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NJ 55
MIRAK [14h45m +27°04']
ε Bootis

Mirak, auch Izar, im Sternbild Bärenhüter, ε Bootis (lat. des Bärenhüters) ist der zweithellste Stern im Sternbild Bärenhüter und 210 Lichtjahre entfernt, ein reizvoller Doppelstern, bestehend aus einem orangeroten und einem blauen Stern.





Was Pessoa im Buch der Unruhe vermerkte,
nämlich daß das Geheimnis nie so sehr durchschimmert
wie bei der Betrachtung der kleinsten Dinge,
fand ich noch nirgends so illuminiert wie in den
diminutiven Weltbildern von


Anita Albus
Die wahrhaft ungeheure Genauigkeit
des Sehens



Beim Philosophieren über den Zweck der menschlichen Art wird nicht oft und nicht gern überdacht, daß sie das Zwischenstück oder Differential darstellt zwischen der entfalteten organischen Natur und etwas anderem, das nach ihr kommt, und von dem niemand noch weiß, wie es beschaffen sein wird. Die sogenannte Vernunft, vermittels derer wir den Prozeß der Dissolution der Natur in die Wege geleitet und nahezu bis auf den Punkt vorangetrieben haben, wo deren Ende zu dämmern beginnt, diese Vernunft ist bekanntlich kein autonomes Phänomen, sondern eine Funktion der spezifischen, in uns zur Entwicklung gebrachten Apperzeptionsfähigkeit, die es uns erlaubt, detailliertere, tiefere und buntere Bilder zu sehen als alle anderen auf der Oberfläche der Erde lebenden Tiere.



Tatsächlich kommt dem Auge in der Natur- und Zivilisationsgeschichte der Menschheit der oberste Stellenwert in der Hierarchie der Sinnesorgane zu, und auch unsere wissenschaftlichen Selbstbeschreibungen haben in unserem Auge eine der erstaunlichsten Anpassungsleistungen der Evolution erkannt. Erst allmählich jedoch beginnen wir zu begreifen, daß gerade die gelungensten Problemlösungen das Potential in sich bergen, das System, dem sie angehören, nicht sowohl zu erhalten als auch aus dem Gleichgewicht zu bringen.


Diese Annahme stimmt für den Bereich unserer eigenen Körperlichkeit, in dem die Dominanz des Sehvermögens auf Kosten einer Rückbildung der übrigen Sinne zu gehen scheint; und sie stimmt auch auf unseren Umgang mit dem, was uns ringsum umgibt. In dem Maße, in dem es uns gelang, Bilder von der Natur abzuziehen, die Natur naturgetreu zu vervielfältigen, wurde unsere Auseinandersetzung mit ihr hemmungs- und rücksichtsloser. Es gibt eine direkte Korrelation zwischen der Realisierung eines Bildes und der De-realisierung der Wirklichkeit und zwischen der De-realisierung der Wirklichkeit und ihrer Zerstörung. Ist die Verschiebung der Welt ins Simulacrum einmal soweit fortgeschritten, daß – wie heute schon deutlich spürbar – das Bild die Aura des natürlichen Vorbilds und dieses die Aura eines Artefakts annimmt, so ist die zentrale Voraussetzung gegeben für die endgültige Exilierung der Restnatur in eigens angelegte Reservate, wo sie sodann unter riesigen Glasstürzen den überlieferten Bildern entsprechend rekonstituiert werden kann.


Die Agenten der hiermit skizzierten Zusammenhänge, die Hersteller und Reproduzenten von Bildern jeder Art machen sich in der Regel kein Gewissen aus ihrem Metier und sie tun es umso weniger, je fragloser sie sich der künstlichen Augen bedienen, welche die Technologie uns beigestellt hat. Am anderem Ende des Spektrums, in der Arbeit von Anita Albus aber rührt sich noch der Skrupulantismus, der einst das Bilderverbot inspirierte. Zwar sind auch ihre Bilder gemacht, aber so langsam, daß sie bestimmt scheinen von der Neigung, das Werk einzukopieren in die Natur und nicht diese, wie sonst üblich, ins Werk. Die beiden trompe-le-œil-Bilder aus der Sammlung Eia-Popeia, das mit dem zersprungenen Glas und das mit der Schere, geben einen Begriff von der wahrhaft ungeheuren Genauigkeit des Sehens, die für eine derartige Rückverwandlung der Kunst ins völlig Naturgemäße erforderlich ist.





Es ist eine Genauigkeit, die bis an die Schmerzgrenze geht, an der die Augen versagen. Nicht umsonst verstehen sich die beiden Bilder als Variationen auf die von E. T. A. Hoffmann erzählte grause Geschichte vom Sandmann, der die blutigen Augen der Kinder in einem Sack davonträgt zur Atzung seiner droben im Mondnest hockenden eulenartigen Brut. Sämtliche Ingredienzien des frühkindlichen Traumas finden sich hier versammelt: der müde, verhangene Blick des kleinsten der Kinder, der dunkle des älteren Mädchens, das zuviel schon gesehen hat, das Starren in eine finstere Ecke, der mit Krallen und Gebiß ausgestattete Vogel Greiff, die geschlossene Tür, die entsetzlichen Wörter vom Kratzen, Augenausstechen, vom Verschleppt- und Verlassenwerden, sowie, als Zeichen der angedrohten Blendung, die offene Schere und das zersprungene Glas. Die panische Angst vor dem Verlust des Sehvermögens ist aufgefangen in einem Verfahren, das sich kristallisiert in einem Paroxysmus der Ruhe.




Es wundert den Betrachter dieser Bilder nicht wenig, was für einer Hand die bis ins minutiöseste Detail scharfe Repräsentation der aus der Vergangenheit wiederkehrenden Befürchtungen gelang. Joseph Roth, der sich selber bisweilen für einen Patzer hielt, behauptete von den von ihm so sehr bewunderten Uhrmachern, sie schafften an ihren winzigen Werkzeugteilchen, an den nahezu unsichtbaren Windungen, Stahlnadeln und Federn mit dem dichterischen Tastgefühl von Blinden. Nicht anders vermag ich mir die Arbeit von Anita Albus vorzustellen. Sie wird, meine ich, ehe sie mit der Spitze des Pinsels das Pergament berührt, jedesmal den Atem anhalten müssen. Die Bilder waren also – in einer ins Metaphysische übergehenden Übung – zusammengesetzt aus lauter solchen atemlosen Berührungen, die sich in ihrer Unzähligkeit summieren zu einer Art Vorgriff auf eine Zeit, in der alle Maschinen, auch unsere eignen, die Körper, stillstehen dürfen und in der folglich nichts mehr brennt und nichts mehr verbrannt wird, denn das vom Atem bewegte Leben ist ja, wie Novalis erkannt hat, im Grunde nichts als ein zehrendes Feuer. Zu dieser Konjektur stimmt ein anderes Bild, das mir lange schon sehr viel bedeutet. Auf einer kleinen Bauminsel inmitten eines Sees steht ein brennendes Haus. Die Flamme schlägt lodernd aus dem Dach und eine schwere Rauchwolke steigt in den hellen Himmel. Wunderbarerweise ist aber das Spiegelbild des brennenden Hauses drunten im Wasser vom Feuer verschont, unversehrt und somit ein Ausdruck des Wunschs, daß in der Kunst die Restitution gelingen möchte des Zustandes vor der Zerstörung.




Der Abglanz der Erlösung, der aus dem Werk von Anita Albus uns zuwächst, verdankt sich dem besonderen Verhältnis von Raum und Zeit, das ihm zugrunde liegt. Geht es gemeinhin darum, in möglichst kurzer Zeit, möglichst Großes zu leisten und aufzuführen, so bringt Anita Albus endlose Stunden ein in die paradoxe Kunst der größten Verkleinerung. Eine Miniatur von einem Durchmesser von vielleicht zwölf Millimetern enthält nicht bloß Roß und Reiter, sondern auch noch die ganze Landschaft, die dieser durchqueren wird. Die Farbentore der Zeit und der Ewigkeit stehen hier gegeneinander aufgetan. Was Pessoa im Buch der Unruhe vermerkte, nämlich daß das Geheimnis nie so sehr durchschimmert wie bei der Betrachtung der kleinsten Dinge, fand ich noch nirgends so illuminiert wie in den diminutiven Weltbildern von Anita Albus. Sicher geht deren Faszination nicht zuletzt darauf zurück, daß wir alle durch das umgekehrte Fernglas gern unsere Kindheit betrachten. Doch das ist bloß die halbe Geschichte, denn das aus diesen Bildern sprechende Heimweh ist gerichtet nicht nur auf ein verlassenes, sondern auf ein unbetretenes Land. Darum zeigt die „Landschaft mit Eisvögeln“, ein Aquarell von der Größe eines kleinen Briefbogens, an dem Anita Albus weit mehr als tausend Stunden gemalt hat, eine ideale Natur wie sie, nach einem Wort Jean Pauls aus der Vorschule, nur dann ist, wenn der Mensch nicht ist, und die er doch antizipiert.




W. G. Sebald, 'Kleine Vorrede zur Salzburger Ausstellung, in Anita Albus, ed. by Tugomir Luksic (Salzburg: Galerie Schloss Neuhaus, 1990)

Bilder:
- Der Waldboden „Der Himmel ist mein Hut, die Erde ist mein Schuh“ (Detail)
- Waldrappe in Weltlandschaft (Detail)
- Schachbrettblume
- Wachtelkönig
- Waldrappe in Weltlandschaft (Detail)
- Im Licht der Finsternis. Über Proust
- Glas
- Schere
- Eule
- Haus im Haus
- Landschaft mit Eisvögeln - Stileben mit Braunliestbalg


Anita Albus
eine der besten Malerinneren unserer Zeit, geboren 1942 in München, studiert in Essen freie Grafik und beginnt ihre künstlerische Arbeit als Kinderbuchautorin. Später illustriert sie u.a. Christoph Ransmayrs Die letzte Welt. 1997 erscheint ihr Essayband Die Kunst der Künste. Das Buch Von seltenen Vögeln berichtet von ausgestorbenen und gefährdeten Vogelarten mit eigenen und Bildern anderer Künstler, eine Synthese naturkundlicher, künstlerischer und erzählerischer Betrachtungs- und Darstellungsweise, wie Linnés „Lappländische Reise“, Audubons Darstellungen der amerikanischen Vogelwelt und Brehms „Tierleben“. 2007 erscheint Das Los der Lust, ein Versuch über Tania Blixen, und 2011 Im Licht der Finsternis: Über Proust.
Anita Albus ist auch Erfinderin. Die Art, wie sie malt, konnte sie nicht auf der Folkwangschule in Essen-Werden lernen; und die Farben, die sie verwendet, kann sie noch immer in keinem Geschäft kaufen. Die Pigmente Bleiweiß, Grünspan oder Pfirsichkernschwarz stellt Anita Albus selbst her. Sie mischt die Lösungen und Emulsionen, verleiht den Farben mit Honig oder Gummiarabicum Geschmeidigkeit, behandelt die Holz-, Kupfer- oder Leinwandoberflächen ihrer Gemälde oder färbt das Papier für ihre Aquarelle ein.
2012 Von seltenen Vögeln und Pflanzen. Das künstlerische Werk von Anita Albus im Detlefsen-Museum in Glückstadt siehe



Film Schönheit und Strenge