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MINCHIR [8h39m +3°20']
σ Hydrae

σ Hydrae, Stern Minchir, auch Minchar, Al Minchar al Shuja (arab. Nase der Wasserschlange) ist 400 Lichtjahre entfernt und findet sich im Kopf von Hydra, dem Sternbild Wasserschlange.





There are too many people
in the world who just sit
and watch their money pile up,
that is very hard for me to understand.


Wer Wallander kennt und begreift - es sollen 16 Millionen deutsche und weltweit 30 Millionen Leser sein, identitifiziert sich auch mit ihm.
"Wallander", erklärt sein Erfinder Henning Mankell in einem Interview, "Wallander ist ein Mensch wie du und ich. Darin liegt seine Glaubwürdigkeit."
Und wie sind wir?
Existentialistische Nihilisten? Repräsentieren wir jene Mischung aus Verzweiflung und Ohnmacht, die in den neunziger Jahren endgültig an die Stelle jeder Art ideologisch motivierten Veränderungsoptimismusses getreten ist? Sind wir wissende, aber resignierte Politikverdrossene, die zwar ein Feindbild (Imperialismus, USA, Heuschrecken, Rechtsextremisten etc.) haben, aber mehr als Gejammer auf hohem Niveau über den allgemeinen Werteverfall nicht zustande bringen?
Ist die Welt denn wirklich undurchschaubar, unbeeinflussbar, unregierbar und unrevolutionierbar?



Sisyphus gibt nicht auf. Mal jammernd, immer leidend, hin und wieder aufbrausend, aber zäh durchhaltend führt er vor, dass der Einzelne doch immer noch Gutes für die Allgemeinheit tun kann, allein, indem er seinen Beruf vernünftig ausübt. Trost für all die Lehrer, Steuerberater, Hausfrauen, Juristen oder Architekten, die einmal von freier Liebe und Basisdemokratie geträumt haben!

Henning Mankell (1948 - 2015) tat mehr.

Wenn er seine Geschichten erzählt, die sich immer auch mit der Situation der Gesellschaft, mit deutlicher Kritik an der sozialen Entwicklung beschäftigen, dann legt Mankell als überzeugter Sozialist seine ideologischen Prinzipien offen, für die er sich auch praktisch - schon früh von sozialer Ungerechtigkeit berührt - gegen Armut und Analphabetismus in Afrika engagiert, das zu seiner zweiten Heimat wird - er lebte dort in Mosambik.
Er solidarisiert sich mit der Sache der Palästinenser. 2010 nimmt ein Konvoi aus sechs Schiffen Kurs auf Gazah. Schwedische Aktivisten haben die "Sophia" gechartert, wo Mankell mitfährt, um die israelische Seeblockade zu durchbrechen. Das kleine Schiff hat Zement, Baumaterial und Fertigteile an Bord. Auf einem anderen Schiff des Konvois bringen israelische Marinesoldaten 10 Leute um. Auf der "Sophia", so Wallander, habe es keinerlei Widerstand gegeben. Israelische Soldaten hätten mit einer Elektroschockpistole mehrere Besatzungsmitglieder niedergestreckt. Bei der anschließenden Durchsuchung des Boots präsentierten die Israelis Nassrasierer und Brieföffner als "Waffen "

Schon ein Jahr vorher übt Mankell scharfe Kritik an Israels Verhalten gegenüber den Palästinensern. Man erlebe dort "eine Wiederholung des verächtlichen Apartheidsystems, das einst die Afrikaner und Farbige als Bürger zweiter Klasse in ihrem eigenen Land behandelte".
Die israelischen Sperranlagen vergleicht Mankell mit der Berliner Mauer. Angesichts der Lebensumstände der Palästinenser sei es nicht verwunderlich, "dass sie sich entscheiden, sich in einen Selbstmordbomber zu verwandeln. Verwunderlich ist nur, dass es nicht noch mehr tun."

Wallander ist Mankells alter ego: Gleiches Alter, ein einsamer Mann, der in der Kälte und im Nebel Schwedens gegen das Böse kämpft – bis er sich in der Demenz verliert.
Mankell: Sozialist, Multimillionär, Atheist – immer auf der Seite der Armen, Schwachen, Flüchtenden.
Seine letzten Sätze: "Ich habe ein längeres Leben gehabt, als sich die meisten Menschen der Welt erträumen können – es war ein fantastisches Leben.
Mach dir im Leben nicht so viele Sorgen. Du kommst da nicht lebend raus.“

Als er eins ist, läuft die Mutter weg. Mit 16 schmeisst er die Schule, geht nach Paris. Sein Vater, Richter, zeigt sich tolerant, unterstützt den Sohn finanziell und glaubt an dessen Vision vom Künstlerberuf. Henning beteiligt sich an der Studentenrevolte von 1968, die ihn prägt, für den Sozialismus begeistert. In "Die schwedischen Gummistiefel", seinem letzten Roman, schildert er die Stadt warmherzig, regelrecht liebevoll. Er hat an der Côte d’Azur in Antibes ein Haus, mag Frankreich.
Zwei Jahre Matrose. Mit 19 Regisseur.
Vier Ehen, vier Söhne.
Er glaubt an keinen Gott: „Wenn man tot ist, ist man tot.
Für mich war Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich."

Und seinen letzten Roman schreibt er mit der Gewissheit, unheilbar erkrankt zu sein, was sich auf verstörende Art in der Handlung widerspiegelt.
Ein Patient, den Fredrik Welin behandelte, während er noch als Arzt praktizierte, weist exakt die gleichen Symptome auf, die Mankell 2014 dazu bewogen, einen Spezialisten zu konsultieren. Damals leidet der Autor unter einem steifen Nacken, doch schnell zeigt sich, dass seine Halswirbelsäule von der Metastase eines Tumors befallen ist, dessen Kern in der Lunge steckt.
Mit welcher Abgeklärtheit und Beherrschung schildert Mankell das Schicksal seines zweiten Ichs, das er zum Sterben verurteilt - unvergleichlich ...