Biografie, anonym
Der Krieg trieb ihn, seine Mutter und die beiden Brüder weit nach Westen. In einer Universitätsstadt lieferte der Gymnasiast erste Talentproben. Die parodistischen Neigungen des studierten Malers und Germanisten blühten auf, als er Redakteur einer teuflischen Zeitschrift wurde. Mit einigen Gleichgesinnten hob er eine sagenumwobene Heftbeilage aus der Taufe. In Wort und Bild entlarvten sie den täglichen Sprach- und Nachrichtenmüll, immer unterhaltsam, oft mit surrealistischem Witz und mit Gespür für den Volksmund. Als Mitglied einer anspielungsreich benannten Schule der Satire schrieb er überraschende, niveauvolle Gags für einen Komiker. Dann entsagte er mehr und mehr humorigen Reimereien, blieb jedoch der Parodie treu und gewann Ansehen als ernst zu nehmender Lyriker. Er nannte sich bescheiden Handwerker im Steinbruch der Sprache, war wortgewandt und wortwendend wie kaum einer und beherrschte alle traditionellen und modernen Gedichtformen vom Abzählreim bis zum Sonett und zur Terzine. Selbst abgegriffenen Themen wie Entfremdung oder Emanzipation verlieh er in seinen Gedichten überraschende Facetten. Wie ein Chamäleon die Farben, so wechselte er die Sprechweisen, einige seiner Verse sind sprichwörtlich geworden. Er wagte sich auch an Kunststücke wie ein Gedicht aus einsilbigen Wörtern. In seinen späten Werken verband er Wort und Bild, zeichnete Bildgeschichten, fügte Kurzprosa und Gedichte bei und schuf abwechslungsreiche, die Lese- und Schaulust anregende Mixturen.

Geboren 1937 in Reval, Vater Richter, Mutter Chemikerin. 1939 müssen die Deutschbalten aus Estland nach Posen übersiedeln. 1945 Vater gefallen, die Mutter flieht mit den Söhnen Robert, Per und Andreas nach Göttingen.
Robert studiert Malerei und Germanistik. Seit 1964 lebt er als freiberuflicher Maler, Zeichner, Karikaturist und Schriftsteller in Frankfurt am Main.

1965 Heirat mit der Malerin Almut Ullrich (+ 1989), 1972 kauft er in der Toskana ein altes Gebäude, er stirbt 2006.
Bis 1965 Redakteur bei Pardon, wo er die Nonsensbeilage Welt im Spiegel mitbegründet.



Er ghört zur Neuen Frankfurter Schule, deren Publikationsorgan nach der Zeitschrift Pardon das Satiremagazin Titanic ist. Co-Autor diverser Otto-Shows, gibt dessen Bücher heraus und schreibt für ihn Drehbücher.

Sein Werk entwickelt sich von Nonsens-Versen und humoristischen Formen der 1960er und 1970er Jahre zu einer vielseitigen Lyrik weiter. Die Begleitumstände seiner Herzoperation verarbeitet Gernhardt in dem aus 100 reimlosen Siebenzeilern bestehenden Gedichtszyklus "Herz in Not".

Herrn Gernhardt geschieht,
was Herrn Attat geschehn ist.
Grad wird Herr Attat
extubiert. Befremdet
lauscht Herr Gernhardt den Lauten,
die er gleich ausstoßen wird.



Als ich den Freund,
der selbst gerne kränkelte,
anrief und ihm
auch von meinem
Herzstillstand berichtete,
fragte der gekränkt:
"Was ist? Willst jetzt angeben?"


Auch über seinen Kampf mit dem Krebs ab 2002 verfasst er Gedichte.



Ein Vater spricht

Immer wenn ich Hause komm,
dreht es mir den Magen um.
Lieselott ist müdelein,
will jedoch nicht Betti gehn.
Peterle ist ogilafen,
muss ganz nötig lingelang.
Franzmann schreit, sein Hoppedie
habe hoppeheiter macht.
Grausend wend ich mich zur Kneipe
ata ata, tinki tinki.




Robert-Gernhardt-Bücke, mit dem vom Dichter gezeichneten Grüngürteltier (Anspielung auf den Grüngürtel um Frankfurt)