Slowenische Fragen
Massengräber
Milovan Đjilas

Eine gespaltene Nation


Wer von Zagreb kommend die kroatisch-slowenische Grenze passiert, glaubt, schon in Österreich zu sein. Gepflegte Dörfer machen einen wohlhabenden Eindruck, Ljubljana ist eine quirlige Haupt- und Großstadt, Slowenien der wirtschaftlich erfolgreichste Staat Ex-Jugoslawiens, seit 2004 Mitglied der EU. Die prachtvollen Häuser im früheren Laibach sind komplett restauriert. Die wunderschöne Dreierbrücke, die beide Teile verbindet, den Fluss aber sichtbar bleiben lässt, ist der Mittelpunkt. Man sieht das Schloss, das auf einem Berg über der Stadt thront. Mehr als 60.000 Studenten studieren hier, erhalten die Hauptstadt Sloweniens jung. Ein Land der Seligen, ohne große Probleme?

Nahe der E 70, kurz nach der kroatisch-slowenischen Grenze liegt das Dorf Mostec.

Seit Jahrzehnten erzählen die Älteren davon: Von Mai bis Oktober 1945 seien Kolonnen von Kriegsgefangenen und Zivilisten durch ihr Dorf in Richtung des nahen Panzergrabens am Save-Ufer getrieben worden. Nächtens habe man von dort MG-Salven gehört. Den 186 Meter langen, vier Meter breiten und zwei Meter tiefen Graben haben deutsche Verteidiger gezogen.

Dort liegen mindestens 10.000 Skelette. Wohl das größte Massengrab in Slowenien aus den Folgemonaten nach WK II.
Mit großer Grausamkeit haben Kroatiens faschistisches Ustaša-Regime sowie deutsche, italienische und serbische Tschetnik-Truppen im Krieg Juden, Roma und oppositionelle Serben bekämpft.
Ethnisch hatten die Slowenen ein typisch balkanisches Schicksal – sie lebten über lange Perioden in fremden Ländern (Italien, Österreich, Ungarn) und unter fremden Herrschaften. Solange die fremde Herrschaft ihnen eine gewisse kulturelle Autonomie beließ, fanden sie sich mit ihr ab.

Der NS-Politiker


Friedrich Rainer (1903-1947)

aus Kärnten, von dem man raunte, er habe das Zeug dazu, Nachfolger Hitlers zu werden, startete sein Germanisierungsprogramm der Slowenen (der "Windischen") mit gewalttätigen Mitteln. Als Reichsstatthalter und Chef der Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten und der "Operationszone Adriatisches Küstenland" ging er wie folgt vor:
Verbot der slowenischen Sprache in der Öffentlichkeit, Verbot slowenischer Vereine und Büchereien, Eindeutschung slowenischer Namen, Deportationen von Slowenen. Sie sind aber ein Fehlschlag:
Bis April 1942 hat er eine Liste von 1.400 slowenischen Irredentisten zusammengestellt, die dann in aller Eile ins Reichsinnere gebracht wurden. Folge: Wütendste Kritik u.a. von deutschen Heerführern in Norwegen, die um die Kampfmoral ihrer "windischen" Soldaten fürchteten.
Rainer wird vorsichtiger und betreibt die Germanisierung in regionaler Abstufung.
Nach 1943 verbleiben die vormals italienischen Regionen Ljubljana, Istrien, Triest, Görz und Friaul unter italienischer Jurisdiktion, aber real sind sie fest in deutscher Hand, und zwar so, dass die dort lebenden Slowenen, Kroaten und Italiener möglichst wenig Grund zur Klage hatten. Die angedachte Restitution des mittelalterlichen Herzogtums Krain verbot Hitler ihm.
1943 will Rainer die Bekämpfung der Partisanen und die Befriedung der Slowenen kombinieren. Dafür braucht er die slowenischen Klerikalen.

Rainer knüpft Kontakte zum slowenischen Bischof Gregorij Rožman, der holt den ex-Habsburger und ex-jugoslawischen General Leon Rupnik (1880-1946) mit an Bord und zu beiden gesellt sich SS-General Erwin Rösener (1902-1946), Chef der SS-Division "Alpenland".
Zur Kooperation gehört die SS-Karstwehr, die sich später einen Namen als wohl brutalste SS-Einheit überhaupt macht. Die "Domobranzen", mit zeitweilig 13.000 Mann eine beachtliche Größe, sind Hilfstruppe der SS gegen die Partisanen.
1945 warnt die britische Regierung die slowenischen Domobranzen, den Kampf auf Seiten der Deutschen gegen die Partisanen und die Alliierten fortzusetzen - vergeblich.
Tito erlässt eine Amnestie, die auch die slowenische SD einbezog, sofern sich deren Kämpfer bis zum 15. Januar 1945 stellten. Auch dieses Angebot wird größtenteils überhört, woraufhin Deutsche und Slowenen in den abschließenden Kampfhandlungen schwere Verluste erleiden. Ende Mai 1945 ist Tito in Slowenien: Alle Verräter müssen die "Rachehand unseres Volkes" zu spüren bekommen.
Der slowenische Bischof und Kollaborateur der Deutschen Rožman, der sich von Klagenfurt und Bern aus erfolgreich bemüht, auf dem Schwarzen Markt Millionen zu verdienen und damit ehemaligen SS-Angehörigen zur Flucht nach Südamerika zu verhelfen, stirbt unbehelligt 1959 in Cleveland (Ohio).
General Rupnik flieht nach Österreich, wird an Jugoslawien ausgeliefert, zum Tode verurteilt und am 4. September 1946 hingerichtet. Gauleiter Rainer steht 1947 in Ljubljana vor Gericht und wird offiziell am 19. Juli hingerichtet (tatsächlich soll er mindestens bis 1950, eventuell sogar bis 1952 gelebt und für die jugoslawische Geheimpolizei seine Memoiren geschrieben haben).

Kroaten, Slowenen und Deutsche fliehen gen Österreich oder Italien, werden aber meist bei Kämpfen getötet oder gefangen. In langen Märschen stapfen die Gefangenen der Partisanen oft direkt in den Tod. Mehr als 600 Massengräber soll es geben, in Kroatien über 800.
Im Massengrab von Mostec liegen vermutlich vor allem Kroaten und Slowenen. Neben Ustaša-Soldaten fanden sich mit Draht gefesselte Skelette von Zivilisten, möglicherweise auch Soldaten der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division "Prinz Eugen", die vor allem aus in Südosteuropa rekrutierten Volksdeutschen bestand und viele schwere Kriegsverbrechen beging.
Die Diskussion über die Rachemorde slowenischer Partisanen an Kollaborateuren spaltet die Gesellschaft. Die Partisanenbewegung genießt bei der Mehrheit der slowenischen Bevölkerung große Sympathien - nicht umsonst prangt das Bild des kommunistischen Partisanenführers Franc Rozman, genannt Stane, auf ihrer 2-€-Münze im fünfzackigen "Tito-Stern".

Daran ändern auch die Massengräber in ganz Jugoslawien nichts.
Umfragen zu diesen "außergerichtlichen Tötungen" zeigen, dass etwa drei Viertel der slowenischen Bevölkerung meinen, dass es sich hierbei um keine besonders gravierenden Probleme handele, zumindest nicht im Vergleich mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Ein Viertel der Slowenen äußert Sympathien für die getöteten Soldaten der Kollaborateure der "Slowenischen Heimwehr", den "Domobranci". So gut wie jede Familie zählt nämlich entweder zu den Nachfahren der Domobranci oder der Partisanen.
Direkt nach Kriegsende töten Spezialeinheiten der slowenischen und jugoslawischen Partisanenarmee - ohne Gerichtsverfahren - über 17.000 slowenische Domobranci, über 50.000 kroatische Ustaša-Soldaten und königstreue Tschetniks als Nazikollaborateure.
Eine etwa 1,5m hohe Schicht von Schädeln und Knochen füllt einen 186 Meter langen und vier Meter breiten Graben nahe der Save. Kleiderreste findet man in dem Panzergraben nicht. Die Gefangenen mussten ihre Kleider ausziehen, wurden mit Telefondrähten aneinandergebunden, erschossen und in den Graben geworfen. Dokumente, die Auskunft über den Hergang des Verbrechens und die Identität der Opfer geben könnten, gibt es bis jetzt nicht.

Ustaša ist ein 1929 gegründeter kroatischer rechtsextrem-terroristischer Geheimbund, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelt. Bis 1941 gibt es etwa 4.000 Ustaschen, die sich aus Studenten, Professoren, Schriftstellern, Juristen, ehemaligen k. u. k. Offizieren, Mitgliedern katholischer Vereinigungen und Angehörigen sozialer Randgruppen rekrutieren. Ab April 1941 unterstützen die Achsenmächte im neugegründeten Unabhängigen Staat Kroatien (NDH) die Organisation, die eine totalitäre Diktatur im Wesentlichen auf dem Gebiet des heutigen Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina errichtet und für den Genozid an verschiedenen ethnischen Gruppen, besonders an Serben, Juden und Roma, und die Ermordung zahlreicher politischer Oppositioneller verantwortlich ist.
Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Ustaša ist ambivalent. Viele Geistliche sympathisieren mit der Idee eines kroatischen Staates. Nationalistisch eingestellte Kleriker kooperieren ("Klerikalfaschismus"), sind jedoch die Minderheit, einige Geistliche protestieren gegen deren Verbrechen. Die Illustrierte Zeitung Leipzig zitiert 1941 Pavelic, den Gründer der Ustaša:
Der unabhängige Staat Kroatien wird nach den Grundsätzen der Ustaschen-Bewegung aufgebaut. Ihre Prinzipien stehen in allen wichtigen nationalen und staatlichen Fragen in vollkommenem Einklang mit der nationalsozialistischen Ideologie, angewandt auf den sozialen Charakter der breiten kroatischen Volksschichten, besonders des kroatischen Bauerntums. Rasse, unbeschränkte Staatsautorität, gelenkte Wirtschaft zwecks größter Produktion, besonders der landwirtschaftlichen Erzeugung, soldatischer Geist im Sinne der traditionellen Eigenschaften des Volkes, die Arbeit als Grundlage jeden Wertes, Verantwortungsbewußtsein und Pflichtgefühl jedes Einzelnen: das sind die Prinzipien, die im Ustaschen-Kroatien überall zu regieren beginnen. Ein solches Kroatien tritt in die neue Ordnung ein, um ein würdiger und nützlicher Mitarbeiter des Großdeutschen Reiches unter dem Führer Adolf Hitler im Krieg und Frieden zu sein.

Im Zweiten Weltkrieg prägt die deutsche Besatzungsmacht den Sammelbegriff Tschetniks für mehrere volkstümliche und überwiegend antikommunistische serbische Milizen.
Bereits Ende 1943 stellt das oberste Gremium der Partisanenbewegung, der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens, durch die Einrichtung einer Staatskommission zur Ermittlung von Kriegsverbrechern und ihrer Helfer die Weichen für die Bestrafungs- und Vertreibungsaktionen nach der Befreiung.

Im Mai 1945 erklärt Tito in Ljubljana vor einer großen Menschenmenge, dass jegliche Verräter "nie wieder unsere herrlichen Berge und unsere blühenden Felder erblicken" würden. Am selben Tag schreibt der Schriftsteller Tone Seliškar: "Wir haben die Rache als Programm und Inhalt mit Blut in unsere Herzen eingebrannt, um diese Gesellschaft von Verrätern und Henkern zu vernichten und zu zerschmettern."
Britische Truppen internieren nach den letzten Kämpfen am 15. Mai 1945 in Viktring und Bleiburg in Kärnten über 70.000 Menschen, darunter rund 11.000 Domobranci aus Slowenien, 50.000 Ustaša-Kämpfer, Tschetniks und Kosaken, die auf der Seite von Nazi-Deutschland gekämpft hatten und mit den Deutschen seit Anfang Mai Richtung Norden geflohen sind. Eine Woche später übergibt die britische Militärführung die Kriegsgefangenen jugoslawischer Staatsangehörigkeit den Truppen Titos. Abgesehen von den Minderjährigen exekutieren Spezialeinheiten der slowenischen und jugoslawischen Partisanenarmee die meisten Domobranci und kroatischen Ustaša-Kämpfer ohne Prozess. Zu den Opfern der Abrechnung mit den Kollaborateuren gehören auch Angehörige der deutschen Minderheit.
Bis 1991 ist die Erinnerung an die getöteten Domobranci ein Tabu. Nichts sollte mehr an die Gräber dieser "Verräter" erinnern. Die "Gräber der Feinde", so die politische Anweisung, seien umzupflügen und Gras darüber zu säen, damit niemand jemals erfahre, wo sie liegen. 1990 kommt es zu einem gemeinsamen Festakt an den Massengräbern der Domobranci, den Milan Kucan, der ehemalige Generalsekretär des Bundes der Kommunisten und gewählter slowenische Staatspräsident, zusammen mit dem Erzbischof von Ljubljana inszeniert.
In Westeuropa wird, mit Ausnahme von Österreich, kaum darüber berichtet.

2004 wird eine Regierungskommission für verheimlichte Massengräber unter Leitung des Historikers


Jože Dežman

eingerichtet, die bis heute über 600 Hinrichtungsorte lokalisierte und Exhumierungen vornahm.
Dežman spricht öffentlich von slowenischen »Killing Fields« und fordert »eine wirkliche Aufarbeitung. Die slowenische Gesellschaft ist geteilt, es steht wohl 50 zu 50 für und gegen eine offene Aufarbeitung des Themas«, urteilt er 2007. »Aber wir nähern uns langsam der internationalen Haltung zum Kommunismus. Und diejenigen, die dieses Großverbrechen zu verantworten haben, müssen jetzt überlegen, wie man sich für die Massaker entschuldigen kann.«
Ab 2008 wird Slowenien zunächst wieder von der ehemals kommunistischen Linken die regiert. Sie lösen die Kommission für die Gräber auf und Dežman wird - auch als Chef des zeitgeschichtlichen Museums in Ljubljana - abgelöst.
Haben sich die Hoffnungen auf eine selbstkritische Aufarbeitung der slowenischen Geschichte erfüllt?

Nach wie vor stehen sich zwei Positionen gegenüber:
Der Partisanenverband und die politische Linke betonen die Legitimität des bewaffneten Widerstandes für die Befreiung Sloweniens: »Die Partisanen leisteten legitimerweise bewaffneten Widerstand gegen die Okkupanten und deren Helfershelfer. Diese lösten, indem sie sich von den Besatzern bewaffnen ließen und gegen Partisanen und Alliierte kämpften, den slowenischen Bürgerkrieg aus.«
Der Verband hat sich zwar eindeutig von den »außergerichtlichen, ungesetzlichen und verbrecherischen« Massentötungen nach dem Zweiten Weltkrieg distanziert. »Wir verurteilen dieses Verbrechen. Die Tötungen standen in diametralem Widerspruch zu den Werten des Volksbefreiungskampfs.« Zur Entschuldigung der Partisanen aber wird ausgeführt, dass die Tötungen nach dem Krieg erfolgt seien, als die slowenische Partisanenarmee bereits in der jugoslawischen Armee aufgegangen war.
Sieht so eine substantielle Übernahme der politischen Verantwortung für die Verbrechen nach 70 Jahren aus?
Und die katholische Kirche und die politische Rechte?
Sie nutzen das späte Schuldeingeständnis dazu, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges umzuinterpretieren und die Kollaboration der Domobranci und der katholischen Führer als patriotische Tat zu entschuldigen. Die Domobranci hätten nicht kollaboriert, sondern als antikommunistische Kämpfer die Interessen der Nation verteidigt. Viele unschuldige Leben wären verschont geblieben, hätte es die slowenische Partisanenbewegung nicht gegeben. Mehr noch: Der Kommunismus wird als Sache von »Geisteskranken« pathologisiert und als »der slowenischen Nation wesensfremd« bezeichnet.
Offensiver Geschichtsrevisionismus?

Ist es angmessen, den Kampf gegen die deutschen und italienischen Faschisten, bei dem mehr als 27.000 slowenische Partisanen ums Leben kamen, so zu deuten?
Wäre nicht eine Erinnerung angemessen, »die bewusst macht, wer das Land widerrechtlich angegriffen, aufgeteilt und besetzt, wer die Bevölkerung einer rassistischen Musterung, Deportationen und Geiselerschießungen ausgesetzt hat? Eine ganzheitliche Erinnerung hat aber auch den Widerspruch auszuhalten, dass dieselbe Befreiungsfront, die dank ihrer Disziplin und Entschlossenheit zur Befreiung und Vereinigung Sloweniens beigetragen hat, mit eben dieser Härte nach Kriegsende einen mörderischen Kampf gegen ihre innenpolitischen Gegner geführt hat.« So der Marburger Historiker Joachim Hösler.
Ist der Laibacher Janez Janša, geboren 1958, und zwei Mal Ministerpräsident Sloweniens (2004–2008 und 2012–2013) ein Exempel für die Spaltung der slowenischen Gesellschaft?

In den 1980er Jahren ist Janša in der kommunistischen Jugendorganisation seiner Heimat aktiv, in deren Zeitschrift er kritische Artikel veröffentlicht. 1988 wird er im "Laibacher Prozess" als Dissident verfolgt.
Und am 20. Juni 2014 muss Janša eine zweijährige Haft antreten, zu der er wegen Korruption verurteilt wurde. Der Verfassungsgerichtshof hebt die Entscheidung im Dezember 2014 auf.
Es ging um den Kauf von Radpanzern bei der finnischen Firma Patria im Wert von 278 Millionen € im Jahr 2006. Janša - damals Minsterpräsident - soll in die Patria-Schmiergeldaffäre (Beschaffung von 135 Radpanzern des Typs Patria AMV aus Finnland für die slowenische Armee) verwickelt gewesen sein.
Sind nirgends - außer vielleicht in Rumänien - die alten kommunistischen Seilschaften so ungebrochen einflussreich wie in Slowenien? Sie sollen die meisten Medien und die noch immer dominierende Staatswirtschaft kontrollieren. In der Politik scheinen immer wieder dieselben Namen in verschiedenen parteipolitischen Konstellationen aufzutauchen.
Ein Blogger nennt sein Land "failed democracy" ...
Dies alles zeigt aber auch, dass es sich nicht um eine isolierte slowenische, auch keine jugoslawische Geschichte, sondern um unsere gemeinsame europäische Geschichte handelt. Nur wenn Europa endlich auch die Geschichte der kommunistischen Verbrechen der Nachkriegszeit aufarbeitet, wird die europäische Vereinigung gelingen.
Oder ist der Brexit schon das erste Anzeichen für ein Misslingen?

Im mittelenglischen Great Missenden zelebrieren der Erzbischof von Laibach, der katholische Bischof von Northampton und der anglikanische Bischof von Buckingham einen ökumenischen Gottesdienst für die 12.000 Slowenen, die die Briten in Kärnten den jugoslawischen Partisanen überstellten, wohl wissend, welches Schicksal ihnen bevorstand. Bis heute hat keine britische Regierung dieses Verbrechen unmissverständlich verurteilt. (Charles Crawford, ehemaliger britischer Diplomat, verglich das britische Verhalten mit dem Russlands gegenüber Katyn - Moskau leugnete die dort an Tausenden Polen begangenen Verbrechen lange oder spielte sie herunter)

Als die Völker Jugoslawiens in erbitterten Trennungskriegen übereinander herfielen, bedachten ihre Führer eines nicht: dass sie nach nicht einmal zwei Dekaden nationaler Souveränität wieder gemeinsam unter einem Dach leben könnten - als Mitglieder der Europäischen Union. Slowenien ist seit 2004 Mitglied des europäischen Clubs, Kroatien seit 2013, Bosnien, Montenegro und Serbien wollen bald folgen.

Ein weiterer Kronzeuge für die verwickelte jugoslawische Geschichte: Titos Erzfeind


Milovan Đjilas

Urbild eines kommunistischen Dissidenten. Aber auch er beteiligte sich an der blutigen Abrechnung mit politischen Gegnern.
Der serbische, an der Universität von Texas lehrenede Historiker Danilo Udovicki-Selb beschuldigt Titos einstigen Weggefährten, selbst zugegeben zu haben, als Partisanenführer auch katholische Priester ermordet zu haben. Nach Protesten des Đjilas-Sohns Aleksa, der darin eine böswillige Verleumdung seines Vaters sieht, erklärte sich der Verlag bereit, die bereits gedruckten 500 Exemplare der serbischen Ausgabe zu vernichten.
Đjilas, 1911 in Montenegro geboren, hat seine Härte im Partisanenkampf nie geleugnet, im Gegenteil, sie war Teil seines Mythos. Sie gehört zum Bild eines Kommunisten, der sich stets treu blieb, auch wenn ihn das Macht und Privilegien kosten würde.

Denn mit seiner späteren Rebellion gegen Titos Hang zu opulentem Pharaonenleben und seiner gnadenlosen Entlarvung des totalitären Alltags im real existierenden Kommunismus, kommt es 1954 zum Bruch zwischen den beiden Volkshelden. Đjilas verliert seine Ämter, verbringt insgesamt neun Jahre im Gefängnis. Sein Buch "Die Neue Klasse" rechnet die "New York Times" zu den wichtigsten Büchern des 20. Jahrhunderts; lange vor Alexander Solschenyzin und Andrej Sacharow gilt Đjilas im Westen als Inbegriff des kommunistischen Dissidenten.
Nun ein Kriegsverbrecher?
Tito soll bosnischen Genossen gestanden haben, dass ihm gegraut habe "vor den brutalen Tötungsmethoden des Kommandeurs Đjilas". Sein einstiger Freund sei ein Schurke gewesen, der im Ausland als Märtyrer gefeiert werde und in Deutschland Bücher veröffentlicht habe, welche die kommunistische Bewegung besudelten. Dabei habe er im Partisanenkrieg seine Opfer wahllos von hinten erschossen. Auch er, Tito, wäre beinahe zu einem Opfer von Đjilas geworden, eine Kugel aus dessen Gewehr hätte seinen Kopf nur knapp verfehlt.
Ist Tito ein zuverlässiger Zeuge gegen Partisanenkommandeur Đjilas?
Wohin es unter Miro Cerar geht, Juraprofessor, seit 2014 Ministerpräsident Sloweniens (Wahlbeteiligung ca. 40%!), Sohn der der Generalstaatsanwältin und früheren Justizministerin und eines Kunstturners, weiß niemand.
In postkommunistischen Gesellschaften sind Dissidenten das verkörperte schlechte Gewissen der Mehrheit, denn sie halten ihr das eigene Mitläufertum vor Augen. Da tut es gut, wenn ein Held wie Milovan Đjilas zum Priestermörder schrumpft.

Slowenien gilt - kein Mensch weiß, warum - als EU-Musterland.
20.273 km², 2 Mio. Einwohner und einstiger Industriegigant, ist von seinen bosnischen und montenegrinischen Rohstoffquellen abgeschnitten (und seiner Milliardenaufträge seitens der „Jugoslawischen Volksarmee“ entblößt.) Slowenien stellte sich auf Nahrungsmittelindustrie, Dienstleistungen und Tourismus um, was offenkundig so gut gelang, dass es ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 24.020 Dollar erwirtschaftet, über zwanzigmal mehr als das Kosovo. Wenn man den Standard der gesamten EU gleich 100 nimmt, dann steht Slowenien bei 88.
Andererseits zieht Slowenien die EU in seine Probleme und Konflikte, die es mit Nachbarn hat und austrägt. Mit Kroatien streitet es sich seit anderthalb Jahrzehnten um das


Atomkraftwerk Krško

ein Gemeinschaftsunternehmen auf slowenischem Territorium -, das ungeachtet aller Sanierungs- und Nachrüstungsbemühungen noch nie die erwartete Leistung brachte, um die angeblichen oder realen Diebstähle von 60 Millionen Devisen, die die Bank von Ljubljana beim Zerbrechen Jugoslawiens begangen haben soll, und um die Abgrenzung der kroatischen und slowenischen Territorialgewässer in der Adria.
Ein weiteres Problem sind die "izbrišani" (die Ausgelöschten), rund 30.000 Serben, die Slowenien in den frühen 1990-er Jahren hinauswarf, weil sie keine Staatsbürger Sloweniens werden wollten. Sie verloren Arbeitsplätze, Wohnungen, Rentenansprüche etc., haben auch ein höchstrichterliches Urteil zu ihren Gunsten, aber das hilft ihnen gar nichts: Slowenien gefällt sich in seiner antibalkanischen Attitüde, was von der EU billigend in Kauf genommen wird.

Siehe auch
und
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