Austerlitz (1939 - ?)

(Austerlitz S. 10ff.)

Und so, sagte Austerlitz, habe ich, kaum daß ich angekommen war in Prag, den Ort meiner ersten Kindheit wiedergefunden, von dem, soweit ich zurückdenken konnte, jede Spur in meinem Gedächtnis ausgelöscht war. Schon beim Herumgehen in dem Gewinkel der Gassen, durch Häuser und Höfe zwischen der Vlašská und der Nerudova, und vollends wie ich, Schritt für Schritt bergan steigend, die unebenen Pflastersteine der Šporkova unter meinen Füßen spürte, war es mir, als sei ich auf diesen Wegen schon einmal gegangen, als eröffnete sich mir, nicht durch die Anstrengung des Nachdenkens, sondern durch meine so lange betäubt gewesenen und jetzt wiedererwachenden Sinne, die Erinnerung.
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Und dann die Kühle beim Betreten des Vorhauses in der Šporkova Nr 12, der gleich neben dem Eingang in die Mauer eingelassene Blechkasten für das Elektrische mit dem Symbol des herabfahrenden Blitzes, die achtblättrige Mosaikblume, tauben-

grau und schneeweiß, in dem gesprenkelten Kunststeinboden des Entrees, der feuchte Kalkgeruch, die sanft ansteigende Stiege, die haselnußförmigen Eisen-

knöpfe in bestimmten Abständen auf dem Handlauf des Geländers - lauter Buchstaben und Zeichen aus dem Setzkasten der vergessenen Dinge, dachte ich mir und kam darüber in eine so glückhafte und zugleich angstvolle Verwirrung der Gefühle, daß ich auf den Stufen des stillen Treppenhauses mehr als einmal mich niedersetzen und mit dem Kopf gegen die Wand lehnen mußte.






Maximilian Aychenwald, der aus St. Petersburg stammte, wo sein Vater bis zum Revolutionsjahr einen Gewürzhandel betrieben hatte, sei in der tschechoslowakischen sozialdemokratischen Partei einer der aktivsten Funktionäre gewesen, sagte Věra, und habe meine um fünfzehn Jahre jüngere Mutter, die damals am Beginn ihrer schauspielerischen Laufbahn gestanden und in verschiedenen Städten der Provinz aufgetreten sei, in Nikolsburg kennengelernt, auf einer der zahlreichen Reisen, die er als Redner auf öffentlichen Veranstaltungen und Betriebsversammlungen unternahm. Im Mai 1933, kaum daß ich hier in der Šporkova eingezogen war, sagte Věra, haben sie nach der Rückkehr von einem, wie sie nicht müde wurden zu wiederholen, von den schönsten Erlebnissen erfüllten Aufenthalt in Paris in diesem Haus gemeinsam Wohnung genommen, trotzdem sie weiterhin unverheiratet blieben. Agáta und Maximilian, sagte Věra, hätten beide eine besondere Vorliebe für alles Französische gehabt. Maximilian sei von Grund auf Republikaner gewesen und habe davon geträumt, die Tschechoslowakei inmitten der überall in Europa unaufhaltsam sich ausbreitenden faschistischen Flut als eine Art von zweiter Schweiz zu einer Insel der Freiheit zu machen; Agáta ihrerseits habe von der besseren Welt eine eher kunterbunte, von dem von ihr über alles bewunderten Jacques Offenbach inspirierte Vorstellung gehabt, aus welchem Grund ich im übrigen auch, sagte Věra, zu meinem sonst unter den Tschechen nicht gebräuchlichen Vornamen gekommen sei. Es war das Interesse an der französischen Zivilisation in all ihren Ausdrucksformen, das ich als passionierte Romanistin mit Agáta ebenso wie mit Maximilian teilte, aus dem gleich nach unserem ersten Gespräch am Tag ihres Einzugs die Freundschaft zwischen uns zu erwachsen begann, und aus dieser Freundschaft ergab es sich dann sozusagen naturgemäß, so sagte Věra zu mir, sagte Austerlitz, daß sie, Věra, die im Gegensatz zu Agáta und Maximilian weitgehend frei über ihre Zeit verfügen konnte, sich nach meiner Geburt erboten habe, für die paar Jahre bis zu meinem Eintreten in die Vorschule die Aufgaben eines Kinderfräuleins zu übernehmen, eine Offerte, sagte Věra, die sie nicht ein einziges Mal später gereut habe, denn bereits ehe ich selber habe sprechen können, sei es ihr immer gewesen, als verstünde sie niemand besser als ich, und schon im Alter von nicht einmal ganz drei Jahren hätte ich sie mit meiner Konversationskunst auf das angenehmste unterhalten.





Agáta ihrerseits war nicht bereit, vor Maximilian, trotzdem er es ihr wiederholt geraten hatte, nach Frankreich zu gehen, und so kam es, daß dein damals aufs äußerste gefährdeter Vater, sagte Věra zu mir, sagte Austerlitz, erst am Nachmittag des 14. März, als es schon beinahe zu spät war, von Ruzyně aus allein nach Paris geflogen ist. Ich weiß noch, sagte Věra, daß er, als er sich verabschiedete, einen wunderbaren pflaumenfarbenen Zweireiher trug und einen weitkrempigen schwarzen Filzhut mit grünem Band. Am folgenden Morgen, der Tag war kaum angebrochen, sind dann tatsächlich die Deutschen in Prag eingezogen, mitten in einem dichten Schneegestöber, das sie gewissermaßen aus dem Nichts hervorzubringen schien, und als sie über die Brücke kamen und die Panzerwagen die Narodní hinaufrollten, hat sich ein tiefes Schweigen ausgebreitet über die ganze Stadt. Die Menschen haben sich abgewandt, sind langsamer, wie im Schlaf gegangen von dieser Stunde an, als wüßten sie nicht mehr, wohin. Besonders verstört hat uns, so sagte Austerlitz, bemerkte Věra, die unverzügliche Umstellung auf den Rechtsverkehr.





Durch die von Tag zu Tag länger werdende Liste der Einschränkungen - ich höre Věra, noch sagen, sagte Austerlitz, daß es bald verboten war, auf den parkseitigen Trottoirs zu gehen, eine Wäscherei oder einen Reinigungsbetrieb zu betreten oder ein öffentliches Telephon zu benutzen - wurde Agáta bald bis an den Rand der Verzweiflung gebracht. Ich sehe sie jetzt wieder hier im Zimmer auf und ab gehen, sagte Věra, sehe, wie sie sich an die Stirne schlägt mit der gespreizten Hand und, die Silben einzeln skandierend, ausruft: Ich be grei fe es nicht! Ich be grei fe es nicht! Ich wer de es nie mals be grei fen! Trotzdem ist sie, so oft es nur möglich war, in die Stadt gegangen und hat vorgesprochen bei ich weiß nicht was für und wie vielen Stellen, hat stundenlang in dem einzigen, den vierzigtausend Prager Juden zugänglichen Postamt gestanden, um ein Telegramm aufzugeben; hat Erkundigungen eingezogen, Beziehungen angeknüpft, Gelder hinterlegt, Bestätigungen und Garantien beigebracht und, wenn sie wieder zurück war, sich den Kopf zermartert bis spät in die Nacht. Aber je länger und je mehr sie sich mühte, desto mehr schwand auch die Hoffnung dahin, daß sie die Ausreisegenehmigung erlangen würde, und so entschloß sie sich zuletzt, im Sommer, als man schon reden hörte von dem bevorstehenden Krieg und von der mit seinem Ausbruch zweifellos eintretenden Verschärfung der Restriktionen, zumindest mich, wie Věra mir sagte, sagte Austerlitz, nach England zu schicken, nachdem es ihr durch die Vermittlung eines ihrer Theaterfreunde gelungen war, meinen Namen für einen der wenigen in jenen Monaten von nach London gehenden Kindertransporte einschreiben zu lassen. Věra erinnerte sich, sagte Austerlitz, daß die freudige Erregung, die Agáta über diesen ersten Erfolg ihrer Bemühungen verspürte, verdunkelt wurde von Besorgnis und Kummer, wenn sie sich vor Augen führte, wie es mir, einem noch nicht einmal fünfjährigen, immer gut behütet gewesenen Knaben zumute sein würde auf der langen Eisenbahnfahrt und dann unter fremden Leuten in einem fremden Land. Andererseits, sagte Věra, sprach Agáta davon, daß sich jetzt, wo der erste Schritt getan war, gewiß auch für sie bald ein Ausweg eröffnen werde und daß ihr dann alle miteinander leben könntet in Paris. So war sie hin und her gerissen zwischen ihrem Wunschdenken und der Angst, etwas Unverantwortbares und Unverzeihliches zu tun, und wer weiß, sagte Věra zu mir, ob sie dich nicht bei sich behalten hätte, wenn auch nur ein paar Tage mehr uns geblieben wären bis zu deiner Abreise aus Prag. Es ist nur noch ein undeutliches, gewissermaßen verwischtes Bild in mir von jener Stunde des Abschieds auf dem Wilson-Bahnhof, sagte Věra und setzte nach einigem Nachsinnen hinzu, ich hätte meine Sachen in einem ledernen Köfferchen gehabt und in einem Rucksack etwas Proviant - un petit sac á dos avec quelques viatiques, sagte Austerlitz, das seien die genauen, sein ganzes späteres Leben, wie er inzwischen denke, zusammenfassenden Worte Věras gewesen. Věra erinnerte sich auch an das zwölfjährige Mädchen mit dem Bandoneon, dem sie mich anvertraut hatten, an ein im letzten Augenblick gekauftes Chaplinheftchen, an das Flattern, gleich dem einer auffliegenden Taubenschar, der weißen Taschentücher, mit denen die zurückbleibenden Eltern ihren Kindern nachwinkten, und an den seltsamen Eindruck, den sie gehabt habe, daß der Zug, nachdem er unendlich langsam angerückt war, nicht eigentlich weggefahren, sondern bloß, in einer Art Täuschungsmanöver, ein Stück aus der überglasten Halle hinausgerollt und dort, noch nicht einmal in halber Ferne, versunken sei.





Es war still in dem Antiquariat, nur aus dem kleinen Radio, das Penelope wie immer neben sich hatte, drangen leise Stimmen, und diese zunächst kaum vernehmlichen, bald aber für mich geradezu überdeutlich werdenden Stimmen zogen mich derart in ihren Bann, daß ich ganz die vor mir liegenden Blätter vergaß und so reglos verharrte, als dürfte mir nicht eine einzige der aus dem etwas scharrenden Gerät kommenden Silben entgehen. Was ich hörte, das waren die Stimmen von zwei Frauen, die miteinander darüber sprachen, wie sie im Sommer 1939 als Kinder mit einem Sondertransport nach England geschickt worden waren. Sie erwähnten eine ganze Reihe von Städten - Wien, München, Danzig, Bratislava, Berlin -, aber erst als eine der beiden darauf zu sprechen kam, daß ihr Transport, nach einer zwei Tage lang dauernden Reise quer durch das Deutsche Reich und durch Holland, wo sie vom Zug aus die großen Flügel der Windmühlen gesehen habe, schließlich mit dem Fährschiff PRAGUE von Hoek aus über die Nordsee nach Harwich gegangen sei, wußte ich, jenseits jeden Zweifels, daß diese Erinnerungsbruchstücke auch in mein eigenes Leben gehörten. Die Anschriften und Rufnummern am Ende des Programms mir aufzuschreiben, war ich vor Schrecken über die plötzliche Offenbarung außerstand. Ich sah mich nur warten, an einem Kai, in einer langen Zweierreihe von Kindern, von denen die meisten Rucksäcke trugen oder Tornister. Ich sah wieder die mächtigen Quader zu meinen Füßen, den Glimmer im Stein, das graubraune Wasser im Hafenbecken, die schräg aufwärts laufenden Taue und Ankerketten, den mehr als haushohen Bug des Schiffes, die Möwen, die wild kreischend über unseren Köpfen herumflatterten, die durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen und das rothaarige Mädchen mit dem Schottencape und dem Samtbarett, das sich während der Fahrt durch das dunkle Land um die kleineren Kinder gekümmert hatte in unserem Abteil, dieses Mädchen, von dem ich Jahre später noch, wie ich mich jetzt entsann, wiederholt träumte, daß es für mich in einer von einem bläulichen Nachtlicht erleuchteten Kammer ein lustiges Lied spielte auf einer Art von Bandoneon. Are you allright? - hörte ich auf einmal wie von weit her und brauchte eine Weile, bis ich begriff, wo ich war, und daß Penelope vielleicht meine plötzliche Versteinerung als besorgniserregend empfand. Nur auswärts in Gedanken, entsinne ich mich, ihr erwidert zu haben, in Hoek van Holland, as a matter of fact, worauf Penelope, mit einem leichten Anheben ihres schönen Gesichts, verständnisvoll lächelte, so als müsse auch sie nicht selten sich aufhalten an diesem trostlosen Hafenplatz.





Erinnerungen wie diese waren es, die mich ankamen in dem aufgelassenen Ladies Waiting Room des Bahnhofs von Liverpool Street, Erinnerungen, hinter denen und in denen sich viel weiter noch zurückreichende Dinge verbargen, immer das eine im andern verschachtelt, gerade so wie die labyrinthischen Gewölbe, die ich in dem staubgrauen Licht zu erkennen glaubte, sich fortsetzten in unendlicher Folge. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, sagte Austerlitz, als enthalte der Wartesaal, in dessen Mitte ich wie ein Geblendeter stand, alle Stunden meiner Vergangenheit, all meine von jeher unterdrückten, ausgelöschten Ängste und Wünsche, als sei das schwarzweiße Rautenmuster der Steinplatten zu meinen Füßen das Feld für das Endspiel meines Lebens, als erstrecke es sich über die gesamte Ebene der Zeit.



Vielleicht sah ich darum auch in dem Halbdämmer des Saals zwei im Stil der dreißiger Jahre gekleidete Personen mittleren Alters, eine Frau in einem leichten Gabardinemantel mit einem schief auf ihrer Haarfrisur sitzenden Hut und neben ihr einen hageren Herrn, der einen dunklen Anzug und einen Priesterkragen um den Hals trug. Ja, und nicht nur den Priester sah ich und seine Frau, sagte Austerlitz, sondern ich sah auch den Knaben, den abzuholen sie gekommen waren. Er saß für sich allein seitab auf einer Bank. Seine Beine, die in weißen Kniesocken steckten, reichten noch nicht bis an den Boden, und wäre das Rucksäckchen, das er auf seinem Schoß umfangen hielt, nicht gewesen, ich glaube, sagte Austerlitz, ich hätte ihn nicht erkannt. So aber erkannte ich ihn, des Rucksäckchens wegen, und erinnerte mich zum erstenmal, soweit ich zurückdenken konnte, an mich selber in dem Augenblick, in dem ich begriff, daß es in diesem Wartesaal gewesen sein mußte, daß ich in England angelangt war vor mehr als einem halben Jahrhundert. Den Zustand, in den ich darüber geriet, sagte Austerlitz, weiß ich, wie so vieles, nicht genau zu beschreiben; es war ein Reißen, das ich in mir verspürte, und Scham und Kummer, oder ganz etwas anderes, worüber man nicht reden kann, weil dafür die Worte fehlen, so wie mir die Worte damals gefehlt haben, als die zwei fremden Leute auf mich zutraten, deren Sprache ich nicht verstand. Ich entsinne mich nur, daß mir, indem ich den Knaben auf der Bank sitzen sah, durch eine dumpfe Benommenheit hindurch die Zerstörung bewußt wurde, die das Verlassensein in mir angerichtet hatte im Verlauf der vielen vergangenen Jahre, und daß mich eine furchtbare Müdigkeit überkam bei dem Gedanken, nie wirklich am Leben gewesen zu sein oder jetzt erst geboren zu werden, gewissermaßen am Vortag meines Todes. Über die Gründe, die den Prediger Elias und seine blasse Ehefrau im Sommer 1939 bewogen haben mögen, mich bei sich aufzunehmen, kann ich nur mutmaßen, sagte Austerlitz.
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Auch kann ich nicht mehr sagen, was mit mir selber in der ersten Zeit in Bala unter der Obhut des Ehepaars Elias geschah. An neue Kleider, die mich sehr unglücklich machten, erinnere ich mich, auch an das unerklärliche Verschwinden des grünen Rucksäckchens, und letzthin bildete ich mir sogar ein, ich erahnte noch etwas vom Absterben der Muttersprache, von ihrem von Monat zu Monat leiser werdenden Rumoren, von dem ich denke, daß es eine Zeitlang zumindest noch in mir gewesen ist wie eine Art Scharren oder Pochen von etwas Eingesperrtem, das immer, wenn man auf es achthaben will, vor Schrecken stillhält und schweigt.





Ich bin aufgewachsen, so begann Austerlitz an jenem Abend in der Bar des Great Eastern Hotel, in dem Landstädtchen Bala in Wales, im Hause eines calvinistischen Predigers und ehemaligen Missionars, der Emyr Elias hieß und verehelicht war mit einer furchtsamen, aus einer englischen Familie stammenden Frau. Es ist mir immer unmöglich gewesen, zurückzudenken an dieses unglückliche Haus, das für sich allein etwas außerhalb des Orts auf einer Anhöhe stand und viel zu groß war für zwei Leute und ein einzelnes Kind. Im oberen Stock gab es mehrere Zimmer, die abgesperrt waren jahraus und jahrein. Noch heute träumt es mir manchmal, daß eine der verschlossenen Türen sich auftut und ich über die Schwelle trete in eine freundlichere, weniger fremde Welt. Auch von den nicht abgesperrten Zimmern waren einige außer Gebrauch. Nur spärlich mit einem Bett oder einem Kasten möbliert, die Vorhänge selbst untertags zugezogen, dämmerten sie in einem Halbdunkel dahin, das bald schon jedes Selbstgefühl auslöschte in mir. So ist mir aus meiner frühesten Zeit in Bala fast nichts mehr erinnerlich, außer wie sehr es mich schmerzte, auf einmal mit einem anderen Namen angeredet zu werden, und wie schrecklich es war, nach dem Verschwinden meiner eigenen Sachen, herumgehen zu müssen in diesen kurzen englischen Hosen, mit den ewig herunterrutschenden Kniesocken, einem fischnetzartigen Leibchen und einem mausgrauen, viel zu leichten Hemd. Und ich weiß, daß ich in meiner schmalen Bettstatt in dem Predigerhaus oft stundenlang wachgelegen bin, weil ich versuchte, die Gesichter derjenigen mir vorzustellen, die ich, so fürchtete ich, verlassen hatte aus eigener Schuld; aber erst wenn die Müdigkeit mich lähmte und in der Finsternis meine Lider sich senkten, sah ich, für einen unfaßbaren Augenblick, die Mutter, wie sie sich herabneigt zu mir, oder den Vater, wie er sich lächelnd gerade den Hut aufsetzt.





Seit meiner Kindheit und Jugend, so hob er schließlich an, indem er wieder herblickte zu mir, habe ich nicht gewußt, wer ich in Wahrheit bin. Von meinem heutigen Standpunkt aus sehe ich natürlich, daß allein mein Name und die Tatsache, daß mir dieser Name bis in mein fünfzehntes Jahr vorenthalten geblieben war, mich auf die Spur meiner Herkunft hätten bringen müssen, doch ist mir in der letztvergangenen Zeit auch klargeworden, weshalb eine meiner Denkfähigkeit vor- oder übergeordnete und offenbar irgendwo in meinem Gehirn mit der größten Umsicht waltende Instanz mich immer vor meinem eigenen Geheimnis bewahrt und systematisch davon abgehalten hat, die naheliegendsten Schlüsse zu ziehen und die diesen Schlüssen entsprechenden Nachforschungen anzustellen.





Mehr als ein Jahr nach dem Besuch in der Anstalt in Denbigh, zu Beginn des Sommertrimesters 1949, als wir gerade mitten in den Vorbereitungen auf die unseren weiteren Weg entscheidenden Prüfungen standen, so nahm Austerlitz nach einer gewissen Zeit seine Erzählung wieder auf, ließ mich der Schuldirektor Penrith- Smith eines Morgens zu sich rufen. Ich sehe ihn jetzt vor mir in seinem ausgefransten Talar, wie er, um wölkt vom blauen Qualm seiner Tabakspfeife, in dem durch das Gitterwerk der bleiverglasten Fenster schräg hereinfallenden Sonnenlicht stand und in der für ihn bezeichnenden wirren Art mehrmals, vorwärts und rückwärts, wiederholte, ich hätte mich vorbildlich gehalten, unter den Umständen, ganz vorbildlich, in Anbetracht der Geschehnisse in den vergangenen zwei Jahren, und wenn ich in den nächsten Wochen die von meinen Lehrern zweifellos zurecht in mich gesetzten Hoffnungen erfüllte, so stünde mir für die Absolvierung der Oberstufe ein Stipendium der Stower Grange Trustees zur Verfügung. Vorderhand allerdings sei er verpflichtet, mir zu eröffnen, daß ich auf meine Examenspapiere nicht Dafydd Elias, sondern Jacques Austerlitz schreiben müsse. It appears, sagte Penrith-Smith, that this is your real name. Meine Zieheltern, mit denen er bei meinem Schuleintritt des längeren gesprochen habe, hätten die Absicht gehabt, mich rechtzeitig vor Beginn der Prüfungen über meine Herkunft aufzuklären und, womöglich, zu adoptieren, aber so wie die Dinge nun liegen, sagte Penrith-Smith, sagte Austerlitz, sei das ja ausgeschlossen, bedauerlicherweise. Er selber wisse nur, daß das Ehepaar Elias in seinem Haus mich aufgenommen habe zu Beginn des Krieges, als ich noch ein kleiner Knabe gewesen sei, und könne mir deshalb nichts Näheres sagen. Sowie der Zustand von Elias sich bessere, werde sich gewiß alles Weitere regeln lassen. As far as the other boys are concerned, you remain Dafydd Elias for the time being. There’s no need to let anyone know. It is just that you will have to put Jacques Austerlitz on your examination papers-or else your work may be considered invalid. Penrith-Smith hatte den Namen auf einen Zettel geschrieben, und als er diesen Zettel mir aushändigte, da wußte ich nichts anderes zu ihm zu sagen als »Thank you, Sir«, sagte Austerlitz.





Hilary war es ja auch, der nach dem Anfang 1994 in der Heilanstalt von Denbigh erfolgten Tod meines Ziehvaters die Auflösung des spärlichen Nachlasses übernahm und anschließend den in Anbetracht der Tatsache, daß Elias jeden Hinweis auf meine Herkunft getilgt hatte, mit nicht wenigen Schwierigkeiten verbundenen Prozeß meiner Einbürgerung in die Wege leitete. Er hat mich zu jener Zeit, zu der ich, wie er selber vor mir, bereits am Oriel College studierte, regelmäßig besucht, und wir haben miteinander, so oft es ging, Exkursionen gemacht zu den verlassenen und verfallenden Landhäusern, die es in den Nachkriegsjahren auch in der Umgegend von Oxford überall gab. So lange ich noch an der Schule war, sagte Austerlitz, hat mir, abgesehen von dem Beistand Hilarys, besonders die Freundschaft mit Gerald Fitzpatrick über die gelegentlich mich bedrückenden Selbstzweifel hinweggeholfen.
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Ich habe Adela nach dem Begräbnistag nie mehr gesehen, aus eigener Schuld, so hob er an, weil ich während meiner ganzen Pariser Zeit kein einziges Mal nach England zurückgekommen bin, und als ich dann, fuhr er fort, nach dem Antritt meiner Londoner Stelle, Gerald, der inzwischen sein Studium absolviert und die Forschungsarbeit aufgenommen hatte, in Cambridge besuchte, war Andromeda Lodge verkauft und Adela mit einem Entomologen namens Willoughby nach North Carolina gegangen. Gerald, der damals in der winzigen Ortschaft Quy, unweit des Flugfelds von Cambridge, ein Cottage gemietet und sich von seinem bei der Auflösung des Besitzes ihm ausbezahlten Erbteil eine Cessna gekauft hatte, kam in allen unseren Gesprächen, gleich worum sie sich drehten, immer wieder auf seine Flugleidenschaft zurück.

Gerald erzählte mir damals auch von den Ausflügen, die er in seiner Cessna machte über das schneeglänzende Gebirge oder die Vulkangipfel des Puy de Dôme, die schöne Garonne hinab bis nach Bordeaux. Daß er von einem dieser Flüge nicht mehr heimkehrte, das war ihm wohl vorherbestimmt, sagte Austerlitz.



Ich hatte von diesem Sommeraufenthalt, bei dem ich gerade vier Jahre alt war, keinerlei Erinnerung in mir, sagte Austerlitz, und vielleicht ist es deshalb gewesen, daß ich später, Ende August 1972, gerade dort, in Marienbad, mit nichts als blinder Angst vor der besseren Wendung gestanden bin, die sich damals anbahnen wollte in meinem Leben. Ich war von Marie de Verneuil, mit der ich seit meiner Pariser Zeit korrespondierte, eingeladen worden, sie zu begleiten auf einer Reise nach Böhmen, wo sie für ihre baugeschichtlichen Studien zur Entwicklung der europäischen Kurbäder verschiedene Nachforschungen und, wie ich heut glaube sagen zu dürfen, sagte Austerlitz, den Versuch anstellen wollte, mich aus meiner Vereinzelung zu befreien. Sie hatte alles auf das beste in die Wege geleitet. Ihr Vetter, Frédéric Félix, der Attaché war an der Prager französischen Botschaft, hatte uns eine enorme Tatra-Limousine an den Flughafen geschickt, mit der wir dann direkt nach Marienbad chauffiert worden sind.
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Morgen, sagte sie, gleich beim Erwachen, werde ich dir alles Liebe wünschen, und das wird dann so sein, als wünschte ich einer Maschine, deren Mechanismus man nicht kennt, einen guten Gang. Kannst du mir nicht sagen, sagte sie, sagte Austerlitz, was der Grund deiner Unnahbarkeit ist? Warum, sagte sie, bist du, seit wir hierher gekommen sind, wie ein zugefrorener Teich? Warum sehe ich, wie deine Lippen sich öffnen, wie du etwas sagen, vielleicht sogar ausrufen willst, und dann höre ich nichts? Warum hast du bei unserer Ankunft deine Sachen nicht ausgepackt und lebst, sozusagen, immer nur aus dem Rucksack?





Als ich mich kurz vor meiner Abreise aus Paris mit Austerlitz noch einmal zum Morgenkaffee am Boulevard Auguste Blanqui traf, sagte er mir, daß er tags zuvor von einem Mitarbeiter des Dokumentationszentrums in der rue Geoffroy-l'Asnier eine Nachricht erhalten habe, derzufolge Maximilian Aychenwald Ende 1942 in dem Lager Gurs interniert gewesen sei, und daß er, Austerlitz, diesen weit drunten im Süden, in den Vorbergen der Pyrenäen gelegenen Ort nun aufsuchen müsse.
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Es ging auf zwölf Uhr, als wir uns verabschiedeten vor der Métrostation Glacière. Früher, sagte Austerlitz zuletzt, sind hier heraußen große Sümpfe gewesen, auf denen die Leute Schlittschuh liefen im Winter, genau wie vor dem Bishop's Gate in London, und überreichte mir die Schlüssel seines Hauses in der Alderney Street. Ich könne dort, wann immer ich wolle, sagte er, mein Quartier aufschlagen und die schwarzweißen Bilder studieren, die als einziges übrigbleiben würden von seinem Leben.









Film Austerlitz




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