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NJ 69
WEGA [18h37m +38°47']
α Lyrae



Aus einem Schildkrötenpanzer (griechisch Chélys) hat Merkur ein Saiteninstrument gebaut und dem Sänger Orpheus geschenkt. Zeus setzt es nach dessen Tod unter die Sterne. Bei den Griechen heißt es Chelys, heute Lyra (Leier) mit seinem Hauptstern Wega, nach Sirius zweithellster Stern am nördlichen Himmel, der aus einer Entfernung von 26 Lichtjahren leuchtet. Lyra ist ein kleines, aber markantes Sternbild des sommerlichen Himmels.
Wega ist der erste Stern, der fotografisch abgebildet wurde (1850).

Seine Reiseberichte sorgen für Aufsehen: erstmals wirft Europa einen Blick hinter die verschleierten Kulissen des Orients, dessen Bild von Legenden, Wasserpfeifen und Harems geprägt ist.

J. Ph. Fallmerayer

Seeleute sind abergläubisch, Segler zumal, sie glauben an das selten allein kommende Unglück:
Wenn einmal etwas anfängt schief zu gehen, nimmt das Gesetz der Kettenreaktion seinen Lauf.

Die Anfahrt auf Karavostásis/Folégandros ist einfach. 23-10 stehen wir davor, das Feuer hat an Backbord zu bleiben.
Greek Pilot: Folégandros mit seinen 800 Bewohnern ist wegen der hohen, steilwandigen Kliffe bemerkenswert.
Das gibt jedem Navigator zu denken. Radar auf Yachten war unbekannt, Segeln im Nichts einer stern- und mondlosen rabenschwarzen Nacht. Der Skipper geht nach vorn zum Bug, die genaue Einfahrt auszumachen: Brandungsgeräusche - Kommando Halse. Das Groß verfängt sich an der Untersaling, reißt ein. Den zweiten und dritten Versuch brechen wir ab, bleiben off-shore, wegen des alten Spruchs, "die meisten Schiffe gehen an Land verloren."

Beim ersten Büchsenlicht legen wir an. Das Leuchtfeuer steht nicht, wie im Hafenplan verzeichnet, auf der Bb-, sondern der Steuerbordseite der Einfahrt, der Plan im Handbuch ist offensichtlich gespiegelt, unser Kurs führte vierkant auf Klippen ...

Perikles: Hafenmeister, Posthalter, Hotelier, Schuster und Schneider wie Segelmacher in einer Person, war unauffindbar. Er sei auf der Jagd, im neuen Weinberg oder bei seinen Oliven. Rückkunft? Alles bedeutendes Schulterzucken. Eines Nachmittags, schallt es von überall her “Peri, Peri“, auf seinem Maultier

reitet gemächlich um die Kurve von der Chora herab. Der Riss im Groß sei reparabel mit der Schusternähmaschine, das Segel abzuschlagen erweist sich als unmöglich. Wir demontieren den Baum, der nun samt Segel unter Anteilnahme der der Bewohner ins Dorf geschafft wird. In die niedrige verwinkelte Werkstatt aber von Perikles ist kein Hineinkommen, zu sperrig der Baum, Peri entscheidet, die Nähmaschine nicht unbeträchtlichen Gewichts der Marke 'Singer', wie mittig auf ihrem vergoldeten Träger in Lettern geschmiedet steht, auf die Dorfstraße zu verfrachten, was die fünf stärksten Dorfbewohner schaffen. In den Gassen herrscht Feststimmung, mehr und mehr Insulaner treffen ein, um dem Schauspiel beizuwohnen:
Peri zwischen den riesigen Bahnen des weißen Segeltuchs, ausgebreitet von einer Schar Helfern, nachgeführt zur Nadel, die der kleine kauernde Schuster in gebückter Haltung konzentriert den Riss mit den Fingern zusammenfügend, mit der Linken das große, silbern glänzende Schwungrad drehend in Auf-und-Ab-Bewegungen versetzt. Die Naht erfolgreich vollendet.

Am Abend in der Taverne, bei griechischem Salat, Hummer, Tsatziki und anderen Köstlichkeiten kommt man auf das Griechenbild der Deutschen und das Bild der Deutschen von Griechenland zu sprechen. Bei solchem Thema taucht sein Name auf, Orientalist mit der kräftigen Sprache.
Die Griechen sind eine lustige Mischkulanz aus slawischer Fruchtbarkeit und der immer vor Wolllust glühenden Schenkel ihrer Weiber.


Fallmerayer

österreichischer Herkunft, der die Geschichte der Halbinsel Peloponnes schreibt und einen russischen General in den Orient begleitet, dem in Griechenland eine Professur angeboten wird, der drei Monate auf dem Berg Athos verbringt, die Erzählung Hagion Oros oder der Heilige Berg Athos veröffentlicht, Abgeordneter der Paulskirche war, eintritt für Religionsfreiheit und Trennung von Kirche und Staat.
Für Aufsehen sorgt seine These, was Ortsnamen, aus slawischen Wörtern abgeleitet, bewiesen:
Einwandernde Slawen und Albanier hätten die Griechen im frühen Mittelalter ausgerottet, Vorfahren der Heutigen seien allein diese Slawen und Albanier. Zur Strafe stempelt ihn Griechenland als schurkischen Panslawisten ab, verdächtigt ihn als russischen Spion.

Dieter, Unternehmer und Erfinder eines gängigen Bausteins, plädiert, es doch mit einer breiten Genanalyse zu versuchen, auf diese Weise sei man auch der blaublütigen Herkunft


Kaspars

auf der Spur. Einigung, für die genetische Herkunft unserer Gastgeber bestehe kein Klärungsbedarf, jedenfalls geringerer als für die Hausers, Bestellung von Psomi, Pistazien und Retsina, den - wie Weinkenner versichern, Arme-Leute-Wein der Hellenen. Hat man sich an den harzigen Geschmack gewöhnt, milchigen Ouzo hinterher gekippt, auf unbequemen Stühlen unter nackter Glühbirne, die vom strohmattengedeckten Vordach hängt, hinausgeschaut aufs weite ägäische Meer, unser Schiff noch weiter tragend in andere gastfreundliche Häfen mit einem anderen Perikles, dann...

Alexis Sorbas, fröhlicher Anarchist, Sirtaki tanzend, den angeblich griechischen Volkstanz...
Melina Merkuri, leichtes Mädchen im Piräus, mit einer weltberühmte Melodie.
Hitler 1942, an Kara Ben Nemsis Trivialgeschichten geschult:
Die Grenze zwischen Asien und Europa liegt dort, wo die orthodoxe Kirche beginnt.
Der Wahlradebeuler Karl May kolportiert von seiner fettigen Villa an der Elbe mit bis in unsere Tage verbreiteten Massenauflagen seiner "Literatur" ein Griechenland-Bild, wo sich in seinen Balkan-Büchern verschlagene, tückische Leute tummeln, schmuddelige, betrügerische Spelunkenwirte, die vor keinem Verbrechen zurückschrecken: alles Griechen.

Aber, trotz allem, Griechenland hat den €, wenn auch ergaunert, hat seine, immerhin älteste Währung der Welt, geopfert. Als wir unser Schiff früh morgens besteigen, leuchtet hell im Zenit Orpheus’s Leier, das Geschenk Merkurs.

Als unser Skipper, sei es der Teufel hat ihn geritten, sei es wegen des genossenen Ouzos, absent seine beim Hafenmeister, bekannten Perikles', zwecks Erhalt eines amtlichen Siegels vorzulegende Crew-Liste mit

J. Ph. Fallmerayer, Historiker von Landeck, zeichnet, wirft der Beamte im Büro des Hafenmeisters einen kurzen Blick auf das Papier, geht ungerührt mit unseren Pässen und der Liste nach hinten zu Perikles. Nach kurzem Getuschel kamen beide zurück. In schlechtem Englisch erläuterte Perikles, dass er wie alle Griechen keinen Namen mehr verabscheue als den dieses angeblichen Historikers, der 1987 in Verona in der Goldenen Taube nochmals, nach Resurrektion, genächtigt haben soll*, und er bereue nunmehr zutiefst, die Naht auf unser Segel gesetzt zu haben, betrachte uns als personae non gratae, wir sollten schleunigst von dannen ziehen. In der Ägäis gäbe es keinen Tropfen albanischen Bluts. Es sei ja richtig, dass heutzutage die Griechen, sollten sie sich denn aufs Wasser wagen,

sich häufig durch und durch ängstlich und seekrank in irgendeinem Winkel der unheimlichen Schiffe zusammendrängten, sämtliche orthodoxen Heiligen um wohlbehaltene Rückkehr anflehend und ihnen dann Opfergaben gelobend, was für einen Nachfahren des Odysseus, Äneas, Jason, Alexander vielleicht unehrenhaft, aber keinesfalls ein Beweis sei für die schmutzige Frage dieses hergelaufenen Österreichers, diese so-called wie er sich wiederholt auszudrücken bemüßigte, graeko-slawische Frage, jedem national gesonnenen Griechen ein Graus.

Hätten denn sonst,
und bei dieser Passage steigerte er sich derart in Rage, dass er nahezu fließend sprach in Englisch, hätten denn sonst tausend und abertausend reinrassige Söhne aller griechischen Inseln, Hablinseln und des Festlandes ihr Leben gelassen im Kampf gegen die Türken?
Fürs christliche Europa, für Demokratie und Freiheit des Westens?


Am Abend sind wir vor Syros, wo Turm und Kuppel von Agios Georgios und Agios Nikolaos grüßen hoch oben über


Ermoupolis

*) siehe Sebald, "Schwindel.Gefühle"





Melina Mercouri singt




Alexis Zorbas tanzt