Theodor Körner: Superstar

Freiheitskämpfer, Kriegsheld, arische Lichtgestalt
Vorbild für DDR-Soldaten, deutsche Leitfigur

Seine Stilisierung steht nicht von Anfang an für Nationalismus und Militarismus. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominieren liberale und demokratische Deutungen. Wie kaum eine andere historische Erzählung spiegelt die Körner-Legende die deutsche Geschichte der letzten 200 Jahre wider - bis in unsere Tage.



Nun, Volk steh auf und Sturm brich los!

So dröhnt Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 vor Tausenden Zuhörern in Berlin. In diesem Zitat gipfelt seine berüchtigte "Sportpalastrede" - der promovierte Germanist Goebbels weiß natürlich, dass die allermeisten in der Halle das Zitat kennen. Es stammt aus Theodor Körners Gedicht "Männer und Buben". Der Propagandaminister mobilisiert für den "totalen Krieg", fordert von der deutschen Bevölkerung "große Heldenopfer". Da dienen Lyrik und Leben des Theodor Körner als ideales Beispiel.

Wer ist dieser Mann mit einer der bizarrsten "Karrieren" der deutschen Kulturgeschichte, der zum nationalen Opferhelden schlechthin avancierte, die "Idealfigur des deutschen Jünglings" bildet, der sein Leben begeistert dem Vaterland hingibt?







1813 beherrscht Napoleon große Teile des europäischen Kontinents.
Nach seiner Niederlage im Russlandfeldzug schließen Russland, Preußen, Österreich und andere Staaten sich erneut zusammen.




Durch die strengste Erfüllung eingegangener Verbindlichkeiten hoffte Ich Meinem Volk Erleichterung zu bereiten, und den französischen Kaiser endlich überzeugen, dass es sein eigener Vortheil sey, Preußen seine Unabhängigkeit zu lassen. Aber Meine reinsten Absichten wurden durch Übermuth und Treulosigkeit vereitelt, und nur zu deutlich sahen wir, dass des Kaisers Verträge mehr noch wie seine Kriege uns langsam verderben mußten.
Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo alle Täuschung über unsern Zustand aufhört. –
Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litthauer! Ihr wißt, was Ihr seit fast sieben Jahren erduldet habt; Ihr wißt, was euer trauriges Loos ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erinnert Euch an die Vorzeit, an den großen Kurfürsten, den großen Friedrich. Bleibt eingedenk der Güter, die unter Ihnen Unsere Vorfahren blutig erkämpften: Gewissensfreiheit, Ehre, Unabhängigkeit, Handel, Kunstfleiß und Wissenschaft. –
Gedenkt des großen Beispiels unserer mächtigen Verbündeten, der Russen; gedenkt der Spanier, der Portugiesen. Selbst kleinere Völker sind für gleiche Güter gegen mächtigere Feinde in den Kampf gezogen und haben den Sieg errungen. Erinnert Euch an die heldenmüthigen Schweizer und Niederländer. –
Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden; denn unser Beginnen ist groß, und nicht geringe die Zahl und die Mittel unserer Feinde. Ihr werdet jene lieber bringen für das Vaterland, für Euern angeborenen König, als für einen fremden Herrscher, der, wie so viele Beispiele lehren, Eure Söhne und Eure letzten Kräfte Zwecken widmen würde, die Euch ganz fremd sind. Vertrauen auf Gott, Ausdauer, Muth und der mächtige Beistand unserer Bundesgenossen werden unsern redlichen Anstrengungen siegreichen Lohn gewähren. –
Aber, welche Opfer auch von Einzelnen gefordert werden mögen, sie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir sie hingeben, für die wir streiten und siegen müssen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutsche zu seyn. Es ist der letzte, entscheidende Kampf, den wir bestehen, für unsere Existenz, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand. Keinen andern Ausweg gibt es, als einen ehrenvollen Frieden, oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet Ihr getrost entgegen gehen, um der Ehre willen; weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuversicht vertrauen: Gott und unser fester Wille werden unserer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen sichern, glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichen Zeit.

Breslau, den 17. März 1813.

Friedrich Wilhelm.


Diesen Aufruf liest der 21jährige Student Theodor Körner, aus dem bald der Sänger und Held im Lützowschen Freikorps und eine patriotische Identifikationsfigur werden soll.

Sein kurzes Leben gestaltet sich eher widersprüchlich als heroisch, und auch seine militärische "Laufbahn" beginnt eher zufällig.

Juristensohn, geboren 1791 in Dresden.

Er hat wilde Jahre hinter sich.
1808 beginnt er an der Bergakademie Freiberg zu studieren. Häufige Wanderungen führen ihn nach Gnandstein, ins Elbsandsteingebirge, Riesengebirge. Naturgedichte entstehen. 1810 erscheint sein erstes Buch.

Er geht nach Leipzig.

1811 steht er erst einmal vor dem Scherbenhaufen einer bürgerlichen Karriere:
Als Vorsitzender einer studentischen Landsmannschaft in Leipzig rebelliert er mit Waffengewalt und einem verbotenem Duell gegen eine adelige Studentenverbindung - die Universität verurteilt ihn zu einem halben Jahr Haft.
Er wechselt nach Berlin, wegen Krankheit hält er sich länger in Karlsbad auf, in dieser Zeit wird er relegiert. Ihm bleibt nur der Ausweg nach Wien.
Dort widmet er sich der Literatur und pflegt freundschaftliche Kontakte zu Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schlegel u. a. Seine Studien treten hinter seinem dramatischen Schaffen zurück. Binnen weniger Monate schreibt er mehrere Schauspiele fürs Burgtheater ( „Toni“,„Die Braut“, „Der grüne Domino“, „Der Nachtwächter“), verliebt sich leidenschaftlich in die Schauspielerin Antonie Adamberger, sie verloben sich 1812.

Fürst Lobkowitz und Graf Ferdinand Pálffy bieten ihm Anstellungsverträge als Theaterdichter an. Er geht ans Burgtheater, wird kaiserlich königlich Hoftheaterdichter, entwirft 1813 für Beethoven das Opernlibretto "Ulysses’ Wiederkehr", kündigt seine Stelle und schließt sich, von patriotischen Gefühlen und Abenteuerlust getrieben, den „Schwarzen Jägern“ an, später berühmt als "Lützowsches Freikorps".

Die in dieser Zeit entstehenden Freikorps kämpfen weniger zum Broterwerb als vielmehr aus patriotischen Motiven. Nachdem Napoleon die deutschen Staaten erobert oder zur Kollaboration gezwungen hat, setzen Reste der geschlagenen Truppen den Kampf fort. Zu den Freikorps gesellen sich national eingestellte Bürger und Studenten. Die Führer gehen auf eigene Faust gegen die napoleonischen Besatzungstruppen vor.
In der regulären Armee, von adeligen Offizieren beherrscht, gehört die Schinderei der einfachen Soldaten zum alltäglichen Drill. Die Lützower hingegen dürfen ihre Offiziere selber wählen und müssen keine entwürdigenden Strafen fürchten. Sie verstehen sich als Staatsbürger in Uniform, die nach dem Krieg wieder ins zivile Leben zurückkehren wollen.

Adolf Freiherr von Lützow (1782 bis 1834) aus einem mecklenburgischen Adelsgeschlecht dient in der Preußischen Armee, wird in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 verwundet, schlägt er sich nach Kolberg durch, schließt sich einem Freikorps an. Wegen seines Gesundheitszustand scheidet er aus, nach kurzer Forstlaufbahn kehrt er zurück.

Lützow gründet selbst ein Freikorps. Es wird der berühmteste deutsche Freiwilligenverband der Befreiungskriege, besteht aus über 3.000 vorwiegend nichtpreußischen Freiwilligen und operiert im Rücken des Feindes.
Es formiert sich Breslau, wo ihm Theodor Körner beitritt. An lange Fußmärsche gewöhnt, lässt er sich der Infantrie zuteilen. Die Kameraden singen seine Gedichte:





Noch bevor Körner überhaupt in den Kampf zieht, hat er die meisten Texte seines berühmtesten Werkes, des schmalen Lyrikbandes "Leyer und Schwert", bereits geschrieben. (Die Sammlung gibt der Vater 1814 posthum heraus.) Die halb martialischen, halb schwärmerischen Gedichte zeigen exemplarisch die Unreife und Zerrissenheit eines jungen Mannes.

In dem religiös inspirierten Sonett stehen die Worte "Freiheit" und "Liebe" im Mittelpunkt, zwei Lieblingsvokabeln der Spätaufklärung.

Besonders populär wird das


Wie tief diese Lyrik im Bildungsgut des deutschen Bürgertums verankert ist, zeigt der Grabstein der Offizierstochter Marlene Dietrich, die sich eine Zeile des Abschieds-Sonetts auf ihren wünschte.

Zu des Dichters Werk gehört jedoch auch noch ein ganz anderes Lied, das Lied von der Rache, eines der hasserfülltesten Gedichte der Freiheitskriege.

Und wenn sie winselnd auf den Knien liegen,
Und zitternd Gnade schrein,
Lasst nicht des Mitleids feige Stimme siegen,
Stoßt ohn’ Erbarmen drein!

Unverhohlen verachtet Körner das Mitleid als ein Gefühl der Schwäche, das es im Dienste nationaler Ziele zu suspendieren gelte, er predigt eine Moral der Erbarmungslosigkeit und erklärt den Kampf gegen die Franzosen zum Vernichtungskrieg.
Und hat damit die Völkerschlacht von Leipzig vorbereitet.
Fünf Millionen Menschen sterben in den Kriegen der Jahre 1792 bis 1815, vom ersten Feldzug des revolutionären Frankreichs bis zur Niederlage Napoleons bei Waterloo. Gemessen an der Bevölkerungsgröße Europas entspricht dies den Verlusten des Ersten Weltkriegs.

Erstmals in der Geschichte stürmen Massenheere aufeinander los: In die Leipziger Völkerschlacht ziehen rund eine halbe Million Soldaten, auf der einen Seite die Truppen Preußens, Österreichs, Russlands und Schwedens, auf der anderen die französischen Streitkräfte. Rund 100.000 fallen in den vier Tage währenden Kämpfen. Am 19. Oktober 1813 sind die deutschen Lande von der französischen "Fremdherrschaft" befreit, und Leipzig gleicht einem Leichenhaus.
Der Verwesungsgestank ist schnell verweht, man erzählt sich Heldengeschichten und feiert "Märtyrer" wie den nicht mal 22jährigen Theodor Körner, der 1813 im Kampf gegen die Franzosen umgekommen ist.
Wenige Stunden vor seinem Tod, heißt es, habe er sein berühmtes Schwertlied geschrieben.
Blutige Romantik in Reinform, während des Ersten Weltkriegs tausendfach auf deutschen Feldpostkarten nachgedruckt.

Der Sieg über Napoleon war nur möglich, weil man von ihm lernte: Massenmobilisierung, "Volkskrieg", nationale Identifikation, alles moderne, "französische" Ideen und Techniken. Am Ende – Ironie der Geschichte – triumphieren mit ihrer Hilfe die Monarchien, nicht die romantischen Nationalisten. Nach Napoleons Untergang, 1815, beginnt die Epoche der Restauration. Kein einig Vaterland. Doch die Idee lebt fort. Und so erhält auch die blutige Romantik ihre Bedeutung im Wesentlichen nach den Befreiungskriegen. Für diese selbst, für den Sieg in der Völkerschlacht, war sie kaum entscheidend. Freikorps wie die Lützower Jäger spielten militärisch keine Rolle. Eine Koalitionsarmee, kein Heer deutscher Freiwilliger, schlug "die Franzosen". Erst im Nachhinein wird die internationale Völkerschlacht zum nationalen Befreiungsschlag stilisiert.

Weiter auf Körners Marsch in den Tod:

Die Lützower ziehen über Leipzig nordwärts. Die Kampfhandlungen spielen sich weiter südlich ab.







Körner tritt zur Kavallerie über in der Hoffnung, seinem Tatendrang genügende Aufgaben zu finden, avanciert zu Lützows Adjutanten. Im Handstreich beraubt er das berühmte Gestüt in Wendelstein an der Unstrut seiner Pferde.

Während eines geplanten Angriffs auf Hof schlagen die Lützower Jäger am 8. und 9. Juni 1813 ihr Biwak in Eichigt im sächsischen Vogtland auf der Husarenwiese neben der Kirche auf. Lützow findet bei Pfarrer Johann Christian Wirth gastliche Aufnahme, Körner bleibt im Biwak. Die Linde heißt noch heute "Körnerlinde"

Als Napoleon mit den Alliierten einen Waffenstillstand schließt, hätte das Lützower Freikorps bereits zwei Tage zuvor auf preußischem Boden sein müssen. Statt ins neutrale nur wenige Stunden entfernte Böhmen zu ziehen, lässt Lützow die Freischar über Gera und Zeitz nach Norden marschieren.

Am 17. Juni beziehen die Lützower ihr Lager bei Kitzen; württembergische Truppen unter General Normann stellen sich ihnen entgegen. Der General versichert Lützow - er ist in Begleitung Körners vorangeritten -, keine feindlichen Absichten zu hegen, der kommandierende französischen General Fournier aber schleudert ihnen entgegen: «L’armistice pour tout le monde, excepté pour vous!» (Der Waffenstillstand gilt für alle, nur nicht für Sie!)
Der Angriff trifft die Lützower unvorbereitet, die Übermacht schlägt sie vernichtend.
Körner trifft ein Säbelhieb am Kopf, schwer verwundet schleppt er sich nach Großzschocher und versteckt sich in einem Gehölz. Dem Tode nahe schreibt er das Sonett „Abschied vom Leben“:

Bauern finden Körner, Kunze, ein Freund der Familie Körner, bringt ihn zu einem Arzt in Leipzig.

Er kehrt zu seinem Korps zurück, in einem unbedeutenden Gefecht am 26. August 1813, im Forst von Rosenow nahe des mecklenburgischen Ortes Gadebusch, ignoriert Leutnant Körner den Befehl zum Rückzug: er fällt bei einer sinnlosen Reiterattacke auf einen feindlichen Transport. Einen Tag später begräbt ihn seine Einheit unter einer Doppeleiche beim Dörfchen Wöbbelin, wo Körner wenige Tage vor seinem Tod nach einem weiten und ermüdenden Ritt mit mehreren Kameraden im Schatten der gewaltigen Eiche gerastet hat. Beim Aufbruch wendet er sich zu der Eiche um: „Wenn ich falle und ihrs möglich machen könnt, so begrabt mich dort, wo wir eben so schön ruhten.“ Der Sarg wird mit Eichenzweigen geschmückt, aber wegen der Nähe größerer feindlicher Truppenansammlungen unter gedämpftem Trommelschlag und ohne Ehrensalven von seinen Kampfgefährten in die Erde gelassen. Als Abschiedsgruß stimmen die Kameraden Körners Lied „Das war Lützows wilde, verwegene Jagd“ an.
Viele Soldaten können das Weinen nicht unterdrücken. Seine trauernden Kameraden schneiden ein längliches Stück Rinde aus der Eiche. Feldwebel Markwordt brennt mit einem glühenden Eisen Namen und Todestag des gefallenen Dichters und Freiheitskämpfers ins Holz. Etwas später reitet ein Kosak zurück und feuert seine Pistole als Ehrensalut ab.

Die Farben der lützowschen Uniform – schwarzer Stoff, roter Kragen und goldene Knöpfe – fließen in die Farbgebung der Nationalflagge Deutschlands ein.

Der frühe Tod Körners bewahrt die Nachwelt vor weiteren lyrischen Ergüssen.

Schon bald danach setzt die Verklärung ein.
Körners Leben wird für politische Zwecke immer wieder instrumentalisiert. Die Nazis etwa missbrauchen ihn öffentlichkeitswirksam für ihre eigene Propaganda: 1938 errichteten sie ihm in Wöbbelin ein Museum und einen „Heldenhain“. (heute Mahn- und Gedenkstätte in Doppelfunktion für Körner und KZ).

Vater Körner verfasst eine Biografie über den Sohn, wegweisend für die bürgerliche, auf Ausgleich mit Adel und Staatsmacht bedachte Fraktion. Der in preußischen Diensten stehende Beamte beschreibt Geist und Wirken des Sohnes als das Ergebnis einer freiheitlich-bürgerlichen Erziehung:
"Nicht die Vorbereitung zu einem besonderen Geschäft, sondern die vollständige Ausbildung eines veredelten Menschen" sei das Ziel gewesen.
Er will die Bildungsidee seiner Freunde Schiller und Wilhelm von Humboldt in der Person seines Sohnes verwirklicht sehen. Dem widerspricht natürlich das Lied von der Rache. Kurzerhand unterschlägt es der Vater in der Gesamtausgabe.

Für die radikalere, auch demokratischen Gedanken anhängende Gruppe der Körner-Verehrer aus den Reihen der studentischen Burschenschaften ist das Charaktergemälde aus der Feder des Vaters allerdings zu unpolitisch. Ein ehemalige Lützower erklärt 1815, dass sich Körner "ein deutsches Oberhaupt und eine deutsche Grundverfassung" gewünscht habe. Noch weiter gehen zwei Studenten, die sich 1829 in das Besucherbuch des Körner-Grabes in Wöbbelin einschreiben. Sie geben sich als "Jakobiner" zu erkennen und fordern den Sturz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III.

Für die konservativen Staatsführungen, allen voran Preußen, ist die Körner-Verehrung und die Glorifizierung des Lützowschen Freikorps eine Provokation. Da man die Heroisierung in den Kreisen der Gebildeten nicht verbieten kann, versuchen die Militärs in den eigenen Reihen alle Spuren der Lützower zu beseitigen.
Bereits 1815 ist das Korps aufgelöst und der regulären Armee einverleibt.
Doch so leicht lässt sich das neue Idol, der Superstar der deutschen Jugend, nicht demontieren. Die Feiern zu Körners 50. Todestag 1863 zeigen das ganze Ausmaß des Kultes. Angeführt von der bürgerlichen Elite, huldigen Turner, Sänger und Schützen dem "Helden" der Freiheitskriege vom Bodensee bis zur Nordsee mit Umzügen und Gedenkstunden. Die zentralen Festakte, über die alle großen Tageszeitungen des Deutschen Bundes ausführlich berichten, finden in Körners Geburtsstadt Dresden und in Wöbbelin statt.

Vor 9.000 Zuhörern preist Schriftsteller Friedrich Förster im mecklenburgischen Dorf seinen Waffengefährten Körner als Vorkämpfer für die nationale Einheit und eine liberale Reichsverfassung. Mecklenburgs Großherzog Friedrich Franz II., seine Behörden und das Militär distanzieren sich mit aller Macht. Den Schülern des Schweriner Gymnasiums wird der Besuch der Wöbbeliner Feier verboten, denn die Jugend sollte nicht "durch demokratische Reden verführt" werden. Kurzum: Bis zur Reichsgründung ist die öffentliche Erinnerung an Körner ein oppositioneller Akt, getragen vom liberalen Bürgertum.

Mit dem Krieg von 1870/71 und der Errichtung des Kaiserreichs wendet sich das Blatt. Ausgerechnet das Sprachrohr der Konservativen in Preußen-Deutschland, die Kreuz-Zeitung, signalisiert die Verwandlung Körners vom patriotischen Bürgerhelden zum reichsnationalen Kriegsheros. Anlass ist der 100. Geburtstag des Dichters im Jahr 1891 (seine Werke stehen schon in der 43. Auflage). "In allen deutschen Landen", so verlangt das Blatt, dürfe es "keine Dorfschule geben, in der nicht an diesem Tage die Heldengestalt den Kindern vor die Seele geführt würde!"
Die Initiative der Kreuz-Zeitung ist erfolgreich. 1913 beklagt der sozialdemokratische

den "bis zur Widrigkeit" vorangetriebenen militärischen "Götzenkultus" um Körner, für den "vornehmlich die männliche Jugend aller gehobenen Unterrichtsanstalten" schwärme.

Die Feiern zum 100. Todestag im selben Jahr illustrieren das neue Körner-Bild aufs schönste. Die Redner ächten den inneren Reichsfeind, die Sozialdemokratie: "Bohrt nicht schon der giftige Wurm der Unzufriedenheit, des Hasses, der Auflehnung, der Verweichlichung und Versumpfung in den Planken unseres stolzen Reichsschiffes?" fragt etwa ein Major Döring in Wöbbelin. Zugleich warnt er - in einer Mischung aus Furcht und aggressiver Lust - vor einem kommenden Krieg gegen Frankreich. Doch "wenn ein Feind an unseres Reiches Tore pocht, wenn unser Kaiser uns ruft, dann wollen wir, wie Held Körner, freudig Blut und Leben dahingeben für Deutschlands Freiheit und Ehre"!
Am großen Festakt in Wöbbelin nehmen nun wie selbstverständlich der mecklenburgische Großherzog und hochrangige Militärs teil. Die Lützower und ihr prominentestes Mitglied sind gleichsam kasernenhoffähig geworden, nachdem Kaiser Wilhelm II. 1889 ein Aachener Regiment nach ihnen benannt hat. "Deutschlands Untergang" sei "hereingebrochen", erklärt zwei Jahre später die Militär-Zeitung, "wenn Körners Leyer und Schwert einmal nicht mehr das Lieblingsbuch deutscher Jugend sein sollte, wenn es bei den Klängen des Heldenjünglings einmal nicht mehr jedes deutschen Mannes Herz mit heiligen Schauern durchrieseln sollte." Die Integration Körners und der Lützower in den militärischen Traditionsbestand erleichtert dem liberalen Bürgertum die Zustimmung zum soldatischen Geist des Kaiserreichs.

Die militarisierte Atmosphäre von 1913 veranschaulicht allein schon die Zusammensetzung der Wöbbeliner Festgemeinde: Mit 1.400 Teilnehmern stellen die Kriegervereine das Gros, während zivile Vereine wie die Turner, Sänger und Radfahrer nur noch 700 Gäste aufbieten.

Auch in den Büchern und Schriften über Körner herrscht längst ein neuer Ton: Die Bildung und Erziehung des Dichters im kosmopolitischen Geist der deutschen Klassik unterschlagen seine neuen Biografen zwar nicht, doch sie suchen und finden nun vor allem soldatische Elemente in dessen Vita. Körners kurzer Schulbesuch gerät zu einer paramilitärischen Ausbildung. Hier habe, so erklärt 1898 der Verfasser der umfangreichsten Biografie, Emil Peschel, "beinahe soldatische Zucht" geherrscht.

Doch schon im letzten Jahrzehnt des Kaiserreichs kündigt sich eine abermalige, bezeichnende Mutation des Körner-Bildes an, die dann bei den Nazis dominieren sollte. Der "Held" verwandelt sich in einen rassereinen "Arier". Das belegten zum Beispiel seine blauen Augen - die zuvor allerdings nie Erwähnung gefunden hatten. Mitglieder des deutschvölkischen Turnvereins Hamburg tragen 1910 in das Besucherbuch des Körner-Grabes den Satz "Arierblut - höchstes Gut" ein und ergänzen: "Der Jude ist kein Deutscher."

Schon gleich in seiner ersten Ausgabe nach dem Tag der "Machtergreifung" erklärt das Hetzblatt den Dichter zu einer Leitfigur des neuen Staates. Der Kulturteil macht mit einem biografischen Artikel auf, der besonders den (in der einschlägigen Literatur ergreifend beschworenen) Moment hervorhebt, als "Theodor Körner sich zur Stellung als Kriegsfreiwilliger entschloss". Die erneute mentale Mobilmachung wird so eingeläutet.

Von der im Vormärz noch hoch gelobten Intellektualität und Humanität des Dichters ist nichts mehr übrig geblieben. Als allein beispielgebend gilt Körners vorbehaltlose Opferbereitschaft und seine kämpferische Entschlossenheit. Nach Stalingrad sollen der "stählerne" Leutnant und seine ihm treu ergebenen Kameraden den Glauben an den Endsieg stärken. "Rache, furchtbare Rache, Rettung, herrlicher Endsieg", so schwärmt die

seien das Credo des "Helden" gewesen.
Nach 1945 gerät Körner in der Bundesrepublik in Vergessenheit, wenn ihn auch rechte Corps-Studenten als Vorfahren vereinnahmen:

Zwar gibt es auch in der BRD bald wieder Körner-Kasernen, doch neuen Heldenstatus erlangt Körner erst in der DDR mit dem Aufbau der Nationalen Volksarmee. In Wöbbelin feiert man den Dichter zu seinem 140. Todestag 1953 gar mit einem Fackelzug! Den jährlichen Reden am Grab mangelt es nicht an entschiedener sozialistischer Parteilichkeit. Da die Lützower 1813 kurzzeitig gemeinsam mit einer Kosakeneinheit kämpften, steht Körner, wie der zweite Sekretär der SED-Kreisleitung Gerhard Böker es 1967 formuliert, Pate für die "historischen Wurzeln" der deutsch-russischen "Waffenbrüderschaft". Der klaren Freundbestimmung korrespondiert ein klares Feindbild: Die NVA kämpfe im Sinne Körners gegen die "Aggression westdeutscher imperialistischer Truppen". Noch pathetischer schwadroniert nur sieben Jahre nach Kriegsende der SED-Funktionär Bernhard Quandt: Es könne "kein Zweifel darüber bestehen, dass die werktätigen Massen des deutschen Volkes genau so wie 1812/13 gemeinsam mit der Sowjetunion um die Befreiung ganz Europas kämpfen und siegen würden".
Schließlich kann der "Held" auch für den Klassenkampf reklamiert werden, hat er doch, wie der NVA-Hauptmann Hans-Ulrich Seel 1989 befindet, als "Revolutionär seiner Zeit" für die "progressiven Kräfte unseres Volkes" gefochten. Bei so viel Vorbildlichkeit wundert es nicht, dass die NVA 1970 einen jährlich an Künstler und Organisationen zu vergebenden Theodor-Körner-Preis auslobt.

Das Körner-Gedenken in Wöbbelin birgt seit 1945 jedoch auch Probleme. In den letzten Kriegstagen ist hier eine Außenstelle des Hamburger KZs Neuengamme eingerichtet. Die ermordeten Häftlinge des Lagers werden in Sichtweite des Dichtergrabes bestattet. Anfangs erwähnen die Redner die Ermordeten noch in ihren Ansprachen auf Körner. Doch in den sechziger Jahren will man das Bild des "Helden" offensichtlich nicht mehr "belasten". Der toten Häftlinge gedenken die SED-Funktionäre allein am 2. Mai, dem alljährlich gefeierten Befreiungstag des Lagers.

Seit der Wiedervereinigung bestehen die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin darauf, dass bei der traditionell von der Gemeinde veranstalteten Körner-Ehrung aller Toten gedacht wird. Dem Bürgermeister, ehemals Mitglied der SED, ist es jedoch unangenehm, wenn vor dem Gang zum Körner-Grab auf den Grabplatten der ermordeten Häftlinge Blumen niedergelegt werden. "Dann", so erklärte er gegenüber der Leiterin der Wöbbeliner Mahn- und Gedenkstätten, "muss ich mich ja schämen. Das brauch ich aber nicht, wenn ich vor dem Grab Körners stehe." Für ihn ist ohnehin klar, dass "das mit den Juden ja gar nicht so schlimm war". Und so bleibt es für ihn natürlich unerklärlich, warum in den letzten Monaten in Wöbbelin und Umgebung die KZ-Massengräber geschändet und auch das Körner-Grabmal beschmiert wurden ...

2001 gründen Schüler des Chemnitzer Humboldt-Gymnasiums die "Pennale Burschenschaft Theodor Körner zu Chemnitz". Zu den Gründern gehören Benjamin Jahn Zschocke, von 2009 bis 2014 als Abgeordneter für PRO CHEMNITZ im Chemnitzer Stadtrat. Weitere Mitbegründer der Burschenschaft sind Martin Kohlmann, PRO CHEMNITZ-Stadtrat und Organisator der braunen Freitagsdemonstrationen 2018 in Chemnitz, und Felix Menzel, Herausgeber der Jugendzeitschrift "Blaue Narzisse" (BILD: "Brauner Sumpf"). Er gilt als Vertreter der Neuen Rechten und als einer der Schlüsselfiguren der rechtsextremen Identitären Bewegung in Deutschland.

Quellen: ZEIT online 2000, 2013 u.a.





*) Flamberg oder Flammenschwert: beidhändig geführtes Schwert



Bundeslied


Das Lied von der Rache

Heran, heran! – Die Kriegstrompeten schmettern.
Heran! Der Donner braust! –
Die Rache ruft in zack'gen Flammenwettern
Der deutschen Rächerfaust!

Heran, heran zum wilden Furientanze,
Noch lebt und glüht der Molch!
Drauf, Brüder, drauf mit Büchse, Schwert und Lanze,
Drauf, drauf mit Gift und Dolch!

Was Völkerrecht? – Was sich der Nacht verpfändet,
Ist reife Höllensaat.
Wo ist das Recht, das nicht der Hund geschändet
Mit Mord und mit Verrat?

Sühnt Blut mit Blut! – Was Waffen trägt, schlagt nieder!
's ist alles Schurkenbrut!
Denkt unsres Schwurs, denkt der verrat'nen Brüder
Und sauft euch satt in Blut!

Und wenn sie winselnd auf den Knien liegen
Und zitternd Gnade schrei'n –
Laßt nicht des Mitleids feige Stimme siegen,
Stoßt ohn' Erbarmen drein!

Und rühmten sie, daß Blut von deutschen Helden
In ihren Adern rinnt –
Die können nicht des Landes Söhne gelten,
Die seine Teufel sind.

Ha, welche Lust, wenn an dem Lanzenknopfe
Ein Schurkenherz zerbebt
Und das Gehirn aus dem gespalt'nen Kopfe
Am blut'gen Schwerte klebt!

Welch Ohrenschmaus, wenn wir bei Siegesrufen,
Vom Pulverdampf umqualmt,
Sie winseln hören, von der Rosse Hufen
Auf deutschem Grund zermalmt!

Gott ist mit uns! – Der Hölle Nebel weichen,
Hinauf, du Stern, hinauf!
Wir türmen dir die Hügel ihrer Leichen
Zur Pyramide auf!

Dann brennt sie an, – und streut es in die Lüfte,
Was nicht die Flamme fraß,
Damit kein Grab das deutsche Land vergifte
Mit überrhein'schem Aas!




Körners Gedicht "Abschied vom Leben" passt gut in den militaristischen Diskurs, der um 1912 ganz Europa beherrscht: Der Held ist bereit, für die Werte seiner Nation und dabei gleichzeitig gegen das alte Korrumpierte zu kämpfen, zu dieser Zeit ein Idealbild. Auch Körners "Lützows wilde Jagd" passt gut zu der Gewalt glorifizierenden Vorkriegsstimmung. Kafka assimiliert in "Die Verwandlung" mit einer direkten Linie von Körner zu Karl Rossmann (Mann auf Pferd), der sich eifrig in Amerika assimilierende und gleizeitig um Freiheit ringende Protagonist des Romas "Der Verschollene", die Stimmung des Gedichts:
Wie in der "Verwandlung" kippen "die gold'nen Bilder" und das "schöne Traumbild" und werden zur "Totenklage". Die Illusionen sind tot; die Ideale Freiheit und Liebe, wie sie sich in Kultur, Kunst und Musik ausdrücken, leben aber noch. Das könnte eine Botschaft der "Verwandlung" sein.
Die erhabenen Gefühlen Körners in ein dahinsiechendes Ungeziefer zu verlegen, ist Verfremdungseffekt der hohen Schule. Ob es bei der Komik der Situation und bei dem Mitleid mit dem pathetische Tierchen, das beim Leser geweckt wird, noch möglich ist, den Glauben des Ungeziefers an die Ideale - Liebe, Hilfsbereitschaft, Mitleid, Familienzusammenhalt, Pflichtbewusstsein - hochzuhalten bleibt fraglich.