Mit Vollbild (F11) noch schöner!



1.Mai

Siegfried Kuhlbrodt Tagwerk Kritzelei 007 Nach Claude Lorrain FRIEDRICH VON SCHLEGEL

Lied

Schaff das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, dass ich's vollende.

Will der rote Morgen tagen,
Hoffnung hohe Freude geben,
Rosenlicht am Himmel schweben,
Kühner Mut die Kräfte wagen,
Muss ich sagen:

Schaff das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, dass ich's vollende.

Senkt sich milde Röte nieder,
Wenn die Ruh' am Bache lauschet,
Abend kühl im Walde rauschet,
Dunkel schlagen ferne Lieder,
Seufz' ich wieder:

Schaff das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, dass ich's vollende.




2.Mai

HERMANN HESSE

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.




Paul Cézanne Kahler Baum und Haus



3.Mai

HEINRICH LERSCH

Ich glaub an Deutschland!

Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!
Wie Gott, so lieb ich dich!
Mein großes Volk, wie bitterlich
Trugst du des Schicksals Spott!
Du trotzest, ob das Herz dir springt,
Du fühlst, dass dir dein Kampf gelingt.
Denn, Deutscher, horch! Dein Herz, das singt:
"Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!"
Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!
Von Deutschland lass ich nicht!
Und naht für uns das Weltgericht:
Gott ist in uns, in uns ist Gott!
Kämpfend erfüll' ich sein Gebot;
Trug Deutschlands Glück, trag Deutschlands Not!
Und dafür geh' ich in den Tod:
"Ich glaub' an Deutschland wie an Gott!"




4.Mai

SLIME

Deutschland verrecke



Wo Faschisten und Multis das Land regieren,
wo Leben und Umwelt keinen interessieren,
wo alle Menschen ihr Ich verlieren,
da kann eigentlich nur noch eins passieren:

Deutschland muß sterben, damit wir leben können!
...

Schwarz ist der Himmel, Rot ist die Erde,
Gold sind die Hände der Bonzenschweine,
doch der Bundesadler stürzt bald ab,
denn, Deutschland: Wir tragen dich zu Grab

Wo Faschisten und Multis das Land regieren,
wo Leben und Umwelt keinen interessieren,
wo alle Menschen ihr Ich verlieren,
da kann eigentlich nur noch eins passieren

Wo Panzer und Raketen den Frieden "sichern",
AKWs und Computer das Leben "verbessern"
Bewaffnete Roboter überall
Doch Deutschland, wir bringen dich zu Fall

Deutschland verrecke, damit wir leben können!
...

Deutschland?!



5.Mai

EDUARD MÖRIKE

An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir.
Was ists, da ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen.
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel klarer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,
Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht.
Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?

Ists ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein Werdendes, was ich im Herzen trage?
Hinweg, mein Geist! Hier gilt kein Stillestehen:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!






6.Mai

JAKOB VAN HODDIS

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.



Geschrieben 1909 (nicht 2020
zur Zeit der Corona-Krise!)



7. Mai

LOUISE OTTO

Klöpplerinnen





Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen
Die Wangen bleich und die Augen rot?
Sie mühen sich ab für einen Bissen,
Für einen Bissen schwarzes Brot!

Großmutter hat sich die Augen erblindet,
Sie wartet, bis sie der Tod befreit –
Im stillen Gebet sie die Hände windet:
Gott schütze uns in der schweren Zeit.

Die Kinder regen die kleinen Hände.
Die Klöppel fliegen hinab, hinauf.
Der Müh und Sorge kein Ende, kein Ende!
Das ist ihr künftiger Lebenslauf.

Die jungen Frauen, dass Gott sich erbarme,
Sie ahnen nimmer der Jugend Lust –
Das Elend schließt sie in seine Arme,
Der Mangel schmiegt sich an ihre Brust.

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen,
Seht Ihr die Spitzen, die sie gewebt:
Ihr Reichen, Großen – hat das Gewissen
Euch nie in der innersten Seele gebebt?

Ihr schwelgt und prasset, wo sie verderben,
Genießt das Leben in Saus und Braus,
Indessen sie vor Hunger sterben,
Gott dankend, dass die Qual nun aus!

Seht Ihr sie sitzen am Klöppelkissen?
Und fühlt kein Erbarmen in solcher Zeit?
Dann werde Euer Sterbekissen
Der Armut Fluch und all ihr Leid!




8. Mai

JOHANNES BOBROWSKI

Pruzzische Elegie

Dir
Ein Lied zu singen,
Hell von zorniger Liebe -
Dunkel aber, von Klage
Bitter, wie Wiesenkräuter
Nass, wie am Küstenhang die
Kahlen Kiefern, ächzend
Unter dem falben Frühwind,
Brennend vor Abend -

Deinen nie besungnen
Untergang, der uns ins Blut schlug
Einst, als die Tage alle
Vollhingen noch von erhellten
Kinderspielen, traumweiten -

Volk
Der schwarzen Wälder,
Schwer andringender Flüsse,
Kahler Haffe, des Meers!
Volk
Der nächtigen Jagd,
Der Herden und Sommergefilde!
Volk
Perkuns und Pikolls,
Des ährenumkränzten Patrimpe!

All deiner Götter!
Volk,
Wie keines, der Freude!
Wie keines, keines! Des Todes -
Volk,
Vor des fremden Gottes
Mutter im röchelnden Springtanz
Stürzend -
Wie vor ihrer erzenen
Heermacht sie schreitet, aufsteigend
Über dem Wald! wie des Sohnes
Galgen ihr nachfolgt! --

Namen reden von dir,
Zertretenes Volk, Berghänge,
Flüsse, glanzlos, doch oft,
Steine und Wege -
Lieder abends und Sagen,
Das Rascheln der Eidechsen nennt dich
Und, wie Wasser im Moor,
Heut mein Gesang, -


Der böhmische Bischof Adalbert von Prag will die Pruzzen missionieren und findet den Tod.
Die Pruzzen sind ein baltischer Volksstamm, auf den der geografische Name Preußen zurückgeht. Ihr Siedlungsgebiet lag an der Ostsee, etwa zwischen der Weichsel und der Memel, sprachlich und ethnisch bestand zwischen den späteren, überwiegend deutschsprachigen Bewohnern Preußens und den ursprünglichen, rein baltischen Prußen nur teilweise eine Verbindung. Nach Unterwerfung durch den Deutschen Orden im 13. Jahrhundert werden die Pruzzen von den deutschen Zuwanderern assimiliert. Christliche Masowier wandern in die Landesteile ein, die an das Herzogtum Masowien grenzten.
Die Sprache der Pruzzen, das mit dem Litauischen und Lettischen verwandte Altpreußische, stirbt im 17. Jahrhundert aus.




9. Mai

WILHELM KLEMM

An der Front



Das Land ist öde. Die Felder sind wie verweint.
Auf böser Straße fährt ein grauer Wagen.
Von einem Haus ist das Dach herabgerutscht.
Tote Pferde verfaulen in Lachen.

Die braunen Striche dahinten sind Schützengräben.
Am Horizont gemächlich brennt ein Hof.
Schüsse platzen, verhallen – pop, pop, pauuu.
Reiter verschwinden langsam in kahlem Gehölz.

Schrapnellwolken blühen auf und vergehen. Ein Hohlweg
Nimmt uns auf. Dort hält Infanterie, nass und lehmig.
Der Tod ist so gleichgültig wie der Regen, der anhebt.
Wen kümmert das Gestern, das Heute oder das Morgen?

Und durch ganz Europa ziehen die Drahtverhaue,
Die Bunker schlafen leise.
Dörfer und Städte stinken aus schwarzen Ruinen,
Wie Puppen liegen die Toten zwischen den Fronten.





10. Mai

FERDINAND RAIMUND

Das Hobellied



Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glücks.
Der eine heißt den andern dumm.
Am End weiß keiner nix.
Da ist der allerärmste Mann,
Der andre viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt sie beide gleich.

Die Jugend will halt stets mit G’walt
In allem glücklich sein.
Doch wird man nur ein bisschen alt,
Da find’t man sich schon drein.

Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut,
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brüderl, kumm,
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.

Doch sagt er: Lieber Valentin,
Mach keine Umständ, geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Ade.



11. Mai

BERNICE EHRLICH

Corona-Lied



Hört kurz zu, es ist nun Zeit,
dass jeder von uns zuhause bleibt,
auch wenn wir uns so sehr nach Nähe sehnen
Coronavirus ist kein Fake,
der uns zum Spaß zuhause hält
es ist ernst es geht um uns und unser Leben

HALLELUJAH

Wenn jeder von uns zuhause bleibt
sich ganz allein die Zeit vertreibt
dann können wir die Krankheit auch besiegen
Es geht um dich um mich um uns
um jeden den man schützen muss
Auch wenn die Zeiten schwer sind bleib zuhause

HALLELUJAH

Egal wie gut es dir auch geht
du weißt nicht ob du’s in dir trägst
drum sei nicht dumm wir dürfen nichts riskieren
Sei ein Held und gib nicht auf
sonst hört die Krankheit nie mehr auf
das darf nicht sein, das darf niemals passieren

HALLELUJAH

Eines Tages wird’s vorüber gehen
und uns wird’s wieder besser gehen
Bis dahin müssen wir zusammen halten
Und wenn wir uns dann wieder
Wird alles gleich nochmal so schön
Einer für alle und alle für einen





12. Mai

FERDINAND HARDEKOPF

Melancholie

Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht
Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
Und mahnte[3 Uhr 2]: »Ein Spuk-Gedicht,
Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!«

Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
Da stieg die Dame Angst reell
Auf ihr imaginäres Karusell.

Ein Schneiderkleid umpresste mit Radau
Die Dame Angst: Die Gift- und Gnadenfrau.
Doch das Zitronen-Ei [um 3 Uhr 5 genau]
Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. –

Nachhüstelnd, matt-dosiert: »Macabre-Bar!
Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
Ein Gruss: du noctamubules Seminar!«

Sonntag 3 Uhr 10. Wie süß verwirrt ich war!








13. Mai

KAI-UWE HAIN

Osterspaziergang 2020

Wolfgang Mattheuer: Osterspaziergang 1970

Von Plastik und Unrat befreit sind Ströme und Bäche
durch des Frühlings ehrenamtliche Hand.
Der Winter, soweit noch vorhanden,
zieht sich auf die letzten Gletscher ans Land.
Von dort sendet er Bilder vom
schwimmenden Eisbär und des schmelzendes Eises
in Farben auf unseren Monitor,
doch die Sonne weiß nicht, was los ist und wärmt
im Winter den Planeten schon vor.

Aus den Towern das Business bringt
in Schlips und Krawatte die frohe Botschaft
des Kapitales uns dar,
selbst in der letzten Scheiß-Talkshow
wird es den Leuten nicht klar.
Wir sind der Kreislauf!!! Aus den Regalen des Baumarkts,
der Shopping-Tage selbst in finsterster Nacht,
hat uns die Werbung zu miesen Vasallen gemacht.
Sieh nur sieh, wie mit unnützem Unrat
die Menge vom Parkplatz verschwindet,
der Umweltminister mit Audi A8
und Tempo 200 sich bei der nächsten Talkshow hinwendet,
ans Fußvolk!!! Du brauchst dringend
ein Windrad und 'ne Platte aufs Dach,
Klopapier und Nudeln ins bereits volle Ikeafach.
Noch paar Plakate mit Kopf und Parolen
in den nächtlichen Laternenschein.
ICH BIN DER MENSCH, DER ANDRE DAS SCHWEIN!!!





14. Mai

KATHINKA ZITZ

Farbenwechsel

»Warum nur gehst du immer grau gekleidet?«
So sprach der Freund zu einer ernsten Frau.
»Mein Aug sich gern an bunten Farben weidet,
Du aber gehst so lange schon in Grau.«

»Mein treuer Freund, dir will ich wohl es sagen.
Die graue Stimmung herrscht mir im Gemüt,
Und keine bunten Farben kann ich tragen,
Seit mir des Lebens Baum hat abgeblüht.

Das Kind trug Weiß – Der Unschuld Engelfarbe
Umhüllte es so duftig, hell und klar.
Und aus der Ähren aufgehäufter Garbe
Zog es sich Blumen für sein Lockenhaar.

Dann kam die Zeit der aufgewachten Triebe,
Die in dem Lenz des Lebens feurig glühn.
Ich ging im Kleid der rosenroten Liebe
Und in der Hoffnung heilig-schönem Grün.

Dann kam ein Tag, der brachte die Gewänder
Der wilden feuerfarbnen Leidenschaft,
Die mich umschloss mit ihren Glutenbändern,
Mir aufgezehrt des Geistes rege Kraft.

Die Gattin ging einher im blauen Kleide
Der ewig duldenden Ergebenheit.
Und später trug ich violette Seide.
Die Farbe, die dem edlen Zorn geweiht.

Dann sah ich Jahre auf mich niederschweben
Wie Rabenzüge mit dem Unglücks-Flug,
In welchen ich um ein verfehltes Leben.
Das dunkle Schwarz der tiefen Trauer trug.

Allmählich trug ich Braun – Denn die Bestrebung
Des Selbstbewusstseins lichtete den Sinn.
Die braune Farbe deutet auf Ergebung
In ein Geschick, an dem ich schuldlos bin.

Jetzt ist das Grau die Farbe meiner Tage.
Das Sinnbild einer blassen Dämmerzeit,
In der gestorben ist die Freude wie die Klage.
Die graue Farbe zeigt Gleichgültigkeit.«
Édouard Manet: Frauen beim Rennen



15. Mai

MARIE LUISE KASCHNITZ

Hiroshima

Karel Appel: Hiroshima Child



Der den Tod auf Hiroshima warf,
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf,
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf,
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab.
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich.
Auferstandene aus Staub, für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau,
Die neben ihm stand im Blumenkleid,
Das kleine Mädchen an ihrer Hand.
Der Knabe, der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst.
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.




16. Mai

RAPHAEL MÜLLER

Realität

Realität ist etwas sehr Seltsames,
wenn Albert Einstein Recht hat,
dann ist sie gar nicht das,
was sie zu sein scheint.
Wenn Materie nur Materie wäre,
und Energie nur Energie,
dann wäre Realität auch real.
So aber ist Realität fiktiv,
für jeden anders,
entsprechend den Bildern in unseren Köpfen.
So mancher behauptet,
er könne nur Tatsachen glauben,
wissenschaftlich fundiert und bewiesen,
sicht- und greifbar für unsere fünf Sinne.
Doch manche Realität entzieht sich unseren Blicken
sehr real und doch nicht bewiesen,
Wartet sie darauf geglaubt zu werden.
Unglaublich!
Max Liebermann: Albert Einstein 1922


17. Mai

RIA ÜBÜ

Du bist doch zu etwas nutze

Ria Übü








O la la

Caffè corretto*

Über

Makulatur

Macedoine**

Und Leipziger Allerlei

*   Espresso mit Likör
** Leipziger Allerlei, abgeleitet von Makdonien



18. Mai

KURT SCHWITTERS

An Anna Blume

Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du , ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,
auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägst,
Rot liebe ich, Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - - wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
      Preisfrage:
      1.) Anna Blume hat ein Vogel,
      2.) Anna Blume ist rot.
      3.) Welche Farbe hat der Vogel.
Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir!
Das gehört beiläufig in die - - - Glutenkiste.
Anna Blume, Anna, A - - - - N - - - -N- - - - -A!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
Du bist von hinten und von vorne:
A - - - - - - N - - - - - N - - - - - -A.
Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
Anna Blume,
Du tropfes Tier,
Ich - - - - - - - liebe - - - - - - - Dir!
Kurt Schwitters: Merz Konstruktion 1921

An Anna Blume



19. Mai

EPHRAIM ROSENSTEIN

Für Victor Jara








Agnus Dei

Sahst
genagelte Stiefel,
deine Gitarre brechen.
Strichst
liebevoll über
ihres Leibes Splitter

Sahst,
dein Auge treffend,
den Dolch
...

Als der Schmerz
denken ließ,
tröstend
die Genossen:
Auch Homer sah
blind...

Man schlug
Dir
die Hände
ab.

Langsam, langsam
verrann
Dein Blut. Deine Stimme
dringt seither
aus allen Quellen.
Bäche, Flüsse
tragen es durchs Land
wie du
deine Lieder.

Hannes Wader erfüllt sein Versprechen: