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MENKIB [3h54m +31° 53']
ζ Persei



Menkib (arab. Schulter) ist Stern ζ im Sternbild Perseus und 750 Lichtjahre entfernt. Der Stern ist 47.000 Mal heller als die Sonne.




Pisanello
Chiesa Sant' Anastasia:
Fresko über der Kapelle der Pellegrini
(W. G. Sebald Schwindel.Gefühle. S.88ff, 171)



Die nächstfolgenden Tage beschäftigte ich mich so gut wie ausschließlich mit meinen Nachforschungen über Pisanello, deretwegen ich mich entschlossen hatte, nach Verona zu fahren. Die Bilder Pisanellos haben in mir vor Jahren schon den Wunsch erweckt, alles aufgeben zu können außer dem Schauen. Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird. Es war diese, seit langem schon gehegte Zuneigung zu dem Maler Pisanello, die mich wieder in die Chiesa Sant' Anastasia führte, dort das Fresco anzusehen, das er über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini um das Jahr 1435 verfertigt hat. Die Kapelle der Pellegrini, im linken Seitenflügel der Kirche, existiert als solche heute nicht mehr... Kaum ein Strahl Tageslicht durchdringt das Seitenschiff der Sant'Anastasia. Selbst mitten am hellsten Nachmittag herrscht hier die tiefste Dämmerung. Nur schattenhaft ist darum das Bildwerk Pisanellos über dem Torbogen der vormaligen Kapelle zu erkennen. Durch das Einwerfen von Tausend-Lire-Münzen in einen Blechkasten kann es aber illuminiert werden auf eine gewisse, manchmal sehr lang und manchmal sehr kurz erscheinende Zeit.

Dann ist deutlich zu sehen der heilige Georg, wie er im Begriff steht, gegen den Drachen auszuziehen, und Abschied nimmt von der Principessa.


Von der linken Hälfte des Gemäldes ist einzig das etwas verwaschene Untier erhalten mit zwei noch flügellosen Jungen aus seiner Brut. Einiges an Knochen und Gebein, Überreste der zur Befriedigung des Drachens geopferten Tiere und Menschen, liegen verstreut umher.

Die Leere, in die das Fragment ausufert, läßt aber nach wie vor das Entsetzen erahnen, das die Bewohner der palästinensischen Stadt Lydda der Legende nach damals erfüllt hat.

Eine eher nördlich anmutende Gegend erhebt sich, wie man der Art der Darstellung entsprechend sagen muß, in den blauen Himmel. Auf einem Meeresarm weist ein Schiff mit geschwellten Segeln als einziges Objekt der Komposition in die Ferne.

Sonst ist alles Gegenwart und diesseitig, das wellige Land, die gepflügten Felder, die Hecken und Hügel, die Stadt mit ihren Dächern, Türmen und Zinnen

und der Galgen, dessen baumelnde Gehenkte — ein beliebter Kunstgriff jener Zeit — der Szene eine eigene Lebendigkeit verleihen. Gebüsch, Gesträuch und Blattwerk sind auf das sorgfältigste gemalt und mit Liebe auch die Tiere, denen Pisanellos größte Aufmerksamkeit immer gegolten hat:

der landeinwärts fliegende Storch, die Hunde,

der Schafbock und die

Pferde der sieben Berittenen,

unter denen sich ein kalmückischer Bogenschütze befindet mit einem schmerzhaften Ausdruck der Intensität im Gesicht.

In der Mitte des Bildes die Principessa in einem Federkleid und San Giorgio, von dessen Rüstung das Silber abgeblättert ist, den aber der Glanz seines rotgoldenen Haupthaars noch umgibt.

Zum Erstaunen ist es, wie es Pisanello verstanden hat, den jäh heraustretenden, seitwärts schon auf die schwere blutige Arbeit abschweifenden männlichen Blick

des Ritters abzusetzen von der nur durch die geringfügigste Senkung der unteren Lidgrenze angedeuteten Beschlossenheit des weiblichen


Auges

In Verona ist er am Nachmittag seiner Ankunft vom Bahnhof über den Corso in die Stadt und dort so lang kreuz und quer durch die Gassen gewandert, bis er vor Müdigkeit in die Kirche zur heiligen Anastasia einkehrte. Nachdem er sich eine Zeitlang mit aus Dankbarkeit und Widerwillen gemischten Gefühlen in dem kühlen, halbdunklen Raum ausgerastet hatte, machte er sich wieder auf, und im Hinausgehen fuhr er noch der seit Hunderten von Jahren unter der schweren Last eines Weihwasserbeckens am Fuße einer der mächtigen Säulen ausharrenden Zwergenfigur mit den Fingern durch die marmornen Locken wie einem Sohn oder jüngeren Bruder.


Daß er das von Pisanello gemalte schöne Wandbild des heiligen Georg über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini angesehen hätte, dafür gibt es nirgends einen Anhaltspunkt. Belegt werden könnte jedoch, daß es Dr. K., als er wieder unter dem Portal an der Schwelle zwischen dem dunklen Innenraum und der Helligkeit draußen stand, einen Augenblick lang vorkam, als sei dort dieselbe Kirche Tor an Tor mit der gebaut, aus der er gerade getreten war, eine Verzweifachung, wie sie ihm aus seinen Träumen bekannt war, in denen auf eine furchterregende Weise alles beständig sich weiter und weiter aufspaltete.








San Giorgio con capello di paglia (Hl. Georg mit Strohhut)
(Schwindel.Gefühle. S. 292f)



Am nächsten Mittag, zurück in London, war
mein erster Weg der in die Nationalgalerie ge-
wesen. Das Pisanello-Bild, das ich sehen wollte,
befand sich nicht an seinem gewohnten Platz,
sondern war wegen Umbauarbeiten in einem
schlecht beleuchteten Raum des Untergeschos-
ses aufgehängt worden, in den nur wenige der
täglich mit einem Ausdruck völliger Verständ-
nislosigkeit die Säle der Galerie durchwandern-
den Besucher hinunterkamen.



Das kleine,
vielleicht 30 mal 50 Zentimeter messende Bild,
das man bedauerlicherweise in einen viel zu
schweren Goldrahmen aus dem letzten Jahr-
hundert eingezwängt hat, ist in der oberen
Hälfte fast ganz ausgefüllt von einer aus
dem Himmelsblau hervorstrahlenden golde-
nen Scheibe, die als Hintergrund dient für
eine Darstellung der Jungfrau mit dem Er-
löserkind.


Darunter zieht sich von einem
Bildrand zum andern ein Saum dunkelgrüner
Baumwipfel. Zur Linken steht der Patron der
Herden, Hirten und Aussätzigen, der hl. Anto-
nius. Er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und
einen weiten erdbraunen Umhang. In der
Hand hält er eine Schelle. Ein zahmer, zum
Zeichen der Ergebenheit ganz an den Boden
geduckter Eber liegt ihm zu Füßen. Mit stren-
gem Blick sieht der Eremit auf die glorreiche
Erscheinung des Ritters,
der ihm gerade gegen-
übergetreten ist und von dem etwas herzbewe-
gend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein gerin-
geltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits
ausgehaucht (?). Die aus weißem Metall geschmie-
dete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich
allen Abendschein. Nicht der geringste Schat-
ten der Schuldhaftigkeit fällt auf das jugend-
liche Gesicht Georgs. Schutzlos sind Nacken
und Hals dem Betrachter preisgegeben.



Das
ganz Besondere aber an diesem Bild ist der
außergewöhnlich schön gearbeitete, weitkrem-
pige und mit einer großen Feder geschmückte
Strohhut, den der Ritter auf dem Kopf hat. Ich
wüßte gern, wie Pisanello auf den Gedanken
gekommen ist, den heiligen Georg ausgerechnet
mit einer solchen, angesichts der Umstände
eigentlich unpassenden, ja geradezu extrava-
ganten Kopfbedeckung auszustaffieren.
San
Giorgio con cappella di paglia — sehr verwunder-
lich, wie vielleicht auch die beiden guten Pferde
sich denken, die dem Ritter über die Schulter blicken.









Madonnenvision des Hl. Antonius und des Hl. Georgs
um 1445, Tempera auf Holz, 47 × 29 cm
National Gallery London
sowie
Pferdekopfstudien



Nachtrag

John Burnside schreibt zum Andenken an W. G. Sebald: "Anselm Kiefer sagt, er lasse sich nicht von großartigen, sondern von banalen Dingen inspirieren, von alltäglichen Fundstücken. Ähnliches schreibt Sebald über Pisanello, einen seiner Lieblingsmaler: Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.
Diese Passage aus „All’estero“, einer Erzählung in „Schwindel. Gefühle“, das mir von all seinen Büchern das liebste ist, könnte als Beschreibung seines eigenen Werks dienen: Jedes Detail erhält nicht nur seine Daseinsberechtigung, sondern ist auch wesentlich für einen Prozess des Lesens, der in unserer Zeit ganz und gar einzigartig ist (Daniel Defoe oder Laurence Sterne hätten ihn wohl sofort verstanden).
Es klingt vielleicht verrückt, aber ich glaube, dieser Prozess ähnelt in gewissem Sinne dem Lesen von Tarotkarten, wenn jede Karte in ihrer Beziehung zu allen aufgelegten Karten neu interpretiert wird - oder wie der alte General in der dritten Erzählung von „Schwindel. Gefühle“ erklärt, dass sich, wenn er es recht überlege, zwischen der Logik des Sandkastens und der Logik des Heeresberichts ... ein weites Feld der undurchsichtigsten Gegebenheiten erstrecke. Kleinigkeiten, die sich unserer Wahrnehmung entziehen, entscheiden alles!
Doch diese Kleinigkeiten - all die wesentlichen Elemente, Hauptdarsteller und Komparsen - verblassen ständig in unserer Erinnerung und in der realen Welt, und das Bild, das sie einmal ergeben, die Geschichte, die sie erzählt haben, verschwindet vor unseren Augen."





Antonio Pisanello

eigentlich Antonio di Puccio Pisano, manchmal Vittore Pisano (1395 - 1455), am Übergang der Spätgotik mit dem Nachklang der höfischen Kultur hin zur Frührenaissance.
1425/26 Mantuaner Hof im Dienst von Herzog Ludovico Gonzaga, weiter in Venedig, Verona, Rom, Ferrara, Rimini, Mailand, Mantua (Palazzo Ducale) und Neapel.
Schafft in in Mantua die Fresken in der sog. 'Sala del Pisanello' mit Szenen von Krieg und Ritterleben aus der Lanzelot-Epik, die meisten seiner zahlreicher Fresken zerstört. Vor allem auch durch seine naturtreuen Tiermalereien bekannt. Berühmter dadurch, dass er als einer der ersten Schaumünzen mit Bildnissen modelliert und in Metall zu gießt.