Dario Fo



Ein Volk ohne Gefallen an der Satire ist ein totes Volk! Von Machiavelli bis heute haben die großen Politiker Italiens Satire gemacht. Die großen Maler des 16. Jahrhunderts waren Satiriker. Von Leonardo zum Beispiel gibt es ganz wunderbar ironische Gemälde über die Macht.

Auch in Deutschland spielten die Hofnarren im Aufstand gegen die katholische Kirche eine ungemein wichtige Rolle. Ich wundere mich immer wieder darüber, dass ihr euch nicht an diese höchsten Momente eurer Kultur erinnert. Damals, als ihr die Avantgarde wart bei der Reformation der religiösen Strukturen in Europa, damals wusstet ihr, wie man den Diskurs durch Ironie verändern kann. Keiner wagte es damals, die Narren zu verbannen, weil das Volk sie liebte und von ihnen lernte, wie man ironisiert und sich dadurch zugleich schützt.
Das wichtigste Werk unserer Kultur ist Dantes Göttliche Komödie. Eine Komödie! In Italien entstehen die Commedia dell’Arte, die lazzi (improvisierte Possen), dafür gibt es ja nicht einmal Übersetzungen.


Einer Ihrer Grundsätze lautet: Die Satire darf keine Regeln kennen. Kann es demokratische Politik ohne Regeln geben?

Was soll die Frage? Warum wollt ihr in allem immer etwas Trübsinniges und Ernstes sehen? Das ist diese verdammte kleinbürgerliche Ästhetik, die das Moderate heiligt.
Ihr habt eine falsche Vorstellung von unserer Kultur. Ab und zu, wenn ihr über uns redet, erinnert euch doch daran, dass wir eure Vorbilder waren. Heute ist der Italiener für euch aber nur einer, der Mandoline spielt, Pizza isst und beim Herumschlendern Frauen belästigt.
Ich bin ein Narr, der den Nobelpreis gewonnen hat. Damals gab es auch hier in Italien die ganz Schlauen, die die Nase gerümpft haben. Wer aber den Kern der italienischen Kultur seit dem 16. Jahrhundert so verächtlich abtun will, ist ganz einfach nur ignorant.
Jede Bewegung braucht charismatische Personen. Sehen Sie sich nur in der deutschen Geschichte um, die bevölkert ist von Hunderten solcher Persönlichkeiten, angefangen von den Reformatoren um Martin Luther. Wenn Luther kein Charisma hatte, dann verstehe ich gar nichts mehr! Es kam zu Horrendem wie dem Nationalsozialismus, aber auch zu wundervollen Entwicklungen wie den Bewegungen der Linken. Es gibt immer Einzelne, die die Mühe auf sich nehmen, die Absicht einer Bewegung zu erklären. Oder nehmen Sie die italienische kommunistische Partei: Auch dort hatten wir eine ganze Reihe wahrhaft außergewöhnlicher Männer.
Populismus heißt: mit Mitteln wie der Ironie oder dem Schauspiel eine spielerische Situation herzustellen, in der das Volk über die Tricks der dominierenden Klasse aufgeklärt wird und dabei lernt, wie es sich verteidigen und befreien kann. Populismus ist eine seriöse Angelegenheit. Demagogie bedeutet, Interesse gegenüber einer unterworfenen Klasse vorzutäuschen und ihr mit Aufmerksamkeit zu schmeicheln, um sie besser ausbeuten und an ihre Stimmen kommen zu können. Wir müssen beginnen, die Begriffe klarer zu benutzen. Nur die Gauner wollen glauben machen, dass Populismus bedeute, hinterlistig zu sein.


Geboren 1926, gestorben 2016, erhält der Tausendsassa 1997 den Nobelpreis für Literatur. Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Erzähler, Satiriker, Schauspieler, Politiker ... Er revitalisiert Methoden der Commedia dell’arte und neigt dem Kommunismus zu, seit 1954 mit der Schauspielerin und politischen Aktivistin Franca Rame (1929–2013) verheiratet, der Sohn kommt 1955 zur Welt.

Fos Vater ist Bahnhofsvorsteher, Amateurschauspieler und Sozialist, das Geschichtenerzählen lernt Dario vom Großvater mütterlicherseits, einem Fischer und Glasbläser.
Die Familie ist im antifaschistischen Widerstand aktiv, Dario hilft, Flüchtlinge und Deserteure in die Schweiz zu schmuggeln, ist Mitglied des Bataillons Azzuro der Fallschirmjäger der Repubblica Sociale Italiana.
2006 kandidiert Fo vergeblich bei der Bürgermeisterwahl in Mailand (23,4 %). Er ist prominentes und einflussreiches Mitglied von Beppe Grillos MoVimento 5 Stelle.