Innerhalb der deutschen Grenze
wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr,
mit oder ohne Vieh erschossen,
ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf,
treibe sie zu ihrem Volk zurück,
oder lasse auf sie schießen.
Das sind meine Worte an das Volk der Herero.
Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers



"Der Schlächter"

Ströme von Blut

2004 laden Mitglieder der Familie von Trotha Alfons Maharero, einen Hererohäuptling und Nachfahren Samuel Mahareros, nach Deutschland ein. Sie entschuldigen sich öffentlich für Lothar von Trothas Taten und bitten um Vergebung.

Wofür?

Am 4. September 2009 gegen 2 Uhr Ortszeit töten Bomben auf eine Menschenmenge (Zvilisten) im afghanischen Kunduz etwa 140 Menschen und verletzen eine unbekannte Zahl von Opfern. Das Massaker befiehlt ein deutscher Oberst.


Grauenvolle Tradition militärischer Verbrechen im Auftrag und Interesse der herrschenden deutschen Klasse in fremden Ländern?

Die imperialistische Politik Deutschlands hat eine lange Geschichte. Getrieben von der Konkurrenz um neue Rohstoffquellen, neue Märkte und Eroberung geostrategischer Regionen: Immer wieder schicken unsere Politiker deutsches Militär mit verbrecherischen Folgen in ferne Länder; oft mit der Begründung, eine bestimmte Weltregion „befrieden" oder "unsere Freiheit verteidigen" zu wollen. Und immer wieder sind diese Ziele nur ein anderes Wort für Unterdrückung und Niederschlagung von Aufständen gegen Fremdherrschaft und für Selbstbestimmung.

Wo immer deutsches Militär zu Einsätzen in fremde Länder zieht, gibt es Kolonial-, Eroberungs- und Vernichtungskriege - bis hin zu Völkermorden. Die Niederschlagung der Aufstände geschieht mit brutalsten Mitteln: Massaker, Brandschatzung, Vertreibung, Vergewaltigung, Mord, Kindesmord, Versklavung, Folter, Peitsche, Hunger, Zwangsarbeit. Grusiger Höhepunkt: Der Völkermord an den europäischen Juden.

Nach den Aufständen der Nama, Swartboi, Grootfonteiner, Bondelswarts, dem gemeinsamen Volksaufstand der Herero gegen die koloniale Besatzung, gipfelt die Niederschlagung in einem Völkermord - dem ersten des 20. Jahrhunderts.

Die Aufstände richteten sich gegen die Vertreibung durch deutsche Siedler, gegen Handelswucher und Zerstörung der regional und kulturell üblichen Handels- und Lebensweise. Beim Bau der Eisenbahnlinie für den Abtransport von Kupfererz aus dem Landesinneren zum Hafen durch die Deutschen kommt es zu weiteren Vertreibungen.

Hereros und Nama entscheiden sich zu organisiertem Aufstand. Ab Januar 1904 erheben sie sich zum Befreiungskrieg und bringen der völlig überraschten und mit 800 Mann unterbesetzten "Deutschen Schutztruppe" erhebliche Verluste bei. In wenigen Wochen fallen mehr als 100 deutsche Soldaten und Siedler dem Aufstand zum Opfer.

Speziell für diese Fälle unterhielt das Deutsche Reich eine schnelle Eingreiftruppe, um sie in den weltweiten Kolonien und Interessengebieten Deutschlands flexibel militärisch einzusetzen: das Marineexpeditionskorps. (Ähnliche "schnelle Eingreiftruppen" wurden in den letzten Jahren auf europäischer und nationaler Ebene aufgebaut. Wieder, um Widerstand gegen Fremdbestimmung, Raub und Knechtschaft in aller Welt schnell niederschlagen zu können.)
Verstärkt durch das Marineexpeditionskorps und durch eine Aufstockung der “Schutztruppe“ übernimmt Generalleutnant von Trotha - genannt "der Schlächter" - die Führung der Aufstandsbekämpfung. Im August 1904 zerschlägt er die Aufstandsarmee der Herero. Der größte Teil der Hereros flieht in die fast wasserlose Omaheke-Wüste. Von Trotha lässt diese durch seine Truppen abriegeln und die Flüchtlinge von den wenigen dort existenten Wasserstellen (die seine Truppen vergiften) verjagen, so dass Tausende Hereros mitsamt ihren Familien und Rinderherden verdursten und sterben.

Die Herero flohen nun weiter vor uns in das Sandfeld. Immer wiederholte sich das schreckliche Schauspiel. Mit fieberhafter Eile hatten die Männer daran gearbeitet, Brunnen zu erschliessen, aber das Wasser ward immer spärlicher, die Wasserstellen seltener. Sie flohen von einer zur andern und verloren fast alles Vieh und sehr viele Menschen. Das Volk schrumpfte auf spärliche Reste zusammen ...
Kranke und hilflose Männer, Weiber und Kinder, die vor Erschöpfung zusammengebrochen waren, lagen, vor Durst schmachtend, in Massen hingekauert seitwärts im Busch, willenlos und halb blöd ihr Schicksal erwartend.

... wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur des eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.

Von Trotha hat das ganze Volk zu Feinden erkärt.
Zu Beginn des Aufstandes 1904 gab es eine Herero-Bevölkerung von mehr als 100.000 Menschen. Etwa 1.500 überlebten den Völkermord, unter ihnen ihr Häuptling Samuel Maharero, der mit ihnen durch die Wüste ins heutige Botswana entkommen konnte. Der deutsche Gouverneur der Kolonie, Leutwein, verhinderte die Ermordung der restlichen Herero-Bevölkerung, weil man dringend Arbeiter brauche. Die Deutschen deportieren aber viele überlebende Herero und Nama in KZs, wo annähernd jeder zweite Insasse stirbt. Trotz dieser Massenmorde und Verbrechen durften auch nach der Befreiung Namibias viele Nachfahren deutscher Kolonialherren im Lande bleiben.

Zum 100. Jahrestag des Aufstands schickt die Bundesregierung mit Bundesentwicklungs-hilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul eine Politikerin aus der zweiten Reihe, die zwar an der Gedenkfeier teilnimmt und sich zur politischen und moralischen Verantwortung Deutschlands bekennt, Entschädigungszahlungen aber ausschließt.

Die HPRC (Herero People's Reparations Corporation) fordert seit der Unabhängigkeit des Landes zwei Milliarden Dollar Entschädigung für die Kolonialverbrechen – bis heute vergeblich.
Die Familie des preußischen Militärs Generalleutnant von Trotha reist nach Namibia, sie wird mit Todesdrohungen konfrontiert. Die Worte des Kuaima Riruako vor dem Besuch der Deutschen sind ummissverständlich. "Wenn sie Orte besuchen, an denen sie Leute von uns getötet haben, könnte es sein, dass sie diese Stellen nicht lebend verlassen", verkündet der Herero-Führer im namibischen Rundfunk.

Die elf Mitglieder der Adelsfamilie lassen sich von ihrem Vorhaben dennoch nicht abbringen: Sich vor Ort zu entschuldigen für das, was ihr Ahne vor mehr als einhundert Jahren in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika zu verantworten hatte.
Thilo von Trotha: "Wir schämen uns für die fürchterlichen Ereignisse, die sich vor einem Jahrhundert in Namibia abgespielt haben." Selbst Träger dieses Familiennamens, die keine direkten Nachfahren des Generals seien, hätten sich der Reisegruppe angeschlossen, da auch sie den Aufruf zum Dialog unterstützten.

Die Trothas nehmen an der jährlichen Gedenkfeier der Herero in Omaruru, rund 250 Kilometer westlich der Hauptstadt Windhoek, teil. Ein Dutzend Polizisten und zwei Polizeifahrzeuge begleiten den elfköpfigen Trotha-Tross während des gesamten Aufenthalts.

Arte zeigt zu diesem Thema eine Dokumenatation: "Unter Herrenmenschen". Vekuii Rukoro, traditioneller Führer der Herero, kommentiert, was der deutsche Kolonialismus in Namibia bedeutet hat und spricht über die Folgen bis heute.
Die unrühmliche Geschichte des deutschen Kolonialismus in Namibia hat gut 30 Jahre gedauert und das ganze Land radikal verändert.
Swakopmund an der Küste des Atlantiks ist eine hübsche Stadt, die 1892 von deutschen Kolonisten gegründet wurde. Vor dem Stadthaus steht ein Marinedenkmal, das an die früher dort stationierten deutschen Soldaten erinnern soll und für einige heutige Stadtvertreter und Bürger die reinste Provokation darstellt. Sie fordern die Rückgabe an Deutschland. Das mag ein symbolischer Akt sein, doch er ist offenbar genauso wichtig wie die Frage, ob die Ursachen der Armut im Stadtteil Mondesa auf die frühere Kolonialzeit zurückzuführen sind. Der Film reflektiert die Vergangenheit samt ihrer Folgen, die bis heute reichen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen die Bevölkerung und der Bedarf an Lebensmitteln in Europa rasant, da schien Afrika wie gerufen, um sich dort ungeniert breit zu machen - zudem lockten viele Rohstoffe, billige Arbeitskräfte und reichlich Platz für Siedler. Nachdem England, Frankreich, Italien und Portugal sich bereits bedient hatten, stieg auch Deutschland zur Kolonialmacht auf, in Ostafrika, Kamerun, Togo und Deutsch-Südwest (das heutige Namibia). Die rasch voranschreitende Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Bevölkerung hat die Gesellschaft dort geprägt, was im Film insbesondere durch kurze Lesungen aus alten Briefen deutlich wird. Die Autorin Christel Fromm zeigt, dass Zehntausende in Namibia unter Entwürdigung, Entrechtung und Enteignung litten. Nachfahren tun es noch heute. Das Oberhaupt der Herero, Vekuii Rukoro, erklärt im Film:
"Es gibt immer noch Hunger nach Land. Diejenigen, die von ihrem Land und Besitz vertrieben worden sind, haben sich bis heute nicht davon erholt. Dieser Verlust hat dazu geführt, dass ganze Generationen für mehr als hundert Jahre ruiniert worden sind".

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