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SHAM [19h40m +18°1']
α Sagittae



Sham (arab. Pfeil) ist Stern α im Sternbild Pfeil und 425 Lichtjahre entfernt.





Alice Munro

Ein Sebaldianer tut ich sich schwer, Ebenbürtiges zu W. G. Sebald zu finden.
Schwindel.Gefühle, Elementargedicht, Saturnmonde, vier lange Erzählungen von Emigranten und Austerlitz.
Und siehe da, Entdeckung auf einer Kanadareise, sie könnten kaum unterschiedlicher sein in Stil, Inhalt und Themen - Alice Munro und W. G. Sebald - aber das verbindet sie: ihr unwiderstehlicher, je ganz eigener Sound! Er zieht den Leser an, der, wie ein Kritiker bekennt, nach dem ersten Satz wie die Fliege an der Klebefolie hängt.

Wer ist Alice Munro?

  1. Ihr Geburtsname lautet Alice Laidlaw.
  2. Alice Munro ist geboren am 10. Juli 1931, etwas außerhalb von Wingham/0ntario, was oft in ihren Geschichten auftaucht, als Jubilee oder Hanratty.
  3. Ihr Vater Robert Laidlaw ist ein direkter Nachfahre von James Hogg, der "The Private Memoirs and Confessions of a Justified Sinner" schrieb
  4. Alice Munro sagt, sie habe begonnen, sich in Bücher zu flüchten, nachdem bei ihrer Mutter, Lehrerin, eine seltene Form von Parkinson diagnostiziert wurde. Sie, die älteste von drei Kindern, war damals 10.
  5. Sie gewinnt ein Stipendium, um Journalismus an der University of Western Ontario zu studieren, wo sie sich selbst mit Blutspenden, sammeln von Tabakraupen und anderen Jobs Geld hinzuverdient.
  6. Ihre erste Geschichte, Die Dimensionen eines Schattens veröffentlicht Alice Munro 1950 als Studentin.
  7. Mit Jim Munro, ihrem ersten Mann, eröffnet sie die Buchhandlung "Munro's Books", die bis heute in Victoria, British Columbia existiert. Ihr USP ist die fast ausschließliche Vermarktung von Taschenbüchern zu einer Zeit, als viele alteingesessenen Buchhändler diese verachten.
  8. Ihren zweiten Mann, Gerry Fremlin, Geograph, einen alten Freund aus Studentenzeiten, beschließt sie - nach einem Wiedersehen und über drei Martinis - zu heiraten.
  9. Als sie 2009 den Man Booker International Prize gewinnt, bezeichnet die Jurorin Jane Smiley Munros Werk als "practically perfect".
  10. Alice ist die erste Schriftstellerin Kanadas (und 13. Frau weltweit), die den Nobelpreis in Literatur erhält.

Ihre Hauptfiguren sind meist Frauen der weißen (kanadischen) Mittelschicht, die häufig durch ein einschneidendes Ereignis aus der normalen Bahn des Lebens geworfen werden.
Munros Erzählungen sind fast rhapsodisch und mit lose Enden: kompliziert gebaute Rätselkonstrukte, die nur annährungsweise durch uns Leser zu verstehen sind, sich jeglicher stringenten Auflösung verweigern. In "Tieflöcher" plädiert der Sohn für das Aufgeben des intellektuellen Hochmuts, ein Auflehnungspamphlet ohne Bezug auf die Familie, einst Hoffnung der Familie, nun Bettler. Persönliches? Nein.
Munro macht nicht viele Worte, nur scheinbar ein Paradoxon. Tode beschreibt sie fast immer beiläufig, in ein, zwei Sätzen. Indem das vermeintlich Große nicht als solches erscheint, bekommt das Kleine, scheinbar Unbedeutende, einen höheren Wert. Der Grad der Erschütterungen der Figuren bleibt geheimnisvoll. Nach außen erscheinen sie unbeeindruckt, während sie im Innern wüten. Dieses Wüten erahnt der Leser aus den Spuren, die Munro legt, sie spielt mit den unterschiedlichen Informationsgraden, was den Reiz dieser Prosa ausmacht: Einerseits wird man in eine hermetische Situation hineingezogen, andererseits verbleibt genügend Raum für Phantasie, Spekulation. Was man sonst jeder Kurzgeschichte als Makel ankreiden würde – Munro zelebebriert es als besondere Kunst.

Die evozierte Stimmung bleibt uns in Erinnerung, eine Melange aus Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht, Ausgeliefertsein und trotzigem Selbstbehauptungswillen, die sich abwechseln. Die Figuren sind Gezeichnete, griechische Helden, die ihrem Schicksal nicht entkommen können, auf unprätentiöse, kühle Art erzählt.
Ein schmaler Grat: Der Leser kann sich dieser Stimmung hingeben und in ihr schwelgen. Oder er kann sich durch den bloßen Konsum der Geschichten der Welt entziehen und alles von sich weisen. Wer die erste Variante wählt, wird von Alice Munros Erzählungen fasziniert sein. Kommt dann noch eine Spur Identifikation mit der jeweiligen ProtagonistIn hinzu, dürfte es um uns geschehen sein.
Oder man eignet man sich Kühle und Distanz der Autorin an, bleibt dann außer stilistischer Bewunderung und dem einen oder anderen Bild etwas übrig?