, überbaute Zugänge gelangt, in denen keine zwei Menschen aneinander vorbei können. Von der unordentlichen, aller vernünftigen Baukunst hohnsprechenden Zusammenwürfelung der Häuser, von der Gedrängtheit, mit der sie hier förmlich aneinandergepackt sind, kann man sich keine Vorstellung machen. Und es sind nicht nur die aus der alten Zeit Manchesters hinterlassenen Gebäude, die die Schuld davon tragen; die Verwirrung ist in neuerer Zeit erst auf die Spitze getrieben worden, indem überall, wo die ganze Bauart der früheren Epoche noch ein Fleckchen Raum ließ, später nachgebaut und angeflickt wurde, bis endlich zwischen den Häusern kein Zoll breit Platz blieb, der sich noch hätte verbauen lassen...
Das Ufer des Irk ist hier auf der Südseite sehr steil und zwischen fünfzehn und dreißig Fuß hoch; an diese abschüssige Bergwand sind meist noch drei Reihen Häuser hingepflanzt, deren niedrigste sich unmittelbar aus dem Flusse erhebt, während die Vorderwand der höchsten auf dem Niveau der Hügelkrone in Long Millgate steht. Dazwischen stehen noch Fabriken am Flusse - kurz die Bauart ist hier ebenso eng und unordentlich wie im unteren Teil von Long Millgate. Rechts und links führen eine Menge überbauter Zugänge von der Hauptstraße in die vielen Höfe ab, und wenn man hineingeht, so gerät man in einen Schmutz und eine ekelhafte Unsauberkeit, die ihresgleichen nicht hat - namentlich in den Höfen, die nach dem Irk hinabführen und die unbedingt die scheußlichsten Wohnungen enthalten, welche mir bis jetzt vorgekommen sind. In einem dieser Höfe steht gleich am Eingange, wo der bedeckte Gang aufhört, ein Abtritt, der keine Tür hat und so schmutzig ist, daß die Einwohner nur durch eine stagnierende Pfütze von faulem Urin und Exkrementen, die ihn umgibt, in den Hof oder heraus können; es ist der erste Hof am Irk oberhalb Ducie Bridge, wenn jemand Lust haben sollte, nachzusehen; unten am Flusse stehen mehrere Gerbereien, die die ganze Umgegend mit animalischem Verwesungsgeruch erfüllen. In die Höfe unterhalb Ducie Bridge steigt man meist auf engen, schmutzigen Treppen hinab und gelangt nur über Haufen von Schutt und Unrat an die Häuser. Der erste Hof unterhalb Ducie Bridge heißt Allen's Court und war zur Cholerazeit in einem solchen Zustande, daß die Gesundheitspolizei ihn ausräumen, fegen und mit Chlor ausräuchern ließ; Dr. Kay gibt in einer Broschüre 9) eine schreckenerregende Beschreibung von der damaligen Lage dieses Hofes. Seitdem scheint er teilweise abgebrochen und neu erbaut worden zu sein - von Ducie Bridge herab sieht man wenigstens noch mehrere Mauerruinen und hohe Schutthaufen neben einigen Häusern neueren Baues. Die Aussicht von dieser Brücke - zartfühlenderweise von einer mannshohen gemauerten Brustwehr den kleineren Sterblichen verhüllt - ist überhaupt charakteristisch für den ganzen Bezirk. In der Tiefe fließt oder vielmehr stagniert der Irk, ein schmaler, pechschwarzer, stinkender Fluß, voll Unrat und Abfall, den er ans rechte, flachere Ufer anspült; bei trocknem Wetter bleibt an diesem Ufer eine lange Reihe der ekelhaftesten schwarzgrünen Schlammpfützen stehen, aus deren Tiefe fortwährend Blasen miasmatischer Gase aufsteigen und einen Geruch entwickeln, der selbst oben auf der Brücke, vierzig oder fünfzig Fuß über dem Wasserspiegel, noch unerträglich ist. Der Fluß selbst wird dazu noch alle fingerlang durch hohe Wehre aufgehalten, hinter denen sich der Schlamm und Abfall in dicken Massen absetzt und verfault. Oberhalb der Brücke stehen hohe Gerbereien, weiter hinauf Färbereien, Knochenmühlen und Gaswerke, deren Abflüsse und Abfälle samt und sonders in den Irk wandern, der außerdem noch den Inhalt der anschießenden Kloaken und Abtritte aufnimmt. Man kann sich also denken, welcher Beschaffenheit die Residuen sind, die der Fluß hinterläßt...
Oberhalb Ducie Bridge wird das linke Ufer flacher und das rechte dagegen steiler, der Zustand der Wohnungen auf beiden Seiten des Irk indessen eher schlimmer als besser. Wenn man hier von der Hauptstraße - noch immer Long Millgate - links abgeht, so ist man verloren; man gerät aus einem Hof in den andern, das geht um lauter Ecken, durch lauter enge, schmutzige Winkel und Gänge, bis man nach wenig Minuten alle Richtung verloren hat und gar nicht mehr weiß, wohin man sich wenden soll. Überall halb oder ganz verfallene Gebäude - einzelne sind wirklich unbewohnt, und das will hier viel heißen - in den Häusern Selten ein bretterner oder steinerner Fußboden, dagegen fast immer zerbrochene, schlecht passende Fenster und Türen, und ein Schmutz! - Schutthaufen, Abfall und Unflat überall; stehende Pfützen statt der Rinnsteine, und ein Geruch, der es allein jedem einigermaßen zivilisierten Menschen unerträglich machen würde, in einem solchen Distrikt zu wohnen...
Man gelangt über ein holpriges Ufer, zwischen Pfählen und Waschleinen hindurch in dies Chaos kleiner, einstöckiger und einstubiger Hütten, von denen die meisten ohne allen künstlichen Fußboden sind - Küche, Wohn- und Schlafzimmer, alles vereinigt. In einem solchen Loche, das kaum sechs Fuß lang und fünf breit war, sah ich zwei Betten - und was für Bettstellen und Betten - die nebst einer Treppe und einem Herd gerade hinreichten, um das ganze Zimmer zu füllen. In mehreren andern sah ich gar nichts, obwohl die Tür weit offenstand und die Einwohner an ihr lehnten. Vor den Türen überall Schutt und Unrat; daß eine Art von Pflaster darunter sei, war nicht zu sehen, sondern bloß hie und da mit den Füßen herauszufühlen. Der ganze Haufen menschenbewohnter Viehställe war auf zwei Seiten von Häusern und einer Fabrik, auf der dritten vom Fluß begrenzt, und außer dem schmalen Ufersteig führte nur noch ein enger Torweg hinaus - in ein andres, fast ebenso schlecht gebautes und gehaltenes Labyrinth von Wohnungen.
Genug davon! In dieser Weise ist die ganze Irkseite bebaut, ein planlos zusammengewürfeltes Chaos von Häusern, die der Unbewohnbarkeit mehr oder weniger nahestehen und deren unreinliches Innere der unflätigen Umgebung vollkommen entspricht. Wie sollen die Leute auch reinlich sein! Nicht einmal für die Befriedigung der allernatürlichsten und alltäglichsten Bedürfnisse gibt es geeignete Gelegenheit. Die Abtritte sind hier so rar, daß sie entweder alle Tage voll werden oder den meisten zu entlegen sind. Wie sollten sich die Leute waschen, wo sie nur das schmutzige Irkwasser nahebei haben und Wasserleitungen und Pumpen erst in honetten Stadtteilen vorkommen! Wahrhaftig, man kann es diesen Heloten der modernen Gesellschaft nicht zurechnen, wenn ihre Wohnungen nicht reinlicher sind als die Schweineställe, die hier und da mitten dazwischen stehen! Schämen sich doch die Hausbesitzer nicht, Wohnungen zu vermieten wie die sechs oder sieben Keller am Kai, gleich unterhalb Scotland Bridge, deren Fußhoden mindestens zwei Fuß unter dem Wasserspiegel - bei niedrigem Wasser - des nicht sechs Fuß davon fließenden Irk liegt, oder wie das obere Stock im Eckhaus auf dem entgegengesetzten Ufer gleich oberhalb der Brücke, dessen Erdgeschoß unbewohnbar, ohne alle Ausfüllung für Tür- und Fensterlöcher - doch das ist ja ein Fall, der in dieser ganzen Gegend nicht selten vorkommt, wobei dann gewöhnlich dies offene untere Stockwerk von der ganzen Nachbarschaft aus Mangel an andern Lokalitäten als Abtritt benutzt wird!



Irreverenz [LL 29 ]
Respektlosigkeit


Irwell [NN 83]
Fluß in Manchester
Siehe bei Irk



isabellgelb [AUS 258]
siehe bei


Ischler Salz [SG 56]

1563 der Ischler Salzberg durch das Bergwerk in Perneck erschlossen. Für Generationen von Ischlern Salz wichtigste wirtschaftliche Grundlage, neben dem bisherigen Transport nun in direkter Produktion.


Isenheimer Altar [NN 14ff]
Hauptwerk Grünewalds


Isola San Francesco del Deserto [SG 78]
siehe San Francesco del Deserto


Isotherme [RS 72]
Linien gleicher Temperatur, in Diagrammen aus allen Bereichen der Natur- und Ingenieurwissenschaften verwendet
Die Oberflächentemperatur der Ozeane spiegelt die Verteilung der über die Jahreszeiten in die Ozeanoberfläche eingestrahlten solaren Energiemengen, kalte und warme Oberflächenströmungen und Muster der Tiefenwasserzirkulation wieder.

Isothermen verlaufen prinzipiell Ost-West. "Verbiegungen" vor allem an den Kontinenten, zum Äquator verschoben. Grund: Aufstieg von kaltem Tiefenwasser und Transport von kalten Oberflächenwässern aus hohen in niedrige Breiten An Ostküsten von Kontinenten dehnen sich Isothermen, die warmes Wasser anzeigen, polwärts aus. Grund: Transport von warmem Wasser aus subtropischen Regionen in Oberflächenströmungen in Richtung hohe Breiten, z. B. Golfstrom


Iswolski [AW 181]
alte polnische Adelsfamilie, aus der Diplomaten stammen.
Alexander Petrow I., (1856 - 1919), russischer Diplomat und Außenminister. 1910 Rücktritt, bis 1917 Botschafter in Paris, wo er entschieden Bündnis der späteren Alliierten des 1. WK gegen das Deutsche Reich verteidigt. Im Exil in Frankreich verbleibend, gehört er zu den Unterstützern einer Militärintervention gegen Sowjetrussland.


Ithaca Falls [AW 157]
Wasserfall in Ithaca, US-Staat New York, nahe des Cornell University Campus und der Stadt Ithaca, der letzte einer Reihe von Wasserfällen im Fall Creek in der Gletschermulde des Cayuga Lake entstanden beim Einfrieren und Auftauen der schwachen Schiefer die die Schluchtwände bilden







It is the evening of the day [AW 178]
Das Lied "As Tears Go By" vom Rolling Stones Frontmann Mick Jagger, dem Gitarristen Keith Richarts und ihrem Manager Andrew Loog Oldham, ein populärer Hit (Marianne Faithfull 1964, Rolling Stones 1965)
1.
It is the evening of the day
I sit and watch the children play
Smiling faces I can see but not for me
I sit and watch as tears go by
2.
My riches can't buy ev'rything
I want to hear the children sing
All I hear is the sound of rain falling on the ground
I sit and watch as tears go by
3.
It is the evening of the day
I sit and watch the children play
Doing things I used to do, they think are new
I sit and watch as tears go by
vgl. Musik
zum Video


Ives, Charlotte [RS 7, 297ff]
1780 - 1852 Tochter von John Clement Ives, siehe unten, verheiratet mit Konteradmiral Samuel Sutton , zwei Söhne: Samuel Ives *1807 siehe , John *1810


Ives, John Clement [RS 297ff]
1744-1812. Referend von Bungay, vor seiner Heirat Missionar in Amerika. Für die Nachbargmeinde St. Margaret at Ilketshall ab 1794 Pfarrherr. Hellenist und Mathematiker, den Chateaubriand häufig besucht und der glaubt, er werde seine Tochter Charlotte heiraten.


Ixion [CS 147]
König der Lapither, Figur der griechischen Mythologie, die erstmals einen Mord an einem Verwandten begeht
Zur Strafe für die missbrauchte Gastfreundschaft des Zeus wird Ixion dazu verurteilt, an ein Feuerrad gebunden und an den Himmel versetzt in ewiger Umdrehung zu wiederholen: „Du sollst dem Wohltäter mit Dank vergelten.“



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AUS: Austerlitz
AW: Die Ausgewanderten
BU: Beschreibung des Unglücks
CS: Campo Santo
LL: Logis in einem Landhaus
LK: Luftkrieg und Literatur
LW: Über das Land und das Wasser
NN: Nach der Natur
RS: Die Ringe des Saturn
SG: Schwindel.Gefühle
UH: Unheimliche Heimat