Wer am Rand deutscher Städte spazieren geht, kommt obligatorisch an Schrebergärten vorbei.
Die Anlagen gehen auf den namensgebenden Leipziger Arzt Moritz Schreber zurück, der zwar nicht Erfinder der Schrebergartenbewegung, wie landläufig angenommen, ist, sondern vielmehr Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild, auf dessen Initiative der Schreberverein zurückgeht. Im Jahre 1865 feiert man die Einweihung des ersten "Schreberplatzes" am Johannapark in Leipzig, einer Spielwiese, auf der Kinder von Fabrikarbeitern unter Betreuung eines Pädagogen spielen und turnen können.
Auf Moritz Schreber gehen aber noch andere Merkwürdigkeiten zurück, etwa "Geradhalter" oder "gesunde Triebabfuhr", weshalb Schreber unter anderem mit mechanischen Geräten zur Verhinderung der Masturbation experimentierte. Überdies empfahl er Axthauen und Sägebewegungen, in schwierigen Fällen abendliche kalte Sitzbäder, Kaltwasserklistiere und das Abreiben der Schamgegend mit kaltem Wasser.

Und schließlich verbindet ihn die Vaterschaft mit einer interessanten Persönlichkeit, nämlich den Senatspräsidenten, Schriftsteller und Psychiatriepatienten


Dr. Daniel Schreber.

Sebald, der Auswanderer,
sitzt auf dem Münsterplatz
in Freiburg im Breisgau
lesend die geheime Geschichte
des Senatspräsidenten Dr. Daniel Paul Schreber




Dr. Daniel Paul Schreber aus Sachsen mit dem Spinnenhirn, Jurist, Sohn des Pädagogen und Orthopäden Schreber, (Hauptvertreter der Schwarzen Pädagogik), Senatspräsident am OLG Freiberg, Patient der Psychiatrie, zu gesunder Haltung erzogen mit orthopädischem Gerät und Vorläufer eines gewissen Mollath aus Franken

Kriegsfälle im Inneren
des Lebens Risse
quer durch die Weltordnung
ausgehend von der Cassiopeia
ein diffuser Schmerz bis hinein
in die gewendeten Blätter der Bäume

Die schwarzen Löcher
der hoch in der Luft
herumfahrenden Gespenster
verbergen ich weiß es
li più reconditi principii
della naturale filosofia

Kommt eine farblose Zeit, Du
inmitten der Schönheit
der Obszönität werden Dich
meine Nächte erinnern
ein gebleichtes Stück Eis
das langsam zergeht

Der Präsident spricht
ich bin der steinerne Gast
bin von weither gekommen
und denk daß ich tot bin



Open these pages, he says,
and step smartly
into hell


1976 ist W. G. Sebald in Stuttgart und steigt am Bonatz-Bahnhof aus, weil er von jemandem gehört hatte, dass der

Maler Jan Peter Tripp

mit dem ich in Oberstdorf in der Schule gewesen war, in der Stuttgarter Reinsburgstraße wohnte. Meinen Besuch bei ihm habe ich als denkwürdig in Erinnerung behalten, weil mich mit der Bewunderung, die ich für die Arbeit Tripps sogleich empfand, der Gedanke streifte, daß ich auch gern einmal etwas anderes tun würde als Vorlesungen zu halten und Seminare. Tripp hat mir damals einen von ihm gefertigten Stich als Geschenk mitgegeben, und auf diesem Stich, auf dem der kopfkranke Senatspräsident Daniel Paul Schreber zu sehen ist mit einer Spinne in seinem Schädel - was gibt es Furchtbareres als die in uns immerfort wuselnden Gedanken? - auf diesen Stich geht vieles von dem, was ich später geschrieben habe, zurück, auch in der Art des Verfahrens, im Einhalten einer genauen historischen Perspektive, im geduldigen Gravieren und in der Vernetzung, in der Manier der nature morte, anscheinend weit auseinander liegender Dinge.

Das Hölle-Zitat bezieht sich auf Textstellen der "Denkwürdigkeiten"


Daniel Schrebers:

Die "Jesuiten" d. h. wohl abgeschiedene Seelen früherer Jesuiten, bemühten sich wiederholt, mir einen anderen "Bestimmungsnerven" in den Kopf zu setzen, durch den mein Identitätsbewußtsein verändert werden sollte; man überzog meine innere Schädelwand mit einer anderen "Gehirnmembran", um die Erinnerung an mein eigenes Ich in mir auszulöschen. Alles ohne irgendwelchen nachhaltigen Erfolg. Man versuchte endlich meine Nerven zu schwärzen, indem man mir die geschwärzten Nerven andrer (verstorbener) Menschen in den Körper hereinwunderte, vermuthlich in der Annahme, daß sich die Schwärze (Unreinheit) dieser Nerven meinen eigenen Nerven mittheilen würde. In Betreff dieser geschwärzten Nerven will ich einige Namen nennen, deren Träger sich sämmtlich in der "Flechsig‘schen Hölle" befunden haben sollten, was mich auf die Annahme leitet, daß Professor Flechsig über die betreffenden Nerven irgendwelche Verfügungsgewalt besessen haben muß. Es waren darunter ein gewisser Bernhard Haase - nur zufällig mit einem entfernten Verwandten von mir namensidentisch - ein schlechter Kerl, der irgendwelche Verbrechen, Mordthaten oder dergleichen sich sollte haben zu Schulden kommen lassen; ferner ein gewisser R. ein Studiengenosse und Verbindungsbruder von mir, der, weil er nicht gut gethan und ein ziemlich dissolutes Leben geführt hatte, nach Amerika gegangen war, und dort meines Wissens im dortigen Sezessionskriege 1864 oder 1865 gefallen ist; endlich ein gewisser Julius Emil Haase; dieser machte ungeachtet seiner geschwärzten Nerven den Eindruck einer sehr ehrenwerten Persönlichkeit...
Zu diesen Redewendungen gehörten namentlich diejenigen, in denen ich - etwa seit der Zeit meines Aufenthalts in der Dr. Pierson‘schen Anstalt - die Bezeichnung eines "Höllenfürsten" erhielt. Zu unzähligen Malen hieß es z. B. "Gottes Allmacht hat entschieden, daß der Höllenfürst lebendig verbrannt wird", "Rücksichtlich der Strahlenverluste ist der Höllenfürst verantwortlich". "Victoria rufen wir nun über den überwundenen Höllenfürsten", dann aber auch von einem Theil der Stimmen: "Schreber ist, nein Flechsig ist der wahre `Höllenfürst´" usw. ...
Wer mich irgend in meinem früheren Leben gekannt und dabei Gelegenheit gehabt hat, meine kühle und nüchterne Sinnesweise zu beobachten, wird mir wohl darin Glauben schenken, daß ich nie von selbst darauf gekommen sein würde, eine so phantastische Bezeichnung wie die eines "Höllenfürsten" für mich in Anspruch zu nehmen, zumal dieselbe mit der Dürftigkeit meiner äußeren Lebenslage, den zahlreichen Freiheitsbeschränkungen, denen ich unterlag usw., in so sonderbarer Weise kontrastirte. In den Verhältnissen meiner Umgebung war sicher weder von Hölle, noch von fürstlicher Einrichtung etwas zu spüren. Nach meinem Dafürhalten liegt dem Ausdrucke "Höllenfürst", der nur mißverständlich auf mich angewendet wurde, ursprünglich eine Abstraktion zu Grunde. ...
Um sich von den Gefahren eine deutlichere Vorstellung zu verschaffen, waren anscheinend die Seelen zu einer Personifikation verschritten, ähnlich wie im Kindesalter stehende Völker die Idee der Gottheit durch Götzenbilder ihrem Verständniß näher zu bringen suchen. Als "Höllenfürst" galt daher wahrscheinlich den Seelen die unheimliche Macht, die aus einem sittlichen Verfall der Menschheit oder aus allgemeiner Nervenüberreizung in Folge von Überkultur als eine gottfeindliche sich entwickeln konnte. In meiner Person schien nun dieser "Höllenfürst", nachdem die Anziehungskraft meiner Nerven sich immer unwiderstehlicher gestaltet hatte, auf einmal Wirklichkeit geworden zu sein. Man sah daher in mir einen Feind, der mit allen Mitteln der göttlichen Macht vernichtet werden müsse; daß ich im Gegentheil der beste Freund reiner Strahlen war, von denen allein ich doch meine Heilung oder eine sonstige befriedigende Lösung des Konfliktes erwarten konnte, wollte man nicht anerkennen. ...

Diese durchaus verkehrte Auffassung, die natürlich anfangs auch für mich vollkommen unbegreiflich war und deren Vorhandensein ich erst durch jahrelange Erfahrungen als Thatsache anzuerkennen genöthigt worden bin, tritt bei jeder Gelegenheit und bei den verschiedensten Anlässen für mich zu Tage. Wenn ich z. B. ein Buch oder eine Zeitung lese, so meint man, daß die darin enthaltenen Gedanken meine eigenen Gedanken seien; wenn ich ein Lied oder den Klavierauszug einer Oper auf dem Klaviere spiele, so glaubt man, daß der Text des Liedes oder der Oper jeweilig meine eigenen Empfindungen ausdrücke. Es ist dieselbe naive Unkenntniß, vermöge deren man zuweilen bei ungebildeten Personen, die das Theater besuchen, die Vorstellung antrifft, daß dasjenige, was von den Schauspielern gesprochen wird, die eigenen Gefühle derselben wiedergebe oder daß die Schauspieler die dargestellten Personen wirklich seien.

Auf mich kann es natürlich oft nur erheiternd wirken, wenn ich etwa beim Spielen der Arien aus der Zauberflöte "Ach ich fühl‘s, es ist verschwunden, ewig hin der Liebe Glück" oder "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, Tod und Verzweiflung flammen um mich her" Stimmen in meinem Kopfe vernehme, die von der Voraussetzung ausgehen, daß ich nunmehr also wirklich mein Glück für ewig verloren halte, von Verzweiflung erfaßt sei usw. Indessen wolle man auf der anderen Seite auch die Geduldsprobe nicht unterschätzen, die mir durch das jahrelange Anhörenmüssen des entsetzlichen Blödsinns zugemuthet worden ist, der in dem Dazwischenwerfen der Fragen: "Warum sagen Sie‘s (nicht laut)?" und "Fand Aufnahme" bei Veranlassungen der bezeichneten Art liegt. Der Unsinn ist ein so toller, daß ich lange Zeit im Zweifel gewesen bin, ob ich denselben wirklich auf Rechnung Gottes selbst setzen solle oder nicht vielmehr nur auf Rechnung irgendwelcher untergeordneter geistloser Wesen, die auf entfernten Weltkörpern nach Art der "flüchtig hingemaditen Männer" geschaffen worden seien, um von dort aus zur Besorgung des Aufschreibe- und Abfragegeschäftes verwendet zu werden.




siehe auch "Blauwärts"