Hydra: Leonard Cohen

Leonard Cohen kannst du nur verstehen, wenn du Hydra kennst.

Hier nimmt er Drogen, vergnügt sich in der Taverne, schreibt unsterbliche Songs, entdeckt die Liebe. Der junge Dichter sitzt an dieser göttlichen Kraftquelle, die sein Leben verändern wird, und blättert in dem Buch des Schriftstellers Henry Miller, der die Faszination der Insel Hydra in Worte fasst: "Dieser Fels lebt, ist eine göttliche Kraftquelle, die in Zeit und Raum schwebt und eine lange oder kurze Fermate der endlosen Schöpfungsmelodie bildet. Hydra war in dieser Melodie von einem großen Komponisten als Ruhepunkt geschaffen worden. Es ist einer jener göttlichen Ruhepunkte, die es dem Musiker, wenn er die Melodie wieder aufnimmt, ermöglichen, eine völlig andere Richtung einzuschlagen."



Als Leonard Cohen auf Hydra ankommt, leuchtet ihm das Kalkweiß der Kapitänshäuser entgegen vor dem grauen, hohen kahlen Fels. Das ägäische Licht kennt keinen Weichzeichner, es lässt alle Kanten scharf hervortreten. Cohen, der die Dunkelheit in seiner Seele spürt, verliebt sich in dieses Licht, und bald auch in die junge Norwegerin Marianne, die ihm auf der griechischen Insel zur Gefährtin wird. "Die schönste Frau, die ich jemals sah."

Mit ihr und Freunden aus der Künstlerkolonie, die Hydra in den Sechzigerjahren für sich entdecken, trifft er sich bei "Katsikas", einem Kafenio am Hafen, das heute "Roloi" heißt, beschützt vom Uhrturm An seine Mutter schreibt der Kanadier, noch kein Sänger, aber schon Dichter, wie sehr er die "musical voices" der Händler und der Esel schätze.



Heute ist Hydra nur noch im Winter, wenn feuchte Kälte in die Steinhäuser einzieht, Zuflucht für Einsamkeitssucher. Im Sommer liegen hier die Yachten reicher Athener und die Boote des maritimen Jetsets Rumpf an Rumpf. Die von strengstem Denkmalschutz bewahrten Häuser der Hydrioten koten eher 1,5 Millionen statt 1.500 Dollar.



Bei seiner Ankunft hat Cohen noch keine Melodien für seine Verse im Kopf, sechs Jahre werden noch bis zu seinem ersten Album vergehen. Gerade hat er den Gedichtband "The Spice Box of Earth" veröffentlicht, er verkauft sich. Von einer kleinen Erbschaft kann er gut auf der Insel leben, für lächerliche 1.500 Dollar hat er ein weißes Häuschen gekauft.
Und wäre er nicht in einer Bank im verregneten London einem tief gebräunten Mann begegnet, der ihm erzählt, dass er in Griechenland gewesen sei, wer weiß, ob sich Cohen dann ohne zu zögern ein Flugticket gekauft hätte, um eine neue Richtung einzuschlagen, von der er damals gar nicht wusste, wohin sie führen wird. Hydra verspricht ihm Ruhe, Einsamkeit und Konzentration. Dabei helfen ihm auch die Drogen: "Ich habe einen Trip nach dem anderen genommen, saß auf der Terrasse in Griechenland und wartete darauf, Gott zu sehen. Fast immer hatte ich aber nur einen schlimmen Kater."
Den Nachdurst löscht er in seiner Lieblingstaverna "Douskos".









Als irgendwann der Müllmann bei ihm in der Küche sitzt und mit dem Kanadier Cohen im gebrochenen Englisch plaudert, weiß der, dass man den Fremden mit seinen Notizbüchlein akzeptiert hat.



Als Marianne stirbt, schreibt er ihr, selbst 82jährig schon seinen nahen Tod erwartend: "Du kannst einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst meine erreichen. Aber jetzt wünsche ich dir eine gute Reise. Goodbye, meine liebe Freundin. In unendlicher Liebe, ich sehe dich ganz bald."
Auf Hydra, wohin er sich immer wieder zeit seines Lebens begibt, nachdem er die Insel 1967 für länger verlässt, darf er sich als junger Mann noch im Winter vor dem Spiegel beobachten und feststellen, "wie die Bräune aus meinem Gesicht verflog".

Und wer weiß. Vielleicht ertönt in der Taverna "Douskos" dieser Tage ein Song seines letzten Albums, bevor der Wirt das Licht ausmacht: „I’m leaving the table. I’m out of the game.“ Oder "Hallelujah" oder "Suzanne"“ oder "So long Marianne".

Die Norwegerin Marianne Ihlen (1935 - 2016) lebt in den 1950er und 1960er Jahren mit verschiedenen Künstlern zusammen, wird u. a. die Muse Leonard Cohens.



Tassos dreht seinen Stock.Er hat die meiste Zeit seines Lebens im Kafenion am Hafen verbracht. Zuerst hinter dem Tresen, im Alter als Gast. Jeden Tag um vier nimmt er seinen Platz auf der Terrasse ein, neben den Stufen, die ins Dorf hinaufführen. Auf der anderen Wegseite war früher der Laden von Katzikas. An den zwei Tischen, die bei ihm vor der Tür standen, trifft sich in den Sechzigern eine Clique junger Maler und Schriftsteller aus dem Ausland.
"Wenn sie nicht bei mir saßen, dann saßen sie drüben bei Katzikas", sagt Tassos.
Sie sind auf den Spuren Henry Millers, der den "kahlen Felsen" in seinem Griechenlandbuch von 1941 erwähnt. Darin lobt er die kubistisch verschachtelten Häuser des Städtchens als Inbegriff einer fehlerfreien Anarchie. Leonard Cohen kommt 1961 nach Hydra, im selben Jahr wie Tassos. Er schreibt, seine Texte seien immer dort entstanden, wo alles ganz einfach und wo viel Raum zwischen den einzelnen Erlebnissen ist. Mit anderen Worten: Auf dem Land oder am Meer.
Cohen kehrt immer wieder in sein Haus auf der Insel zurück. Andere sind niemals fortgegangen. Sie sitzen heute noch bei Tassos.

Dimitris Gassoumis kommt jeden Morgen um elf, um die International Herald Tribune zu lesen. Tassos und Dimitris kennen sich fast fünfzig Jahre. Gassoumis’ Mutter stammt von Hydra, der Vater aus Kalifornien, wo Dimitris Kunst studiert hat. "Aber damit ließ sich kein Geld verdienen. Also sagte mein Vater: Fahrt nach Hydra, da ist das Leben billig, da kannst du malen." Heute hat Gassoumis ein wunderbares Haus mit steinernen Arkaden und hölzernen Decken, aus den Ritzen zwischen den Steinen rieselt leise der Sand. Gassoumis ist einer der letzten aus der Künstler-Clique, der große alte Mann.

Tassos ist 1961 in einem Fischerboot vom Peloponnes nach Hydra gekommen, um im Lokal seines Onkels als Kellner zu arbeiten. Die 300 Schafe des Vaters hatten nicht mehr gereicht, um ihn und seine fünf Geschwister zu ernähren. "Wir liefen barfuß hinter den Viechern her", sagt er. Später war Tassos der Wirt des Kafenions am Hafen.



Begonnen hat alles mit dem Film "Der Knabe auf dem Delphin". Er macht die Insel 1957 berühmt, alle Welt sprach von dem kleinen Hauptort, der sich wie ein Amphitheater über der schmalen Hafeneinfahrt erhebt.

Pantelis Lembetis - auch er trinkt seinen Kaffee noch bei Tassos. Pantelis ist der heimliche Hafenmeister von Hydra. Mit seinem langen Bart und den langen Haaren unter der Kappe erinnert er an die Piraten. In den schlechten Tagen der Insel lief er, zur Tatenlosigkeit verdammt, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen am Kai auf und ab. Doch als sich Ende der Sechziger die Jachten vor dem kleinen Hafen zu stauen begannen, war es Pantelis mit seinem winzigen roten Ruderboot, der für sie immer noch einen Anlegeplatz fand.

Wenn Pantelis keine Boote in die Nischen des Hafenbeckens lotste, dann saß er mit den jungen Leuten vor dem Laden von Katzikas. "Wenn die Stimmung gut war, dann holte Leonardo seine Gitarre heraus und spielte uns was vor. Ich dachte immer: Mein Gott, der lernt das nie! Aber da hab ich mich wohl geirrt." Jetzt hängt eine Fotografie des kanadischen Liedermachers nebenan in der Piratis-Bar mit der hölzernen Figur eines wilden Piraten und einem Wandgemälde von Dimitris Gassoumis, das die heldenhaften Hydrioten im Kampf zeigt.
Weiter oben, hinter dem Hügel, im Laden von Maria, wo die Häuser noch ein bisschen enger zusammenrücken und noch mehr Kringel kleiner Katzen in schattigen Schlupfwinkeln liegen, schimpft man über den Denkmalschutz.


"Wir dürfen nicht einmal ein Fenster auswechseln, ohne seitenweise Anträge zu stellen! Alles muss bleiben, wie es war. Und wer lohnt es uns? Niemand. Nicht einmal Leonardo kam zum Einkaufen." Obwohl sein Haus gleich um die Ecke liegt. "Die waren immer unten bei Katzikas."
Katzikas hatte alles, was ein Mensch zum Leben braucht: Brot, Konserven, Seife, Geschirr, getrocknete Bohnen, Petroleum. "Was immer man kaufte in diesem Laden, es roch nach Petroleum", erinnert sich Dimitris Gassoumis. Kanisterweise schleppten es die Bewohner der Insel zu ihren Häusern, um ihre Lampen damit zu füllen. Als 1962 Strommasten vor Cohens Haus errichtet wurden, fürchtete der Dichter um jene Einfachheit, die ihn so inspirierte. Doch als er sieht, wie sich Vögel auf die Drähte setzten und zu zwitschern begannen, stimmt auch er ein Lied an: Bird On A Wire, es wurde weltberühmt.



Doch nicht nur die Stille und der griechische Wein berauschen die Künstler, auch die Frauen spielen Hauptrollen im Amphitheater von Hydra. Schöne Frauen. »Die schönsten Frauen der Welt waren hier, die Callas, Greta Garbo…« Tassos sitzt auf seinem Stuhl und dreht seinen Stock. »Eines Tages kam wieder so eine sehr, sehr schöne Frau.« Es ist die Frau des Schriftstellers Axel Jensen. Sie versucht, sich in den vollgestopften Regalen von Katzikas Laden zurechtzufinden. Irgendwann steht einer der Jungs hinter ihr, die Gitarre in der Hand, und sagt: »Wir sitzen draußen. Setz dich doch zu uns.« Das ist der Anfang einer langen Liebesgeschichte. Axel kehrt mit einer anderen Frau nach Norwegen zurück, die Frau aus dem Laden aber bleibt bei dem jungen Sänger, bis für ihn die Zeit kommt, ein neues Lied anzustimmen: »Come over to the window, my little darling. I’d like to try to read your palm…« Es heißt So Long Marianne und ist eines der schönsten Abschiedslieder, die die Welt je gehört hat.



"Er war so ein netter Junge!", sagt Dora Mores. Sie sitzt im Schatten eines Baumes vor dem Haus mit den Terrassen ihrer hängenden Gärten, die außerhalb des Städtchens bis ans Ufer reichen. Am Horizont geht gerade die Sonne unter. "Sie haben sich immer gut benommen. Sonst hätte Charalampos sie auch rausgeschmissen."
Aber die Welt der Seichten und Schönen, die in den Sechzigern die Insel in die Gazetten aller Welt schleuderte, ist nicht die Welt der Maler und Schriftsteller. Die sitzen an wackligen Tischen mit Sardellen und Feta, »und immer stand eine Gallone mit Demestica unterm Tisch!«, sagt Pantelis grinsend. "Das Leben war so einfach. Mit jedem Ouzo, den wir bestellten, brachte Katzikas einen Teller kleiner Fische", erzählt Valerie. "Und wenn wir nicht zahlen konnten, dann schrieben wir an. Manchmal vergingen Jahre, bis die Schulden beglichen wurden."
"Auch Leonard hat mal ein Bild gekauft", erinnert sich Dimitris Gassoumis.



Von Anthony Kingsmill. "Die beiden waren gute Freunde, und Anthony war ein ziemlich begabter Maler. Ein bisschen langsam vielleicht." Einmal hatten sie ihre Staffelei nebeneinander aufgestellt, und als Dimitris nach einigen Stunden fertig war, hatte Anthony noch keinen Strich getan. "Leonard jedenfalls hatte ihm ein Bild abgekauft, und als er dann einmal längere Zeit weg war und Anthony wieder Geld brauchte, hat er das Bild einfach ein zweites Mal verkauft. Eines Tages sitzen wir in einer Taverne, da kommt Leonard rein. Anthony neben mir wurde immer kleiner, rutschte fast unter den Tisch, aber ich habe ihn wieder hochgezogen, bis er aufgestanden ist und gesagt hat: Du, Leonard, ich bin bei dir eingebrochen und hab dein Bild noch mal verkauft! Leonard fing an zu lachen, er stand einfach da und lachte und lachte."

"Leonardo hing an Hydra", sagt Tassos. Auch als seine Musik weltbekannt war, zeiht es ihn noch oft auf die Insel: "Ich weiß nicht, was es ist, aber dieses Licht und mein Schreibtisch und die Küche… - es inspiriert mich jedes Mal." Auch Marianne kommt immer wieder. Und Suzanne. Suzanne, von der die Hydrioten glauben, es sei jene Suzanne, die Leonard Cohen in seinem berühmtesten Lied besingt. Er hat sich gegen solche Vereindeutigungen stets gewehrt. Er sagt, es hätte "auch ein ganz anderer Name über dem Lied stehen können". Doch manchmal sieht man im goldenen Abendlicht unten am Hafen eine schöne Frau mit langem Haar, die zum Einkaufen herunterkommt. "Eine wunderschöne, wirklich wunderschöne Frau", sagt Tassos. »Ein bisschen melancholisch sieht sie manchmal aus", sagt Dimitris. Sie läuft die kurze Promenade entlang, die stolzeste Frau des Hafens, and the sun pours down like honey on our lady of the harbour… Auch sie kommt immer wieder her. Als wäre das die Heimat. Suzanne…

So long, Marianne
Komm her zum Fenster, mein kleiner Liebling,
Ich würde gerne versuchen, aus deiner Hand zu lesen.
Gewöhnlich dachte ich, ich sei eine Art Zigeunerjunge,
Bevor ich es zuließ, dass du mich mit nach Hause nimmst.
Nun, mach´s gut Marianne, es ist Zeit, dass wir wieder beginnen,
Über all das zu lachen und zu weinen und zu weinen und zu lachen.
Nun, du weißt, dass ich es liebe, mit dir zu leben,
Doch lässt du mich so viel vergessen.
Ich vergesse, für die Engel zu beten
Und dann vergessen die Engel, für uns zu beten.
Nun, mach´s gut Marianne, es ist Zeit, dass wir wieder beginnen,
Über all das zu lachen und zu weinen und zu weinen und zu lachen.
Wir trafen uns, als wir nahezu noch jung waren,
tief im grünen Flieder-Park.
Du hieltest mich fest, als sei ich ein Kruzifix,
Als wir uns auf Knieen durch die Dunkelheit bewegten.
Nun, mach´s gut Marianne, es ist Zeit, dass wir wieder beginnen,
Über all das zu lachen und zu weinen und zu weinen und zu lachen.
Deine Briefe, sie sagen alle, dass du nun bei mir bist.
Aber, warum fühle ich mich dann allein?
Ich stehe auf einem Felsvorsprung und deine feinen Spinnfäden
heften meinen Knöchel an einen Stein.
Nun, mach´s gut Marianne, es ist Zeit, dass wir wieder beginnen,
Über all das zu lachen und zu weinen und zu weinen und zu lachen.
Denn nun brauche ich deine verborgene Liebe.
Ich bin so kalt wie eine neue Rasierklinge.
Du gingst, als ich dir sagte, ich sei neugierig,
Ich sagte niemals, dass ich tapfer bin.
Nun, mach´s gut Marianne, es ist Zeit, dass wir wieder beginnen,
Über all das zu lachen und zu weinen und zu weinen und zu lachen.
Oh, du bist wirklich so eine hübsche.
Ich sehe, du bist gegangen und hast wieder deinen Namen geändert.
Und das, als ich gerade diesen ganzen Berghang erstiegen hatte,
Um meine Augen im Regen auszuwaschen!
Nun, mach´s gut Marianne, es ist Zeit, dass wir wieder beginnen,
Über all das zu lachen und zu weinen und zu weinen und zu lachen.