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TURAIS [9h17m -59°1']
ι Carinae



Stern Turais (arab. kleines Schild), ι Carinae, oder Scutulum (lat. kleines Schild) oder Aspidiske im Sternbild Kiel des Schiffs am südlichen Sternhimmel ist 800 Lichtjahre entfernt.







Maria Sibylla Merian

Wer kennt sie nicht, ihre wunderbar poetischen Bilder aus der Welt der Natur, Blumen und Schmetterlinge, Raupen und Käfer - Symbiose aus naturwissenschaftlicher Exaktheit und künstlerischem Genie ...

Vor 300 Jahren, am 13. Januar 1717, stirbt sie, fast siebzigjährig, die Künstlerin, Forscherin und Geschäftsfrau Maria Sibylla Merian.

Maria Sibylla hat eine schwierige Kindheit, der Vater stirbt früh, ein anderer Mann kommt in die Familie. Familie, das heißt Malen, und das Mädchen erweist sich als Talent, wird Lehrling beim Stiefvater Jacob Marrel - damals eine Seltenheit, dass eine Frau eine künstlerische Ausbildung erfährt. Bald ist sie in das Netzwerk eingeschlossen, das der Kupferstecher und Verleger über ganz Westeuropa spannt.
Und sie wird nicht nur eine außerordentliche Zeichnerin, sondern vereint Malen und naturwissenschaftliches Forschen.

Akribisch studiert und dokumentiert Maria Sibylla schon als 13-Jährige die Entwicklung von der Larve bis zum schlüpfenden Falter. Ein Gast hat ihr Seidenraupen geschenkt. Fasziniert beobachtet das Mädchen, wie diese sich verpuppen und schließlich aus dem Kokon ein Falter schlüpft. Sie streift fortan durch Gärten und Wiesen, entdeckt, dass es offenbar viele verschiedene Arten von Raupen gibt, sammelt sie ein, baut ihnen Nester, heimlich auf dem Dachboden, und füttert sie – voll Neugier, wie wohl der Falter aussehen wird, der am Ende schlüpft.

Mit 18 heiratet sie Andreas Graff, einen Schüler ihres Stiefvaters. Das Paar zieht nach Nürnberg, die Töchter Johanna Helena und Dorothea Maria werden geboren. Um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, gibt Merian Nürnberger Bürgerstöchtern Malunterricht. Andreas Graff betreibt einen Kunst- und Malutensilienhandel, widmet sich diesem Geschäft offenbar aber nicht sehr intensiv. So ist es bald Aufgabe seiner Frau, den Laden am Laufen zu halten. Maria Sibylla Merian verkauft dort auch nach eigener Rezeptur zusammengemischte Farben, die sogar wasserfest gewesen sein sollen und mit denen sie auch ihre eigenen Stiche kolorierte. Aber bald kommt es zum Zerwürfnis mit ihrem Mann. Als ihre inzwischen verwitwete Mutter erkrankt, zieht sie nach Frankfurt zurück, trennt sich kurze Zeit später von Graff. Über ihren Stiefbruder finden sie Aufnahme in einer pietistischen Labadisten-Gemeinde in Holland und nach dem Tod der Mutter zieht Merian 1691 mit ihren beiden Töchtern nach Amsterdam, damals weltoffenste Stadt Europas.

1699 verkauft sie plötzlich ihre Bilder und Sammlungen, verstößt gegen alle Konventionen der damaligen Zeit und begibt sich in die Welt. Sie segelt mit ihrer Tochter Dorothea nach Surinam.
Zwei Jahre erforscht sie die Natur, als Erste erkennt sie, wie Raupen und Schmetterlinge zusammenhängen, welche Schmetterlinge wo und wie leben.

Von Malaria geschwächt kehrt sie vom größten Abenteuer ihres Lebens zurück, hat der unerträglichen Hitze und Schwüle des Regenwaldes getrotzt, von den Strapazen der dreimonatigen Seereise ganz zu schweigen.
1702 schreibt sie an den Botaniker Johann Georg Volkamer in Nürnberg: "Ich habe auch alles Getier, welches in diesem Werke enthalten ist, getrocknet mitgebracht und in Schatullen wohl aufbewahrt, so dass es von allen gesehen werden kann. Ferner habe ich gegenwärtig noch in Gläsern ein Krokodil und allerhand Schlangen und anderes Getier. Wie auch 20 Schatullen mit allerhand Sommervögelein, Käfern, Kolibris, Laternenträger und andere Tier, die zu verkaufen sind. Wenn der Herr welche begehrt, dann beliebe er zu ordern. Auch habe ich in Amerika Leute, die solches Getier fangen und mir zum Verkauf übersenden."

1705 erscheint ihr Hauptwerk: "Metamorphosis insectorum Surinamensium", eine Sammlung kunstvoll kolorierter Kupferstiche und erläuternder Texte, in denen sie die gesamten Lebenszyklen der Insekten in ihrer natürlichen Umwelt darstellt und beschreibt.
Mit ihren 52 Jahren (nach den Begriffen der damaligen Zeit bereits eine alte Frau) reiste sie nur in Begleitung ihrer jüngsten Tochter Dorothea Maria. Das war unerhört und sorgte für Gesprächsstoff in der damaligen niederländischen Kolonie Surinam. Die Einwohner - strenge Calvinisten und pragmatische Zuckerrohrfarmer - halten die beiden Neuankömmlinge, die sofort damit beginnen, Raupen und andere Insekten zu sammeln, um diese zu studieren und zu zeichnen, für wunderlich, wenn nicht gar für verrückt oder der Hexerei verdächtig.

In den Gelehrtenstuben und Sammlerkabinetten der Botaniker im fernen Europa aber wartet man gespannt auf Nachrichten aus Surinam. Denn Merian ist keine Unbekannte. In Deutschland und den Niederlanden, wo sie zuletzt lebte, hat sie sich schon vor ihrer großen Reise als Kupferstecherin und Naturforscherin einen Namen gemacht mit ihren mehrbändigen, illustrierten Büchern (etwa "Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung") sowie regelmäßig mit anderen Naturforschern korrespondiert. Bei Wissenschaftlern und Kunstinteressierten finden ihre Werke großen Anklang.

All die Lebewesen, die Merian von ihrer Surinam-Reise mitbringt: Wespen, Libellen, Schlangen, Eidechsen, Frösche, Ameisen, getrocknet und auf Nadeln gespießt oder in Branntwein eingelegt, zu sehen auf den 60 ebenso kunstvollen und farbenprächtigen wie naturgetreuen Bildtafeln der Metamorphosis insectorum surinamesium, faszinieren noch heute Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen: Wissenschaftshistoriker, Biologen und Entomologen ebenso wie Kunsthistoriker. Carl von Linné: "Schlagt nach bei Maria Sibylla Merian!"

Entomologe Thomas Schmitt: "Was bleibt, ist ihre Gesamtleistung: Bei Maria Sibylla Merian haben wir eine Verquickung einer sehr hohen wissenschaftlichen Leistung und einer extremen künstlerischen Leistung, wie wir das kaum mehr sonst finden. Vor ihr hat es andere Insektenforscher gegeben – doch keiner hatte beispielsweise den Zusammenhang zwischen Tier und Futterpflanze erfasst: dass bestimmte Raupenarten nur mit dem für sie geeigneten Futter gedeihen und ihre Metamorphose vollziehen können. Das beweist auch, wie sie in der Lage war, Natur zu verstehen als ein zyklisches System. Was damals noch sehr außergewöhnlich war."
Und was den Entomologen ebenfalls beeindruckt, weil es sich auf den Abbildungen sehr gut nachvollziehen lässt: Merian beschrieb erstmals den Sexualdimorphismus. Sie erkannte, dass zwei vollkommen verschieden aussehende Schmetterlinge sich aus der gleichen Raupenart entwickeln können – weil es sich um Männchen und Weibchen der gleichen Art handelt, die sich äußerlich stark unterscheiden. Merians Zeichnungen inspirierten und beeinflussten spätere Wissenschaftlergenerationen bei der Artenbenennung.
So heißt die Vogelspinne Aranea avicularia deshalb Vogelspinne, weil Merian die große schwarze Spinne beim Verspeisen eines Kolibris zeichnete. Heute weiß man, dass Vögel nicht die natürlichen Beutetiere der Vogelspinnen sind.