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NJ 4
SCHEDIR [40m +56°32']
α Cassiopeiae

Schedir, 230 Lichtjahre entfernt, ist der hellste Stern im Sternbild Kassiopeia, dem Himmels-W, das mit der mittleren Spitze genau auf den Nordstern zeigt (genau wie die Verlängerung der Hinterachse des Großen Wagens).

Kassiopeia ist zirkumpolar, also das ganze Jahr über zu sehen.



W. G. Sebalds Exzerpt aus dem Agendabüchlein seines Großonkels Ambros Adelwarths, der 1913 mit Cosmo eine Reise nach Palästina unternimmt ("Die Ausgewanderten" S. 189f):

Einen Tag lang außer der Zeit. In der Nacht schlafen wir an Deck. Grillengesang. Von einem Luftzug geweckt an der Stirn. Jenseits der Wasserstraße, hinter den schwarzblauen albanischen Bergen, kommt der Tag herauf, breitet seinen Flammenschein über die noch lichtlose Welt. Und zugleich durchqueren zwei weiße Hochseejachten unter weißen Rauchfahnen das Bild, so langsam, als würden sie Zoll fur Zoll an einem Seil über eine weite Bühne gezogen. Man glaubt kaum, daß sie sich fortbewegen, aber endlich verschwinden sie doch hinter der Seitenkulisse des dunkelgrün bewaldeten Caps Varvara, über welchem die hauchdünne Sichel des zunehmenden Mondes steht. - 6. September: Von Kérkyra aus über Ithaka und Patras in den Golf von Korinth.

In Itéa beschlossen, das Schiff vorauszuschicken und selber auf dem Landweg nach Athen zu gehen. Jetzt im Gebirge von Delphi die Nacht bereits sehr kühl. Haben uns vor zwei Stunden, in unsere Mäntel gehüllt, schlafen gelegt. Die Sättel dienen als Kopfpolster. Unter dem Lorbeerbaum, dessen Blätter wie Blechplättchen leise rascheln, stehen die Pferde mit gesenktem Haupt. Über uns die Milchstraße (where the Gods pass on their way, says Cosmo) so hell, daß ich in ihrem Licht dieses aufschreiben kann. Schaue ich lotrecht in die Höhe, sehe ich den Schwan und die Kassiopeia. Es sind dieselben Sterne, die ich als Kind gesehen habe über den Alpen und später über dem Wasserhaus in Japan, über dem Stillen Ozean und draußen über dem Long lsland Sound. Kaum glaube ich, daß ich derselbe Mensch und in Griechenland bin. Aber ab und zu weht der Geruch der Wacholderbäume zu uns herüber, und also ist es wohl wahr.

Wenn unsere Reisenden also die Kassiopeia im Zenit sehen, müssen sie sich auf dem Bildpunkt des Sternbilds auf der der Erde befinden, Kassiopeia steht in einem Winkel von genau 90° über ihnen.
Wie auf der Erde jeder Ort nach Länge und Breite definiert ist, ist das für die Fixsterne Rektaszension und Deklination.
Rektaszension ist der Winkel zwischen Frühlingspunkt und Stundenkreis (dem gedachten Kreis durch die Himmelspole) des betreffenden Himmelskörpers gemessen auf dem Himmeläquator, also das Analogon zur geographischen Länge. Die Rektaszension wird im Zeitmaß angegeben. Geht beispielsweise ein Stern am Äquator eine Stern-Stunde nach dem Frühlingspunkt auf, hat er die Rektaszension 1h.
Nullpunkt der Rektaszension ist der Frühlingspunkt. Sie wächst wie die geografische Länge gegen Osten. [In der astronomischen Navigation verwenden wir statt der Rektaszension den sich nach Westen vergrößernden Sternwinkel SHA (engl. sidereal hour angle).]

Deklination δ ist der Erhebungs-Winkel des Gestirns über dem Himmelsäquator – womit sie der geografischen Breite nördlich bzw. südlich des Erdäquators entspricht, angegeben für nördlich positiv, südlich negativ.
Die Koordinaten des Gestirns in obiger Abbildung: Rektaszension 4h, Deklination +50°.

Wir nehemn an, Onekl Adelwarth und Cosmo sind in der Nacht des 9. September in Delphi. Position Delphi: 38°29'N 022°27'E
Um den Bildpunkt von Schedir zu berechnen,


entnehmen wir den Stundenwinkel des Frühlingspunkts: 334°23' Rektaszension Schedir 40m, entspricht 10°, d. h. Länge des Bildpunkts von Schedir: 334°23'+10°=344°23'= 360-344°23'=015°37'E (ungefähr Delphi) Deklination Kassiopeia: +56°32' = 56,5°N (20° nördlicher als Delphi) Da Sterne (scheinbar) umherwandern (oder - wie nicht-zirkumpolare Sterne auf- und untergehen), kann die nördliche Breite Delphis (38°) der Deklination Schedirs entsprechen.
Kassiopeia wäre also zu dieser Zeit über Delphi (etwa) im Zenit - wie Onkel Adelwarth schreibt ...